Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Kategorie: Spinnen

In dieser Kategorie gibt es Artikel rund um das Spinnen – Techniken, Werkzeuge, Anleitungen und vieles mehr.

Wie baue ich eine Handspindel?

Du möchtest gerne mal das Handspinnen ausprobieren? Du bist Dir aber noch nicht sicher, ob das was für Dich ist und möchtest (noch) nicht in eine Spindel investieren? Hier zeige ich Dir, wie Du mit 3 – 4 einfachen Materialien selber verschiedene Handspindeln bauen kannst – Kopfspindel, Fußspindel oder „Maya“-Spindel.

Eine Fallspindel bauen

Fallspindeln bestehen aus einem Spindelstab und einem Wirtel (das ist die Scheibe im Bild oben). Der Wirtel kann verschiedenste Formen und Größen haben, und Form und Größe wiederum haben einen Einfluss darauf, wie die Spindel sich dreht (z.B schnell und kurz oder langsam und lange).

Oft wird am oberen Ende auch ein Haken angebracht, das ist allerdings nicht unbedingt erforderlich.

Je nachdem, wo der Wirtel sitzt, hat man eine Fuß- bzw. Tiefwirtelspindel oder aber eine Kopf- bzw. Hochwirtelspindel in der Hand. Welche Du verwendest, ist eine Frage der Vorliebe und Du probierst es am besten aus. Das Gute ist: mit dieser Anleitung kannst Du beide bauen 🙂

Zum Bauen selbst ist es hilfreich, wenn Du Säge, Bohrer, Feile, Schleifpapier und Bleistift zur Hand hast.

Du brauchst…

Materialien zum Bau einer Fallspindel liegen auf einem Tisch. Ein Rundstab, ein Haken mit Gewinde, eine Kabeldurchführungstülle (Aufsicht), eine Kabeldurchführungstülle (Seitliche Ansicht), eine kreisrunde Spanplatte 10cm, eine alte CD.
Aus diesen Dingen kannst Du eine Kopf- oder eine Fußspindel bauen.

…eine Scheibe mit einem Loch genau in der Mitte, z.B. eine alte CD oder eine Spanplatte. Die Platte sollte nicht zu schwer und nicht zu leicht sein, für die gesamte Spindel ist ein Gewicht von 30g bis 50g am Anfang gut geeignet. Eine CD ist eher auf der leichten Seite, eventuell kann man sie durch dekorative Elemente (aufgeklebte Perlen etc.) noch etwas schwerer machen. Auch Spielzeug-Räder aus Holz oder in Scheiben geschnittene Türstopper wären denkbar. Die sind jedoch schwerer und haben einen kleineren Durchmesser, dadurch drehen sie recht schnell. Das finde ich persönlich gerade am Anfang nicht ganz so einfach. Meine Scheibe ist von Bütic (klicke hier entlang) und hat die Maße 10cm / Loch 1cm / Dicke 3mm.

…einen Rundstab, ca 25 -27cm lang. Der Durchmesser des Stabes sollte 1-2mm kleiner sein als das Loch in der Scheibe. Mein Rundstab war aus Buche und 8mm dick. Sowohl die glatten als auch die geriffelten funktionieren, aber sie müssen gerade sein. Im Baumarkt sind viele krumm und schief, daher lege ihn vor dem Kauf gegen eine Regalwand im Baumarkt und prüfe, ob er auch beim Drehen gerade ist.

Kabeldurchführungstüllen (ich liebe dieses Wort!). Die gibt es z.B. hier in verschiedenen Ausführungen. Die Maße der Tüllen müssen auf die Dicke der Scheibe und den Durchmesser des Stabes abgestimmt sein (in meinem Fall 3mm und 8mm). Der äußere Durchmesser der Tülle sollte gut in das Loch der Scheibe passen, das war bei mir etwas zu eng (11mm mussten in 10mm…) und daher fummelig.

…einen offenen Haken mit Gewinde, wenn Du einen verwenden möchtest. Er sollte nicht zu klein sein, denn da führst Du später den Faden durch. Die Spindel funktioniert aber auch ohne Haken.

So baust Du die Fallspindel zusammen

  1. Bereite den Spindelstab vor, indem Du ihn ggf. auf die richtige Länge absägst und mit Schleifpapier glattschleifst. Eine Länge von 25 – 27 cm sind in der Regel ganz gut (die Stäbe im Bild sind 26cm lang). Lass sie lieber etwas zu lang als zu kurz.
  2. Prüfe, ob die Kabeldurchführungstüllen (dieses Wort!) gut in das Loch der Scheibe passen. Sie dürfen nicht zu locker sitzen, denn es ist wichtig, dass Stab und Scheibe eine so enge Verbindung haben, dass sie nicht gegeneinander verrutschen. Wenn Du den Stab andrehst, muss der Wirtel mitgetragen werden. Wenn Du das Gefühl hast, es passt gut, verziere gerne noch die Scheibe, bevor Du endgültig die Kabelduchführungstülle einsetzt. Das Einsetzen ist manchmal etwas fummelig.
  3. Nun kannst Du, wenn Du einen Haken verwenden möchtest, ein Loch in eine Stirnseite des Stabes bohren. Den Haken würde ich erst eindrehen, wenn die Scheibe auf dem Stab steckt.
  4. Nun kommt der Stab auf die Scheibe – einfach draufschieben. Je nachdem, ob Du eine Hochwirtel- oder eine Tiefwirtelspindel haben möchtest, ist die Scheibe näher am Haken (=oben) oder weiter weg (=unten). Probiere einfach beides aus.
  5. Haken eindrehen.
  6. Fertig!

Wenn Du keinen Haken hast, arbeitest Du am besten mit einem Halbschlag, um den Faden an der Oberseite der Spindel zu befestigen.

Die einfachste Spindel der Welt bauen

Fallspindel zu kompliziert? Du hast grad keine CD zur Hand? Versuch es doch mal mit dieser Art Spindel:

Eine "maya"-Spindel mit begonnenem  weißen Faden liegt auf einem Lattentisch. Auf dem Spindelstab steckt eine goldfarbig angemalte Perle.
Die einfachste Spindel der Welt.

Ich habe sie unter dem Begriff „Maya-Spindel“ kennengelernt, bin mir aber nicht sicher, was die Maya damit zu tun haben. Man hält den Stab fest und wirbelt die flache Leiste einfach immer in eine Richtung herum. In diesem youtube-Video wird gezeigt, wie das funktioniert.

Du brauchst:

... einen Rundstab

… eine Holzleiste ( meine mißt 20 cm x 3 cm)

… eine Perle o.ä.

… Kleber oder Holzleim (für die Perle)

Auf einem braunen Lattentisch liegen die Materialien, die für eine Maya-Spindel benötigt werden: Eine Holzleiste mit einem seitlich angesetzten Loch, ein Rundstab und eine zum Rundstab passende Holzperle.
Material für die einfachste Spindel der Welt

So baust Du die einfachste Spindel der Welt

  1. In die Holzleiste an einem Ende mittig ein Loch bohren, das deutlich größer ist als der Stab, der durchgesteckt wird. Die Leiste muss sich leicht um den Stab drehen können.
  2. An einem Ende des Rundstabes klebst Du eine große Perle an. Du kannst auch etwas aus Fimo, Knete oder Ton basteln.
  3. Rundstab durch das Loch der Leiste stecken
  4. Fertig!

Viel Spaß beim Nachbauen!

Noch ein paar Tipps gefällig? Hier habe ich meine besten Empfehlungen für Spinn-Anfänger zusammengefasst.

Meine Tipps für Spinn-Anfänger

Du möchtest das Handspinnen lernen, weißt aber nicht genau, ob das was für Dich ist? Du weißt nicht, wie und wo Du anfangen sollst, und was man alles braucht? Hier habe ich Dir meine Tipps für einen guten Start zusammengestellt.

(Dieser Blog-Post enthält Verlinkungen zu Shops und ich kennzeichne ihn hiermit als #werbung. Hinter den links findest Du Anregung und Illustration, ob Du das magst, musst Du selber entscheiden 😊. Ich bekomme dafür jedenfalls keine Gegenleistung der verlinkten Seiten.)

Tipp 1: Fang an mit dem, was Dir zur Verfügung steht!

Wenn Du jetzt sofort anfangen möchtest und es ganz schnell gehen soll, probier es doch mal mit Fingerspinnen! Einfach was immer Du verwenden möchtest (Stoffstreifen, Garnreste, Papierstreifen, ausgekämmte Unterwolle von Omas Hund…) ein bißchen mit den Fingern zu einem Faden verzwirbeln, unter leichter Spannung halten und auf einen Holzstab / Bleistift / Kochlöffel o.ä. aufwickeln. Du kannst auch ein Stöckchen vom letzten Waldspaziergang benutzen. So kannst Du quasi sofort loslegen.

Du kannst Dir auch selber eine Spindel bauen (darüber habe ich hier schon etwas geschrieben). Mit Handspindeln lernst Du die nötigen Bewegungen langsam und in Etappen (z.B. mit der Park-and-Draft-Methode wie Chantimanou es zeigt) und hast Zeit, Deine 6 – 8 Hände zu koordinieren. Dabei merkst Du relativ schnell, ob Du Feuer fängst oder eher nicht.

Keine passenden Bauteile zur Hand? Du kannst auch eine fertige Spindel oder ganze Anfängersets kaufen. Sie kosten je nach Ausführung meist zwischen 8 und 60 Euro. Schau doch mal bei Flinkhand, Frau Wöllfchen oder bei den Wollschaaarfs vorbei. Wenn Du gleich was richtig schönes kaufen möchtest, dann geh mal beim Spindelstübchen stöbern. Peter Locke von Wolle-online hat schlichte aber sehr gute Lern-Spindeln, und Das Wollschaf hat oft schöne Exemplare. Besonders kunstvoll sind die Modelle von der Regenbogenwolle und von KnitArt. Bei Ernst Drab in Österreich gibt es sogar welche mit Wechselstab – sehr praktisch.

Tipp 2: Probiere es auch am Spinnrad!

Manche Menschen kommen mit Handspindeln nicht gut klar, für sie funktioniert es am Spinnrad besser. Wenn Du also mit den Handspindeln nicht glücklich bist, probiere es unbedingt auch an einem Spinnrad aus, bevor Du komplett das Handtuch wirfst.

Kennst Du jemanden, dessen Rad Du mal probetreten kannst? Super! Wenn Du niemanden kennst, frag bei der Handspinngilde, ob es in Deiner Nähe eine Spinngruppe gibt – dort wird Dir in der Regel gerne geholfen. Gibt es niemanden in Deiner Nähe, dann hast Du immer noch die Option, Spinnräder gegen eine Leihgebühr auszuleihen. Auf Märkten oder Wollefesten gibt es oftmals Ausstellungsmodelle. In den letzten Jahren war auf dem Leipziger Wollefest ein Stand von Filzrausch, an dem man Spinnräder ausprobieren konnte. Falls Du in der Nähe bist, lohnt sich sicher auch ein Besuch im KnitArt-Studio bei Frau Schreier in Hamm.

Ich rate Dir davon ab, Dein erstes Spinnrad bei einem bekannten online-Auktionshaus zu kaufen – zumindest solange Du noch nicht einschätzen kannst, ob es funktioniert. Oft werden Räder von Menschen angeboten, die die Funktionsweise gar nicht kennen. Es wird dann als funktionsfähig angeboten, wenn man nur das Antriebsrad drehen kann. Dass da noch mehr dazugehört, wissen viele Verkäufer meist gar nicht. Zudem ist es für viele dieser Räder schwierig, an Ersatzteile zu kommen, wenn man nicht einen guten Drechsler an der Hand hat. Wenn es aber unbedingt so eines sein soll – probiere es vorher aus und nimm Dir jemanden mit, der sich damit auskennt.

Wenn Du dann vor einem Rad sitzt, kann ich Dir wieder nur die Videos von Chantimanou ans Herz legen, z.B. dieses hier.

Tipp 3: Es gibt keine Spinn-Polizei

Niemand wird Dir einen Bußgeld-Bescheid schicken, weil Du mit dem „falschen“ Material oder Gerät angefangen hast. Es gibt nicht „das Eine / Richtige [Wasauchimmer]“. Dein Projekt, Deine Regeln!

Alle sagen, Du solltest mit Eiderwolle am Spinnrad anfangen? Nun, ich habe mit Seiden-Hankies und einer (aus heutiger Sicht nicht besonders gut dafür geeigneten) Handspindel angefangen. Hat es Spaß gemacht? Absolut! Hab ich was dabei gelernt? Und ob! Ist es wichtig, womit Du anfängst? Nein, finde ich nicht. Wichtiger ist, DASS Du anfängst und Spaß hast.

Ja, es gibt Fasern, die sind nicht so super einfach zu verarbeiten, Angora zum Beispiel, ein Seidenkammzug oder Yak. Es gibt auch Faser- und Gerät-Kombinationen, die nur sehr schwer funktionieren werden (besagtes Angora und eine 80g schwere Fallspindel sind selbst für fortgeschrittene Spinner eine Herausforderung). Oft hört man, dass man nicht mit einer unterstützten Spindel Spinnen lernen soll. Aber: wenn Dein Herz danach schreit, dann versuche es! Und schnapp Dir jemanden, der Dich dabei begleitet 🙂

Tipp 4: Du brauchst nur wenige Werkzeuge.

Es gibt viele Werkzeuge, die man zum Spinnen und zur Faservorbereitung verwenden kann – Handkarden, Kammstationen, Trommelkarden, Hackle, Spinnrocken…. Aber insbesondere am Anfang, wenn Du Dir noch nicht so ganz sicher ist, ob Du dabeibleibst, gibt es günstigere Alternativen.

Meine am meisten genutzten Werkzeuge sind: meine Kreuzhaspel und meine Handkarden (72er Benadelung). Die Kreuzhaspel nutze ich zum Wickeln von Strängen. Mit den Handkarden bereite ich hauptsächlich gewaschene Rohwolle, die noch etwas Lanolin enthält, zum Spinnen vor. Und am Anfang brauchst Du selbst diese Werkzeuge nicht unbedingt – Stränge wickeln kann man auch über den Unterarm oder die Rückenlehne eines Stuhles, und zum Kardieren kannst Du auch Hundebürsten nehmen. Das ist zwar deutlich mühsamer und langsamer als mit Handkarden, aber wenn Du ohnehin Hundebürsten in der Schublade hast, brauchst Du erst mal nichts kaufen.

Trommelkarden und Kammstationen bedeuten schon eine gewisse Investition. Wenn Du wissen willst, wie Du mit diesen Geräten klarkommst, gibt es auch hier manchmal die Möglichkeit, sie bei Shops oder der Handspinngilde zu mieten oder zu leihen.

Tipp 5: Vernetze Dich in einer Community!

In der Gruppe spinnt es sich einfach schöner. Es ist immer jemand da, den Du fragen kannst, wenn mal was nicht klappt. Schau auf der Webseite der Handspinngilde, ob sich in Deiner Gegend eine Spinngruppe trifft. Wenn es im echten Leben nichts in Deiner Nähe gibt, versuche es online. Chantimanou veranstaltet für alle Patrons regelmäßig online Spinntreffen. Oder Du suchst auf Facebook nach einer Gruppe, die Dir zusagt.

Einmal im Jahr wird der worldwide spin in public day veranstaltet (dieses Jahr war er am 18. September). Überall auf der Welt treffen sich dann Spinner in der Öffentlichkeit, um gemeinsam ihrer Leidenschaft zu frönen und das Handwerk wieder etwas mehr ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Hier triffst Du auf jeden Fall auf die spinnerte community und kannst Dich mit anderen verbinden. Bei Instagram gibt es einen eigenen Account dafür : wwsipday.

Tipp 6: Bleib neugierig!

Faden spinnen kannst Du schon und Du fragst Dich: Was soll da jetzt noch kommen? Es gibt so viele Facetten rund ums Spinnen, dass man sich ständig neue Herausforderungen überlegen kann. Schon mal von der Tour de Fleece gehört? Oder von der Sheep-to-Sweater Competition? Art Yarn? Es gibt auch ein Buch, in dem übers Jahr verteilt jede Woche eine andere Art Garn gesponnen wird. Es heißt 51 Yarns to spin before you cast off, und es gab sogar ein Spin-along / Spinn-Mit.

Nahaufnahme eines Boucle-Garns in Lila- und Rosa-Tönen
Handgesponnenes Bouclé-Garn aus einem Mohair-Kammzug, einem Glitzer-Kern und einem Seidenfaden als Binder gesponnen. Eine Heidenarbeit, aber mit enormem Spaß-Faktor!

Du kannst Dich auch fragen, warum und was Du gerne spinnen möchtest. Interessieren Dich verschiedeneTechniken? Hast Du Schafe, deren Wolle Du verarbeiten möchtest? Möchtest Du die verschiedenen Wollqualitäten regionaler Schafrassen kennenlernen? Bist Du Textil-Künstler*in und möchtest ganz nach Deinen Vorstellungen Eigenes erschaffen? Nimm Dir kurz Zeit, darüber nachzudenken, dann ergibt sich einiges von selbst, z.B. wo Du Deine Wolle herbekommst oder welche Werkzeuge Du brauchst.
Für das Arbeiten mit Rohwolle könntest Du einmal beim Verband Deutscher Schaf- und Ziegenhalter suchen, ob es in Deiner Nähe Schafhalter gibt.

Wenn Du lieber Kunstgarne herstellen möchtest und mit industriellen Kammzügen arbeitest, sind die einschlägigen Shops wahrscheinlich Dein erster Anlaufpunkt. Schau doch mal beim Mondschaf oder dibadu vorbei.

In diesem Sinne:

Frohes Spinnen!

Was ist Drall – und wie kann ich ihn nutzen, um mein Wunschgarn herzustellen?

An Drall kommt man als Handspinner nicht vorbei. Aber was ist das eigentlich, und wofür brauch ich das? Wie Du den richtigen Dreh mit dem Drall rausbekommst, erfährst Du in diesem Artikel.

Drall ist, laut Wikipedia , ein „technisches Fachwort aus dem niederdeutschen drillen für „drehen“ bzw. „herumdrehen“ “. Drall erzeugt man also, indem man Fasern miteinander verdreht. Wenn die Fasern so miteinander verdreht sind, dass sie nicht mehr auseinanderdriften, wenn man an beiden Enden zieht, dann hat man einen stabilen Faden. Dieser Zustand bzw. diese Drallmenge nennt sich auf englisch „fiber lock“, wörtlich übersetzt „Faser-Schloß“. (Einen richtig guten deutschen Begriff kenne ich nicht. Wenn Du einen kennst, schreib mir doch gerne einen Kommentar 😊).

Beim Spinnen von Garnen wird in der Regel an zwei Stellen Drall erzeugt: Beim Spinnen des Einzelfadens und beim Verzwirnen der Einzelfäden miteinander. Für das Verdrehen gibt es zwei Möglichkeiten: links herum (gegen den Uhrzeigersinn, von oben betrachtet) und rechts herum (mit dem Uhrzeigersinn, von oben betrachtet) bzw. „S“ und „Z“. Ob etwas S- oder Z-verdreht ist, kann man direkt am jeweiligen Faden oder Garn sehen:

Quelle: Wikipedia

Man kann also den Einzelfaden in Z-Richtung spinnen und dann 2 oder mehr Z-Fäden in S-Richtung miteinander verzwirnen, oder man macht es genau umgekehrt. Garne zum Stricken werden oft in Z-Richtung gesponnen und in S-Richtung gezwirnt. Leinen hingegen wird traditionell in S-Richtung gesponnen und Z verzwirnt.

Als ich mit dem Spinnen anfing, habe ich mir Drall auch als eine Art Energie vorgestellt, die im Faden gespeichert wird. Ein bestimmter Energiebetrag wird in einer Richtung in den Einzelfaden eingebracht. Durch Zwirnung in die Gegenrichtung um genau den gleichen Betrag wird der Faden dann ausgeglichen. (Ganz so einfach ist das nicht, dazu schreibe ich auch nochmal einen Artikel). Erkennen kann man die Energie, wenn man den gerade gesponnenen Faden lockerläßt: er kringelt sich in sich selbst zurück. Ein ausgeglichener Faden hängt gerade durch und kringelt sich nicht oder nur sehr wenig.

Indem man zwei (oder mehr) gleichartig versponnene Einzelfäden miteinander in die Gegenrichtung verdreht, nimmt man sozusagen die Energie wieder heraus und erhält ein ausgeglichenes Garn.

Drall und die Garneigenschaften

Prinzipiell gilt: mit wenig Drall wird ein Garn tendenziell weicher aber wenig abriebfest, mit viel Drall tendenziell härter und robuster. Wenn zu wenig Drall im Faden ist, können die Fasern beim Ziehen aneinander vorbeirutschen und der Faden reißt. Bei zu viel Drall steht der Faden unter sehr viel Spannung, ist hart und reißt ebenfalls leichter. Die Kunst ist also, einen Faden zu erzeugen, der genug Drall hat, um zusammenzuhalten, aber nicht so viel, dass er wieder reißt.

Und nun erinnern wir uns, dass wir ja beim Spinnen an zwei Stellen Drall erzeugen, erst beim Spinnen und dann beim Verzwirnen. An beiden Stellen kann man Einfluss darauf nehmen, wie das Garn sich später anfühlen soll. Will sagen: wenn ich ein abriebfestes Sockengarn haben möchte, muss ich anders spinnen als für ein luftig-flauschiges Garn für eine Mütze.

Zusammenhang zwischen Drallmenge und Garneigenschaften.

Ein stärker verzwirntes Garn ist auch tendenziell auch etwas kürzer ist als ein weniger stark verzwirntes. Das habe ich selbst einmal feststellen müssen, als ich einem fertig gesponnenen Garn im Nachhinein noch mehr Drall zugegeben habe. Das nachbearbeitete Garn hatte leicht an Länge eingebüßt (zum Glück nicht dramatisch). Dennoch kann man das im Hinterkopf behalten, wenn man auf jeden Zentimeter gesponnenes Garn angewiesen ist oder z.B. aus der kleinen Menge Luxusfaser von letzten Fasertausch die maximale Meterzahl herausholen möchte.

Hier habe ich versucht zu verdeutlichen, dass das Garn kürzer wird, je mehr Drall hinzukommt. Auch wenn der Effekt nicht enorm ist, kann es helfen, das im Hinterkopf zu behalten. Probier es einfach mal aus!

Dicke Garne brauchen weniger Drall als dünne Garne (gemessen in Drehungen pro cm Garnlänge). Das kann man leicht nachprüfen, wenn man mal 5 Minuten mit ein paar Fäden (oder den Kordeln der Jacke) herumexperimentiert.

Drall und die verwendeten Fasern

Wie viel Drall man für einen bestimmten Faden verwendet, hängt auch davon ab, welche Fasern verwendet werden. Je kürzer die Faser und je stärker sie gekräuselt ist, desto mehr Drall kann ich dem Faden bzw. dem Garn geben.

Als Faustregel gilt: Kurze Fasern brauchen viel Drall, lange Fasern brauchen weniger Drall.

Das bedeutet also: Für das Spinnen von Merino (Faser relativ kurz und stark gekräuselt) brauche ich mehr Drall als z.B. für Leicester Longwool (lange glatte Fasern mit wenigen Kräuselungen). Ein Garn aus Leicester Longwool mit zu viel Drall wird eine wunderbar seidig glänzende…Paketschnur.

Wie kann ich den Drall beeinflussen?

Das ist eigentlich ganz einfach. Für weniger Drall am Spinnrad kannst Du

  • die Anzahl der Tritte pro Auszug verringern
  • einen größeren Wirtel (=kleinere Übersetzung, z.B. 5:1) nehmen, wenn Du einen hast
  • den Einzug etwas verringern, wenn das bei Deinem Rad geht
  • alle diese Dinge kombinieren – probiere aus, was am besten geht

Wenn Du Spindeln verwendest, kannst Du

  • eine Fallspindel mit einem ausladenden, breiten Wirtel nehmen, dessen Schwerpunkt im Rand liegt.

Für mehr Drall am Spinnrad kannst Du

  • die Anzahl der Tritte pro Auszug erhöhen
  • einen kleineren Wirtel (=größere Übersetzung, z.B. 12:1) nehmen, wenn Du einen hast
  • den Einzug etwas erhöhen, wenn das bei Deinem Rad geht
  • alle diese Dinge kombinieren – probiere aus, was am besten geht

Wenn Du Spindeln verwendest kannst Du

  • eine Fallspindel mit einem kleinen, kugeligen Wirtel nehmen, dessen Schwerpunkt nah am Schaft liegt
  • eine unterstützte Spindel mit kleinem Wirtelteil verwenden (z.B. Orenburg-Spindel, Phang-Spindel)

Wie bestimme ich die Drallmenge?

Die Drallmenge bestimmst Du, indem Du Dir den Zwirnwinkel anschaust (bei Einzelfäden ist das etwas schwieriger zu sehen). Ein ganz normaler Winkelmesser aus Schulzeiten ist dabei hilfreich. Als Null-Linie nehme ich eine Linie quer zum Garn. Je spitzer der Winkel ist, desto mehr Drall hat das Garn. Ist der Winkel 90°, liegen beide Einzelfäden parallel nebeneinander und sind nicht verdreht.

Bestimmung des Zwirnwinkels (blaue Linien)

Außerdem kann man die Drehungen pro cm auszählen (oder die englische Variante twists per inch). Dafür zählt man die kleinen „Berge“, die die Einzelfäden machen, und teilt durch die Anzahl der Einzelfäden.

Die Quick-and-dirty-Methode ist: einfach ein Stück frisch gesponnenen Faden von der Spule ziehen, in sich selbst falten und loslassen (das ist eine Zwirnprobe). Ich nehme immer mindestens 30cm Faden dafür, zu kurz sollte das Stück nicht sein. Was Du dann siehst, ist quasi das ausgeglichene Garn, das Du aus diesem Faden erhalten würdest. Daran kannst Du abschätzen, ob Du weniger oder mehr Drall im Faden brauchst. Mache mehrere solcher Proben, notiere Dir verwendete Wirtel und Anzahl Tritte und behalte sie als Referenz bei Deinem Projekt.

Beachte: nimm unbedingt einen frisch gesponnenen Faden für die Probe. Wenn er nicht frisch gesponnen ist, sondern schon länger auf der Spule liegt, ist der Drall mit Sicherheit „eingeschlafen“ und Deine Zwirnprobe zeigt scheinbar viel zu wenig Drall. Sobald das Garn ins Entspannungsbad geht, wacht der Drall wieder auf und Dein Garn sieht anders aus, als Du es wolltest. Schau mal bei Chanti vorbei, sie hat das in einem Video gezeigt.

Am sichersten ist es, wenn Du eine Garnprobe machst, so wie eine Maschenprobe beim Stricken. Ich weiß, ich weiß, das dauert zu lange, Du willst spinnen und nicht Proben machen. Aber meine ganz klare Empfehlung: Lieber 10g probespinnen und zwirnen, waschen (ganz wichtig!) und eine kleine Strickprobe machen (auch ganz wichtig, wirklich!), als die ganze Pullovermenge auf gut Glück spinnen und hinterher feststellen, dass da doch ein bißchen viel Drall im Faden war… (Frag mich, woher ich das weiß…).

Was ist nun die richtige Drallmenge?

Das ist eine wirklich gute Frage und nur Du kannst sie beantworten, denn es ist Dein Garn. Um das herauszufinden, kannst Du Dir ein paar Gedanken zum Verwendungszweck und den Garn- und Strickproben machen.

  • Wofür wirst Du das Garn verwenden? Soll es eher ein robustes Sockengarn oder ein flauschiges Tuchgarn werden? Ist das Garn in der Probe so flauschig bzw. robust wie Du es wolltest?
  • Wie verhält sich die Strickprobe? Ist sie Dir zu hart, um sie auf der Haut zu tragen? Oder ist sie gar verzogen nach dem Waschen (Hinweis auf nicht ausgeglichenes Garn)? Pillt das Garn?
Nahaufnahme eines grauen und eines hellen Garns mit unterschiedlichen Zwirnwinkeln.
Das graue Garn hat einen deutlich kleineren Zwirnwinkel (also mehr Drall) als das helle, sehr weich gesponnene und gezwirnte Garn.

Aus meiner Erfahrung sagt das gesponnene Garn allein noch nicht genug aus. Wirklich aussagekräftig wird die Probe erst, wenn Du auch damit gestrickt hast, denn erst dann siehst Du, ob sich das Garn so verhält, wie Du es möchtest.


Ich hoffe, ich konnte Dir einen ersten Eindruck zum Thema Drall geben. Drall ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Bei mir ist der Knoten erst nach einer ganzen Weile geplatzt – nachdem ich wunderschöne seidig glänzende Paketschnur erzeugt habe.

Wenn Du noch mehr zum Thema lernen möchtest, empfehle ich Dir wärmstens die Videos von Chantimanou, z.B. dieses hier, dieses oder das hier.

Ich habe auch ein kleines Experiment zu diesem Thema gemacht – dazu gibst bald mehr, so stay tuned!

Färben mit Naturfarben – macht die Faser den Unterschied?

Nehmen unterschiedliche Schafrassen Naturfarben wie z.B. Krapp unterschiedlich an? Wird auf Merino das gleiche Färbeergebnis erzielt wie auf Coburger Fuchs oder Wensleydale? Diese Frage ließ mich nach einem Frisörbesuch nicht mehr los, also machte ich mich ans Experimentieren. Das Spinnen und Färben sowie die anschließende Auswertung zog sich über ein gutes halbes Jahr hin.
Dieser Artikel erschien in gekürzter Form im Magazin der Handspinngilde „Mit Spinnrad und Spindel“, Ausgabe 31 (Herbst 2020).

Ich saß entspannt beim Frisör, ließ meine Haare färben und blätterte in der Ausgabe „Down Breeds“ des PLY-Magazins (Frühling 2017). Einen Artikel fand ich besonders interessant: es ging um die Färbung verschiedener Rohwollen von Schafen der Down-/ Down-like Gruppe mit Säurefarbstoffen (S. 22-27 dort). Die Autorin erläutert ihre Methode zur Färbung (Redding Method of Dyeing, www.reddingmethod.com) und zeigt, dass Fasern verschiedener Down-Rassen bestimmte (Säure-) Farben unterschiedlich annehmen. Beispielsweise nahm Cheviot besonders rot gut an, Hampshire besonders blau und grün, Oxford hingegen nahm nur grün mit wirklich guter Sättigung an. Dies wurde von der Autorin auf die jeweilige Schuppenstruktur der Fasern (Schuppenfrequenz, -höhe, -breite und –länge) sowie deren internen Struktur (cell membrane complex (CMC), Cortex, sowie Proportionen und Orientierung der Zellen innerhalb des Cortex) zurückgeführt. Die Down-Wollen bezeichnete sie als Wolle mit niedriger Affinität (low affinity wools).

Diese Redding-Methode kannte ich nicht, und auch mit dem genauen Aufbau einer Wollfaser hatte ich mich noch nie auseinandergesetzt. Wie kommt die Farbe in die Faser, und wo genau ist sie da…? Meine Neugier war geweckt.

Etwas Theorie vorneweg

Werfen wir erst einmal einen Blick auf den Aufbau einer Wollfaser. Im Querschnitt einer Faser lassen sich mikroskopisch zwei verschiedene Regionen erkennen: Paracortex und Orthocortex, beide zusammen bilden den Cortex (vgl. Abbildung 1). Manchmal findet man auch einen Mesocortex, der liegt dann zwischen Ortho- und Paracortex. Unterschiede zwischen Ortho- und Paracortex sind, grob vereinfacht, für den Crimp (also die Kräuselung der Faser) verantwortlich.

schematische Abbildung einer Wollfaser mit Orthocortex und Paracortex
Verteilung von Ortho- und Paracortex innerhalb einer Faser. Quelle: https://www.researchgate.net/figure/Differential-staining-of-orthocortex-darker-region-and-paracortex-lighter-region_fig6_306259308 besucht am 19.06.2020.

Der Cortex wird von Cortexzellen gebildet, die sich über die gesamte Länge der Faser aneinanderreihen und das Keratin enthalten. Jede einzelne Cortexzelle ist wiederum von einem Zellmembrankomplex (engl. Cell Membrane Complex, CMC, s.o.) umgeben (vgl. Abbildung 2), eine Art „Zement“, der sich durch die gesamte Faser zieht.

Der äußere Teil der Faser wird von Schuppen ummantelt. Die Schuppen (engl. Cuticle Cells) sind einzelne, sich überlappende Zellen, die ebenfalls mit dem Zellmembrankomplex (dem „Zement“) in Kontakt stehen.

Schematischer Längsschnitt einer Wollfaser
Längsschnitt einer Wollfaser (schematisch).
Quelle: https://csiropedia.csiro.au/optim-fibre-processing/ besucht am 19.06.2020

Wie kommt nun die Farbe in die Faser?

Im Buch „The Coloration of Wool and other Keratin Fibres“ wird beschrieben, dass Farbstoffe hauptsächlich über die Zwischenräume zwischen den Schuppen in die Faser eindringen, sich über den Zellmembrankomplex im Inneren verteilen und schließlich in keratinhaltigen Bereichen binden. Für diesen Prozess werden erhöhte Temperaturen und eine ausreichend lange Verweilzeit im Färbebad benötigt, da sonst die Farbstoffe aufgrund unvollständiger Bindung wieder ausbluten können (S. 66, S. 68 f.). Jeanne M. Buccigross („The Science of Teaching with Natural Dyes“) beschreibt, dass nur ein Teil des Keratins Farbstoffe binden kann, da die großen Farbstoffmoleküle nicht in die dicht gepackten Keratin-Bereiche (Fibrillen) eindringen können sondern nur in lockerer gepackte, sog. Amorphe Bereiche (S.82).

Schematischer Aufbau einer Wollfaser, Makrodimension bis Molekulardimension
Abbildung 3. Schematischer Aufbau einer Wollfaser.
Quelle: https://www.scienceimage.csiro.au/library/textile/i/2489/diagram-of-wool-fibre-structure/ besucht am 19.06.2020

Der Färbevorgang läuft dabei in vier (kontinuierlichen) Schritten ab (nach Lewis & Rippon, S. 60):

  1. Diffusion des Farbstoffes durch das Färbebad zur Faseroberfläche (dieser Schritt läuft am schnellsten ab)
  2. Bindung des Farbstoffs an die Faser
  3. Transport des Farbstoffes über die Faseroberfläche nach innen
  4. Diffusion des Farbstoffes von der Oberfläche durch die gesamte Faser

Faktoren, die Einfluss auf das Färbeergebnis haben können, sind z.B. (unvollständige Liste):

  1. Lanolingehalt (könnte das Eindringen des Farbstoffes in die Faser verhindern),
  2. Menge des Farbstoffes im Färbebad (auch im Verhältnis zur Wollmenge)
  3. Art des Farbstoffs (molekulare / chemische Eigenschaften)
  4. pH, Anwesenheit von Salzen und Benetzungsmitteln

Unterschiede in der natürlichen Zusammensetzung des Zellmembrankomplexes (z.B. in Abhängigkeit von der Schafrasse) könnten diesen Überlegungen zufolge ebenfalls Einfluss auf die Färbeergebnisse haben, indem sie verschiedene Farbstoffe aufgrund ihrer molekularen / chemischen Eigenschaften unterschiedlich gut binden.

Das Experiment

Mir stellte sich nun die Frage, ob Fasern verschiedener Schafrassen Naturfarben genauso unterschiedlich binden wie die Säurefarbstoffe, die Frau Redding benutzt hat. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrungen mit Naturfarben gesammelt (vom Frisör mal abgesehen…).

So wurde die Idee geboren, Garne verschiedener Schafrassen mit Naturfarben zu färben und nach Unterschieden zu suchen. Da es fertige rassespezifische Garne in Deutschland nur sehr begrenzt zu kaufen gibt, bestellte ich kurzerhand 20 Kammzüge zu 100g beim Wollhändler meines Vertrauens und machte mich ans Spinnen. Jeder fertige 100g-Strang wurde in sechs ca. 15g-Strängchen unterteilt, die für das Färben zur Verfügung standen, die verbliebenen ca. 10g blieben ungefärbt als Referenz.

Auswahl der Fasern

Bei der Auswahl der Fasern sollten möglichst viele Fasergruppen (entsprechend Fleece and Fiber Source Book) berücksichtigt werden.

Die Zuordnung zu den dort definierten Gruppen war jedoch nicht immer eindeutig möglich, z.B. waren regionale Rassen wie etwa Coburger Fuchs im Buch nicht aufgeführt, und einige der kommerziell angebotenen Fasern schienen mehr auf ein Gemisch verschiedener Schafrassen einer Region hinzuweisen als eine wirkliche Rasse (z.B. Falkland, Island, Polarfuchs, Norwegische). In solchen Fällen habe ich die Fasern nach Spinnverhalten zugeordnet (z.B. Falkland), die nachfolgend vorgestellte Einteilung ist daher meine eigene. Wenn mehrere Farbvarianten zur Auswahl standen, habe ich mich für die weiße Faser entschieden.

Als weitere regionale Rasse wollte ich eigentlich neben Cobuger Fuchs auch das Bergschaf im Experiment berücksichtigen. Davon war allerdings zum Zeitpunkt der Bestellung kein Kammzug, sondern nur Vlies erhältlich. Die Faservorbereitung sollte aber für alle Fasern möglichst gleich sein, um Unterschiede in der Farbe durch verschiedene Faservorbereitungen und / oder Spinntechniken auszuschließen. Somit blieb es beim Coburger Fuchs als Deutsche Rasse.

Und so packte ich mir meinen virtuellen Einkaufswagen voll und hatte kurze Zeit später ein riesiges Paket Flausch vor der Tür.

Eine große Pappkiste voller kleiner Tüten mit Fasern
Ein Paket voller Flauschrausch 🙂

Nachfolgend stelle ich die Gruppen und jeweils verwendeten Fasern kurz vor. Nicht alle ausgewählten Fasern repräsentieren eine bestimmte Rasse, einige sind nur Bezeichnungen für die Herkunft der Fasern (z.B. Falkland, Polarfuchs, evtl. Finnische, Norwegische).

Gruppe 1: Down Breeds

  • Southdown: Hauptsächlich weiße Faser mit guter Kräuselung. Sie ergibt aus meiner Erfahrung elastische Garne, filzt schlecht und wird von mir daher gerne zum Spinnen von Sockenwolle verwendet
  • Suffolk: Die angebotene Faser war graues Suffolk. Beim Bestellen der Faser habe ich dies nicht hinterfragt, jedoch ist mir bei der genaueren Recherche im Fleece and Fiber Sourcebook ein Kommentar der Autorinnen aufgefallen (S. 80 dort). Sie weisen darauf hin, dass Suffolk weiße Schafe sind, jedoch eine kommerzielle Faser als „graues Suffolk“ angeboten wird. Diese Faser zeigt kaum Ähnlichkeit mit echtem Suffolk bezüglich Stapellänge, Kräuselung usw., eine Recherche der Autorinnen zur Identität der eingeflossenen Fasern erbrachte jedoch keine Ergebnisse. Ich habe die Faser dennoch aufgrund der schönen Naturfarbe im Experiment belassen.

Gruppe 2: Cheviot Gruppe

  • Cheviot: Weiße Fasern mit schöner Kräuselung, Down-ähnliche Eigenschaften, robust, filzt schlecht. Wird in Großbritannien zu den Hochlandrassen (Hill Breeds) gezählt.

Gruppe 3: English Longwools

  • Blue Faced Leicester: Lange, seidige Fasern mit schönem Glanz. Feiner als die anderen Longwools.
  • Teeswater: Sehr lange, glänzende Faser, gröber als Wensleydale, deutlich cremefarben.
  • Wensleydale: Sehr lange, glänzende Faser, gröber als Blue Faced Leicester, weiß.

Gruppe 4: Black Face Mountain Family

  • Swaledale: Den Angaben im Fleece & Fiber Sourcebook zufolge eine grobe Wolle, es hat mich jedoch sehr überrascht, wie weich sie doch war. Sie ist definitiv Pullover-geeignet! Matte, moderat gekräuselte Faser mit hellbrauner Farbe, obwohl die Abbildungen der Schafe weiße Wolle zeigten, nur die Lämmer sind dunkel. Mir stellte sich daher die Frage, ob es sich auch hier (ähnlich wie bei Suffolk) um ein Fasergemisch mit Namen „Swaledale“ handeln könnte, vgl. dazu auch den Abschnitt „What’s in a name?“ auf S. 16 und 17 im Fleece & Fiber Sourcebook. Hier wird die Garnlinie Purelife von Rowan beschrieben, die zwar Namen von Schafrassen tragen, aber aus einem Fasergemisch verschiedener britischer Rassen bestehen.

Gruppe 5: Merino / Fine Wools

  • Bio-Merino: Feine weiche Wolle, die wohl jeder kennt. Ich habe sie für die Färbungen als Referenzfaser verwendet.
  • Rambouillet: Feine, weiche Wolle, weniger Glanz als Merino (eher matt), aber aufgrund der Kräuselung sind die Garne elastischer als Merino.

Gruppe 6: Nordeuropäische Kurzschwanzschafe (Northern European Short-Tailed)

  • Finnische: Finnschaf-Wolle ist (im Gegensatz zu den anderen Rassen der Gruppe) single coated, sie filzt leicht und hat nur moderate Kräuselung. Meine Wolle war mittelweich/ robust und recht lang.
  • Island: Island-Schaf-Wolle ist Double coated. Diese Wolle war weiß, langstapelig und eher grob, anscheinend wurden Deckhaar und Unterhaar gemeinsam verarbeitet.
  • Polarfuchs: Nach meinen Recherchen ebenfalls Island-Wolle, Polarfuchs ist aber deutlich feiner. Möglicherweise wurden die Deckhaare abgetrennt und nur die weiche Unterwolle verarbeitet, dies ist aber nur eine Vermutung aufgrund der Weichheit der Faser. Hellbeige Farbe.
  • Norwegische: Laut „World of Wool“ eine der ältesten Schafrassen der Welt (https://www.worldofwool.co.uk/products/natural-wool-top-white-norwegian-top?_pos=3&_sid=af861e68a&_ss=r), ist jedoch nicht im Fleece & Fiber Sourcebook gelistet. Gröbere Wolle mit eher längerer Stapellänge, aber feiner als Isländische.
  • Shetland: Sehr vielfältige Wolle hinsichtlich z.B. Farbe und Feinheit, es gibt sowohl single als auch double coated. Interessanterweise kann sich die Bezeichnung „Shetland“ zum einen auf die Rasse beziehen (es gibt auch Shetland-Schafe außerhalb der Shetlandinseln), aber unabhängig von der Rasse auch auf die Herkunft (ähnlich wie bei „Falkland“). Dementsprechend kann ich nicht sicher sagen, ob die von mir verwendeten Fasern rassetypisch sind. Sie waren recht weich und dem Anschein nach nicht von double coated Schafen (wie z.B. Island).

Gruppe 7: Andere (Other)

  • Charollais: Ursprünglich entstanden im 19.Jh. aus der Kreuzung von Leicester Longwool und französischen Landrassen, auch Southdown. Die Fasern sind fein bis mittelweich und recht kurz.
  • Corriedale: Ursprünglich entstanden aus Lincoln, eventuell Leicester, und Merino in Neuseeland. Etwas längere, mittelfeine Fasern, gleichmäßige Kräuselung. Angenehm zu spinnen, robuster als Merino, aber noch recht weich.
  • Jacob: Sehr unterschiedliche Faserqualitäten sind möglich, eher auf der robusten Seite, Stichelhaare sind möglich. Kann Down-Breed ähnliche Eigenschaften aufweisen. Mein Kammzug war für robuste Fasern auf der weichen Seite.
  • Polwarth: Ursprünglich entstanden aus der Kreuzung von Merino-Böcken mit Merino/Lincoln Auen. Sehr feine Fasern, die sehr aufgeflufft sind. Mir ist nicht ganz klar, warum sie nicht unter „Fine Wools“ wie Merino geführt wird im Fleece & Fiber Sourcebook.
  • Falkland: Erwartet habe ich eine Merino- oder Polwarth-ähnliche, weiche Faser. Der Kammzug war jedoch eher auf der groben Seite und verhielt sich spinntechnisch eher wie eine grobe Longwool (lange Stapellänge). Daher habe ich diese Faser bei der Auswertung eher bei den Longwools angesiedelt.

Gruppe 8: Deutsche Rassen

  • Coburger Fuchs: Relativ grobe und matte, wenig gekräuselte Faser, der charakteristische rötliche Schimmer war nur schwach ausgeprägt, mein Kammzug war eher weiß mit wenigen rötlichen Haaren.

Spinnen der Fasern

Gesponnen habe ich die Garne auf meinem Lendrum DT mit dem Woollee Winder. Bei der Wahl der Spinntechnik spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen wollte ich die Länge der jeweiligen Fasern berücksichtigen, zum anderen war mein Ziel, mögliche Unterschiede bei den Färbungen durch die verwendete Spinntechnik auszuschließen. Ein kurzer Auszug mit Glattstreichen der Fasern führt zu einem eher glatten, tendenziell stärker glänzenden Garn, der lange Auszug jedoch eher zu einem matteren Garn, da das Licht von den Fasern in verschiedenste Richtungen reflektiert wird.

Meine Wahl fiel auf den kurzen Auszug, weil dieser für alle Kammzüge geeignet war (ausreichende Stapellänge) und den Glanz und somit die Farbbrillianz begünstigt. Ein langer Auszug hätte sich für die längeren Fasern (Longwools) wahrscheinlich weniger gut geeignet und den Glanz dieser Fasern wohl auch nicht so zur Geltung gebracht (ich habe es aber nicht ausprobiert).

In den meisten Fällen zog ich nach vorn aus, in einigen Fällen (z.B. Rambouillet, Charollais) eignete sich der kurze Auszug nach hinten besser für die Fasern. Glattgestrichen habe ich in beiden Fällen, wobei ich beim Charollais etwas Drall in die Auszugszone gelassen habe.

Um schön weiche Garne zu bekommen, habe ich mit möglichst wenig Spinndrall gesponnen (überwiegend 6:1) und dann mit etwas mehr Drall zweifach verzwirnt (10:1). Die genaue Drallmenge (Anzahl der Tritte pro Auszug / Zwirnlänge) richtete sich nach der jeweiligen Faser (Longwools deutlich weniger als Fasern mit mehr Kräuselung). Bis auf das BFL waren alle Garne für meinen Geschmack gut ausgeglichen.

Und damit das Ganze nicht zu einem Jahresprojekt ausufert, wollte ich die Garne eher etwas dicker als für mich üblich spinnen, wobei ich jedoch keine Ziel-Dicke im Kopf hatte. Innerhalb eines Garns habe ich versucht, so konsistent wie möglich zu spinnen.

Die Longswools habe ich zu Beginn des Projektes gesponnen. Sie sind deutlich dünner und näher an meinem „Autopilot-Garn“ als die zuletzt gesponnenen mit mehr Kräuselung. Dies hat seine Ursache sicher zum einen darin, dass ich mich anfangs noch an das „Dick-Spinnen“ heranarbeiten musste, zum anderen fluffen stärker gekräuselte Fasern nach dem Entspannungsbad aber auch deutlich stärker auf als z.B. die Longwools.

Jeder 100g-Strang wurde in sechs ca. 15g-Strängchen unterteilt, die für das Färben zur Verfügung standen, die verbliebenen ca. 10g blieben ungefärbt als Referenz.

Material: Fasern von „Das Wollschaf“, dort gibt es meines Wissens das größte Sortiment.

Gerät: Lendrum DT, Woolee Winder 6:1 und 10:1

Auszug: überwiegend kurzer Auszug nach vorne, in wenigen Fällen nach hinten (das ging z.B. bei Rambouillet und Charollais besser)

Finish: Entspannungsbad in lauwarmem Wasser, Stränge in Handtüchern ausgedrückt, etwas ausgeschlagen und hängend getrocknet.

Tabelle mit den Garnkennzahlen WPI, Lauflänge, TPI, Zwirnwinkel etc
Kennzahlen der gesponnenen Garne

Färben der Fasern

Für das Färben der Stränge holte ich mir professionelle Hilfe von einer Handfärberin, die sich auf naturgefärbte Garne spezialisiert hat. Da ich nur eine kleine Küche und auch nicht ausreichend Utensilien zum Färben großer Mengen habe, war ich sehr froh, unter Elkes Anleitung und tatkräftiger Mithilfe in ihrer Werkstatt arbeiten zu dürfen. Wir entwarfen einen Färbeplan und entschieden uns für folgende Kombinationen:

Tabelle verwendete Färbematerialien und -bedingungen
Verwendete Färbematerialien und -bedingungen.

Bei der Malvefärbung 1. Zug wurden die Blüten überbrüht und 15min ziehen lassen, bevor der Farbbeutel entfernt und die Wolle für die angegebene Zeit eingelegt wurde. Für den 2. Zug wurde der Färbebeutel wieder hineingegeben und 45 min ausgekocht. Anschließend wurde die Wolle eingelegt und gefärbt.

Die Extrakte wurden aus färbetaktischen Gründen gewählt (kein Einweichen / Auskochen der Droge erforderlich, Pulver kann direkt eingewogen und verwendet werden, das spart deutlich Zeit). Beim Färbevorgang konnte man beobachten, dass die Wollen die Farben unterschiedlich schnell annahmen (siehe unten, Beginn der Färbung mit Blauholz bzw. Zwiebel). Allerdings sind viele der Nuancen am Ende des Färbeprozesses wieder verschwunden, als die Färbung die Sättigung erreichte.

Am Ende der Färbung war das erste, was ins Auge fiel, die deutlich dunklere Färbung des Cheviot. Dies ließ die Vermutung aufkommen, dass es sich möglicherweise um superwash-ausgerüstete Fasern handeln könnte. Dieser Vermutung ging ich in einem Ergänzungsversuch bei mir zu Hause auf den Grund. Dafür habe ich verschiedene Kammzüge (Cheviot und Cheviot superwash vom Wollschaf, Cheviot von Flinkhand, sowie zur Vergleichbarkeit bzw. als Kontrolle Falkland und Rambouillet von Flinkhand) auf die gleiche Art gesponnen wie auch die anderen Proben und anschließend mit Malvenblüten gefärbt wie oben beschrieben.

Bemerkenswert ist die deutlich intensivere Färbung der Fasern im Nach-Versuch, obwohl das gleiche Verhältnis Wolle:Färbematerial verwendet wurde. Einzige Unterschiede waren anderes Leitungswasser sowie eine längere Verweilzeit in der Kaltbeize (>2 Tage).

Die Ergebnisse

Für die Auswertung habe ich Fotos der jeweiligen Farben (immer oben im Bild) mit Bio-Merino als Referenz (immer unten im Bild) gemacht. Fasern, die nicht naturweiß / cremefarben waren, sind in der ersten Spalte grau hinterlegt.

Auswertungstabelle mit Bildern der jeweiligen Färbung im Vergleich zu Merino
Auswertungstabelle mit Bildern der jeweiligen Färbung im Vergleich zu Merino
Auswertungstabelle mit Bildern der jeweiligen Färbung im Vergleich zu Merino

Die Farbtreue auf den Fotos ist leider sehr unterschiedlich, je nachdem, welche Farben nebeneinander lagen, wirken sie auf den Fotos dunkler oder heller (der untere Strang ist immer Merino, sieht jedoch in den Bildern immer unterschiedlich aus). Malve II ist in Wirklichkeit viel dunkler als auf den Fotos, ungefähr so, wie auf dem Foto der Bio-Merino alleine.

Auf den Fotos kommen die mit dem Auge wahrnehmbaren Unterschiede nicht immer gut zur Geltung (ich bin leider kein guter Fotograf…), daher habe ich eine Matrix zur schematischen Darstellung der Ergebnisse erstellt, die die Farbintensität der jeweiligen Färbung im Vergleich zu Merino wiedergibt (mit meinen Augen gesehen):

0 = gleich intensiv; /= etwas weniger intensiv; // = deutlich weniger intensiv; + = etwas intensiver; ++ deutlich intensiver

Tabellarische Matrix-Auswertung
Matrix zur schematischen Erfassung der Farbintensitäten auf den verschiedenen Schafrassen.

Um zu schauen, ob innerhalb einer Rasse vielleicht eine Farbe besonders gut angenommen wird, habe ich für jede Rasse alle Färbungen nebeneinandergelegt und fotografiert.

Fotos aller gefärbten Stränge, nach Rasse sortiert
Darstellung aller Farben, zusammengefasst für jede Schafrasse.

Außerdem habe ich alle 20 Stränge / Rassen in der jeweiligen Färbung sowie ungefärbt fotografiert:

Legende für die Zuordnung der Garne in den Fotos der jeweiligen Färbungen.
Legende für die Zuordnung der Garne in den Fotos der jeweiligen Färbungen.

Auswertung der Ergebnisse

Das erste, was ins Auge fiel, war die deutlich dunklere Färbung der Cheviot-Stränge in allen Färbungen. Dies ließ die Vermutung aufkommen, dass es sich möglicherweise um superwash-ausgerüstete Fasern handeln könnte (s.o., obwohl ich definitiv nicht die superwash-Variante bestellt hatte). Diese Vermutung konnte in einem Ergänzungsversuch bestätigt werden (vgl. diese Abbildungen). Das unbehandelte Cheviot aus zwei verschiedenen Quellen (Wollschaf, Flinkhand) war in seiner Färbung vergleichbar mit Falkland.

Ziehen die Farben nun unterschiedlich auf die Rassen auf?

Ja! Während des Färbevorgangs war zu beobachten, dass die Farben auf die unterschiedlichen Garne unterschiedlich schnell aufzogen (vgl. diese Abbildungen). Jedoch waren die Unterschiede am Ende des Färbevorgangs wieder ausgeglichen: anscheinend dringen die Farbstoffe unterschiedlich schnell in die Fasern ein, am Ende sind jedoch vergleichbare Farbstoffmengen in den verschiedenen Fasern gebunden. Ob es sich hierbei um unterschiedliche Affinitäten der diversen Fasern zu den verschiedenen Farbstoffmolekülen handelt, müsste in weiteren (recht komplexen) Versuchen geklärt werden. Dieser Befund verdeutlicht, warum eine ausreichend hohe Einwirkzeit für das Färben mit Naturfarben erforderlich ist.

Zwiebelschalen brachten die meisten Unterschiede zwischen den Rassen heraus, die wenigsten Unterschiede waren bei den Malve-Färbungen und Reseda zu beobachten.

Zusammenfassende Auswertung der Färbungen im Vergleich zu Merino. Berücksichtigt wurden nur die weißen Fasern.

Gibt es Unterschiede in der Farbaufnahme zwischen den Rassen oder Gruppen?

Die Schafrassen zeigten keine so deutliche Präferenz für bestimmte Farben, wie es im PLY-Artikel für Säurefarben gezeigt wurde. Um die Nuancen besser beurteilen zu können, habe ich jede Faser immer mit Merino als Referenzfaser verglichen und versucht zu ermitteln, ob sie dunkler oder heller gefärbt war als Merino. Diese „augische“ Methode ist natürlich sehr fehleranfällig, da jedes Auge die Farben anders sieht. Ein Labor zur Bestimmung der Farbintensität stand mir jedoch leider nicht zur Verfügung. Da die nicht-weißen Fasern (v.a. Suffolk, Swaledale, Polarfuchs) immer dunkler waren als Merino, liefen sie ein wenig „außer Konkurrenz“. Die zu beobachtenden Effekte (vgl. diese Tabelle ) waren dennoch sehr interessant. So war z.B. Polwarth in fast allen Farben blasser als alle anderen Fasern, während bei den Langwollen BFL und Wensleydale tendenziell intensiver gefärbt waren.

Down Breeds (1): keine Unterschiede in Farbtiefe zu Merino feststellbar (Southdown). Interessante Färbung des naturbraunen Suffolk.

Cheviot (2): deutlich intensiver als Merino (außer bei Reseda, da nur wenig intensiver). Verdacht auf superwash-Ausrüstung. Bestätigt durch 2. Experiment.

Longwools (3): Naturfarbe etwas dunkler (cremefarben), BFL hat Zwiebel, Rotholz und Blauholz besser angenommen, Wensleydale Malve II und Rotholz. Bei Teeswater und Falkland ließ sich kein Unterschied zu Merino feststellen.

Black Face  Mountain (4): Swaledale – durch die Naturfarbe dunklere Färbung bei Reseda, Zwiebel, Rotholz und Blauholz. Interessanterweise ist die Malvenfärbung nicht so intensiv (evtl. zu dicht an der Naturfarbe?).

Fine Wool / Merino (5): Rambouillet- Rot und Orange-Töne etwas intensiver als Merino.

North European Short tailed (6): Fast kein Unterschied zu Merino. Shetland war mit Rotholz etwas intensiver gefärbt als Merino. Trotz der deutlich dunkleren Naturfärbung des Polarfuchs wurden die Farben nur wenig dunkler als bei Merino.

Other (7): Fast keine Unterschiede zu Merino. Charollais ist etwas intensiver gefärbt bei Zwiebel, Rotholz und Blauholz. Polwarth ist außer bei Rotholz und Blauholz blasser als Merino.

Deutsche Rasse (8): Coburger Fuchs ist in der Naturfarbe etwas dunkler als Merino, bei den Farben sieht man aber nur bei Zwiebelschalen ebenfalls eine dunklere Färbung, ansonsten keine Unterschiede zu Merino.

Bewertung in Bezug auf Lanolingehalt und Wolle

Die von mir verwendeten Kammzüge waren industriell hergestellt und enthielten daher auch kein Rest-Lanolin. Ein Einfluss auf das Färbeergebnis ist demnach auszuschließen. Bei der Verwendung von Rohwolle, so wie bei der Redding-Methode, ist es hingegen möglich, dass unterschiedlicher Lanolingehalt (auch wenn Lanolin durch Waschen entfernt wird) die Färbung beeinflusst / beeinträchtigt. Auch sind bei der Verwendung von Vliesen einzelner Tiere im Vergleich zu Industrieware sicherlich größere Unterschiede möglich.

Bewertung in Bezug auf die Farbstoffkonzentration

Alle Färbebäder enthielten große Mengen Farbstoff (Farbstoffüberschuss), keines war am Ende des Färbevorganges erschöpft und man hätte noch mindestens 1 – 2 Züge färben können. Ein „Wettbewerb“ der verschiedenen Fasern um die vorhandenen Farbstoffmoleküle ist daher unwahrscheinlich. Unterschiede in den Farbintensitäten auf den Garnen sind also ausschließlich auf die Eigenschaften der Faser zurückzuführen und nicht auf Farbstoffmangel.

Um Präferenzen für einzelne Farben ganz genau vergleichen zu können (also ob eine Faser stärker rot als blau bindet), wäre es erforderlich, immer gleiche Konzentrationen an Farbstoff einzustellen (z.B. 1%, 5% o.ä.), wie es für Säurefarben gemacht werden kann. Bei Naturfarben ist es aber deutlich schwieriger, einheitliche Färbelösungen herzustellen, da die Menge an Farbstoff im Pflanzenmaterial bzw. in daraus gewonnenen Extrakten nicht auf bestimmte Konzentrationen eingestellt ist. Zudem haben auch Faktoren wie z.B. die Qualität des beim Färben verwendeten Wassers, die Wachstumsbedingungen der Pflanzen, der Erntezeitpunkt sowie Trocknungsbedingungen (um nur einige zu nennen) einen deutlich höheren Einfluss auf das Resultat.

Fasereigenschaften

Interessant ist, dass Polwarth bei den meisten, aber nicht bei allen Farben (nämlich nicht bei Rotholz- und Blauholzextrakt) die Farbe schwächer annahm als Merino. Es wäre interessant zu wissen, worin sich z.B. die Schuppenstruktur oder der CMC des Polwarth von Merino unterscheidet, und auch welche chemische Struktur die Farbstoffe genau haben.

Ausblick

Dieses Experiment hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass es „die Schafwolle“ eigentlich gar nicht gibt, denn die Vielfalt der Fasern verschiedener Schafrassen ist wirklich bemerkenswert. Allein die unterschiedlichen Nuancen in „weißer“ Wolle sind faszinierend, ebenso wie ihr Spinnverhalten und die Verwendungsmöglichkeiten der Fasern. Ich bin immer noch hingerissen von den leuchtenden Farben und vielfältigen Schattierungen, die mit Naturfarben erzielt werden können. Es ist gut vorstellbar, dass das Ganze noch komplexer wird, wenn man keine industriell gefertigten Kammzüge (homogen gemischte Fasern vieler Tiere) sondern einzelne Vliese verarbeitet.

Mir wurde auch noch einmal bewusst, dass ich auch beim Einkauf genau auf das Label schauen muss (vgl. graubraunes Suffolk, Falkland, Polarfuchs), und dass eine superwash-Behandlung nicht immer an der Faser erkannt werden kann, wenn man keine Vergleichsfaser daneben liegen hat.

Ich nehme auch die Erkenntnis mit, dass ich mir der Rasse nur wirklich sicher sein kann, wenn ich das Schaf kannte, von dem die Wolle kam, und ich auch das Vlies verarbeitet habe. Kommerziell aufbereitete und über Großhändler bezogene Wolle ist ein wunderbarer Weg, an viele verschiedene Fasern zu kommen und sie kennenzulernen. Jedoch kann man als Kunde nicht immer problemlos nachvollziehen, welche Fasern zu einem bestimmten Produkt verarbeitet wurden.

Das führt mich direkt zu der Frage nach Struktur-Funktions-Beziehungen bei Wollfasern der unterschiedlichen Rassen: Gibt es z.B. auf molekularer Ebene Unterschiede, die zu verschiedenen Morphologien (Kräuselung, Glanz) führen? Hier wird wohl einiges an Literaturrecherche anstehen. Auch weiterführende Färbeversuche fände ich interessant, z.B. Zeitreihenversuche mit Zwiebelschalen oder Blauholz zu machen, um den Verlauf des Aufzugs der Farbe bis zur Sättigung zu dokumentieren. Oder: Wie verhalten sich die lokalen Schafrassen, die ich hier gar nicht berücksichtigt habe? Ganz sicher ist: es wird weitere Experimente geben!

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