Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Kategorie: Wollverarbeitung

In dieser Kategorie findest Du Wissenswertes von der Rohwolle zum fertigen Garn.

Topfkratzer oder Schmusewolle? Experimente zur Verarbeitung von Skuddenwolle

Skuddenwolle hat nicht den Ruf, besonders weich zu sein. Sie wird auch nicht besonders oft zu Garn verarbeitet. Das liegt vor allem an ihrer Beschaffenheit und den nötigen Verarbeitungschritten, die sich daraus ergeben. Bis vor etwa zwei Jahren hatte ich von Skudde-Wolle gelesen und gehört, aber „in echt“ hatte ich sie noch nie bearbeitet. Dann besuchte ich Sigi und ihre Bunten Skudden in Stahnsdorf. Sie schenkte mir ein Stück Vlies, und damit begann ich eine Reihe sehr interessanter Experimente zu unterschiedlichen Verarbeitungsweisen und war erstaunt über die Ergebnisse.

Vliesstück hellgrau Bunte Skudde
Ein Stück Vlies einer Bunten Skudde in herrlichem silbergrau.

Wie ist ein Skuddenvlies beschaffen?

Skudden gehören zu den Nordischen Kurzschwanzschafen (wie z. B. auch Shetland-Schafe) und sind mischwollig. Ihr Vlies wiegt meist nicht viel mehr als 1 kg und besteht im Grunde aus drei verschiedenen Faserarten:

  • Lange Deckhaare (Grannenhaare)
  • Feine Unterwolle
  • Stichel- bzw. Borstenhaare

Mit diesen drei Fasertypen sind die Schafe perfekt an die Witterungsbedingungen angepasst, unter denen sie leben. Die langen Deckhaare leiten Regenwasser ab und sorgen dafür, dass das Tier nicht bis auf die Haut durchnässt. Die feine Unterwolle ist gekräuselt und wärmt, und die Stichel- bzw. Borstenhaare sorgen wie ein Gerüst dafür, dass die Stapel aufrecht bleiben und die wärmenden Lufteinschlüsse in der Wolle gehalten werden.

Diese drei Faserarten sind sowohl hinsichtlich der Faserlänge als auch ihrer Beschaffenheit sehr unterschiedlich. Die langen Deckhaare können gut und gerne 30 cm lang sein, und sie sind in der Regel auch sehr glatt. Die Unterwolle hingegen ist deutlich kürzer und auch gekräuselt. Diese Kräuselung sorgt für das Einschließen von Luftpolstern und Wärme. In den Vliesen, die ich bearbeitet habe, hatte die Unterwolle eine Länge von ca. 5-7 cm.

Ein Stapel eines weißen Skudde-Vlieses
Ein Stapel aus einem weißen Skudde-Vlies. Dieser war nur knapp 20 cm lang, manche können bis zu 30 cm lang sein.
Skudde Stapel aufgetrennt
Ein Stapel Skudde-Wolle, aufgetrennt in Deckhaare (ganz unten) und Unterwolle. In diesem Fall sind nur sehr wenig Deckhaare vorhanden und deutlich merh Unterwolle. Das Verhältnis von Deckhaaren zu Unterwolle ist variabel. Auch gut erkennbar: dieses Schaf hatte Schuppen (ganz oben).

Die gemeinsame Verarbeitung von Fasern so unterschiedlicher Länge ist eine Herausforderung, da sich nicht so einfach eine homogene Mischung erreichen lässt. Beim Kämmen trennen sich die langen von den kurzen Haaren, und beim Kardieren wickeln sich die langen Haare um kleinere Walzen. Eine maschinelle Verarbeitung ist daher ohne ein vorheriges Zerschneiden der Fasern kaum möglich.

Als Handspinner:in hat man bei der Verarbeitung mehr Möglichkeiten (und nein, man muss die Fasern nicht zerschneiden). Der Prozess ist jedoch aufwändiger, als man es vielleicht von gleichmäßigeren Vliesen gewohnt ist, und er lässt sich auch nicht gut beschleunigen.

Wie kann ich ein Skuddenvlies verarbeiten?

Wie kann man nun so unterschiedliche Faserarten am besten verarbeiten?
Einige Inspiration dazu erhielt ich durch die fantastischen Webinare von Josefin Waltin. Die schwedische Spinnerin arbeitet viel mit den mischwolligen Vliesen Schwedischer Landrassen, die ebenfalls zur Gruppe der Nordischen Kurzschwanzschafe gehören. In den Webinaren berichtet sie, wie sie die Wolle vorbereitet und wonach sie entscheidet, wie sie sie verarbeitet. Die Garne, die sie spinnt und zeigt, sind absolut fantastisch.

Die Erkenntnisse fasst sie auch in wunderbaren Blogartikeln zusammen – wie in diesem hier zu Rya-Wolle, Aland-Wolleund diesem hier über Mischwolle (engl. dual coat). Sie hat eine faszinierende und sehr schöne Methode entwickelt, diese Wollen vorzubereiten und zu verarbeiten (wie hier z. B. in diesem Video erklärt).

Skuddenwolle ist offenbar den schwedischen Landrassen ähnlich, aber dennoch scheint es Unterschiede zu geben. Das Verhältnis von Deckhaar zu Unterwolle ist bei schwedischen Landrassen eher bei 50/50 oder 40/60. Die Skudde-Vliese, die ich bearbeitet habe, enthielten deutlich weniger Deckhaar. Auch enthielten die meisten Skudde-Vliese, die ich in der Hand hatte, deutlich mehr Stichelhaare als schwedische Landrassen (soweit ich das über das Video beurteilen kann). Meiner Erfahrung nach fallen die Stichelhaare nicht alle während der Verarbeitung heraus, sie bleiben relativ lange im Garn und sie stören mich auch wirklich, wenn ich aus dem Garn ein Kleidungsstück herstellen möchte (hier habe ich über das Empfinden von Weichheit bei Wolle geschrieben).

Josefin verarbeitet mischwollige Vliese entweder so, wie sie vom Tier kommen (Deckhaare und Unterwolle gemeinsam), oder aber sie trennt die Deckhaare von der Unterwolle und verarbeitet diese Faserarten separat. Diese Herangehensweise erschien mir absolut logisch und so folgte ich in diesem Experiment ihrem Beispiel. Ich wollte wissen: Wie kann ich das Beste aus der Skudde-Wolle herausholen? Wie viel Aufwand ist das? Und lohnt sich das überhaupt?

Versuch 1: Vergleich von zusammen und getrennt verarbeiteten Fasern

Das erste Stück Skudde-Vlies, das ich in den Händen hielt, stammte von einer Bunten Skudde aus der Herde von Sigis Schafe. Inspiriert von Josefins Ansatz wollte ich die verschiedenen Faserarten sowohl getrennt voneinander als auch zusammen verarbeiten.

So habe ich die Fasern verarbeitet

In einem ersten Versuch habe ich das Vliesstück vor der Verarbeitung bei ca. 60°C mit PowerScour gewaschen und danach in zwei ungefähr gleich große Teile geteilt.

Für die gemeinsame Verarbeitung habe ich die gesamten Fasern mit meinen Handkarden (72tpi) zu Rolags kardiert. Die Rolags waren erstaunlich gut herzustellen. Zwar waren die Fasern unterschiedlich lang, aber der Längenunterschied war für das Kardieren nicht hinderlich, solange ich sorgfältig gearbeitet habe und die Fasern sich nicht auf sich selbst zurückfalteten.

Rolags und Handkarden, Skudde, zusammen verarbeitet
Für diese Rolags habe ich Deckhaare und Unterwolle zusammen kardiert.
Rolags, Nahaufnahme, Skuddenwolle zusammen verarbeitet
Nahaufnahme der zusammen kardierten Fasern. Die dunklen Haare sind recht spröde und pieksig, für Kemp sind sie allerdings zu lang.

Bei der getrennten Verarbeitung habe ich per Hand nach dem Waschen die Deckhaare ausgezogen. Das war durchaus mühsam, da die Schnittkanten leicht angefilzt waren. Das Kardieren der Rolags war jedoch ebenso einfach wie bei den gemeinsam verarbeiteten Fasern. Leider erinnere ich mich nicht mehr genau, wie ich die Deckhaare vorbereitet habe. Möglicherweise habe ich sie nicht gekämmt, sondern nur in die Handkarden eingehängt und von dort aus direkt gesponnen.

Rolags Skudde nur Unterwolle
Rolags nur aus der Unterwolle kardiert enthielten deutlich weniger dieser schwarzen pieksigen Haare. Dementsprechend wurde das Garn deutlich heller.

Die drei Garne – sehr charakteristisch

Die drei Garne, (gemeinsam verarbeitet, nur Deckhaar, nur Unterwolle) waren durchaus unterschiedlich in der Haptik. Alle drei Garne waren keine Schmusegarne, da in diesem Vliesstück auch eine Menge Stichelhaare waren, die sich beim Kardieren nicht vollständig entfernen ließen (lies hier nochmal nach, was Stichelhaare sind). Auf der anderen Seite habe ich auch schon Garne produziert, die einen deutlich höheren, wie soll ich sagen, “Durchblutungsfaktor” hatten.

Nahaufnahme helle Garne von Bunten Skudden, Deckhaaare, Unterwolle und gemeinsam verarbeitet
Die drei Garne aus dem ersten Versuch: links aus gemeinsam verarbeiteten Fasern, in der Mitte nur aus Unterwolle, rechts aus den Deckhaaren.

Von den drei Garnen war das, was nur aus Unterwolle gesponnen war, erwartungsgemäß das weicheste (auch wenn ich es nicht als „flauschig“ bezeichnen würde). Interessant sind auch die Farbunterschiede: Die Unterwolle war in diesem Fall heller als die Deckhaare. Und wie sich bei einem Blick auf das Vlies auch schon vermuten lässt, enthält es deutlich mehr Unterwolle als Deckhaare.

Versuch 2: Deckhaare und Unterwolle getrennt verarbeiten

In einem zweiten Versuch habe ich die Deckhaare VOR dem Waschen mit der Hand ausgezogen. Durch das noch enthaltene Lanolin war eine Art natürliches Gleitmittel in den Fasern enthalten, das die Trennung von Deckhaaren und Unterwolle in der Theorie erleichtern sollte, und das wollte ich unbedingt ausprobieren.

Für diesen Versuch habe ich ein dunkles Vliesstück verarbeitet, das fast keine Stichelhaare enthielt – ich ging also davon aus, dass die Garne weniger pieksig sein würden als im ersten Versuch.

Die Schnittkanten des Vliesstücks waren nicht angefilzt,

So habe ich die Fasern verarbeitet

Ich bin Locke für Locke durch das Vlies gegangen, habe mit den Händen eine Locke abgetrennt und die Schnittkante mit einer Hand festgehalten. Mit der anderen habe ich die Spitze mit den Deckhaaren zwischen Daumen und Zeigefinger festgehalten und durch leichtes Hin- und Herziehen die beiden Faserarten getrennt. Mit den Händen allein ging es teilweise schon ganz gut, noch besser ging es aber mit Kämmen. Das Prinzip ist das gleiche:

  • einige Locken (nicht zu viele) mit der Schnittkante in den Kamm einlegen
  • Spitze zwischen Daumen und Zeigefinger einklemmen, so dass nur die Deckhaare erfasst werden
  • langsames Ziehen und hin- und her-Bewegen trennt die Deckhaare recht gut vom Rest des Stapels

Deckhaare und Unterwolle habe ich anschließend getrennt gewaschen und dann aufbereitet.

Die Deckhaare ließen sich gut kämmen. Ich habe daraus Kammzüge gezogen, die ich mit der Handspindel zu einem Kammgarn mit sehr wenig Drall verarbeitet habe.

Kämmen von Deckhaar, Bunte Skudden
Die ausgezogenen Deckhaare habe ich nach dem Waschen gekämmt und kleine Nester aus Kammzug gemacht. Ich hätte sie auch gut vom Kamm spinnen können.
Skudde Deckhaare auf Spindel Garn hellgrau
Das Kammgarn auf der Spindel. Ich habe eine langsam drehende Kopfspindel dafür gewählt, um möglichst wenig Drall zu erzeugen.

Die Unterwolle habe ich nach dem Waschen mit Kämmen geöffnet (Josefin Waltin zeigt das ganz wunderbar in diesem Video). Nach 2–3 Kämmvorgängen habe ich mit beiden Händen die Wolle von den Kämmen gezogen (keinen Kammzug, sondern einfach in Büscheln herausgezogen). Die so geöffneten Fasern ließen sich anschließend mit Handkarden (72tpi) wunderbar leicht zu Rolags verarbeiten.

Die Fasern waren deutlich kürzer als die Deckhaare und fühlten sich weich und seidig an (das Fehlen von Stichelhaaren hat sicher geholfen …). Nachdem ich eine Weile gearbeitet hatte, fiel mir auf, dass das, was ich für Unterwolle gehalten hatte, offenbar wiederum aus zwei verschiedenen Fasertypen bestand. Zum einen waren da längere Fasern, wie man sie vielleicht auch vom Gotländischen Pelzschaf kennt oder vom Rauhwolligen Pommerschen Landschaf. Etwas gewellt, nicht sehr biegsam, d. h. etwas Haar-artig. Und dann waren da noch ganz, ganz feine dunkelbraune Flaumfasern. Das muss die echte Unterwolle gewesen sein. Sie ließ sich leider nicht wirklichfotografieren und auch nicht durch Kämmen von den anderen Fasern trennen, dafür waren die beiden Faserarten wohl zu gleichartig in der Länge. Beim Kämmen zieht man ja quasi systembedingt immer erst die langen Fasern vom Kamm und dann immer kürzere, sodass man theoretisch Fasern der Länge entsprechend trennen könnte.

Skudde Unterwolle Rolags im Korb Garn auf Spindel
Rolags aus der Unterwolle und eine etwas schneller drehende Spindel.

Die getrennten Garne – eines flauschig, eines fest

Durch die Trennung der Faserarten fiel mir auf, dass auch bei diesem Vliesstück (wie auch in Versuch 1 schon beschrieben) die Deckhaare eine andere Farbe hatten als die Unterwolle. Anders als bei der Probe aus Versuch 1 ist hier das Unterhaar dunkler als das Deckhaar. Für beide Garne habe ich nur wenig Drall zugefügt, sodass die Garne für mich dadurch sehr weich wurden (das Fehlen der Stichelhaare mag auch dazu beigetragen haben).

Das Garn aus den Deckhaaren hat kaum Elastizität (das Deckhaar ist kaum gekräuselt) und würde sich sicher hervorragend für ein Kettgarn beim Weben eignen. Das Garn aus der Unterwolle wird vermutlich schön warm, denn die etwas steiferen der beiden Faserarten sorgt für Stand und den Lufteinschluss, den es für die Wärmeisolation braucht. Noch habe ich es nicht weiterverarbeitet, aber ich bin schon sehr gespannt darauf.
Aus der Unterwolle habe ich sowohl ein zweifädiges als auch ein dreifädiges Garn hergestellt. Das zweifädige gefällt mir etwas besser, weil es mehr Luft und Leichtigkeit vermittelt. Das dreifädige wirkt irgendwie schwerer und fast schon wuchtig.

Nahaufnahme graues Garn aus Deckhaar von Bunten Skudden
Das Kammgarn aus den Deckhaaren. Leider etwas unscharf, aber man erkennt den lockeren Zwirn und die schöne melierte Farbe,
Nahaufnahme Skudde Unterwolle Garn dunkelgrau
Das Streichgarn aus der Unterwolle. Ganz andere Farbe, anderer Zwirnwinkel. Durch die Abwesenheit von Kemp ist dieses Garn wirklich sehr flauschig.
3 Stränge graues Garn aus Bunten Skudden, Deckhaare und Unterwolle
… und noch mal ein Gruppenfoto! Oben das Garn aus den Deckhaaren, darunter aus der Unterwolle. Definitiv kein 50:50-Verhältnis!

Mein Fazit: Kratzig oder flauschig, beides ist möglich – ich bin fasziniert!

Ich bin fasziniert. Skudde muss nicht so rau oder kratzig sein, wie viele berichten. Mittlerweile habe ich Vliesstücke von mehreren Tieren verarbeitet, und dabei habe ich wieder einmal gemerkt, dass es bei Wolle nicht Den Einen Weg gibt. Die Variabilität der Wolle von Tier zu Tier erscheint mir bei der Skudde besonders groß zu sein. Es hängt immer davon ab, was man für ein Vlies vor sich hat und was man erreichen möchte.
Es gibt definitiv Vliese, die ein super … nunja, äh … Teppichgarn (oder, um mal im Bild von eingangs zu bleiben: Topfkratzer) geben. Aber es gibt auch durchaus flauschige Skudden! In die dunklen Garne bin ich regelrecht verschossen und träume jetzt schon von verschiedenen Verarbeitungsmöglichkeiten. Nur Stricken ist da definitiv zu eng gedacht. Das Kammgarn aus den Deckhaaren würde definitiv ein tolles Kettgarn für ein Webstück geben – gestrickt zeigt es sich sicher nicht von seiner besten Seite. Das Streichgarn aus der Unterwolle könnte man sehr wohl stricken, aber es wäre auch hervorragend für den Schuss geeignet. Und dann kann man ja noch mit Mustern spielen …in Josefins Blogartikel hat sie einen wirklich sehr interessanten Gedanken: Wenn man ein Twill-Gewebe herstellt, dann bekommt man ein zwei-seitiges Gewebe. Auf der einen Seite wäre die robustere Kette dominant, auf der anderen Gewebeseite der weichere Schuss. Perfekt für eine Innen- und eine Außen-Seite …die Möglichkeiten sind schier endlos.

Und das ist genau der Punkt, der mich so fasziniert: Als Handspinnerin kann ich beide Garne verarbeiten! Ich kann das Beste aus mehreren Welten vereinen, wenn ich mich dafür entscheide. Vermutlich hat man das auch früher so gemacht, weil man es sich nicht leisten konnte, einen Teil der Wolle einfach so wegzuwerfen. Es wurde genutzt, was da war. Dadurch entstand eine Vielfalt an Möglichkeiten der Verarbeitung, derer man sich heutzutage beraubt, wenn Maschinen nur begrenzte Faserlängen verarbeiten können.

Kurz vor der Finalisierung dieses Artikels lief mir ein Blogartikel zu einem ganz ähnlichen Projekt über den Weg (danke, Universum!). Kerstin Neumüller aus Stockholm möchte aus der Wolle von Island-Schafen ein Gewebe herstellen, das völlig plastikfrei und doch funktional ist – eine Seite soll flauschig werden, die andere wasserabweisend (da hab ich doch gleich an Josefins Artikel gedacht!). Das Allercoolste: Sie bekommt sogar ein Stipendium des Staates Schweden dafür! Ich bin schon sehr gespannt, was sie berichten wird.

Meine Spinnkarte – so dokumentiere ich meine Garne

Alle meine handgesponnenen Garne und ihre Herstellung dokumentiere ich auf Spinnkarten. Ich gebe es zu: ich dokumentiere gerne. Ich schreibe mir alles mögliche auf, um es nicht zu vergessen für den Fall, dass ich die Informationen doch noch einmal brauche. Das hat wohl mit der Laborarbeit aus Studi-Tagen zu tun, aber auch mit der Erfahrung, dass ich eben doch kein so gutes Gedächtnis habe, wie ich es mir wünschte…

Wofür braucht man eine Spinnkarte?

Das kennst Du vielleicht – Du dachtest, Du hast genug Garn für Dein Projekt, aber am Ende fehlt Dir doch noch der eine Strang. Das Garn hast Du vor 2 Monaten oder 5 Jahren gesponnen, vielleicht hast Du sogar noch einen Rest Fasern da. Aber Du kannst Dich nicht mehr erinnern, wie genau Du es gesponnen hast.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Rumprobieren und hoffen, dass das gleiche Garn rauskommt, oder aber
  2. Spinnkarte zücken, Einstellungen vornehmen und losspinnen.

Selbst, wenn ich nichts „nachschlagen“ möchte, ist es manchmal einfach nur schön, durch die Boxen zu stöbern und zu schauen, was ich so vor einem oder zwei Jahren gesponnen habe und mich davon inspirieren zu lassen.

Was kann man mit Spinnkarten dokumentieren?

Beim Spinnen gibt es eine ganze Menge Variablen, die Einfluss auf das entstehende Garn haben. Die für mich wichtigsten habe ich auf einer handlichen A6-Karteikarte zusammengefasst und drucken lassen. So muss ich nur hinter mich in meine Box greifen, eine leere Spinnkarte ziehen und ein paar Angaben ausfüllen.

Diese Angaben finde ich für mich am hilfreichsten:

  • Datum. Vergess ich immer wieder, ist aber sehr sehr hilfreich, wenn man z.B. mit Fotos aus der Galerie vergleichen will.
  • Projektname. Meist ist das bei mir einfach nur die Bezeichnung der Faser(mischung).
  • Faservorbereitung. Das ist vor allem wichtig, wenn ich aus einem Vlies arbeite und einen Teil der Fasern kardiert, den anderen gekämmt habe. Meist notiere ich mir auch noch die Faser-Quelle bzw. den Shop.
  • Spinngerät. In meinem Falle habe ich meine beiden Spinnräder und mögliche Antriebsarten aufgeführt, und Platz für eine Spindelbezeichnung (da gibt es ja auch Unterschiede …)
  • Auszugsart. Das ist ein Freitextfeld, damit ich möglichst genau beschreiben kann, wie ich die Fasern ausziehe und ob ich Drall in die Auszugszone lasse oder nicht.

In einer Tabelle fasse ich dann weitere Angaben zusammen, die für die Garncharakteristik besonders wichtig sind, nämlich:

  • Spinnrichtung (Z oder S, in diesem Artikel findest Du eine kurze Erklärung)
  • verwendete Übersetzung (Ratio) beim Spinnrad
  • die Auszugslänge und die Anzahl der Tritte. Daraus kann man theoretisch berechnen, wie viel Drall am Ende im Faden ist, also wie viele TPI (twists per inch) ein Faden hat.
  • Stärke des Einzelfadens (in WPI, Wraps per inch)

Ich wickele mir immer eine Probe des frisch gesponnenen Einzelfadens um die Karte. Damit kann ich ungefähr abschätzen, wie viele Fasern ich ausziehen muss und kann so während des Spinnens immer wieder vergleichen, ob mein Faden noch genauso aussieht wie am Anfang. Wenn er dünner oder dicker geworden ist, muss ich die ausgezogene Fasermenge wieder anpassen.

Ganz unten in der Spinnkarte stanze ich Löcher, um Zwirnproben zu sammeln. Ich nehme eine frisch gesponnene und aufgewickelte Länge Faden, ziehe ca. 50cm wieder von der Spule herunter und falte ihn in die Hälfte. Wenn sich der Faden ausgeglichen hat, reiße ich ihn ab und hänge ihn als 2ply-Zwirnprobe an und habe so auch immer ein Vergleichsstück für Zwirnproben zur Hand.

Meine Spinnkarten

Und so sieht das Ganze dann bei mir aus:

Welche Angaben man dokumentieren möchte, ist natürlich individuell verschieden. Für die Herstellung von Art Yarns zum Beispiel ist diese Art Karte eher ungeeignet, denn es gibt auf ihr nur einen Schritt für die Singles und einen zum Zwirnen. Art Yarns enthalten oft aber mehrere verschiedene Singles und Herstell-Schritte.

Meine Spinnkarten bewahre ich in einer Pappbox (oder mittlerweile muss ich sagen: in mehreren Pappboxen) eines beliebten schwedischen Möbelkaufhauses auf.

Kiste mit Spinnkarteikarten Dokumentation
Meine aktuelle Spinnkarteibox. Es ist immer wieder schön, darin zu stöbern, wenn ich mich inspirieren lassen möchte.

Für meine Spinnkarten habe ich mich von Rachel Smith von Wool ’n Spinning inspirieren lassen. Sie hat mal ein Youtube-Video dazu gemacht (auf Englisch).

Wie macht ihr das? Dokumentiert ihr auch? Oder spinnt ihr lieber nach Gefühl?

Von Kammgarnen, Streichgarnen und anderen flauschigen Dingen

In meinen Blogartikeln verwende ich des Öfteren Fachbegriffe rund um das (Hand-) Spinnen. Natürlich versuche ich immer, sie kurz zu erklären. Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, eine Art Glossar – Artikel zu schreiben, in dem ich diese Begriffe gesammelt erkläre, damit Du immer etwas zum Nachschlagen hast.

Am anschaulichsten ist das aus meiner Sicht, wenn wir einfach mal den Weg vom Schaf zum Garn gehen. Dabei gehe ich hauptsächlich von der Handspinner-Perspektive aus, denn der industrielle Prozess der Wollverarbeitung ist zwar ähnlich, aber Maschinen arbeiten doch immer anders als Menschen.

Rohwolle und Vlies

Rohwolle ist das, was nach der Schur auf dem Boden liegt – die ungewaschene, abgeschorene Wolle. Sie kann noch sortiert werden, um nicht brauchbare Teile mit viel Kot oder Einstreu und Dreck sowie verfilzte Teile zu entfernen, sie ist aber immer ungewaschen. Mir ist der Begriff auch schon begegnet im Zusammenhang mit gewaschener (aber sonst nicht weiter verarbeiteter) Wolle. Vermutlich sollte dort der Ausgangszustand vor dem Verarbeiten als “Roh-” gekennzeichnet werden. Für mich ist Rohwolle aber immer das landwirtschaftliche, noch nicht gewaschene Produkt. Nach dem Waschen ist es für mich dann einfach Wolle.

weißes Skuddenvlies liegt auf einem Lattenrost, Schnittseite nach oben
Ein Vlies von einer Skudde liegt mit der Schnittseite nach oben auf dem Sortiertisch.

Ein Vlies ist die (abgeschorene) Wolle von einem Schaf. Das Vlies kann im Stück vorliegen, wenn der Scherer das so abgeschoren hat. Wolle vom Kopf, Po und Beinen wird manchmal separat abgeschoren und ist dann nicht mehr Teil des Vlieses. Manchmal wird es in mehreren Teilen abgeschoren oder hält nicht als Eins zusammen, dennoch würde ich dann von einem Vlies sprechen.
Ein Vlies kann theoretisch als Rohwolle oder im gewaschenen Zustand vorliegen. Das Vlies wird natürlich nur in den seltensten Fällen komplett am Stück gewaschen, meist geschieht das portionsweise. Dennoch würde ich, wenn ich die Wolle eines (speziellen) Tieres meine, immer von einem Vlies sprechen, auch wenn es nicht mehr zusammenhängt (z.B. Riekes Vlies).

Wenn ich mein Lehrbuch “Wollkunde” aus dem Jahr 1964 befrage, so zitieren die Autoren darin einen Herrn Fröhlich aus dem Jahr 1929 mit den Worten “Von einem Vlies im engeren Sinne spricht man dann, wenn das Haarkleid des betreffenden Tieres nach der Schur ein zusammenhängendes Ganzes bildet und nicht in die Einzelbestandteile zerfällt.” Der Autor Prof.Dr. H. Doehner berichtet weiter “Der Zusammenhalt der Haare ist um so größer, je feiner, gekräuselter und reicher an Fettschweiß sie sind (…)”

Stapel und Locke

Ein Vlies ist aus vielen mehr oder weniger separaten, aber in sich zusammenhängenden Wollbüschel aufgebaut. Das sind die sogenannten Stapel. Wenn man das Vlies ein bißchen auseinanderzieht, dann trennen sich die Stapel voneinander, bleiben aber noch durch sogenannte Binderhaare miteinander verbunden. Wenn man sich das Ganze vielleicht als Netz vorstellt, dann sind die Stapel die Knotenpunkte und die Binderhaare die Verbindungen zwischen den Knoten.

Nahaufnahme eines rohen weißen Schafsvlieses
In diesem Vlies sind die einzelnen Stapel ganz gut an ihren Spitzen zu erkennen.

Fasst man einen Stapel an der Spitze an, kann man ihn schön aus dem Vlies herausziehen, sich seine genaue Struktur ansehen und seine Länge bestimmen.

Ein Stapel eines weißen Skudde-Vlieses
Ein Stapel aus einem Skudde-Vlies. Er ist sehr lang (19 cm), hat eine dreieckige Form, und man erkennt lange Grannenhaare und kürzere (ca. 10 cm) Unterwolle.

Der Begriff Locke wird oft synonym zum Begriff Stapel verwendet. Aus meiner Sicht macht er aber hauptsächlich Sinn bei Vliesen, die kaum zusammenhängen und im wahrsten Sinne aus einzelnen “Locken” bestehen (z.B. bei Gotländischen Pelzschafen). Die synonyme Verwendung der Begriffe ist wahrscheinlich nicht ganz korrekt, aber ich bin auch nur ein Laie. Wenn Du dazu was weißt, lass es mich gerne wissen!

Flicken und Flickkarde

Eine Flickkarde ist Gerät zur Wollverarbeitung für Handspinner. Es sieht aus wie eine kleine Hundebürste und dient dazu, einzelne Locken (auch “Stapel” genannt) zu öffnen, das heißt zusammenklebende Haare voneinander zu trennen. Diesen Vorgang nennt man „flicken“.

Man kann sowohl die Spitzen als auch die Schnittkanten flicken. Das öffnet nicht nur die Fasern und erleichtert die Weiterverarbeitung, sondern es hilft auch, brüchige Spitzen und Nachschnitt (aus der Schnittkante) zu entfernen. Brüchige Spitzen und Nachschnitt sorgen oft für Knubbel im Garn (siehe dieser Artikel). Flicken ist eine gute (wenn auch zeitaufwändige) Möglichkeit, ein möglichst knubbelfreies Garn zu erhalten.

Kardieren

Beim Kardieren werden die noch eng aneinander liegenden Wollfasern gelockert, getrennt und in eine Form gebracht, aus der es sich gleichmäßig spinnen lässt. Die Fasern liegen in ganz unterschiedliche Richtungen und durchaus wild durcheinander. Dadurch ist zwischen ihnen viel Luft.

Diese Art der Vorbereitung eignet sich vor allem für kürzere Fasern (beispielsweise 4-10cm).
Die dafür verwendeten Geräte sind z.B. Handkarden oder Trommelkarden. Handkarden gibt es immer paarweise, sie sehen aus wie überdimensionale Hundebürsten. Sie sind entweder gerade oder gebogen und haben einen Kardierbelag aus Gummi, in den die gebogenen Nadeln (engl. teeth) eingelassen sind. Die Dichte der Nadeln pro Fläche (teeth per inch, tpi, eigentlich teeth per square inch, pro Quadratzoll) sollte entsprechend der zu kardierenden Fasern gewählt werden. Feine Fasern wie Alpaka oder Kaschmir werden üblicherweise mit einem dichteren Belag (z.B. 108 tpi) kardiert als gröbere Fasern (z.B. 48 oder 72 tpi).

Nahaufnahme von Handkarden, mit dunkler Wolle beladen
Ein Paar Handkarden mit 72er Benadelung, auf der oberen liegt noch ein Batt auf.

Eine Trommelkarde ist eine größere, mit einer Kurbel angetriebene Walze, die mit Kardierbelag versehen wurde. Außerdem ist davor eine kleine Walze positioniert, über die die Fasern auf die große Trommel gegeben werden. Die Nadeln der kleinen Walze sind gerade, die der großen Walze sind gebogen.

Trommelkarde beladen mit grünen Fasern, Aufsicht
Meine Trommelkarde, von oben betrachtet. Links ist die kleine Walze zu sehen, die die aufgenommenen Fasern an die große Walze rechts weitergibt (ganz gut zu erkennen in dem kleinen Spalt zwischen den beiden Walzen).

Das Ergebnis des Kardierens ist ein batt (engl.) , das auf deutsch verwirrenderweise ebenfalls Vlies heißt. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Fasermatte. Um Verwechslungen zu vermeiden, spreche ich meist lieber von batts, wenn ich von kardierter Wolle am Stück rede.


Alternativ kann man auch aus dem batt ein Kardenband ziehen (engl. roving). Das lohnt sich vor allem bei größeren batts, wie man sie von Trommelkarden abnehmen kann. Dafür zieht man die Fasern einfach z.B. durch eine Unterlegscheibe vor, bis man ein langes schmales Band erhält (das habe ich hier schon einmal gezeigt)

Batt aus weißer Wolle mit vielen sichtbaren Knötchen.
Ein Batt, das ich von einer Trommelkarde abgenommen habe. Dieses Batt habe ich anschließend entlang der Faserrichtung in 4 Streifen gerissen. Das Batt ist für mich recht groß und unhandlich zum Verspinnen.
Ein Viertel eines Batts aus weißer, texturierter Wolle liegt auf einem Tisch. Die Hälfte ist bereits durch eine Unterlegscheibe durchgezogen worden. Ein roter Pfeil zeit auf die Position der Unterlegscheibe.
Die 4 Streifen aus dem Batt habe ich anschließend nochmals durch eine Unterlegscheibe gezogen, um ein schmales Kardenband zu erhalten. Kardenband spinnt sich für mich einfacher als ein gesamtes Batt.

In den Fasern enthaltene Pflanzenreste werden beim Kardieren nur in geringem Maße entfernt (im Gegensatz zum Kämmen).

Kämmen

Das Kämmen der Wolle führt zu einer parallelen Ausrichtung der Fasern, die deutlich weniger Luft zwischen den einzelnen Fasern läßt.

Geeignet sind vor allem längere Fasern: Unter 7 cm wird es sehr mühsam, ab 10 cm Faserlänge macht Kämmen für mich Spaß.

Zum Kämmen per Hand verwendet man Wollkämme – auch diese kommen immer paarweise. Ein Kamm kann eine oder mehrere Reihen Zinken haben. Er wird mit wenigen Stapeln beladen, und anschließend werden die Fasern mit dem anderen Kamm “abgekämmt”. Die langen Fasern werden dabei zuerst abgekämmt, dann folgen die kürzeren. Sehr kurze Fasern bleiben im ersten Kamm hängen und bilden den sogenannten „Kämmling“. Der Kämmling wird entfernt, und mit dem nun leeren ersten Kamm kann man die Fasern in einem zweiten Durchgang vom zweiten Kamm abkämmen. Das Ganze wiederholt man so lange, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Die Fasern bauschen dabei gerne und laden sich oft statisch auf.

Wenn die Qualität der Fasern hoch genug ist, kann man Kämmlinge anschließend noch gut kardieren und anschließend verspinnen. Oft bleiben jedoch nur qualitativ minderwertige Fasern hängen, die kein gutes Garn ergeben.

Der Faserabfall beim Kämmen ist deutlich höher als beim Kardieren. Beim Kämmen können viele Verunreinigungen (Heureste etc.) noch aus den Fasern fallen (im Gegensatz zum Kardieren) und somit das Spinnen erleichtern.

Das industrielle / maschinelle Kämmen erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst werden die Fasern in einem ersten Kardierschritt aufgelockert und partiell ausrichtet. In einem zweiten Schritt, der auf englisch „gilling“ heißt, werden sie dann noch weiter parallelisiert. Dabei werden Prozesshilfen zugesetzt und die Fasern wie durch Fischkiemen gezogen (gills sind Fischkiemen). Anschließend werden die Fasern weiter gekämmt, um kurze Fasern und Pflanzenreste zu entfernen und die Fasern nochmals parallel auszurichten. Gilling und Kämmen werden oft mehrmals wiederholt, um ein gutes Top zu erhalten. Sehr gute Videos auf youtube gibt es dazu vom Woolmark learning center hier, hier zum worsted carding, hier zum gilling und hier zum combing.

Streichgarn – langer Auszug

Ein Streichgarn ist ein Garn, das aus einer kardierten Faservorbereitung im langen Auszug gesponnen wurde. Durch die vielen Lufteinschlüsse zwischen den Fasern und die zufällige Ausrichtung ist das Garn meist bauschig, leicht und wärmend, jedoch auch eher matt als glänzend. Der englische Begriff ist „woollen yarn“. Wenn das Garn aus kardierten Fasern, aber im kurzen Auszug gesponnen wurde, nennt man es im Englischen auch „semi-woollen“ (für die Mischformen sind mir im Deutschen keine Begriffe geläufig).

Im langen Auszug arbeitet ein Handspinner, wenn sich der Drall in der Auszugszone zwischen Faserhand und Drallhand befindet und benutzt wird, um die Fasern lang (z.B. 30 – 40 cm) nach hinten auszuziehen, bevor sie auf die Spule oder die Spindel gewickelt werden.

Kammgarn – kurzer Auszug

Ein Kammgarn ist ein Garn, das aus einer gekämmten Faservorbereitung (und beim Handspinnen) im kurzen Auszug gesponnen wurde. Durch die parallele Ausrichtung der Fasern ist wenig Luft in einem Kammgarn, d.h. es ist tendenziell schwerer und glatter und hat einen schönen Fall. Oft hat es einen leichten Glanz. Der englische Begriff ist „worsted yarn“ (nicht verwechseln mit der Gewichtsklasse „worsted“, die sich auf die Lauflänge bezieht und nichts mit der Spinnart zu tun hat).

Im kurzen Auszug befindet sich kein Drall zwischen Faserhand und Drallhand, die Fasern werden nur ca. eine Stapellänge ausgezogen und glattgestrichen.

KammgarnStreichgarn
längere Fasern erforderlichkürzere Fasern erforderlich
abriebfesterpillt leichter
eher glänzendeher matt
eher schwer und dichteher bauschig und leicht
wärmt wenigerwärmt gut
guter Fall („drape“)weniger Fall („drape“)
meist weniger Lauflänge aus gegebener Menge Fasernhöhere Lauflänge aus gegebener Menge Fasern möglich
Gegenüberstellung einiger Eigenschaften von Kammgarnen und Streichgarnen. Das Ganze ist nicht absolut zu sehen, sondern stellt eher dar, wo auf einer Skala sich ein Garn befinden würde.

Literatur und Quellen

Herbert Doehner, Horst Reumuth (Hrsg.) „Wollkunde“ (2. Auflage, Verlag Paul Parey, 1964)

Frölich – Spöttel – Tänzer „Wollkunde“ (Hrsg. Prof. Dr. R.O.Herzog, aus der Reihe Technologie der Textilfasern. ISBN 978-3-642-98661-1)

The Woolmark Learning Centre Fundamentals Program (Wool Appreciation Course) und Science & Technology Program

Raus aus der Komfortzone – ich spinne ein texturiertes Garn

Ich mag ja schöne, glatte, ordentliche Garne. Im langen Auszug fällt es mir schwer, Unregelmäßigkeiten nicht glattzustreichen. Enter stage left: Flockenwolle. Diese Vorbereitungsart von Fasern hatte ich bislang noch nicht probiert und neugierig, wie ich nun mal bin, wollte ich wissen, was das ist und wie das funktioniert. Nunja, was soll ich sagen: es war eine Herausforderung. Schon mal Knötchen in den Fasern gehabt? Verfilzte Stellen? In diesem Experiment habe ich gelernt, was passiert, wenn ich Knubbel und zu kurze Fasern vor dem Kardieren NICHT entferne…

Was ist Flockenwolle?

Flockenwolle ist Wolle, die (industriell) gewaschen und anschließend maschinell aufgelockert wurde (andere Begriffe sind “gepickert” oder “gewolft”). Sie ist also noch nicht kardiert, sondern quasi das, was nach der Schur in die Säcke gekommen ist, nur eben gewaschen und ein bißchen aufgeflufft.

Kiste mit weißen Wollflocken und einem Begleitzettel von Paula und Konsorten.
So sah meine Flockenwolle aus. Schön fluffig und schön weiß.

Meine Flockenwolle kam aus der Crowdfunding – Kampagne von Sven de Vries. Das war eine phantastische Aktion, und ich habe mich riesig gefreut, dass das Ganze so erfolgreich war und einschlug wie eine Bombe. (Die Kampagne zeigte übrigens auch, dass es nicht mal eben so einfach ist, ein Garn herstellen zu lassen. Es gab einige Verzögerungen, die hauptsächlich mit dem Färben zu tun hatten – aber das ist ein komplett anderes Thema…)

Erstes Kennenlernen

Die Flockenwolle war schön weich und sauber gewaschen. Was mir allerdings sofort auffiel: maschinell aufgelockert ist nicht das gleiche wie manuell aufgelockert. Die Wolle enthielt auch viele kleine Knubbel und Knötchen (Nachschnitt, gerissene Fasern) und angefilzte sowie komplett gefilzte Locken. Wirklich “locker” war sie auch nicht, aber sie war auch eine Weile in eine Kiste gestopft, vielleicht wurde sie dadurch wieder komprimiert.

Wenn ich ein Vlies zum Handspinnen vorbereite, entferne ich schon vor dem Waschen Nachschnitt und gefilzte Teile. Nach dem Waschen ist es fast unmöglich, das noch einigermaßen gescheit zu trennen, die Fasern arbeiten sich ineinander ein. Und so war es hier auch – es waren so viele und so kleine Knubbel, dass es eine ziemliche Sisyphusarbeit wäre, sie alle zu entfernen.

Übrigens: in diesem youtube-Video erklärt Chanti, warum man für das Handspinnen die Knubbel besser VOR dem Waschen entfernt…

Probespinnen – was wollen mir die Fasern sagen?

Zuerst habe ich eine kleine Menge Fasern mit meinen Handkarden (72 tpi) kardiert. Die Fasern waren elastisch und kürzer als erwartet. Die enthaltenen Knubbel und Knötchen ließen sich erwartungsgemäß nur mühsam von den Karden picken und das Kardieren ging dementsprechend langsam voran. Da ich ein ganzes Kilo von den Flocken hatte, war ich ein kleines bißchen entmutigt.

Kardierte Fasern in weiß, deutlich sichtbare Knötchen
Von der Handkarde abgenommene Fasern sind deutlich mit Knötchen durchsetzt.
Holzschale mit weißen Knötchen auf schwarzem Untergrund, Darunter liegt ein Strang gesponnene Wolle, aus der die Knötchen entfernt wurden.
Für eine kleine Spinnprobe habe ich mir die Mühe gemacht und die Knötchen herausgesammelt. Es waren ganz schön viele…

Das aus den handkardierten Fasern gesponnene Garn war dann auch nicht so glatt, wie ich mir das gewünscht hatte. Es war fluffig, weich und ließ sich einigermaßen dünn ausziehen. Aber der Aufwand, der nötig wäre, um ein gleichmäßiges Garn zu bekommen, erschien mir unverhältnismäßig hoch.

Mein nächster Gedanke war: Kämmen. Beim Kämmen hat man deutlich mehr Abfall (der bleibt als Kämmling in den Kämmen hängen), aber vielleicht würde ich ja so die Knubbel elegant loswerden? Auf der anderen Seite ist Kämmen auch deutlich aufwändiger. Die Fasern laden sich oft statisch auf und es sind mehr Arbeitsschritte erforderlich als beim Kardieren.

Nun, nur Versuch macht kluch, also hab ich die Kämme geschwungen. Das Ergebnis: ja, das Garn war ein kleines bißchen glatter, und wenn man direkt vom Kamm spinnt und nicht erst Kammzüge zieht, spart man auch einen Arbeitsschritt, aber … unfassbarerweise waren immer noch Knübbelchen drin. Sie waren einfach nicht richtig rauszubekommen, egal, wie ich es angestellt habe.

Spinnproben weißer Garne auf einem braunen Hintergrund. Das linke und mittlere Garn ist sehr texturiert, das rechte etwas glatter.
Alle drei Spinnproben mit abnehmender Knubbelmenge von links nach rechts 🙂 . Links: kardiert, Knötchen dringelassen. Mitte: kardiert, Knötchen so gut es ging entfernt. Rechts: gekämmt. Selbst hier waren noch einige ungleichmäßige Stellen enthalten (ganz rechts zu sehen).

Wie ich es auch drehen und wenden mochte, die Knubbel würde ich wohl nicht wirklich loswerden. Da stand ich nun, vor einer großen Kiste suboptimal präparierter Wolle. Der Aufwand, da ein gescheites (d.h. schönes, glattes ) Garn draus zu machen, erschien mir exorbitant.

Und dann hatte ich eine Idee… Was, wenn ich einfach mal ein total unordentliches Garn spinne? So eins mit dicken und dünnen Stellen, mal besser und mal schlechter gesponnen und gezwirnt? Würde die kleine Perfektionistin in mir komplett am Rad drehen? Oder wäre es am Ende vielleicht gar nicht so schlimm, oder – wer weiß – sogar brauchbar und etwas ganz Besonderes?

Das war mal die Gelegenheit, ein Garn zu produzieren, das ich sonst so nicht machen würde. Eins mit jeder Menge Textur. Also hab ich die Trommelkarde abgestaubt, zwei Nachmittage Batts gekurbelt und die Spulen für einen Versuch freigemacht.

Batt aus weißer Wolle mit vielen sichtbaren Knötchen.
So sah ein zwei mal kardiertes Batt aus. Sicherlich hätte ich es noch ein drittes Mal über die Trommelkarde geben können, aber es hat keinen Spaß gemacht, daher hab ich es gelassen.

Was sind eigentlich „texturierte Garne“?

Texturierte Garne sind ungleichmäßig und unregelmäßig in ihrer Beschaffenheit. Wenn man ein Strick- oder Webstück daraus fertigt, dann ist die Oberfläche nicht glatt, sondern eher unregelmäßig. Viele handgesponnene Garne sind texturiert.

Der springende Punkt ist für mich immer der: Ist das beabsichtigt (wie z.B. bei einem Boucle-Garn oder einem Dick-Dünn-Garn) oder eher zufällig? Mir persönlich sind beabsichtigte Texturen immer lieber als zufällig entstandene, aber ich hatte ja beschlossen, mich überraschen zu lassen.

Nahaufnahme eines Bouclegarns in Lila und rosa
Auch ein texturiertes Garn, aber mit Absicht: ein handgesponnenes Bouclè-Garn. Ich liebe es!

Wie hat es sich gearbeitet?

Ich gebe es zu: das Kardieren war mühsam und hat wirklich keinen Spaß gemacht. Etliche Locken waren angefilzt, die Knubbel waren teilweise in die Fasern eingefilzt und ließen sich nur schlecht entfernen. Irgendwann hab ich sie einfach dringelassen und nur die an der Oberfläche sitzenden entfernt. Selbst das waren noch ganz schön viele.

Braune Papiertüte liegt vor schwarzem Hintergrund, aus ihr quellen Reste weißer Wolle und Knötchen sowie kleine Pflanzenreste, die beim Spinnen entfernt wurden
Eine Riesen-Tüte voller Knötchen und nicht verspinnbarer Bestandteile hab ich aus den Fasern beim Spinnen rausholen müssen. Jedes einzelne Knötchen bedeutete: Trommelkarde bzw. Rad anhalten, rauspulen, Rad / Karde wieder starten. Müüüüüüühsaaaaaam… Und: Es sind immer noch genügend Knötchen im Garn für die Textur :-/ …

Die Batts waren elastisch, fühlten sich aber auch sehr trocken an. Möglicherweise wurde die Wolle sehr intensiv gewaschen, um sie gut sauber zu bekommen. In der industriellen Verarbeitung werden nach zum Kardieren und Spinnen ja auch immer Substanzen eingesetzt, die die Fasern “gefügiger” machen, d.h. sie werden geschmeidiger und laden sich weniger statisch auf. Solche Spinnhilfen habe ich nicht verwendet (hab ich nicht dran gedacht).

Die Batts habe ich zum Spinnen längs in jeweils 4 Streifen geteilt und die Streifen dann durch eine Unterlegscheibe leicht vorgezogen (gedizzt).

Streifen eines Batts aus weißer Wolle mit deutlich sichtbaren weißen Knötchen
Ein Batt habe ich in vier Streifen geteilt, zwei davon sieht man hier. Die vielen Knötchen sind deutlich zu sehen.
Ein Viertel eines Batts aus weißer, texturierter Wolle liegt auf einem Tisch. Die Hälfte ist bereits durch eine Unterlegscheibe durchgezogen worden. Ein roter Pfeil zeit auf die Position der Unterlegscheibe.
Für eine bessere Spinnbarkeit habe ich die Fasern durch eine Unterlegscheibe vorgezogen (gedizzt). Der Pfeil zeigt auf die Scheibe, darüber ist der dicke Streifen, darunter die dünneren vorgezogenen Fasern zu sehen – mit Knötchen…

Beim Spinnen störten mich immer die vielen Knubbel und verfilzten Stellen. Wenn sie mich zu sehr gestört haben oder sich an der Garnoberfläche absetzten, habe ich sie per Hand entfernt. Dadurch kam ich beim Spinnen nie in einen richtigen Rhythmus und musste ständig anhalten. Meditativ war das nicht. Wenn ich manchmal versucht habe auszuziehen, ging das nicht, weil die Fasern angefilzt waren, oder ich war gerade an einer Stelle mit sehr sehr kurzen Fasern und hatte auf einmal den entstehenden Faden vom Faservorrat getrennt und musste neu ansetzen. Auch das war sehr mühsam.

Nahaufnahme eines ungleichmäßig gesponnenen weißen Fadens vor einem dunkelblauen Tuch.
Manche Knötchen ließen sich einfach nicht entfernen, die habe ich dann im Faden gelassen, um die Textur zu erhalten.
Pyramide aus texturierten Einzelfäden, aufgewickelt auf Papprollen, gestapelt auf einem Holztisch
Alle Einzelfäden habe ich auf Papprollen aufgewickelt, um sie zum Zwirnen vorzubereiten. Auch hier sieht man gut die unregelmäßige Struktur der Fäden.

Wie sieht das Ergebnis aus?

Das fertige Texturgarn sieht…nunja, knubbelig aus. Es ist deutlich dicker geworden als die Spinnproben, aber das ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass ich schneller fertigwerden wollte. Und wenn ich schon außerhalb der Komfortzone spinne, dann richtig 🙂

Nahaufnahme texturiertes Garn auf einem braunen Lattentisch
Das fertige Texturgarn. Sehr unregelmäßig und deutlich dicker ausgesponnen als die Probesträngchen.

Die Frage war nun: welchen Einfluß hat die mehr oder weniger stark ausgeprägte Textur nachher auf die textile Fläche? Das Stricken mit solchen Garnen macht mir keinen Spaß, das weiß ich jetzt schon, aber weben müsste eigentlich gut gehen. Also habe ich von jedem Garn eine kleine Webprobe angefertigt.

drei Webproben aus weißem unregelmäßigem Garn liegen auf braunem Lattentisch.
Die Webproben. Oben links: Garn mit vielen Knubbeln, oben rechts: Garn mit weniger Knubbeln. Unten: das fertige Texturgarn. Ich finde, in der Oberfläche unterscheiden sich die Webproben nicht dramatisch.

Und was soll ich sagen – das “Knubbelgarn” sieht als Webprobe gar nicht so viel unruhiger aus als das mühsam halb-glatt gesponnene Garn! Damit hätte ich ja nun nicht gerechnet. Und gewebt gefällt mir das Garn sogar außerordentlich gut. Die Webprobe ist deutlich zu dicht, aber das läßt sich auf dem Rahmen ja anders gestalten.

Meine innere kleine Perfektionistin hat nun zwar nicht laut gejubelt, aber sie musste doch zugeben, dass das Ergebnis auf eine eher ungleichmäßige Art hübsch ist. Außerdem habe ich nun ein knappes Kilo Garn, das ich im Sommer für meine Färbeexperimente hernehmen kann. Ich freu mich jetzt schon drauf!

Was habe ich gelernt?

  1. Es lohnt sich, ab und an mal aus der Komfortzone herauszutreten – man weiß nie, was für Überraschungen da warten!
  2. Flockenwolle, die in großem Maßstab für die industrielle Verarbeitung bzw. das industrielle Spinnen vorbereitet wurde, ist (aus meiner Sicht) nicht gut geeignet für die Verarbeitung durch Handspinner. Es ist nicht unmöglich, sie zu verarbeiten, aber der Prozess war mühsam und hat mir keine Freude bereitet – weder beim Kardieren, noch beim Spinnen. Ich war froh, als ich damit fertig war.
  3. Die industriell vorbereitete Flockenwolle hat im industriellen Spinnprozess ein tadelloses Garn ergeben – wer auch einen Strang Strickwolle von Sven ergattern konnte, wird das bestätigen können: keine Knubbel weit und breit, das ist ein 1a Garn.

Während des Verarbeitens und Spinnens drängten sich mir dann aber Fragen auf:

  1. Wie ist das mit Kammzügen oder Kardenbändern für Handspinner, die sind ja auch industriell hergestellt worden? Wie sortieren die Maschinen die zu kurzen oder verfilzten Fasern aus? Entsteht da einfach mal nur eine Menge Abfall? Was passiert eigentlich mit dem Abfall? Sowas würde ich mir ja mal total gerne live ansehen.
  2. Kann oder sollte man Vliese anders sortieren, je nachdem, ob man sie zum Handspinnen oder für die industrielle Verarbeitung verwendet? Gibt es vielleicht gemeinsame Mindestanforderungen für Handspinn-Vliese und industrielle Verarbeitung? Gibt es auch bei der maschinellen Verarbeitung Unterschiede?

Diesen Fragen möchte ich in nächster Zeit unbedingt weiter nachgehen. Für das Handspinnen gilt in der Regel: je besser es vorbereitet ist, desto besser spinnt es sich. Sorgfalt in jedem Schritt der Vorbereitung zahlt sich am Ende aus – das Spinnen ist dann einfach mal mühelos. Wie das bei der maschinellen Verarbeitung ist, weiß ich nicht – wenn also jemand dazu berichten kann, meldet euch gerne bei mir!


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Die (Wieder-) Entdeckung farbig gewachsener Baumwolle (Teil1)

Farbig gewachsene Baumwolle ist etwas ganz Besonderes. Obwohl es vor der industriellen Revolution viele Farbtöne gab, gerieten diese meist weniger ertragreichen Arten in Vergessenheit und wurden erst Ende des letzten Jahrhunderts in einem archäologischen Projekt wiederentdeckt. Dass heute wieder natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut und zu Produkten verarbeitet und verkauft wird, ist der Verdienst weniger sehr engagierter Menschen. Bevor ich in den nächsten Artikeln dieser Mini-Serie auf das Spinnen eingehe, gebe ich Dir hier schon mal einen Überblick vorneweg.

Neulich gab es was Schönes im Shop der Handspinngilde – farbig gewachsene Baumwolle! Da musste ich natürlich zugreifen und meine…sagen wir mal…rudimentären Kenntnisse im Baumwolle spinnen trainieren. Und da ich ja jetzt diesen wunderbaren Blog habe, kann ich euch auch gleich mal mitnehmen auf meinen kleinen Abstecher in die Welt der Zellulosefasern…Ich werde Euch berichten, wie sich die einzelnen Farben und Fasern verhalten und wie ich sie verspinne. Das Spinnen selbst wird sich wohl noch etwas hinziehen, daher werde ich euch hier schon mal ein paar Fakten und interessante links zusammenstellen (obwohl man da wohl ganze Bücher zu schreiben könnte!).

Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.
Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.

Baumwolle – Pflanzenmerkmale und Kultivierung

Die Baumwollpflanze gehört zur Familie der Malvengewächse (zu der auch der Hibiskus gehört). Sie wächst buschig und wird zwischen 25cm und 2m hoch. Unter geeigneten Bedingungen kann sie bis zu 15 Jahre alt werden, allerdings wird sie oft nur einjährig angebaut. Die zur Textilherstellung genutzten Baumwollfasern sind die Samenhaare, die aus der Epidermis der Samen gebildet werden und die Samen der Pflanze umgeben. Sie befinden sich in den Baumwollkapseln, die im reifen Stadium aufspringen und dann geerntet werden können. Die Fasern haben je nach Art eine Länge von 10 – 55mm.

Die Pflanzen haben einen sehr hohen Wasserbedarf, so dass eine landwirtschaftliche Nutzung vor allem an ein ausgefeiltes Bewässerungssystem gekoppelt sein muss. So ist z.B. die Austrocknung des Aralsees zurückzuführen auf Fehlplanung der Bewässerung für die umliegenden Baumwollfelder.

Interessanterweise wurde die Baumwolle unabhängig voneinander von vier verschiedenen Völkern domestiziert, zwei Mal in der Neuen Welt (vor allem Südamerika) und zwei Mal in der Alten Welt (hauptsächlich Asien und Afrika).

Von den ca. 300 heute existierenden Baumwollpflanzenarten werden nur 4 landwirtschaftlich genutzt, sie sind alle weiß. Die heute unter Mako- oder Pima-Baumwolle aus Ägypten bekannte Baumwolle ist das Ergebnis von Züchtungen, die mit der Industriellen Verarbeitung von Baumwolle angestrengt wurden, um den Ertrag und die Fasereigenschaften auf die maschinelle Verarbeitung zu optimieren.

Eine getrocknete geöffnete weiße Baumwollkapsel auf schwarzem Hintergrund, darüber liegen von Faserresten umgebene Samen.
Eine Baumwollkapsel, die ich in einem Kurs erhalten habe. Darüber liegen von Faserresten umgebene Samen, von denen ich sozusagen die Fasern „abgesponnen“ habe, bis nur noch die Samen übrig blieben.

Farbig gewachsene Baumwolle

Daneben gibt es aber auch farbig gewachsene Baumwollarten in verschiedenen Braun- und Grüntönen. Sie wurden in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vom amerikanischen Anthropologen James M Vreeland auf einer Forschungsreise in Südamerika „wiederentdeckt“ (hier hat er einen sehr interessanten Artikel geschrieben, den Spektrum der Wissenschaft übersetzt hat). Seitdem hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und einen reichen Wissensschatz zu den historischen Zusammenhängen zusammengetragen, den ich hier gar nicht wiedergeben kann.

Erstaunt hat mich aber, dass die industrielle Verwendung farbig gewachsener Baumwolle gar nicht so lange zurückliegt: Offenbar kam sie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges das letzte Mal in größerem Maßstab industriell zum Einsatz- weil aufgrund des Krieges die synthetischen Farbstoffe knapp waren. Auch in den USA wurde in den 1930er Jahren noch natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut (Acadian Brown Cotton). Seitdem ist es jedoch (ähnlich wie bei Schafwolle) einfach günstiger, weiße Baumwolle anzubauen und diese dann mit billigen synthetisch hergestellten Farbstoffen bunt zu färben.

Warum wird so wenig natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut?

Warum kann man die farbigen Baumwollen nicht einfach wieder anbauen, fragte ich mich? Nun, offenbar haben die farbigen Varianten oft kürzere, gröbere Fasern. Dadurch sind sie für die industrielle Verarbeitung weniger geeignet als die 4 speziell dafür gezüchteten Hochleistungs-Varianten. Außerdem ist ihre Vegetationsperiode nicht so gut an die Anforderungen der Industrie angepasst. Die Samen werden über einen längeren Zeitraum reif, so dass beim Ernten mit Maschinen sowohl unreife als auch reife Kapseln geerntet werden, was sowohl die Qualität als auch die Ausbeute an Fasern senkt. Alternativ kann per Hand gepflückt werden (was auch gemacht wird), dies führt allerdings zu erhöhten Preisen und geht auch nicht so schnell wie mit Maschinen.

Kleine Mengen natürlich pigmentierter Baumwolle liegen auf schwarzem Untergrund. Ein weißes Lineal am linken Bildrand ermöglicht die EInschätzung der Faserlänge, sie bewegt sich um die 2cm.
Faserlängen natürlich pigmentierter Baumwolle. V.l.n.r. macchiato, senfgrün, weiß, chocolate.

James Vreeland gründete 1982 das “Native Cotton Project”, das sich der Wiederbelebung des Anbaus und der Verwendung farbiger Baumwollvarianten widmet. Dadurch wird den Bauern dort die Möglichkeit gegeben, aus dem (illegalen) Koka-Anbau auszusteigen und trotzdem ihre Familien ernähren zu können. Unter dem Markennamen „Pakucho“ (braune Baumwolle) wird diese Baumwolle von einer Textilfirma weltweit vertrieben.

Mittlerweile gibt es weitere Initiativen, die den Erhalt der pigmentierten Baumwolle im Fokus haben , so die 1991 gegründete Kooperative “Pakucho Pax” , oder auch die US-amerikanische Fibershed-Bewegung und hier insbesondere Sally Fox, die pigmentierte Baumwolle 1989 in den Staaten auf den Markt gebracht hat.

Industrielle Verarbeitung

Die Schwierigkeit in der industriellen Verarbeitung besteht darin, die Samenhaare sauber von den Samen und den Kapsel- und anderen Pflanzenresten zu trennen. Bei der maschinellen Ernte müssen die Pflanzen laubfrei sein – entweder durch Frost oder durch Entlaubungsmittel. Die Erntemaschinen können zudem unreife oder überreife Kapseln nicht von reifen unterscheiden und ernten einfach alles. Das spiegelt sich in einer Qualität wieder, die eben auch minderwertige unreife und überreife Fasern enthält. Bei der Handpflückung hingegen erhält man qualitativ sehr viel hochwertigere Fasern, da nur die reifen Kapseln gepflückt werden und so weniger Schmutz und Pflanzenreste in den Fasern enthalten sind.

In der Textilindustrie unterscheidet man Baumwollqualitäten hauptsächlich nach der Faserlänge und teilt sie in 3 Kategorien ein

  • Fasern über 32mm Länge (z.B. Ägyptische Mako-Baumwolle, Peruanische Pima-Baumwolle) werden als besonders hochwertig eingestuft, machen aber nur einen ca. 2% der Weltproduktion aus.
  • Fasern mit 25 – 30mm wie z.B. die weiße Upland-Baumwolle Gossypium hirsutum sind von mittlerer Qualität und stellen ca. 90% der Weltproduktion. Diese Baumwolle stammt zwar ursprünglich aus Amerika, wird aber auf der ganzen Welt angebaut.
  • Fasern unter 25mm Länge spielt nur eine untergeordnete Rolle (z.B. Zellstoffherstellung).

Neben dem oben schon angedeuteten sehr hohen Wasserbedarf sind auch Schädlinge ein großes Problem im industriellen Baumwoll-Anbau. Daher werden im konventionellen Anbau viele Pestizide eingesetzt. Außerdem wurden genmodifizierte Baumwolle-Varianten entwickelt (sogenannte Bt-Baumwolle). Diese Pflanzen wurden so verändert, dass sie ein für bestimmte Insekten tödliches Protein, das Bt-Toxin, herstellen. Das zusätzliche Gen, das diese genmodifizierten Baumwollpflanzen tragen, stammt aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (daher der Name Bt-Baumwolle). Dieses Protein ist nur für bestimmte Insekten tödlich, so daß Schädlinge gezielt bekämpft werden können. Dadurch ist es möglich, den breiten Einsatz von Insektiziden zu verringern. Das wiederum zieht weniger Gesundheitsschädigungen durch Kontakt mit diesen Substanzen und auch weniger Eintrag von Insektiziden in das Grundwasser nach sich. Dennoch ist der Einsatz genmodifizierter Baumwolle hochumstritten.

Nun aber zum praktischen Teil: Die Fasern

Die Baumwollfaser ist eine Zellulosefaser, also ein Kohlenhydratpolymer. In der unreifen (d.h. nicht geöffneten) Kapsel weist sie einen kreisrunden Querschnitt auf. Dieser Querschnitt wird nierenförmig, sobald sich die Kapsel öffnet und die Fasern trocknen. Dabei verdreht sich die Faser dann auch korkenzieherartig um ihre Längsachse. (Ich finde, ein bißchen sieht das aus wie ein länglicher Luftballon, den man aufgeblasen und danach die Luft wieder abgelassen hat…).

Elektronenmikroslopische Aufnahme von Baumwollfasern.
Raterelektronenmikroskopische Aufnahme von Baumwollfasern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwollfaser

Durch den inneren Hohlraum kann sie sehr gut Feuchtigkeit aufnehmen. Baumwolle hat keine Schuppen, wie wir sie von der Wolle kennen, daher filzt sie auch nicht wirklich. Stattdessen hat sie sogenannte Tageslamellen. Eine ganz wunderbare Einführung zum Thema Baumwolle bietet die kostenlose Lernplattform textil trainer an, die mir freundlicherweise auch die Abbildung zur Baumwollfaser zur Verfügung gestellt hat.

3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von Textiltrainer, erstellt von chemmedia AG.
3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von textil trainer, erstellt von chemmedia AG.

Das Spinnen der Fasern…

Baumwolle mit der Hand zu spinnen ist gar nicht so schwer, aber wenn man bislang nur Wolle in der Hand hatte, muss man sich etwas umgewöhnen. Die sehr kurze Faserlänge erfordert viel Drall, damit der Faden einigermaßen gut hält. Im nächsten Teil der Serie zeige ich Dir, wie ich die Fasern aufbereitet und gesponnen habe, und welche Gerätschaften ich dafür benutzt habe – so stay tuned 🙂

Weiterführende Links

zu pigmentierter Baumwolle:
https://schrotundkorn.de/umwelt/farbige-baumwolle
https://nichtnurmama.de/naturfasern/farbig-gewachsene-baumwolle/
https://nichtnurmama.de/naturfasern/herkunft-von-baumwolle/
http://www.eberhardprinz.de/blog/?p=6346
https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle
https://www.spektrum.de/magazin/von-natur-aus-farbige-baumwolleeine-vergessene-textiltradition-wieder-im-trend/825639
pdf von cotton.org (Marktübersicht, inkl. Kontaktadressen)

...zur Firma von James M Vreeland jr.:
https://perunaturtex.com/about-us/

… zu klassischem Baumwollanbau

(https://fibershed.org/2015/08/23/classical-cotton-breeding/)

Bilder zum Pinnen:

Wolle sortieren – ein Schafkurs

Wolle Sortieren – wenn aus der Schafwolle am Tier am Ende ein Pullover werden soll, kommt man um diesen Schritt der Wollverarbeitung nicht herum. Die Landwirtschaftsschule Luisenhof bietet hierzu einen tollen Weiterbildungskurs an, in dem Schafhalter und andere Interessierte genau solche Themen besprechen und auch praktische Erfahrungen machen können. Heute nehme ich euch mit auf den Skuddenhof Weseram, wo Kursleiter Christopher Behling aus seiner langjährigen Erfahrung in diesem Bereich recht kurzweilig plauderte und demonstrierte.

Üblicherweise findet der Kurs in dem traditionsreichen Gebäude der Schule in Oranienburg statt. Er umfasst theoretische und praktische Einheiten rund um Schafhaltung, -pflege und -krankheiten, aber auch Themen wie die geschichtliche Entwicklung der Wollverwertung in Brandenburg und Deutschland sowie praktisches Wissen zu Wollqualität und Wollverarbeitung werden besprochen. An diesem regnerischen und windigen Herbsttag ging es aber nach Weseram zum Skuddenhof von Katja und Christoph Behling. Hier gab es praktische Demonstrationen zum Thema Wolle sortieren – was unerlässlich ist, wenn ein Schafhalter die Wolle seiner Tiere verarbeiten lassen möchte.

Die Skudden der Behlings waren recht scheu und nur schwer zu fotografieren.

Der Skuddenhof in Weseram

Christoph Behling ist gelernter Schäfer. Er war lange Jahre Zuchtleiter in verschiedenen Betrieben und hat in seiner aktiven Zeit als Schäfer eine Menge Wolle sortiert und zur Verarbeitung gebracht. Wollqualität und Wollertrag waren damals in der DDR erklärte Zuchtziele, um vom Weltmarkt möglichst unabhängig zu werden. Mittlerweile arbeitet er am Schreibtisch, und zusammen mit seiner Frau Katja züchtet er weiße Skudden auf einem ausgebauten Hof in Weseram , eine gute Autostunde von Berlin entfernt. In der großen Scheune hießen die Behlings alle Kursteilnehmer willkommen und dann ging es einen Tag lang nur um Wolle, Vliese und Wollqualität.

Gute Wollqualität liegt den Behlings sehr am Herzen. Ihre ca. 50 Tiere scheren er und seine Frau selbst mit der Handschere. Skudden sind sehr kleine, robuste Schafe, und ihr Vlies ist mischwollig (hier habe ich schon einmal etwas zu Skudden geschrieben) . Oft wird die Wolle nicht weiter verwendet, aber Christoph berichtet mit leuchtenden Augen von einem archäologischen Projekt, für das mit seiner Wolle eine jahrtausendealte Hose nachgearbeitet wurde (schaut mal hier). Damals (also als die Hose hergestellt wurde) gab es noch keine Merinoschafe, die Schafwolle war deutlich gröber und ähnelte mehr der heutigen Skuddenwolle. Auch Textilkünstler und FilzerInnen wissen die gute Qualität seiner Vliese zu schätzen und nehmen sie ihm immer wieder gerne ab. Wie macht er das also?

Bevor es losging…im Vordergrund ist der Sortiertisch zu erkennen.

Gute Wollqualität

Gute Wollqualität, sagt er, fängt beim Futter an. Die Wolle zeigt genau an, ob es einem Schaf übers Jahr gut ging, oder ob es vielleicht krank war und Fieber hatte. An solchen Stellen wird die Wolle leicht dünner und brüchig, die Fasern reißen leichter. Auch die Art und Weise, wie das Futter (v.a. Heu) dargeboten wird, hat Einfluss auf die Wollqualität. Hängt die Raufe zu hoch und über den Köpfen der Tiere, dann fällt ihnen das Heu auf den Rücken, wird quasi in die Wolle „eingearbeitet“ und macht die Vliese kaum verwertbar. Sehr staubige Weideflächen sind auch nicht gut – der Sand und Staub setzen sich auf das Vlies, dringen in die Wolle ein und machen sie mit der Zeit brüchig und spröde. Der Schurzeitpunkt hat ebenfalls einen Einfluss – werden z.B. die Schafe vor der Aufstallung geschoren, enthalten sie weniger Einstreu.

Der Sortiertisch

Sortiert wird ein Vlies auf einem Sortiertisch. Christoph Behling benutzt eine Eigenkonstruktion aus Holzlatten, die er in angenehmer Arbeitshöhe auf Böcke legt. Es tut aber auch ein alter Lattenrost. Für Vliese, die nicht so gut zusammenhalten (oder für feinere Teile) ist manchmal ein Gitter besser, wie z.B. ein Kompostgitter. Egal, was man verwendet, es ist wirklich hilfreich, eine ergonomische Arbeitshöhe einzustellen – der Rücken und die Schultern danken es nach ein paar Stunden 😊

Der Sortiertisch. Die Latten müssen gar nicht so eng zusammenliegen.

Das Sortieren

Nicht jedes Teil des Vlieses ist gleichermaßen verwertbar, verschiedene Teile müssen entsprechend ihrer Verwertbarkeit getrennt (also sortiert) werden. Eine gute Übersicht zu den verschiedenen Vliesteilen und ihrer Verwertbarkeit habe ich hier gefunden.

Das geschorene Vlies wird zunächst als Ganzes mit der Schnittkante nach oben auf einen Lattenrost gelegt und ausgebreitet (Bild 1). Meist läßt sich relativ leicht bestimmen, wo der Kopf und wo der Popo gewesen sein muss 😉. Das Vlies wird geschüttelt, damit Schmutz und eventuell vorhandene Strohteile von der Oberfläche ab- und durch die Latten fallen. An der Schnittkante kann man schauen, ob der Scherer oft nachziehen musste. Dieser Nachschnitt ist deutlich kürzer als die restlichen Wollfasern und muss entfernt werden, entweder durch Absammeln oder Ausschütteln. Deutlich sichtbare kotverschmutzte Stellen kann man jetzt auch entfernen, indem man die betreffenden Vliesteile einfach abzieht.

Dann wird das Vlies gewendet und mit der Schnittkante nach unten hingelegt. Nochmal kräftig schütteln (Bild 2), und weiterer Nachschnitt und Schmutz fällt heraus, man hört es deutlich rieseln. Jetzt kann man die Fasern beurteilen (Bild 3). Wie lang sind die Stapel? Sind die Fasern brüchig, haben sie Schwachstellen? Sind sie verfilzt? Mit Heukrümeln durchzogen? All diese Faktoren mindern die Wollqualität. Verfilzte Stellen, die sich mit der Hand nicht mehr gut auseinanderziehen lassen, werden entfernt. Auch Pflanzenteile wie Kletten, Stroh oder Heureste sollte man erfühlen und durch Absammeln entfernen. Wenn zu viel davon in einem Vlies ist, lohnt es sich kaum, in stundenlanger Kleinarbeit Fitzelchen für Fitzelchen herauszusammeln. Manchmal ist das auch gar nicht möglich, weil das im Vlies enthaltene Wollfett alles an die Locken klebt. Solche Vliese sind dann eher was zum Düngen – wir nannten sie liebevoll „Tomatenvliese“.

Die besten Vliesteile sind an den Flanken und manchmal – wenn es nicht zu stark gefilzt ist – am Hals. An den Hinterbeinen wird die Wolle meist länger und gröber. Man kann also auch gröbere von feineren Vliesteilen trennen und separat verarbeiten, wenn man das möchte.

Die Spinnradausstellung

Nachdem die Wolle sortiert war, ging es weiter mit einer Führung durch die Spinnradausstellung. Die ist gerade neu gemacht und definitiv einen Abstecher wert für alle, die sich für Faserverarbeitung interessieren. Eine beträchtliche Sammlung von Spinngeräten und Werkzeugen ist in einem Nebengelass zusammengetragen worden und mit viel Enthusiasmus erzählt Christoph von der Geschichte der Räder. Es gibt Flachs-Räder, Hochzeitsräder, große Räder, kleine Räder, Spindelräder, Spindeln, und sogar einen eSpinner. Einige der neueren Modelle werden regelmäßig in den Spinnkursen eingesetzt, zu denen Katja ein Mal im Monat einlädt.

Das Filzen

Nach einer leckeren und wärmenden Suppe ging es im zweiten Teil um eine weitere, sehr alte Wollverarbeitungsart: Das Filzen. Die Kursleiterin Susanne Schächter-Heil hatte Material mitgebracht, und so konnte sich jeder Teilnehmer sein eigenes Andenken herstellen, den meditativen Charakter des Nassfilzens genießen und mit eigenen Händen erfahren, dass Wolle nicht gleich Wolle ist.

Neugierig geworden? Dann schau doch mal bei den Behlings vorbei 🙂

Wie baue ich eine Handspindel?

Du möchtest gerne mal das Handspinnen ausprobieren? Du bist Dir aber noch nicht sicher, ob das was für Dich ist und möchtest (noch) nicht in eine Spindel investieren? Hier zeige ich Dir eine Anleitung, wie Du mit 3 – 4 einfachen Materialien selber verschiedene Handspindeln bauen kannst – Kopfspindel, Fußspindel oder „Maya“-Spindel.

Eine Fallspindel bauen

Fallspindeln bestehen aus einem Spindelstab und einem Wirtel (das ist die Scheibe im Bild oben). Der Wirtel kann verschiedenste Formen und Größen haben, und Form und Größe wiederum haben einen Einfluss darauf, wie die Spindel sich dreht (z.B schnell und kurz oder langsam und lange).

Oft wird am oberen Ende auch ein Haken angebracht, das ist allerdings nicht unbedingt erforderlich.

Je nachdem, wo der Wirtel sitzt, hat man eine Fuß- bzw. Tiefwirtelspindel oder aber eine Kopf- bzw. Hochwirtelspindel in der Hand. Welche Du verwendest, ist eine Frage der Vorliebe und Du probierst es am besten aus. Das Gute ist: mit dieser Anleitung kannst Du beide bauen 🙂

Zum Bauen selbst ist es hilfreich, wenn Du Säge, Bohrer, Feile, Schleifpapier und Bleistift zur Hand hast.

Du brauchst…

Materialien zum Bau einer Fallspindel liegen auf einem Tisch. Ein Rundstab, ein Haken mit Gewinde, eine Kabeldurchführungstülle (Aufsicht), eine Kabeldurchführungstülle (Seitliche Ansicht), eine kreisrunde Spanplatte 10cm, eine alte CD.
Aus diesen Dingen kannst Du eine Kopf- oder eine Fußspindel bauen.

…eine Scheibe mit einem Loch genau in der Mitte, z.B. eine alte CD oder eine Spanplatte. Die Platte sollte nicht zu schwer und nicht zu leicht sein, für die gesamte Spindel ist ein Gewicht von 30g bis 50g am Anfang gut geeignet. Eine CD ist eher auf der leichten Seite, eventuell kann man sie durch dekorative Elemente (aufgeklebte Perlen etc.) noch etwas schwerer machen. Auch Spielzeug-Räder aus Holz oder in Scheiben geschnittene Türstopper wären denkbar. Die sind jedoch schwerer und haben einen kleineren Durchmesser, dadurch drehen sie recht schnell. Das finde ich persönlich gerade am Anfang nicht ganz so einfach. Meine Scheibe ist von Bütic (klicke hier entlang) und hat die Maße 10cm / Loch 1cm / Dicke 3mm.

…einen Rundstab, ca 25 -27cm lang. Der Durchmesser des Stabes sollte 1-2mm kleiner sein als das Loch in der Scheibe. Mein Rundstab war aus Buche und 8mm dick. Sowohl die glatten als auch die geriffelten funktionieren, aber sie müssen gerade sein. Im Baumarkt sind viele krumm und schief, daher lege ihn vor dem Kauf gegen eine Regalwand im Baumarkt und prüfe, ob er auch beim Drehen gerade ist.

Kabeldurchführungstüllen (ich liebe dieses Wort!). Die gibt es z.B. hier in verschiedenen Ausführungen. Die Maße der Tüllen müssen auf die Dicke der Scheibe und den Durchmesser des Stabes abgestimmt sein (in meinem Fall 3mm und 8mm). Der äußere Durchmesser der Tülle sollte gut in das Loch der Scheibe passen, das war bei mir etwas zu eng (11mm mussten in 10mm…) und daher fummelig.

…einen offenen Haken mit Gewinde, wenn Du einen verwenden möchtest. Er sollte nicht zu klein sein, denn da führst Du später den Faden durch. Die Spindel funktioniert aber auch ohne Haken.

So baust Du die Fallspindel zusammen

  1. Bereite den Spindelstab vor, indem Du ihn ggf. auf die richtige Länge absägst und mit Schleifpapier glattschleifst. Eine Länge von 25 – 27 cm sind in der Regel ganz gut (die Stäbe im Bild sind 26cm lang). Lass sie lieber etwas zu lang als zu kurz.
  2. Prüfe, ob die Kabeldurchführungstüllen (dieses Wort!) gut in das Loch der Scheibe passen. Sie dürfen nicht zu locker sitzen, denn es ist wichtig, dass Stab und Scheibe eine so enge Verbindung haben, dass sie nicht gegeneinander verrutschen. Wenn Du den Stab andrehst, muss der Wirtel mitgetragen werden. Wenn Du das Gefühl hast, es passt gut, verziere gerne noch die Scheibe, bevor Du endgültig die Kabelduchführungstülle einsetzt. Das Einsetzen ist manchmal etwas fummelig.
  3. Nun kannst Du, wenn Du einen Haken verwenden möchtest, ein Loch in eine Stirnseite des Stabes bohren. Den Haken würde ich erst eindrehen, wenn die Scheibe auf dem Stab steckt.
  4. Nun kommt der Stab auf die Scheibe – einfach draufschieben. Je nachdem, ob Du eine Hochwirtel- oder eine Tiefwirtelspindel haben möchtest, ist die Scheibe näher am Haken (=oben) oder weiter weg (=unten). Probiere einfach beides aus.
  5. Haken eindrehen.
  6. Fertig!

Wenn Du keinen Haken hast, arbeitest Du am besten mit einem Halbschlag, um den Faden an der Oberseite der Spindel zu befestigen.

Die einfachste Spindel der Welt bauen

Fallspindel zu kompliziert? Du hast grad keine CD zur Hand? Versuch es doch mal mit dieser Art Spindel:

Eine "maya"-Spindel mit begonnenem  weißen Faden liegt auf einem Lattentisch. Auf dem Spindelstab steckt eine goldfarbig angemalte Perle.
Die einfachste Spindel der Welt.

Ich habe sie unter dem Begriff „Maya-Spindel“ kennengelernt, bin mir aber nicht sicher, was die Maya damit zu tun haben. Man hält den Stab fest und wirbelt die flache Leiste einfach immer in eine Richtung herum. In diesem youtube-Video wird gezeigt, wie das funktioniert.

Du brauchst:

... einen Rundstab

… eine Holzleiste ( meine mißt 20 cm x 3 cm)

… eine Perle o.ä.

… Kleber oder Holzleim (für die Perle)

Auf einem braunen Lattentisch liegen die Materialien, die für eine Maya-Spindel benötigt werden: Eine Holzleiste mit einem seitlich angesetzten Loch, ein Rundstab und eine zum Rundstab passende Holzperle.
Material für die einfachste Spindel der Welt

So baust Du die einfachste Spindel der Welt

  1. In die Holzleiste an einem Ende mittig ein Loch bohren, das deutlich größer ist als der Stab, der durchgesteckt wird. Die Leiste muss sich leicht um den Stab drehen können.
  2. An einem Ende des Rundstabes klebst Du eine große Perle an. Du kannst auch etwas aus Fimo, Knete oder Ton basteln.
  3. Rundstab durch das Loch der Leiste stecken
  4. Fertig!

Viel Spaß beim Nachbauen!

Noch ein paar Tipps gefällig? Hier habe ich meine besten Empfehlungen für Spinn-Anfänger zusammengefasst.

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