Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Die (Wieder-) Entdeckung farbig gewachsener Baumwolle (Teil1)

Farbig gewachsene Baumwolle ist etwas ganz Besonderes. Obwohl es vor der industriellen Revolution viele Farbtöne gab, gerieten diese meist weniger ertragreichen Arten in Vergessenheit und wurden erst Ende des letzten Jahrhunderts in einem archäologischen Projekt wiederentdeckt. Dass heute wieder natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut und zu Produkten verarbeitet und verkauft wird, ist der Verdienst weniger sehr engagierter Menschen. Bevor ich in den nächsten Artikeln dieser Mini-Serie auf das Spinnen eingehe, gebe ich Dir hier schon mal einen Überblick vorneweg.

Neulich gab es was Schönes im Shop der Handspinngilde – farbig gewachsene Baumwolle! Da musste ich natürlich zugreifen und meine…sagen wir mal…rudimentären Kenntnisse im Baumwolle spinnen trainieren. Und da ich ja jetzt diesen wunderbaren Blog habe, kann ich euch auch gleich mal mitnehmen auf meinen kleinen Abstecher in die Welt der Zellulosefasern…Ich werde Euch berichten, wie sich die einzelnen Farben und Fasern verhalten und wie ich sie verspinne. Das Spinnen selbst wird sich wohl noch etwas hinziehen, daher werde ich euch hier schon mal ein paar Fakten und interessante links zusammenstellen (obwohl man da wohl ganze Bücher zu schreiben könnte!).

Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.
Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.

Baumwolle – Pflanzenmerkmale und Kultivierung

Die Baumwollpflanze gehört zur Familie der Malvengewächse (zu der auch der Hibiskus gehört). Sie wächst buschig und wird zwischen 25cm und 2m hoch. Unter geeigneten Bedingungen kann sie bis zu 15 Jahre alt werden, allerdings wird sie oft nur einjährig angebaut. Die zur Textilherstellung genutzten Baumwollfasern sind die Samenhaare, die aus der Epidermis der Samen gebildet werden und die Samen der Pflanze umgeben. Sie befinden sich in den Baumwollkapseln, die im reifen Stadium aufspringen und dann geerntet werden können. Die Fasern haben je nach Art eine Länge von 10 – 55mm.

Die Pflanzen haben einen sehr hohen Wasserbedarf, so dass eine landwirtschaftliche Nutzung vor allem an ein ausgefeiltes Bewässerungssystem gekoppelt sein muss. So ist z.B. die Austrocknung des Aralsees zurückzuführen auf Fehlplanung der Bewässerung für die umliegenden Baumwollfelder.

Interessanterweise wurde die Baumwolle unabhängig voneinander von vier verschiedenen Völkern domestiziert, zwei Mal in der Neuen Welt (vor allem Südamerika) und zwei Mal in der Alten Welt (hauptsächlich Asien und Afrika).

Von den ca. 300 heute existierenden Baumwollpflanzenarten werden nur 4 landwirtschaftlich genutzt, sie sind alle weiß. Die heute unter Mako- oder Pima-Baumwolle aus Ägypten bekannte Baumwolle ist das Ergebnis von Züchtungen, die mit der Industriellen Verarbeitung von Baumwolle angestrengt wurden, um den Ertrag und die Fasereigenschaften auf die maschinelle Verarbeitung zu optimieren.

Eine getrocknete geöffnete weiße Baumwollkapsel auf schwarzem Hintergrund, darüber liegen von Faserresten umgebene Samen.
Eine Baumwollkapsel, die ich in einem Kurs erhalten habe. Darüber liegen von Faserresten umgebene Samen, von denen ich sozusagen die Fasern „abgesponnen“ habe, bis nur noch die Samen übrig blieben.

Farbig gewachsene Baumwolle

Daneben gibt es aber auch farbig gewachsene Baumwollarten in verschiedenen Braun- und Grüntönen. Sie wurden in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vom amerikanischen Anthropologen James M Vreeland auf einer Forschungsreise in Südamerika „wiederentdeckt“ (hier hat er einen sehr interessanten Artikel geschrieben, den Spektrum der Wissenschaft übersetzt hat). Seitdem hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und einen reichen Wissensschatz zu den historischen Zusammenhängen zusammengetragen, den ich hier gar nicht wiedergeben kann.

Erstaunt hat mich aber, dass die industrielle Verwendung farbig gewachsener Baumwolle gar nicht so lange zurückliegt: Offenbar kam sie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges das letzte Mal in größerem Maßstab industriell zum Einsatz- weil aufgrund des Krieges die synthetischen Farbstoffe knapp waren. Auch in den USA wurde in den 1930er Jahren noch natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut (Acadian Brown Cotton). Seitdem ist es jedoch (ähnlich wie bei Schafwolle) einfach günstiger, weiße Baumwolle anzubauen und diese dann mit billigen synthetisch hergestellten Farbstoffen bunt zu färben.

Warum wird so wenig natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut?

Warum kann man die farbigen Baumwollen nicht einfach wieder anbauen, fragte ich mich? Nun, offenbar haben die farbigen Varianten oft kürzere, gröbere Fasern. Dadurch sind sie für die industrielle Verarbeitung weniger geeignet als die 4 speziell dafür gezüchteten Hochleistungs-Varianten. Außerdem ist ihre Vegetationsperiode nicht so gut an die Anforderungen der Industrie angepasst. Die Samen werden über einen längeren Zeitraum reif, so dass beim Ernten mit Maschinen sowohl unreife als auch reife Kapseln geerntet werden, was sowohl die Qualität als auch die Ausbeute an Fasern senkt. Alternativ kann per Hand gepflückt werden (was auch gemacht wird), dies führt allerdings zu erhöhten Preisen und geht auch nicht so schnell wie mit Maschinen.

Kleine Mengen natürlich pigmentierter Baumwolle liegen auf schwarzem Untergrund. Ein weißes Lineal am linken Bildrand ermöglicht die EInschätzung der Faserlänge, sie bewegt sich um die 2cm.
Faserlängen natürlich pigmentierter Baumwolle. V.l.n.r. macchiato, senfgrün, weiß, chocolate.

James Vreeland gründete 1982 das “Native Cotton Project”, das sich der Wiederbelebung des Anbaus und der Verwendung farbiger Baumwollvarianten widmet. Dadurch wird den Bauern dort die Möglichkeit gegeben, aus dem (illegalen) Koka-Anbau auszusteigen und trotzdem ihre Familien ernähren zu können. Unter dem Markennamen „Pakucho“ (braune Baumwolle) wird diese Baumwolle von einer Textilfirma weltweit vertrieben.

Mittlerweile gibt es weitere Initiativen, die den Erhalt der pigmentierten Baumwolle im Fokus haben , so die 1991 gegründete Kooperative “Pakucho Pax” , oder auch die US-amerikanische Fibershed-Bewegung und hier insbesondere Sally Fox, die pigmentierte Baumwolle 1989 in den Staaten auf den Markt gebracht hat.

Industrielle Verarbeitung

Die Schwierigkeit in der industriellen Verarbeitung besteht darin, die Samenhaare sauber von den Samen und den Kapsel- und anderen Pflanzenresten zu trennen. Bei der maschinellen Ernte müssen die Pflanzen laubfrei sein – entweder durch Frost oder durch Entlaubungsmittel. Die Erntemaschinen können zudem unreife oder überreife Kapseln nicht von reifen unterscheiden und ernten einfach alles. Das spiegelt sich in einer Qualität wieder, die eben auch minderwertige unreife und überreife Fasern enthält. Bei der Handpflückung hingegen erhält man qualitativ sehr viel hochwertigere Fasern, da nur die reifen Kapseln gepflückt werden und so weniger Schmutz und Pflanzenreste in den Fasern enthalten sind.

In der Textilindustrie unterscheidet man Baumwollqualitäten hauptsächlich nach der Faserlänge und teilt sie in 3 Kategorien ein

  • Fasern über 32mm Länge (z.B. Ägyptische Mako-Baumwolle, Peruanische Pima-Baumwolle) werden als besonders hochwertig eingestuft, machen aber nur einen ca. 2% der Weltproduktion aus.
  • Fasern mit 25 – 30mm wie z.B. die weiße Upland-Baumwolle Gossypium hirsutum sind von mittlerer Qualität und stellen ca. 90% der Weltproduktion. Diese Baumwolle stammt zwar ursprünglich aus Amerika, wird aber auf der ganzen Welt angebaut.
  • Fasern unter 25mm Länge spielt nur eine untergeordnete Rolle (z.B. Zellstoffherstellung).

Neben dem oben schon angedeuteten sehr hohen Wasserbedarf sind auch Schädlinge ein großes Problem im industriellen Baumwoll-Anbau. Daher werden im konventionellen Anbau viele Pestizide eingesetzt. Außerdem wurden genmodifizierte Baumwolle-Varianten entwickelt (sogenannte Bt-Baumwolle). Diese Pflanzen wurden so verändert, dass sie ein für bestimmte Insekten tödliches Protein, das Bt-Toxin, herstellen. Das zusätzliche Gen, das diese genmodifizierten Baumwollpflanzen tragen, stammt aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (daher der Name Bt-Baumwolle). Dieses Protein ist nur für bestimmte Insekten tödlich, so daß Schädlinge gezielt bekämpft werden können. Dadurch ist es möglich, den breiten Einsatz von Insektiziden zu verringern. Das wiederum zieht weniger Gesundheitsschädigungen durch Kontakt mit diesen Substanzen und auch weniger Eintrag von Insektiziden in das Grundwasser nach sich. Dennoch ist der Einsatz genmodifizierter Baumwolle hochumstritten.

Nun aber zum praktischen Teil: Die Fasern

Die Baumwollfaser ist eine Zellulosefaser, also ein Kohlenhydratpolymer. In der unreifen (d.h. nicht geöffneten) Kapsel weist sie einen kreisrunden Querschnitt auf. Dieser Querschnitt wird nierenförmig, sobald sich die Kapsel öffnet und die Fasern trocknen. Dabei verdreht sich die Faser dann auch korkenzieherartig um ihre Längsachse. (Ich finde, ein bißchen sieht das aus wie ein länglicher Luftballon, den man aufgeblasen und danach die Luft wieder abgelassen hat…).

Elektronenmikroslopische Aufnahme von Baumwollfasern.
Raterelektronenmikroskopische Aufnahme von Baumwollfasern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwollfaser

Durch den inneren Hohlraum kann sie sehr gut Feuchtigkeit aufnehmen. Baumwolle hat keine Schuppen, wie wir sie von der Wolle kennen, daher filzt sie auch nicht wirklich. Stattdessen hat sie sogenannte Tageslamellen. Eine ganz wunderbare Einführung zum Thema Baumwolle bietet die kostenlose Lernplattform textil trainer an, die mir freundlicherweise auch die Abbildung zur Baumwollfaser zur Verfügung gestellt hat.

3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von Textiltrainer, erstellt von chemmedia AG.
3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von textil trainer, erstellt von chemmedia AG.

Das Spinnen der Fasern…

Baumwolle mit der Hand zu spinnen ist gar nicht so schwer, aber wenn man bislang nur Wolle in der Hand hatte, muss man sich etwas umgewöhnen. Die sehr kurze Faserlänge erfordert viel Drall, damit der Faden einigermaßen gut hält. Im nächsten Teil der Serie zeige ich Dir, wie ich die Fasern aufbereitet und gesponnen habe, und welche Gerätschaften ich dafür benutzt habe – so stay tuned 🙂

Weiterführende Links

zu pigmentierter Baumwolle:
https://schrotundkorn.de/umwelt/farbige-baumwolle
https://nichtnurmama.de/naturfasern/farbig-gewachsene-baumwolle/
https://nichtnurmama.de/naturfasern/herkunft-von-baumwolle/
http://www.eberhardprinz.de/blog/?p=6346
https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle
https://www.spektrum.de/magazin/von-natur-aus-farbige-baumwolleeine-vergessene-textiltradition-wieder-im-trend/825639
pdf von cotton.org (Marktübersicht, inkl. Kontaktadressen)

...zur Firma von James M Vreeland jr.:
https://perunaturtex.com/about-us/

… zu klassischem Baumwollanbau

(https://fibershed.org/2015/08/23/classical-cotton-breeding/)

Bilder zum Pinnen:

2 Kommentare

  1. Birgit Susemihl

    Was für tolle Farben! Ich wusste gar nicht, dass es farbig gewachsene Baumwolle gibt. Die würde ich gerne mal verstricken! Ich bin sehr gespannt auf deine Erfahrungen mit dem Verspinnen.

    • faserexperimente

      Vielen Dank für den lieben Kommentar! Die Artikel zum Verspinnen sind für nächstes Jahr geplant (Jan-Feb), ich werde definitiv auf Instagram dazu posten.

      Man kann die Pakucho- Baumwolle auch kaufen (als Strickgarn), schau mal bei Strickfairliebt.

      Hey Mama Wolf hat gerade mit Pflanzenfarben sehr schön gefärbte Pakucho-Baumwolle (hier mal klicken) , allerdings ist das mit Naturfarben überfärbte weiße Pakucho-Baumwolle.

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