Mein Experiment zum Wolle waschen durch Fermentieren war ja eher etwas zum Abgewöhnen. Dennoch war es nicht umsonst, denn in der Recherche dazu stieß ich auf eine wissenschaftliche Publikation, in der es um Fasern aus sehr alten Teppichen geht und wie das Fermentieren von Wolle doch noch Sinn machen könnte. Die Publikation zitierte ein Projekt aus den 1980er Jahren, das das uralte Handwerk des Teppichknüpfens in Anatolien erhalten und wiederbeleben wollte. Von da aus ging es weiter zu einer russischen Veröffentlichung zu einer Expedition zu Nomadenvölkern in den 1940er Jahren und ihre Methoden des Färbens und Teppichknüpfens. In diesem Artikel fasse ich zusammen, was ich über die wiederentdeckten Methoden gelernt habe, vom Spinnen der Schafwolle über das Fermentieren der Garne bis zum Färben mit Naturfarben. Hol Dir ein schönes Getränk und lehn Dich zurück – dieser Artikel ist wieder etwas umfangreicher geworden.
Ein neuer Zusammenhang – Fermentieren und Färben
Die ersten wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Wolle Fermentieren, die mir begegneten, waren die Studien von Späth et al. und Meyer et al. der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Meyer et al., 2017; Späth et al., 2021) . Eine Zusammenfassung der Untersuchung findest Du hier und hier auf englisch. Darin wurde mittels Röntgen-Fluoreszenz-Mikroskopie und auch Scanning-Elektronenmikroskopie eine Wollfaser antiker Teppiche untersucht. Meyer et al. untersuchten Fasern aus einem Teppich des 18. Jhd, die Fasern der Untersuchung von Späth et al stammten aus dem sog. Pazyryk-Teppich und waren 2500 Jahre alt. Trotzdem war sie immer noch leuchtend rot (vermutlich mit Aluminium gebeizt und mit Krapp gefärbt). Beide Studien untersuchten die Verteilung von Aluminium und Farbstoffen innerhalb der rot gefärbten Wollfasern des Teppichs (siehe auch Meyer M. et al 2017). Die Autoren fanden heraus, dass durch eine Veränderung der Schuppenschicht an der Oberfläche sowohl das Aluminium (Beize) als auch die Farbstoffe bis tief in die Fasern eingedrungen waren, was zu einer erhöhten Lichtechtheit der Farbe führte. Das tiefe Eindringen von Beize und Farbstoff in die Faser war mit herkömmlich gefärbten Fasern nicht zu beobachten, hier blieben Beize und Farbstoff an der Oberfläche der Faser. Offenbar wurde die Oberflächenveränderung der Fasern des antiken Teppichs durch kontrollierte Fermentation mit Sauerteig erreicht. Ohne die Fermentation trafen Beize und Farbstoffmoleküle offenbar auf große Hindernisse bei der Diffusion ins Faserinnere. Was genau macht also die Fermentation mit der Wollfaseroberfläche und unter welchen Bedingungen läuft sie ab? Der Begriff “kontrollierte” Fermentation war mir ja sofort sympathisch, weil hier eine Absicht zu erkennen ist und kein Zufall.
In den Publikationen waren zwei Quellen besonders interessant: Das Kavacik-Projekt von Dr. Martin Bieber und die Veröffentlichung von Frau Valentina Moschkova aus dem Jahr 1970 (Bieber et al., 1988; Moškova, 1970). Digital waren die Quellen zwar auffindbar, aber nicht zugänglich (das ist man gar nicht mehr gewohnt). Zu meinem Glück waren beide Bücher in der StaBi verfügbar, und so radelte ich in die Potsdamer Straße, um meine Recherche ganz old school mit physischer Literatur fortzusetzen.
Der Aufbau einer Wollfaser
Bevor ich jetzt auf die Fermentation zu sprechen komme, ist es nochmal wichtig, den Aufbau einer Wollfaser vor Augen zu haben, damit man genau versteht, welchen Weg (und welche Hindernisse) ein Farbstoffmolekül nehmen muss, um ins Innere der Wollfaser zu gelangen.
Die äußerste Schicht jeder Wollfaser ist die Schuppenschicht. Jede Schuppe wird von einer Zelle gebildet (also eine Zelle = eine Schuppe). In jeder Schuppenzelle (Cuticulazelle) gibt es mehrere Schichten. Die äußerste Schicht jeder Schuppe ist die Epicuticula (wörtlich “auf der Haut”) . Sie umschließt die gesamte Schuppenzelle und ist eiweißhaltig. Die Epicuticula wiederum ist ihrerseits auf der Haaroberseite noch von einer Lipidschicht überzogen (das sogenannte F-Layer) und chemisch fest mit ihr verbunden. Epicuticula und F-Layer zusammen bilden die Proteolipid-Schicht (proteolipid layer).
Unterhalb der Epicuticula liegt die Exocuticula (unterteilt in Exocuticula A (A-Layer) und Exoculticula B (Exocuticula)), und ganz unten, zum Faserinneren hin, die Endocuticula. Die Endocuticula bildet die Grenze zum Faserinneren, dem Cortex.
Im Kern (Cortex) einer Wollfaser finden sich die spindelförmigen Cortexzellen, die in eine dichte Matrix (CMC, cell membrane complex) eingebettet sind. Die Matrix (CMC) enthält ebenfalls eine Lipidschicht und auch proteinhaltige Bestandteile. Sie kann Farbstoffe gut aufnehmen, wenn sie einmal dorthin gelangt sind, und ist der Haupt-Diffusionsweg für Farbstoffe innerhalb der Wollfaser. Die Matrix (der CMC) spielt daher eine wichtige Rolle beim Färben von Wolle. Ist die Matrix beschädigt, wird die Färbung ungleichmäßig.

Die grafische Darstellung kann nur schwer wiedergeben, dass alle Zellen, Cuticula- und Spindelzellen, von einem zusammenhängenden Membransystem (bzw. Überbleibseln davon) umgeben ist, der sogenannten „resistent membrane“. Auch das F-Layer hätte vermutlich etwas weiter um die Schuppenzelle herumgezeichnet werden können, aber es war gar nicht so leicht, genaue Angaben zu finden, was wo endet oder in welche Struktur übergeht – ich hoffe trotzdem, die Abbildung ist einigermaßen verständlich.
Du findest weitere Abbildungen dazu im Buch “Schafwolle verarbeiten” (Röhm et al., 2024, S. 24, 2024, S. 294) und im Woolmark Learning Center Kurs “Wool Fibre Science” Modul 2 “The Structure of Wool Fibres”. Für meine Grafiken habe ich Informationen aus dem sehr umfangreichen Kapitel zur Wollstruktur bei Lewis et al., 2013, Kap. 1 verwendet („The Coloration of Wool and other Keratin Fibres“).
Der Weg der Farbe in die Wollfaser
Welchen Weg muss ein Farbstoffmolekül nun nehmen, wenn es ins Faserinnere will? Prinzipiell funktioniert das über Diffusion, und hier hat ein Farbstoffmolekül zwei Möglichkeiten: durch eine Schuppenzelle hindurch (transzelluläre Diffusion) oder zwischen zwei Schuppenzellen (interzelluläre Diffusion) (Lewis et al., 2013, S. 61).
Die transzelluläre Diffusion (also durch die Schuppenzellen hindurch) ist eher schwierig, denn an der Schuppenoberfläche wartet schon die erste Hürde: die Lipidschicht des F-Layer. Diese Fettschicht macht, dass flüssiges Wasser (und somit auch ein darin gelöstes Farbstoffmolekül) von Wolle abperlt. Durch das F-Layer geht es also im Grunde nicht (oder nur ganz ganz schwierig). Nur zwischen den Schuppen (also durch interzelluläre Diffusion) wird ein Weg zum Inneren des Haares bzw. der Faser frei. Besonders gut geht das, wenn sich die Schuppen z.B. beim Quellen der Faser aufstellen. Aber auch hier gibt es Lipide, die die Diffusion behindern (das beta-layer im CMC). Das Nadelöhr beim Färben ist also der Zugang der Farbstoffmoleküle zum Faserinneren, zwischen den Schuppen und den Lipidschichten hindurch.

Das passiert beim Fermentieren von Wolle mit Sauerteig
Die Fermentation der Wollfasern ist nun der Prozess, von dem Späth und Meyer schreiben, dass er der Beize und den Farbstoffmolekülen den Weg ins Faserinnere ermöglicht. Die Fermentation der Wolle ist dabei, wie oben schon gesagt, ein kontrollierter, also geführter / gesteuerter Prozess. Das bedeutet, dass man optimale Bedingungen für eine bestimmte Art von Mikroorganismus herstellt, um ihn anzureichern und ihm die Arbeit zu erleichtern. Durch das Wachstum der “guten” Mikroorganismen wird das Wachstum “schlechter” Mikroorganismen (z.B. Fäulniserreger) verhindert. Im Falle der Studien von Späth und Meyer wurden die optimalen Bedingungen für den erwünschten Mikroorganismus durch Sauerteig und Weizenkleie erreicht.
Was macht nun der Sauerteig bei der Fermentation mit der Wolle? Dafür muss ich nun ein kleines bißchen ausholen. Der Sauerteig enthält Hefen, überwiegend Saccharomyces und Geotrichum candidum, einen hefeähnlichen Pilz. Geotrichum kommt natürlicherweise in Milch vor und wird auch für die Herstellung von Camembert eingesetzt. Er kann aber andere Lebensmittel auch verderben. Die Geotrichum-Hefe wird als erwünschter Mikroorganismus für die Fermentation angereichert, und zwar über die Weizenkleie. Weizenkleie ist ein Festschmaus für Geotrichum. Sie enthält Pentosane, und Geotrichum wiederum kann Pentosan-abbauende Enzyme produzieren und findet somit im Fermentationsansatz einen reich gedeckten Tisch (im Gegenssatz zu Saccharomyce, die das nicht kann).
Und nun kommt der Clou: Neben den Pentosan-abbauenden Enzymen stellt Geotrichum auch Lipasen her. Die Lipasen sind das Geheimnis von Geotrichum: Lipasen bauen nämlich eine Fettschicht zwischen den Schuppen des Wollhaares ab (so ganz genau sind die Autoren hier nicht, vermutlich ist es die Lipidschicht der Epicuticula, des F-Layers und / oder im äußersten Bereich des CMC). Dieser Lipidabbau führt zum Quellen und Abspreizen der Schuppen an der Faseroberfläche, wodurch wiederum im nächsten Prozess-Schritt die Diffusion der Beizsalze und Farbstoffe in das Innere der Fasern erleichtert wird. Kurz gesagt: Die Lipasen entfernen ein Hindernis für die Beizen und Farbstoffe auf ihrem Weg ins Faserinnere. Das Lanolin wird übrigens nicht von den Lipasen abgebaut, es bleibt erhalten.
Was Geotrichum nicht macht: Proteasen herstellen. Proteasen sind Enzyme, die Proteine abbauen können (also z.B. das Keratin in der Wolle). Geotrichum stellt also keine Gefahr für die Wolle dar, das Keratin der Faser bleibt intakt.
Kurz gesagt:
- Die größte Eintrittsbarriere für Farbstoffmoleküle in eine Wollfaser sind lipidhaltige Schichten auf bzw. zwischen den Schuppen
- Fermentation reichert Geotrichum candidum an
- Geotrichum candidum stellt Lipasen her
- Lipasen greifen die Lipidschicht zwischen den Schuppen an und bauen sie ab
- die Eintrittsbarriere für Farbstoffmoleküle wird durch den Abbau der Lipide stark verringert
- Farbstoffmoleküle können anschließend leichter in den CMC gelangen und sich dort einlagern
Wie genau wird die Wolle fermentiert?
Späth und Meyer beschreiben die Methode des Fermentierens nur sehr kurz. Zuerst wurde eine Sauerteig-Suspension mit Weizenkleie hergestellt (also einfach Sauerteig und Weizenkleie in Wasser verrührt). Die Wolle wurde darin anschließend eingelegt und für eine bestimmte Zeit (Späth spricht von 3 Wochen, Meyer von einer Woche) liegengelassen. Eine Fermentation ann offenbar auch schiefgehen, wenn sich statt der gewünschten doch die Fäulnisbakterien durchsetzen. Sie muss also immer überprüft werden. Nach der Fermentation wurden dann Krapp und Beize gleichzeitig zu der Sauerteig-Suspension gegeben bei Umgebungstemperatur. Zum Färbeprozess selbst wurde nicht viel gesagt, genauere Informationen fand ich erst später in der Publikation von Herrn Bieber (dazu dann später mehr).
Mit diesen Erkenntnissen war ich ja nun schon einen riesengroßen Schritt weiter. Aber: das war erst die Spitze des Eisbergs… Es gab ja noch das Buch von Herrn Bieber und die Schrift von Frau Moschkova. Und die führten immer tiefer ins rabbit hole…
Das Kavacik-Projekt
Die o.g. wissenschaftlichen Arbeiten bezogen sich auf ein sehr interessantes Projekt aus den 1980er Jahren, das Kavacik-Projekt (ich stelle es gleich noch näher vor). Einer der Co-Autoren der Studie von Späth et al. , Dr. Martin Bieber, hat das Kavacik-Projekt geleitet. Und was für ein cooles Projekt das war! Man findet fast nichts darüber, aber wenn ich es richtig verstanden habe, ist daraus die Firma “Ex Oriente” hervorgegangen, die die Teppiche aus dem Projekt bis heute verkauft.
Wiederbeleben traditioneller anatolischer Teppichkunst
Worum ging es nun in dem Projekt? In dem oben zitierten Paper von Späth et al. wurde beschrieben, dass traditionell hergestellte und mit Naturfarben gefärbte Anatolische Teppiche eine Qualität haben, die der Qualität moderner und mit synthetischen Farbstoffen gefärbter Teppiche deutlich überlegen ist. Das betrifft sowohl den Griff und den Glanz der Teppiche als auch die Leuchtkraft und Lichtechtheit ihrer Farben.
In vielen jahrelangen Feldstudien hat Herr Bieber (ein promovierter Chemiker) in den 1970er und 80er Jahren herausgefunden, woran genau das liegt. Er hat Wissensträger der alten Handwerke rund um die Teppichherstellung in Anatolien ausfindig machen können und aus dem zusammengetragenen Wissen ein Verfahren entwickelt, mit dem man an diese traditionelle hohe Qualität der anatolischen Teppiche anknüpfen kann. Dabei geht es nicht nur um das Färben, sondern um den gesamten Prozess der Teppichherstellung, von der Auswahl der richtigen Wolle (!) und deren richtiger Aufbereitung über das Fermentieren und Färben bis zum Knüpfen traditioneller Muster. In Istanbul hat er eine lokale Teppichmanufaktur aufgebaut, in der sein Verfahren zum Einsatz kommt – mit regionalen Rohstoffen (Wolle, Naturfarben) und regionalen Arbeitskräften. Er hat Färbermeister ausgebildet und Knüpferinnen gefunden, die die traditionellen Muster erhalten und ihr Wissen weitergeben können. (Hätten die Knüpferinnen mit anderen haushaltsnahen Arbeiten ihr Geld verdienen müssen, wäre das Wissen verloren gewesen). Im von ihm gegründeten Kavacik-Projekt möchte er so die fast in Vergessenheit geratene Tradition der Verarbeitung von regionalen Langhaarwollen und ihrer Färbung durch Fermentation wiederbeleben. Dort werden nun pro Jahr ca. 4t Schafwolle verarbeitet und ca 300qm Teppiche herausragender und stark nachgefragter Qualität hergestellt (so kann man es im Buch nachlesen – Stand 1988).
Auf der Website von Ex oriente kann man sich gut über das Projekt informieren. Allerdings scheint die Website ein SSL-Problem zu haben.
(Leider hat die Website der Firma offenbar ein SSL-Problem, sie wird als “nicht sicher” angezeigt. Wenn Du also auf den folgenden link klicken möchtest, dann vielleicht lieber im privaten Modus: https://www.exoriente.de . Es gibt Unterseiten, auf denen man sich zur Geschichte des Projektes, zum Färbeprozess, den Schafen und vielem mehr informieren kann, sie sind aber etwas versteckt in der Seitenleiste verlinkt.)
Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich auf die Buch-Publikation von Herrn Bieber und Herrn Fröhlig zum Kavacik-Projekt.
Schon die Wolle macht den Unterschied
Als Spinnerin interessiert mich natürlich besonders die Wolle, die da zum Einsatz kommt. Für die Teppichherstellung ist nämlich nicht nur das Färben selbst wichtig, auch die Herstellung der Garne hat einen großen Einfluss auf die Qualität. Maschinenverarbeitete (vor allem kardierte) Wolle liefert oft Teppiche mit minderwertigem Griff und Flor, da hier oft kürzere Fasern verwendet werden. Selbst handgesponnene Garne, wenn zu ihrer Herstellung kürzere, maschinell kardierte Wolle verwendet wurde, sind für einen guten Teppich offenbar nicht geeignet.
Für die Manufaktur des Projektes wird Wolle der Erstjahresschur von Karaman-Fettschwanzschafen von nomadisch lebenden Schafhirten verwendet. Ihre Wolle ist recht lang (also die der Schafe, nicht der Schafhirten) und wird komplett von Hand zu Garn verarbeitet. Die Vliese werden dabei von Hand ausgesucht – nicht jedes ist geeignet.
Für die hohe Qualität traditioneller Teppiche ist es unerlässlich, die langen Fasern der Schafe zu kämmen und nicht zu kardieren. Die Schafwolle wird dazu nach der Schur von Hand der Länge nach sortiert. Die langen (bis 30cm) Fasern werden für die Kettfäden verwendet, die kürzeren, bis 10 cm langen Fasern werden zu Schuß- und Florfäden verarbeitet. In den eiskalten Bächen und Flüssen im Gebirge wird die Wolle gewaschen und mit Stöcken geschlagen, um Schmutz und Verunreinigungen zu lösen. Das Lanolin bleibt dadurch erhalten, nur der Wollschweiß wird ausgewaschen. Die langen Fasern werden nach dem Trocknen gekämmt und die gekämmte Wolle wird dann auf Handspindeln versponnen.
Beliebt ist diese mühsame Arbeit wohl nicht, aber sie ist unerlässlich. Wie oben schon gesagt: maschinell kardierte Fasern ergeben ein minderwertiges Garn und einen minderwertigen Teppich.
Die grobe Rechnung lautet: eine Spinnerin, eine Woche, ein Kilo Wolle. Das Projekt beschäftigt so rund 200 Frauen in der Garnbeschaffung (Stand 1988). Das sind fünfmal so viele, wie zum Knüpfen benötigt werden. Die fertigen Garne werden anschließend an ein Wolldepot geliefert, dort sortiert und verteilt (nach dem Färben, vermute ich mal).
Färben mit alten Hirtenmethoden
Für die Teppiche werden nicht die Fasern sondern die fertig gesponnenen Garne mit Naturfarben gefärbt. Der entscheidende Schritt in der Färbeprozedur ist, wie oben schon erwähnt, das Fermentieren der Wolle.
Herr Bieber bezieht sich des öfteren auf eine Schrift von Valentina Moschkova (Moškova, 1970), die verschiedene Methoden des Fermentierens von Wolle vor dem Färben bei nomadischen Hirtenvölkern beschreibt. Diese Verfahren wurden natürlich nicht mit Analysenwaagen und umfangreicher Kenntnis der Färbechemie durchgeführt, sondern sie basieren auf viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl der Färbemeisterin für den Färbeansatz, den sie gerade vor sich hat (Moškova, 1970, S. 65). Für die Fermentation wird manchmal Getreide verwendet (Moškova, 1970, S. 63), manchmal Sauerteig, Molke (Geotrichum kommt natürlicherweise auch in Milch vor) oder unreife Trauben (Bieber et al., 1988, S. 22 und 47).
Interessanterweise berichtet Frau Moschkova, dass manchmal Schafe mit besonders guter Wolle beiseitegenommen und besonders gut gefüttert wurden – offenbar nutzte man schon damals den Zusammenhang zwischen guter Ernährung und guter Wollqualität aus. Anders als bei Herrn Bieber beschrieben berichtet sie, dass die Wolle zuerst ungewaschen (also in the grease) versponnen und erst anschließend das fertige Garn gewaschen wurde (Moškova, 1970, S. 57). Die Reihenfolge der Verarbeitung scheint also eine gewisse Variabilität zu erlauben.
Beiden Verfahren gemeinsam ist, dass die Wolle vor dem Färben immer fermentiert wurde. Manchmal vor dem Beizen, manchmal wurden die Beizsalze mit in die Fermentation gegeben. Herr Bieber hat nun ein Färbeverfahren entwickelt, das sich an alten Hirtentraditionen orientiert und dabei modernste wissenschaftliche Methoden verwendet. Lass uns das mal genauer anschauen.
Die Fermentationsmethode nach M. Bieber
Die Methode hab ich dem Buch “Anatolische Dorfteppiche” entnommen. Sie umfasst grob 4 Schritte:
- Wässern der Garne (48h)
- Beizen mit Alaun (2-3d)
- Fermentieren (Mehrere Wochen)
- Färben (keine Angabe zur Dauer)
Die Garne (ca. 40 kg) wurden zunächst für 48h in großen Kesseln gewässert, wobei sie bis 33% ihres Gewichtes an Feuchtigkeit aufnahmen. Im Anschluß wurde gebeizt. Dafür wurde Alaun in die Kessel gegeben (20% des Trocken-Gewichts der Wolle) und die Kessel wurden auf 80°C erhitzt (die Temperatur wurde nicht genau mit Thermometer gemessen, sondern am Aufssteigen von Bläschen geschätzt). Nach Erreichen der Beiztemperatur wurde die Hitzezufuhr unterbrochen und die Kessel kühlten über 2 – 3 Tage auf Umgebungstemperatur ab. Eventuell abgeschiedenes Lanolin konnte sich so wieder um die Fasern legen, was erwünscht war. In die abgekühlte Beizflotte wurde nun eine Suspension aus Sauerteig und Weizenkleie gegeben. Das Fermentieren fand in dickwandigen Plastikgefäßen statt, nicht in den großen Beizkesseln. Die Fermentationsdauer richtete sich offenbar nach der Art der verwendeten Faser (Wollart, evtl. Seide oder Mohair von der Angora-Ziege). Die fermentierte Wolle wurde anschließend noch feucht in die Färbeflotte eingelegt und gefärbt.
Also alles in allem eine nicht besonders komplizierte Methode. Hmmm. Hatte das schon mal jemand nachgemacht?
Wolle fermentieren zum Färben ist offenbar nicht sehr verbreitet
In meiner weiteren Recherche hatte ich erwartet, einige Arbeiten und Erfahrungsberichte zu diesem Thema zu finden. Allerdings wurde ich enttäuscht: Sehr weit verbreitet scheint diese Methode zum Haltbarmachen von Naturfarben heute jedenfalls nicht zu sein. Bei meiner Suche im Internet stieß ich nur auf einen Blog, wo jemand offenbar diese Methode aufgegriffen und nachgearbeitet hatte – mit Erfolg!
Hier wurden auch Mengenangaben zu Sauerteig und Weizenkleie gemacht, an denen ich mich orientieren konnte. Denn was nun folgte, war ja klar: ein eigener Versuch. Zum Glück hatte ich noch Sauerteig im Kühlschrank.
Mein Versuch mit Coburger Fuchs
Waschen
Für meinen Versuch habe ich gut vorsortierte Wolle eines Coburger Fuchs mit umgebungswarmem Wasser vorgewaschen (vielleicht sollte ich besser sagen: gespült). Dafür habe ich die Wolle in einen Eimer Wasser gelegt und mit dem Wäschestampfer untergestukt. Am nächsten Tag habe ich sie entnommen und 3x mit Wasser gespült, bis das Wasser klar blieb. Die so vorgewaschene Wolle habe ich dann getrocknet, bis der Sauerteig einsatzbereit war.
Ich habe mich entschieden, die Fasern zu färben und nicht fertig gesponnene Garne, weil ich zum einen keine fettige Wolle spinnen wollte und zum anderen auch nicht so lange warten wollte, bis die Garne mal fertig wären. Meiner Einschätzung nach macht es für die Farbe keinen Unterschied, ob ich Fasern oder Garn färbe. Es ist lediglich weniger riskant, gesponnene Garne zu färben als die Fasern, weil das Filzrisiko so reduziert wird, denn Garne kann man leicht bewegen beim Färben, Fasern sollte man hingegen überhaupt nicht bewegen, damit sie nicht filzen.
Fermentieren
Sauerteig habe ich durch tägliches Auffrischen meiner Starterkultur angezogen. Ca 900g fertiger, aktiver Sauerteig kamen zusammen mit 90 g Weizenkleie und ca 200g trockene vorgewaschene Wolle in einen Eimer Wasser. Das Ganze wurde dann luftig abgedeckt (damit keine Krabbeltierchen reinfallen) und draußen stehen gelassen (Tagestemperaturen nahe 40°C, nachts ca 20 °C).

Ich hatte mich entschieden, Beizen und Fermentieren nicht gleichzeitig durchzuführen, sondern zuerst zu fermentieren und dann zu beizen. Zum einen erhoffte ich mir, dass die Beizsalze dadurch noch leichter in die Fasern eindringen können, zum anderen passte es so besser in den Rest meines Alltags. Herr Bieber hat ja zuerst gebeizt und dann fermentiert, während Frau Moschkova berichtete, dass auch beides gleichzeitig stattfinden kann und die Beizsalze die Fermentation nicht stören. In meiner Logik machte es Sinn, erst die Hindernisse beiseitezuräumen (also die Lipide abzubauen) und damit freie Bahn für Beize und Farbstoffe zu haben.
Den Fermentationsansatz habe ich dann auf der Terrasse stehen lassen und täglich mit dem Wäschestampfer durchmischt. Nach 6 Tagen konnte ich sehen, wie sich ein weißer Film auf der Oberfläche bildete, und nach 8 Tagen war die Oberfläche komplett mit dem weißen flauschigen Film überzogen – ich hatte erfolgreich Geotrichum angereichert! Der pH im Eimer war schon nach 4 Tagen auf pH 3-4 abgesunken, Geotrichum hatte also mehrere Tage Zeit, die Lipide abzubauen. Nach den insgesamt 8 Tagen hatte ich das Gefühl, besser wird es jetzt nicht mehr und beendete die Fermentation.

Während der gesamten Inkubation entstand kein unangenehmer Geruch. Lediglich die Kleie hat sich stark in der Wolle verfangen, was das Ganze etwas bröselig machte. Nächstes Mal würde ich die Kleie definitiv in ein separates Säckchen geben.
Von der Wolle habe ich nach 6 Tagen (als sich der Film zu bilden begann) schon mal etwas abgenommen als Verlaufsprobe.
Beizen
Nach dem Fermentieren habe ich einen Teil der Wolle einmal Kaltbeize gebeizt (meine übliche Beizmethode, darüber habe ich in diesem Artikel zu Lac Dye schon mal geschrieben), und einen anderen Teil heiß in Alaun (15% WOF, 1h bei 90°C, Wolle über Nacht im Beizbad auskühlen lassen). Da Kaltbeize meine übliche Beize ist, wollte ich einen Vergleich zu der bei Bieber verwendeten Alaunbeize.
Gebeizt habe ich jeweils unfermentierte Wolle (W0), 6 Tage fermentierte Wolle (Verlaufsprobe W1) und 8 Tage fermentierte Wolle (W2). Insgesamt gab es also 6 Proben:
- Kaltbeize W0 / W1 / W2
- Alaun W0 / W1 / W2
Färben
Gefärbt habe ich alle 6 Proben einmal mit 5% Krappwurzelextrakt und 15% Weizenkleie (jeweils (WOF) sowie 10% Krappwurzelextrakt mit 15% Weizenkleie (jeweils WOF) bei pH8-9. Insgesamt gab es also 12 Färbeproben:
- KB-5%Krapp- W0 / W1 / W2
- KB-10%Krapp- W0 / W1 / W2
- AL-5%Krapp- W0 / W1 / W2
- AL-10%Krapp- W0 / W1 / W2
Die Färbungen waren erfolgreich, wenn auch etwas ungleichmäßig. Erwartungsgemäß war die höher konzentrierte Flotte auch kräftiger gefärbt. Einen Unterschied zwischen den beiden Beizen konnte ich nicht erkennen, was mich freute – so kann ich also mit meiner Lieblingsbeize ohne Einbußen weiterarbeiten. Allerdings konnte ich auch zwischen nicht fermentierter (W0) und fermentierter Wolle (W1 und W2) keinen Unterschied erkennen. Zumindest an den Fasern kann man also nicht erkennen, ob die Farbe wirklich tiefer in die Fasern eingezogen ist. Vielleicht gibt ja hier ein Belastungstest Auskunft?

Ich tackerte also ein paar Locken auf eine Karteikarte, bedeckte sie zur Hälfte mit einem schweren Buch und legte das Ganze für mehrere Wochen ins Südfenster. Das Buch ist ein bißchen ausgebleicht, die Fasern allerdings nicht. Also weder die nicht fermentierten noch die fermentierten. Vielleicht habe ich das Krapp etwas unglücklich gewählt, weil es ja an sich schon recht lichtecht ist. Eine weniger lichtechte Färbung hätte mögliche Unterschiede vielleicht besser gezeigt. Wie man sieht: Versuch macht kluch. Auch wenn man es vorher hätte wissen können.

Meine fermentierte Wolle war nun leider aufgebraucht, und das Leben kam wieder dazwischen. Bis heute bin ich nicht mehr dazu gekommen, den Versuch zu wiederholen. Aber wir wissen ja: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Fazit: Das macht Sinn. Und ich kann noch viel damit experimentieren.
Alles in allem kann ich sagen: Fermentieren mit Sauerteig zur Verbesserung der Lichtechtheit von Naturfarben macht für mich mehr Sinn als Fermentieren zum Waschen bzw. Reinigen. Die Untersuchungen und Erklärungen sind nachvollziehbar und es gibt vor allem belastbare Daten dazu. Mein erster Versuch mit Krapp war zwar nicht so aussagekräftig wie erhofft, aber mit anderen Farben kann ich da noch weitere Untersuchungen anstellen, wenn sich mal wieder ein Zeitfenster auftut. Ich hätte noch Färbermädchenauge, Schwefelkosmee, Färberkamille… da wird sich bestimmt was finden.
Ich bin jedenfalls sehr froh über die wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Förderungen, die diese Arbeiten möglich machten – das ist für mich Forschung mit direktem Praxisbezug.
Hast Du schon mal von der Fermentations-Methode gehört oder wendest sie vielleicht sogar an? Berichte mir gerne in den Kommentaren!
Literatur
Bieber, M., Kleve, K., Kulturgeschichte, N.M. für V. und, Zons, K. (Eds.), 1988. Anatolische Dorfteppiche das Kavacik-Projekt ; eine M. Bieber-B. Fröhlig-Innovation ; Sonderausstellung vom 18. September bis 6. November 1988 ; [Museum Zons, Burg Friedestrom 19. November 1988 bis 15. Januar 1989], Führer des Niederrheinischen Museums für Volkskunde und Kulturgeschichte Kevelaer. Niederrhein. Museum für Volkskunde u. Kulturgeschichte, Kevelaer.
Lewis, D.M., Rippon, J.A., Society of Dyers and Colourists (Eds.), 2013. The coloration of wool and other keratin fibres. Wiley, Chichester, West Sussex, U.K. https://doi.org/10.1002/9781118625118
Meyer, M., Borca, C.N., Huthwelker, T., Bieber, M., Meßlinger, K., Fink, R.H., Späth, A., 2017. µ -XRF Studies on the Colour Brilliance in Ancient Wool Carpets. Scanning 2017, 1–7. https://doi.org/10.1155/2017/6346212 . https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29109824i
Moškova, V.G. 1902-1952, 1970. Die Teppiche der Völker Mittelasiens im späten XIX. und XX. Jahrhundert ; Materialien d. Expedition von 1929-1945. Verl. FAN, R+S Verl, Taschkent, Hamburg.
Röhm, M., Sonnemann, K., Claßen-Büttner, U., 2024. Schafwolle verarbeiten: Schafrassen, Wollkunde, Filzen, Spinnen. Von der Rohwolle zum fertigen Werkstück. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
Späth, A., Meyer, M., Huthwelker, T., Borca, C.N., Meßlinger, K., Bieber, M., Barkova, L.L., Fink, R.H., 2021. X-ray microscopy reveals the outstanding craftsmanship of Siberian Iron Age textile dyers. Sci. Rep. 11, 5141. https://doi.org/10.1038/s41598-021-84747-z. https://www.nature.com/articles/s41598-021-84747-z
Hier geht es zum ersten Teil meiner Versuche zum Wolle Fermentieren:
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