Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Kategorie: Wollwissen

Hintergrundwissen zu Themen rund um Fasern, Garne und Schafe

Alle Jahre wieder – Schafschur 2022

Sonntag früh, kurz nach 6, der Wecker klingelt. An jedem anderen Sonntag hätte ich entnervt das Kissen über den Kopf gezogen und einen Latschen nach dem lärmenden Ding geworfen, aber heute nicht. Heute ist wieder Schafschur!

Das Universum spielt mit, es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt und vor allem: Es regnet nicht. Nasse Schafe kann man nämlich nicht scheren. Letzte Woche waren brütende 30 °C, gestern noch zogen stürmische Schauer übers Land, heute ist die Welt wieder in Ordnung.

Den Sortiertisch hab ich gestern schon ins Auto gepackt, jetzt fehlen nur noch Sonnencreme, genug Wasser, etwas zu essen und mein Morgenelixier – Kaffee – und dann gehts schon los Richtung Eberswalde.

Coburger Fuchs Kopf Nahaufnahme
Eine Coburger-Fuchs-Dame vor der Schur.

Morgens um acht in Eberswalde

Als ich um acht ankomme, ist Carina, die Schafhalterin von der Schäferei Schöne Schafe Biesenthal, schon eine ganze Weile auf den Beinen. Die Vorbereitungen gingen gestern schon los – Schafe einfangen und einpferchen, Zäune umstecken, damit alles bereit ist für den Scherer. Jetzt wird noch mal alles kontrolliert, der Ablaufplan für heute präzisiert, Helfer eingewiesen und alles aufgebaut. Heute wird nicht nur geschoren, die Mütter bekommen auch Klauenpflege (die macht der Scherer vor dem Scheren), eine Wurmkur, die Lämmer müssen entwurmt und geimpft werden, und eine Ektoparasitenbehandlung steht auch an. Außerdem wird bei jeder Mutter das Euter, Wolle und Klauen begutachtet und notiert. Und zu guter Letzt werden heute die Lämmer von den Müttern entwöhnt, denn sie sind mittlerweile groß genug. Die Bocklämmchen üben schon mal für die nächste Decksaison, und bevor sie da erfolgreich werden, müssen sie von den Mädels getrennt werden. Volles Programm also.

Lämmer und Mütter während der Schur
Mütter und Lämmer noch vereint vor der Schur. Kurz danach kamen Kinder und Damen in unterschiedliche Abteile.

Ich such mir ein Eckchen und baue meinen Tisch auf. Nach und nach kommen auch weitere Helfer dazu. Zwei Wollbegeisterte aus dem nahegelegenen Spinnkreis werden zum Schafe-Zuführen eingeteilt. Da die Schafe sich nicht von alleine brav in einer Reihe aufstellen, müssen sie mit einem Halfter eingefangen werden, damit der Scherer nahtlos weiterarbeiten kann. Er arbeitet heute in einem deutlich gemütlicheren Tempo als üblich, weil sonst die Drum-Herum-Arbeiten nicht hinterherkommen würden. Die Tierärztin ist jetzt auch da, sie hat die Medikamente zum Impfen mitgebracht und impft die Lämmer. Insgesamt sind wir sicher 12-14 Leute, und jeder hat zu tun.

graue, braune und weiße Lämmer während der Schur
Lämmergewusel – die Lämmer werden noch nicht geschoren und sind in einem separaten Pferch-Abteil untergebracht. Dort können sie ihre Mütter sehen und hören, und können gleichzeitig ihre Behandlung bekommen.

Der beste Job von allen: Wolle sortieren

Ich finde, ich hab den besten Job von allen: Wolle sortieren. Ich nehme dem Scherer das Vlies ab, bringe es zu meinem Sortiertisch und dann wird in Windeseile vorsortiert. So gut es geht, Bauch-Beine-Po rausnehmen, nach Kletten suchen und auch die entfernen, verfilzte Stellen um den Nacken herum. Noch kurz Nachschnitt rausschütteln, dann sind die 2 Minuten schon rum und das nächste Vlies steht an. Zum Glück sind wir zu dritt, alleine würde ich es wohl grade so schaffen, Kotreste zu entfernen und das jeweilige Vlies ins Big Back zu werfen. Wenn ich ein Vlies zum Handspinnen sortiere, nehme ich mir mehr Zeit und gehe wirklich handbreit für handbreit durch, aber das ist hier gar nicht möglich.

schmutzige Hand auf frisch geschorenem Coburger Fuchs Vlies
Wolle sortieren ist ein dreckiger Job. Und auch ein sehr schöner.

Wolle Sortieren ist für mich ein Fest für die Sinne. Die Vliese sind alle unterschiedlich: Rhönschafvliese sind mittelweich und einfach nur riesig, und ich frag mich immer, wie so viel Wolle auf ein einzelnes Schaf draufpasst. Mein Tisch ist für ein Rhönschafvlies definitiv zu klein. Die Vliese der Coburger Füchse hingegen sind weich, leicht und bauschig und ein regelrechter Traum. Wenn die ganzen Kletten raus sind, versteht sich. Und dann sind noch die Vliese der Wensleydales und Gotländischen Pelzschafe. Die sind klein und dafür recht schwer, und sie hängen nicht wirklich gut zusammen, ich muss gut aufpassen, dass sie auf dem Tisch nicht zu sehr zerfallen. Manche sind direkt auf dem Schaf zu wunderschönen Sitzunterlagen gefilzt … Ouessant-Vliese sind ganz klein, aber super schön, und ein dunkles mit ausgebleichten Spitzen hat mich ganz lieb angeflauscht und durfte mit mir nach Hause kommen. Ganz neu dieses Jahr sind Shetland-Vliese mit herrlichem Crimp.

Die Schafe riechen auch alle ein bisschen unterschiedlich, wie mir die anderen beiden Team-Kolleginnen beim Sortieren bestätigten. Ein bestimmtes Rauhwolliges Pommersches Landschaf hatte sogar einen speziellen mandelartigen Geruch. Abgefahren, echt abgefahren.

Und die ganze Zeit über hat man den Schaf-Soundtrack auf den Ohren. Die Schafe lassen dieses Großereignis schließlich nicht unkommentiert vorübergehen. Lämmer rufen nach ihren Müttern, die Mütter rufen zurück oder unterhalten sich über ihre neuen Frisuren – so genau kenn ich mich da noch nicht aus. Aber es ist definitiv ganz schön laut!

Nicht jedes Schaf mag das Scheren. Manche sind Profis – sie wissen, was kommt, halten still und lassen es über sich ergehen. Und manche wissen, was kommt – und fangen an zu zappeln. Da gibt es sehr unterschiedliche Temperamente, und bei manchen muss der Scherer die Schur unterbrechen und das Tier erst beruhigen und wieder richtig hinlegen, bevor es weitergehen kann. Wenn alles gut läuft, wirkt es fast wie ein Tanz mit dem Schaf, wie der Scherer es hält und dreht und mit den Beinen dirigiert.

Scherer beim Scheren eines Coburger Fuchs
Ein Coburger Fuchs wird vom Vlies befreit.

Schafscherer sein, vor allem hauptberuflich, ist ein Knochenjob. In seinem besten Jahr, erzählt er, hat er mal über 26 000 Schafe geschoren. Huiuiui. Das sind eine Menge Schafe. Aber es gibt bei den Scherern, wie auch bei den Schäfern, Nachwuchsprobleme, vor allem bei den Hauptberuflichen. Letztes Jahr haben wieder drei Scherer aufgehört. Wenn man mal annimmt, dass jeder im Jahr so ca. 10 000 bis 15 000 Schafe geschoren hat, dann haben dieses Jahr 30 000 bis 45 000 Schafe ein Problem. Geschoren werden müssen sie, das verlangt der Tierschutz. Aber was macht man als Schafhalter, wenn man keinen Schertermin bekommt? Den Scherer mit höheren Preisen anlocken? Mit Geld, was man über die Schafhaltung gar nicht mehr reinbekommt? Kann man sich Schafhaltung jetzt nur noch leisten, wenn man reich ist? Ich komme ganz schön ins Grübeln.

Immer wieder Neues lernen

Von einem Schafscherer, besonders von einem, der selber mal Schäfer war, kann man eine ganze Menge lernen. So wusste ich zwar, dass es Schafe mit einem (teilweisen) Wollwechsel gibt. Bei Shetlandschafen z. B. hat man zu einer bestimmten Zeit im Jahr einen sogenannten „rise“. An dieser Stelle werden die einzelnen Haare deutlich dünner, sodass sie eine Art Sollbruchstelle bekommen und man sie dort „raufen“ kann, d. h. man kann die Wolle direkt mit den Händen abziehen. Das tut den Schafen nicht weh. Was ich nicht wusste: Ein kleines bisschen ist das auch bei anderen Schafrassen so. Das ist das, was man bei Wolle als „schön abgewachsen“ bezeichnet. Zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr (der offenbar von Rasse zu Rasse variiert), ist die Wolle abgewachsen, d. h. sie wird über der Haut etwas dünner, sodass sie auch dort leicht zu scheren ist. Wenn man vor diesem Zeitpunkt schert, ist sie noch nicht abgewachsen und der Scherer hat wirklich große Mühe, sich durch die Wolle zu kämpfen. Manchmal kann der Scherer auch nicht unterscheiden, ob er jetzt eine dicke Stelle Wolle schert oder ob da eine Hautfalte im Weg ist. Die Verletzungsgefahr für das Schaf ist also deutlich höher, wenn die Wolle noch nicht richtig abgewachsen ist. Dementsprechend kann man sich den Schurtermin nicht einfach so legen, wie man es gerne hätte, sondern ist auch da an den Haarzyklus gebunden. Wieder was gelernt.

Scherer beim Scheren eines Coburger Fuchs
Nochmal etwas näher bei der Schur des Coburger Fuchs: Die hellere Schicht Wolle, die unterhalb der Hand des Scherers auf dem Vlies liegt, war sehr dicht und ließ sich nur sehr schwer scheren. Ich konnte richtig sehen, wie er Kraft dafür aufwenden musste.

Interessanterweise hatte ich gerade zu diesem Thema einen Blogartikel von Irina von driftwool gelesen. Sie hatte mal die Literatur nach Untersuchungen zum Haarwachstum durchforstet und einen Übersichtsartikel geschrieben. Sehr interessant!

Bei der Schur einer etwas älteren Wensleydale-Dame kamen wir auch auf Wollqualität zu sprechen. Offensichtlich ist es auch so, dass vor allem bei Schafrassen, die wegen ihrer Wolle gezüchtet werden (viele englische Rassen), die Wollqualität mit zunehmendem Alter des Schafes stark abnimmt. Bis zu einem Alter von 4 Jahren ist die Wolle wohl noch in Ordnung, danach wird sie zunehmend schlechter.

Mutterschafe nach der Schur
Nach der Schur geht es unter lautem Geblöke wieder zurück auf die Weide.

Schafhaltung braucht community

Um 15 Uhr ist es dann geschafft. Das letzte Schaf geschoren und behandelt, jetzt geht es ans Aufräumen. Sieben Stunden gearbeitet, 14 Leute. Schafe halten ist definitiv etwas, was man nicht alleine als Einzelperson macht. Viele Dinge und Dienste kann man auch gar nicht mit Geld bezahlen oder in Geld ausdrücken. Was hätte es gekostet, 14 Menschen für 7h einen Mindestlohn zu bezahlen? So funktioniert Schafhaltung (und auch Landwirtschaft) irgendwie nicht.Man braucht eine community, Leute, die sich gegenseitig unterstützen und unter die Arme greifen, ohne nach Geld zu fragen. Die Enthusiasmus oder wenigstens Hilfsbereitschaft mitbringen, die sich einbringen wollen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die eine Verbindung aufbauen oder erhalten wollen. Die einen Unterschied machen wollen. Und es macht definitiv einen Unterschied, ob man mit dem Scherer alleine auf der Weide steht oder Menschen hat, die einen unterstützen.

Ich weiß jedenfalls, wo mein Ouessant-Schaf gestanden hat, und ich hab auch noch seine Wolle vom letzten Jahr, und wenn ich noch ein kleines bisschen sammele, reicht es vielleicht auch noch für einen Pullover.

Kathrin glücklich und geschafft nach der Schur
Glücklich und geschafft nach der Schur. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Warum ist manche Wolle kratzig?

Viele Menschen denken beim Thema „regionale Wolle“ nur eins: kratzig. Aber warum wird Wolle eigentlich als weich oder als kratzig empfunden? Und ist regionale Wolle wirklich immer kratzig? In diesem kurzen Artikel gehe ich dem ein wenig auf den Grund.

Ob Wolle als weich oder kratzig empfunden wird, hängt im Wesentlichen von 3 Faktoren ab. Und ein Spoiler vorab: man kann sich auch an verschiedene Stadien der Weichheit herantasten.

Faktor 1: Die Fasereigenschaften

Faserdurchmesser und Biegsamkeit

Wie kratzig ein Kleidungsstück empfunden wird, hängt mit dem Durchmesser und der Biegsamkeit der Fasern zusammen, aus denen es hergestellt wurde.

Die Faserdicke (bzw. der Faserdurchmesser) wird in Mikrometer (auch Micron genannt) angegeben, also in tausendstel Millimeter (10-6 m). Mir persönlich sagen die Zahlen immer nicht so viel, daher habe ich die Durchmesser verschiedener Faserarten einmal im Verhältnis zueinander in die folgende Abbildung getan.

Faserdurchmesser verschiedener Fasern
Verhältnis verschiedener Faserdurchmesser zueinander. Die Kreise habe ich mit den unten angegebenen Werten in PowerPoint erstellt (1000fache Vergrößerung, 50 µm wurden zu 50 mm).
1 = menschliches Haar, ca. 50 µm;
2 = Corriedale, 27 µm,
3 = Austral. Merino, 17 – 22 µm, abgebildet: 20 µm,
4 = Kaschmir, 16 µm
5 = Baumwolle, 10 – 14 µm, abgebildet: 12 µm
Wenn Du Dich jetzt fragst, wie das mit Alpaka-Fasern ist: Das ist nochmal eine Klasse für sich. Von „Royal“ (19 µm) bis „Alpaka“ (30 µm) ist da alles dabei. Die Feinheit von Alpaka-Fasern kann also zwischen „fast Kaschmir“ und „grob wie Corriedale“ variieren.
(Angaben aus dem Science and Technology Program vom Woolmark Learning Centre, Kurs Wool Fibre Science, Module 3 und 7, Topic 3 sowie diese Webseite für Alpaka)

Je feiner eine Faser ist, desto kleiner ist die Micron-Zahl (also ihr Durchmesser). Feine Fasern biegen sich leichter als dickere Fasern. Fasern, die sich sehr leicht biegen, üben weniger punktuellen Druck auf die Haut aus, reizen die Nervenenden weniger und werden daher als weniger kratzig empfunden.
Dementsprechend werden dickere Fasern auch als pieksiger und unangenehmer empfunden.

Schafe haben nun nicht überall Fasern mit identischen Durchmessern, sondern immer eine Mischung aus verschieden dicken Fasern, einen sogenannten Durchmesserbereich (z. B. 24–32 µm).

Aber Achtung: selbst wenn zwei Wollproben den gleichen Durchmesserbereich haben (z. B. 24 – 32 µm), können sie sich im Gefühl dennoch unterscheiden. Der Grund hierfür liegt in der Verteilung der Durchmesser. Wenn Probe 1 (rot) z. B. deutlich mehr 24 µm-Fasern enthält und Probe 2 (grün) mehr 28 µm-Fasern, wird Probe 1 als weicher wahrgenommen.

Diagramm Durchmesserverteilung bei Fasern und Prickle Factor
Versuch einer Visualisierung der Verteilung von Faserdurchmessern in einer Woll-Probe (Durchmesser-Bereich). Der Durchmesserbereich ist bei beiden Proben ähnlich. Die grüne Probe enthält jedoch im Vergleich zur roten Probe weniger 24 µm-Fasern und mehr 26 µm-Fasern und darüber. Die rote Probe wird dementsprechend als weicher empfunden.

Auch die Schuppenhöhe der Fasern scheint einen Einfluss auf die empfundene Weichheit zu haben. In diesem Artikel kannst Du noch mehr zum Aufbau der Wollfasern nachlesen.

Und dann gibt es noch die kleinen fiesen Stichelhaare. Der Name sagt da einfach mal alles. Stichelhaare sind sehr kurze und sehr spröde Haare, die sich nur schwer biegen und als sehr kratzig empfunden werden. Oftmals kommen sie in Vliesen von mischwolligen Schafen vor (in Garnen aus australischer Merino wirst Du sie definitiv nicht finden). Sie haben die unangenehme Eigenschaft, immer irgendwie an die Oberfläche zu kommen, egal wie tief sie einkardiert wurden. Wenn man die nicht entfernt, bevor man ein Garn aus den Fasern spinnt, dann bekommt man so eine Art Pfeifenputzergarn. Sehr … sagen wir mal: durchblutungsfördernd. Stichelhaare sind aus meiner Erfahrung die pieksigsten Bestandteile von Garnen überhaupt.

Nahaufnahme Stichelhaare Skuddevlies
Nahaufnahme eines Skudde-Vlieses vor dem Waschen. Die Pfeile zeigen auf prominente Stichelhaare, rechts sogar ganze Büschel davon. Wenn man diese Vliesteile zu Garn verarbeitet, bekommt man einen prima Scheuerschwamm.

Der Wool Comfort Factor – Maßeinheit für Weichheit

Wie pieksig Wolle ist, kann man sogar messen. Dafür wurden bereits 2012 spezielle Geräte , die sogenannten „wool comfort meter“, entwickelt und mit tausenden Verbrauchern getestet. Hier findest Du ein sehr informatives Video dazu.

Dieses Gerät bestimmt im Grunde genommen die Anzahl der abstehenden Faserenden auf einer gegebenen textilen Fläche (und ggf. noch ihren Durchmesser). Der ausgegebene Messwert, also die „Maßeinheit der Weichheit“ sozusagen, ist der Wool Comfort Factor. Er gibt den Anteil an Fasern einer Probe an, die feiner als 30 µm (bzw. 28 µm für gewebte Textilien) sind. Je niedriger die Zahl, desto angenehmer ist das Textil auf der Haut.

Die 30 µm-Grenze ist also eine Art Magische Schallgrenze – Fasern darüber gelten als grob.

Faktor 2: Persönliches Empfinden

Manche Menschen reagieren empfindlicher als andere auf die Berührung mit Wollfasern. Während ich Wolle von Rauhwolligen Pommerschen Landschafen auch am Hals tragen kann, ist anderen Menschen selbst Deutsche Merino noch zu kratzig. Die Haut reagiert dann einfach sensibler auf die „Pieks-Reize“ (der englische Begriff „Prickle Factor“ wird oft dafür verwendet, nicht zu verwechseln mit dem oben genannten Wool Comfort Factor).

Das Pieksen selbst wird durch die Fasern ausgelöst, die auf die Haut drücken. Dadurch reizen sie feine Nervenenden in der Haut. Drücken die Fasern nur ganz leicht auf die Haut, wird eine Faser als weich empfunden, drücken sie stärker und dellen die Haut stärker ein, werden sie auch als kratziger empfunden. Ein bisschen lässt sich das vielleicht mit weichen oder harten Zahnbürsten vergleichen. Weiche Borsten reizen die Haut weniger als harte, weil weiche Borsten weniger punktuellen Druckreiz ausüben.

Schematische Darstellung Prickle Factor
Ich habe mich hier mal an einer Zeichnung versucht. Links sind die feineren, biegsamen Fasern zu sehen, die die Nervenenden in der Haut (gelbe Verästelungen) weniger reizen. Rechts sind weniger biegsame Fasern mit höherem Prickle Factor gezeichnet.

Und hier kommt aus meiner Sicht das individuelle Empfinden ins Spiel. Diese Magische Schallgrenze von 30 µm ist ein Wert, der aus der Befragung tausender Probanden ermittelt wurde. Aber wie bitte bildet man den Mittelwert aus individuellen Empfindungen? Es ist der Versuch, Gefühle in Zahlen auszudrücken – ein reichlich schwieriges Unterfangen.

Es gibt etliche Schafrassen, deren Wolle nahe oder jenseits der 30 µm-Grenze liegt, die aber dennoch an der Haut getragen werden können. Dazu gehören beispielsweise Gotländisches Pelzschaf (28 – 32 µm), Wensleydale (30 – 36 µm) und Skudde (32 – 40 µm): Alle diese Fasern kann ich problemlos auf der Haut tragen, sogar am Hals. Das ging natürlich nicht von heute auf morgen, sondern es war ein Prozess, in dessen Verlauf sich mein Empfinden für Wolle verändert hat.

Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen: Nicht jedes Garn bzw. jede Faser ist dafür gemacht, an der Haut getragen zu werden.

Faktor 3: Verarbeitung der Faser und des Textils

Letztlich entscheidet auch immer die Verarbeitung der jeweiligen Faser darüber, wie sie auf der Haut empfunden wird. Wurde die Faser fest oder locker gesponnen? Wurde der Faden gewebt oder gestrickt (und auch hier wieder: locker oder fest)? Welche Art Textil wurde hergestellt und wofür wird es verwendet – Schal, Pullover, Socken?

Fasern, die mit zu viel Drall gesponnen wurden, ergeben immer ein Garn, das sich relativ hart anfühlt. Ein hartes Garn kann weder durch Weben noch durch Stricken oder Häkeln flauschiger werden.

Manchmal wird ein Garn weniger kratzig, wenn man die Fasern beim Spinnen glattstreicht (wie z. B. bei einem Kammgarn). Es stehen dann nicht so viele Enden nach außen, die die Haut reizen können. Dafür muss man aber Abstriche bei den Isolationseigenschaften machen.

Meine persönliche Entdeckungsreise jenseits des Flausch-Lands

Früher war für mich „weich“ das Hauptkriterium beim Wollkauf, gleich nach „Farbe“. Irgendwann begann ich mich aber dafür zu interessieren, wie sich die Wollen verschiedener Schafrassen voneinander unterscheiden. Ich fing also an, zu spinnen. Und da öffnete sich eine ganz neue Welt. „Weich“ gab es auf einmal in vielen Varianten. „Weich“ reichte nicht mehr aus, um eine Empfindung zu beschreiben. Es gab trocken-weich, bouncy, seidig und glatt, matt und flauschig, griffig und elastisch … und ja, es gab auch kratzige Wolle. Aber nur, wenn sie Stichelhaare enthielt.

Strickprobe Skudde Armband Prickle Factor
Dieses Armband war quasi eine Strickprobe von Frodo, der bunten Skudde. Man sieht deutlich, wie viele Härchen aus dem Garn herausstehen, aber es ist so weich und flauschig, dass ich tagsüber vergessen habe, dass ich es trage!

Das beste Beispiel ist Skudde-Wolle. Skudde hatte ich bis dahin noch nie verarbeitet, aber jede(r), mit dem/ der ich über Skudden sprach, wusste zu berichten, dass das sehr kratzige Wolle ist. Erst als ich für mich selbst eine Spinn- und Strickprobe anfertigte, stellte ich fest, dass dem gar nicht so ist!

Für mich hat sich also das alte Sprichwort bestätigt: Probieren geht über Studieren. Und jeder empfindet „weich“ und „kratzig“ ja anders. Ich habe mich an verschiedene Stadien von „weich“ gewöhnt und so neue Erfahrungen gewonnen.

Vielleicht muss man auch mal überlegen, wie man „weich“ oder „kratzig“ definiert. Oder ob man sein Vokabular um Begriffe wie „wollig“, „griffig“, „elastisch“ oder „seidig glänzend“ erweitert. Und vielleicht muss ein Garn auch nicht immer nur weich sein. Aber das ist ein Thema für einen anderen Blogartikel…


Literatur

Barbara Aufenanger „Das Wollprojekt. Wolleigenschaften in Deutschland gehaltener Schafrassen“. ISBN 978-3-00-040686-7

Deborah Robson, Carol Ekarius „Fleece and Fiber Sourcebook“. ISBN 978-1-60342-711-1

Ist Wolle nachhaltig? Ein Fragegewitter.

Wolle ist nachhaltig. Das kann man in jeder Werbebroschüre zum Thema lesen. Mir gehen in letzter Zeit dennoch ziemlich viele Fragen dazu durch den Kopf. In diesem Artikel gebe ich keine Antworten. Nur Anregungen zum Weiterdenken und miteinander diskutieren.

Ist Wolle nachhaltig?

Ist Wolle nachhaltig, weil sie ein nachwachsender Rohstoff ist?

Ist Wolle immer nachhaltig?

Wann ist Wolle nachhaltig?

Ist Wolle noch nachhaltig, …

  • … wenn sie einmal um den Globus geschifft wurde?
  • … wenn sie mit umweltschädlichen Chemikalien behandelt wurde, um maschinenwaschbar zu sein?
  • … wenn sie mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Stoffen gefärbt wurde?
  • … wenn sie als Wegwerfprodukt eingesetzt wird?
  • … wenn sie mit Chemiefasern gemischt wird?
  • … wenn sie regional erzeugt wurde, dann aber entsorgt werden muss, weil ihre Qualität nicht der von australischer Merino entspricht?
  • … wenn sie von riesigen Herden stammt (Stichwort Massentierhaltung), die aber frei und artgerecht leben können?
  • … wenn die Tiere dafür so auf maximalen Wollertrag gezüchtet wurden, dass ihnen Hautlappen entfernt werden müssen, um Parasitenbefall zu verhindern?
  • … wenn das Tier als Gebrauchsgut betrachtet wird, in das man einen Betrag x als Futter und Pflege investiert und dann einen Betrag y für Fleisch und Wolle bekommt? (Damit meine ich nicht die reine Wirtschaftlichkeit. Landwirtschaft funktioniert sonst nicht.)

Muss man für wirkliche Nachhaltigkeit nicht das gesamte System betrachten? Tier, Landschaft und Mensch?

Was ist nachhaltig?


Scottish, Irish, Double Drive – Antriebsarten für Spinnräder

Wie funktionieren eigentlich Spinnräder? Wie kommt der Drall in den Faden und der Faden auf die Spule? Neulich auf Instagram habe ich ganz kurz über Antriebsarten von Spinnrädern gesprochen. In diesem Blogartikel bespreche ich sie deutlich ausführlicher, als das in 2200 Zeichen möglich ist. Vielleicht hilft Dir das auch bei der Auswahl, falls Du gerade auf der Suche nach einem Rad bist.

Von der Spindel zum Spinnrad

Am Anfang war die Spindel. Mit der Handspindel wurde tausende Jahre so gut wie alles hergestellt, was aus gesponnenen Fäden bestand: von der Alltagskleidung bis zum Wikingersegel.

Das Spinnen mit der Handspindel umfasst grundsätzlich 2 Schritte:

  1. durch Auszug und Verdrehen der Fasern wird eine Länge Faden produziert,
  2. der Spinnvorgang wird unterbrochen und die produzierte Fadenlänge wird auf den Spindelstab aufgewickelt.

Das dauert zwar eine ganze Weile, aber man kann die Handspindel überall hin mitnehmen und ist dadurch relativ mobil und unabhängig.

Irgendwann kam jemand auf die Idee, die Spindel einzuklemmen und über einen Riemen oder eine Schnur mit einem großen Antriebsrad zu verbinden – das Spindelrad war geboren. Zu den Spindelrädern gehört z.B. das Great Wheel ( z.B. hier oder hier) oder die Charkha (hier bei Chanti oder bei Wikipedia auf Englisch). Mit einer Hand wird das große Antriebsrad gedreht und mit der anderen Hand werden die (gut vorbereiteten) Fasern im langen Auszug ausgezogen. Die durchaus hohe Übersetzung machte es möglich, in kürzerer Zeit viel Drall in einen Faden zu bekommen und so die Produktivität zu erhöhen. Auf der anderen Seite war man allerdings nicht mehr so mobil wie mit der Handspindel. Auch die Zweiteilung des Spinnprozesses (erst Faden produzieren, Spinnprozess unterbrechen, aufwickeln, Spinnprozess wieder starten) blieb nach wie vor bestehen. Von einer gegebenen Zeit zum Spinnen kann nur etwas mehr als die Hälfte wirklich genutzt werden, um Drall in den Faden zu bringen, den Rest der Zeit ist die Spinnerin damit beschäftigt, den Faden aufzuwickeln.

Dieses Problem konnte erst gelöst werden, als Ende des 15. Jhd. Spinnräder mit richtigen Spinnflügeln (einem Flügel-Spulen-System) entwickelt wurden. Erst damit wurde es möglich, kontinuierlich, d.h. ohne Unterbrechung des Spinnvorgangs, einen Faden zu spinnen und aufzuwickeln. (Dementsprechend kann man das Spinnen mit Handspindel und Spindelrad auch als diskontinuierlich bezeichnen).

Wie funktioniert das Flügel-Spule-System?

Ich war nie besonders gut in Physik und daher sehr froh, es nach 2 Semestern abwählen zu können. Trotzdem versuche ich mal, mit meinen Worten und nach meinem Verständnis die Funktionsweise der verschiedenen Antriebsarten für Flügelspinnräder zu erklären.

Der Aufbau eines Flügel-Spulen-Systems sieht auf den ersten Blick ganz einfach aus, aber der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. Je genauer man hinschaut, desto komplexer wird das Ganze…

Man hat, der Name sagt es, einen Flügel und eine Spule. Der Flügel (engl. flyer) ist ein U-förmiges Teil. Er wird getragen vom Flügelkopf (engl. mother-of-all), in dem er sich frei bewegen kann. In der Mitte des U ist eine Welle eingelassen. Auf dieser Welle dreht sich die Spule.

Flügel, Wirtel und Spule für Flatiron (einfädig oder zweifädig)
Flügel, Spule und aufsteckbare Wirtelscheibe für das Flatiron-Spinnrad von Schacht.

Die Spule, das ist ganz wichtig, kann sich unabhängig vom Flügel drehen. Wobei, das muss ich sogleich einschränken mit “solange kein Faden an ihr befestigt und festgehalten wird”. Sobald nämlich ein Faden (Anfangs- oder Leitfaden) an der Spule befestigt, über die Flügelhaken und durch das Einzugsloch gezogen und dann festgehalten wird, sind Flügel und Spule verbunden. Sie sind dann also nicht mehr unabhängig voneinander sondern drehen sich als eine Einheit mit gleicher Geschwindigkeit. Erst, wenn der Faden wieder lockergelassen wird, wird die Einheit gebrochen und Flügel und Spule drehen sich wieder unabhängig voneinander – bis der Faden wieder festgehalten und die Einheit wieder hergestellt wird.

Alles klar soweit? Prima.

Kommen wir zu dem, was so ein Spinnrad macht: den entstehenden Faden verdrehen, d.h. Drall erzeugen. Indem ich den Faden festhalte, bilden Flügel und Spule eine Einheit und drehen sich gemeinsam. Jede Umdrehung des Flügels fügt dem entstehenden Faden eine Umdrehung (also Drall) zu. Wenn ich beschließe, dass nun genug Drall auf dem Faden ist, lasse ich ihn locker, und der Faden wird aufgewickelt.

Hoppla! Wie ist denn das passiert?

Ganz einfach. Wenn sich der Faden auf die Spule wickeln soll, müssen sich Flügel und Spule mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. (Wollte man einen Fachbegriff benutzen, könnte man Differentialgeschwindigkeit dazu sagen, oder delta v). Dafür gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten:

  1. Der Flügel dreht sich schneller als die Spule und wickelt somit quasi den Faden um die Spule
  2. Die Spule dreht sich schneller als der Flügel und zieht sich somit den Faden auf.

Damit dieser Geschwindigkeitsunterschied zustande kommt, muss ich einfach nur den Faden lockerlassen und somit die oben besprochene Einheit von Flügel und Spule brechen. Der Clou ist: selbst beim Aufwickeln wird immer noch Drall zugegeben. Das macht den Spinnprozess zu einem kontinuierlichen Prozess.

Das „automatische“ Aufwickeln des Fadens bezeichnet man auch als „Einzug“. Der Flügel bzw. die Spule „zieht“ am Faden, um ihn aufzuwickeln, und zwar je nach System mal stärker und mal schwächer.

Aber wie macht man das nun, wie kann man die unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei Flügel und Spule erreichen? Nun, da gibt es wiederum mehrere Möglichkeiten:

  1. ich benutze einen Antriebsriemen, um
    1. die Spule anzutreiben und bremse dann den Flügel (spulengetrieben, flügelgebremst, Irish Tension)
    2. den Flügel anzutreiben und bremse dann die Spule (flügelgetrieben, spulengebremst, Scottish Tension)
  2. ich treibe Flügel und Spule gleichzeitig, aber mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten an (zweifädiger Antrieb, double Drive).

Aber nun mal hübsch der Reihe nach…

Einfädig – Irish Tension (spulengetrieben, flügelgebremst)

Bei einem spulengetriebenen Rad verläuft der Antriebsriemen vom Schwungrad über eine Rille direkt an der Spule. Alden Amos bezeichnet in seinem Buch diese Art Räder auch als German Tension, aber geläufiger ist wohl der Begriff Irish Tension.

Der Flügel wird meist gar nicht extra gebremst, denn seine Dimensionen, Form und Eigenschaften führen automatisch dazu, ihn abzubremsen. Manchmal ist über der Flügelführung ein Stück Leder montiert, das im Bedarfsfall noch mehr Reibung und damit eine stärkere Bremswirkung herbeiführen kann.

Der Einzug ist bei flügelgebremsten Rädern, wie gesagt, hauptsächlich abhängig von den Dimensionen des Flügels. DerFlügel ist meist größer und schwerer (und damit träger) sowie weniger aerodynamisch ist als die Spule. Dadurch hält er beim Lockerlassen des Fadens recht schnell an und zieht insgesamt mehr am Faden – der Einzug ist also bei flügelgebremsten Rädern verhältnismäßig stark. Dieser Effekt wird noch größer, je höher die Geschwindigkeiten sind, da dann die Trägheit des Flügels eine noch größere Rolle spielt.

Auch in umgekehrter Richtung spielt das eine Rolle: Nach dem Aufwickeln muss der Flügel wieder beschleunigt werden, um wieder auf die gleiche Geschwindigkeit wie die angetriebene Spule zu kommen. Bei einem schwereren Flügel braucht das mehr Kraft, und die wirkt dann wiederum auch auf den Faden (der ja die Einheit zwischen Flügel und Spule herstellt).

Die Spannung des Antriebsriemens hat ebenfalls einen gewissen Einfluss: je straffer er ist, desto stärker der Einzug. Wie stark man damit spielen kann, weiß ich allerdings nicht, da ich selbst so gut wie nie mit flügelgebremsten Rädern spinne.

Welche Garne lassen sich gut mit Irish-Tension-Rädern spinnen?

Durch die Art des Einzugs ergibt sich auch die Art der Garne, die sich gut mit flügelgebremsten Rädern spinnen lassen (man sagt “production range” oder auf deutsch vielleicht Produktionsumfang dazu): es sind eher etwas dickere Garne mit nicht ganz so viel Drall. Oder andersherum gesagt: Wollte ich mit einem flügelgebremsten Rad ganz feine Garne spinnen, würde mir der starke Einzug das Garn zerreißen, spätestens wenn nach dem Aufwickeln der Flügel wieder auf speed gebracht werden muss.

Natürlich kann man nicht alle Irish-Tension-Räder über einen Kamm scheren. Es gibt schon Kniffe und Tricks, um den Einzug zu verringern, und der Rest des Rades, die Fasern und die Fingerfertigkeit des Spinners / der Spinnerin spielen definitiv auch eine Rolle. Aber wenn Du weißt, dass Du am liebsten mit Lauflängen von 1000 m auf 100 g strickst und Du bist auf der Suche nach einem Rad, dann schau vielleicht erst mal bei den anderen Varianten, ob da nicht was für Dich dabei ist.

Einfädig – Scotch Tension (flügelgetrieben, spulengebremst)

Bei flügelgetriebenen Rädern verläuft der Antriebsriemen vom Schwungrad über Rillen in den Wirtelscheiben. Diese Wirtelscheiben sind entweder fest mit dem Flügel verbunden (z.B. beim Lendrum DT) oder aber sie werden separat auf die Flügelwelle aufgesteckt (wie beim Flatiron).

Der Einzug wird durch einen Bremsfaden erreicht, der über die Spule gelegt wird und sie durch die entstehende Reibung bremst. Die Spannung des Bremsfadens wiederum bestimmt, wie stark die Spule gebremst werden soll. Meist sind am Bremsfaden noch 1 oder 2 Federn oder Gummis montiert. Dadurch läßt sich die Spulenbremse relativ fein einstellen.

Bei dieser Antriebsart wird also extra Reibung in das System eingeführt. Das führt dazu, das bei sehr hohen Übersetzungen das Treten deutlich schwerer und mühsamer wird. Wenn ich bei meinem Lendrum die höchste Übersetzung wähle (das ist 1: 19 beim Woolee Winder), dann geht das am Anfang noch ganz ok, aber je voller die Spule wird, desto mühsamer wird es, und am Ende ähnelt es fast einem workout. Bei steigendem Füllstand der Spule muss man nämlich die Spulenbremse etwas nachstellen, weil sie dann durch die steigende Masse und die dadurch höhere Trägheit länger braucht, um langsamer zu werden.

Ihr seht schon: Bei spulengebremsten Rädern kann man eine Menge einstellen und fein justieren. Das bedeutet aber auch, dass die Einstellungen einen großen Einfluss auf das gesponnene Garn haben – einmal nach dem Spulenwechsel die Bremse zu scharf eingestellt, schon wird der Faden etwas dünner oder man hat Mühe, ihn so zu spinnen wie auf der ersten Spule.

Welche Garne lassen sich gut mit Scotch-Tension-Rädern spinnen?

Durch die feinen Einstellmöglichkeiten lassen sich von sehr dünnen Lace-Garnen bis zu dicken Art-Yarns die verschiedensten Garne spinnen. Ich selbst habe auf meinem Lendrum DT schon Lace-Garne, Sockengarne, Bouclè-Garne, Teppichgarne und sogar schon Lichterketten gesponnen.

Aus meiner Sicht sind die Scotch-Tension-Räder die Universalräder schlechthin. Es empfiehlt sich aber, Spinnproben zu machen und immer mal wieder zu schauen, ob der gesponnene Faden noch der Probe entspricht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass auf der letzten Spule der Pullovermenge die gleiche Fadenstärke und Drallmenge vorliegt wie auf der ersten Spule.

Zweifädig (Double Drive)

Der Begriff “zweifädig” ist ein wenig irreführend, denn eigentlich ist es auch nur ein Antriebsfaden, der verwendet wird. Aber: Er wird zu einer “Acht” gedreht und in sich gefaltet (wie bei einem Zopfgummi). Der Antriebsfaden läuft vom Schwungrad über den Flügelwirtel, zurück über das Schwungrad und dann über eine Rille an der Spule. Spulen für zweifädig betriebene Räder erkennt man also daran, dass sie an einer Seite eine kleine zusätzliche Rille haben.

Der Antriebsfaden treibt also sowohl den Flügel als auch die Spule an. Die Spule kann sich in diesem Falle also nicht mehr komplett frei und unabhängig vom Flügel bewegen. Der Umfang von Spulenrille und Flügelwirtel unterscheidet sich, (die Spulenrille ist meist kleiner), und dadurch ergibt sich die unterschiedliche Geschwindigkeit für Flügel und Spule. Aber mal hübsch der Reihe nach.

Ich versuche mal ein Rechenbeispiel. Nehmen wir an, der Umfang des Flügelwirtels beträgt 1/10 und der der Spulenrille 1/12 des Umfangs des Schwungrades. Wenn sich das Schwungrad also ein Mal dreht, dreht sich der Flügel 10 Mal, die Spule aber 12 Mal. Voilà: Differentialgeschwindigkeit , sprich delta v 🙂 . Flügel und Spule drehen sich also immer unterschiedlich schnell, und demzufolge hat man auch immer Einzug (take-up). (An dieser Stelle bin ich mir aber auch nicht so ganz sicher, ob nicht Flügel und Spule vielleicht doch eine Einheit bilden, solange der Faden nicht eingezogen wird. Herr Amos spricht da in seinem Buch nicht drüber…)

Der Einzug ist umso größer, je größer der Unterschied zwischen dem Flügelwirtel und der Spulenrille ist (wir erinnern uns, je größer delta v desto größer der Einzug).
Und jetzt kommts: In dieser Hinsicht sind zweifädige Räder sozusagen selbst regulierend. Für ganz feine Garne benötigt man z.B. wenig Einzug und eine hohe Übersetzung. Bei zweifädigen Rädern ergibt sich das ganz automatisch, denn für hohe Übersetzungen braucht man kleinere Flügelwirtel. Kleinere Flügelwirtel drehen den Flügel nahe der Geschwindigkeit der Spulen, dadurch wird delta v kleiner – und dadurch auch der Einzug. (Im Gegensatz dazu könnte man bei einem Scotch-Tension-Rad sehr wohl eine sehr hohe Übersetzung wählen und die Bremse sehr scharf einstellen. Tritt sich nicht gut, ist aber möglich).

Schema EInzugsstärke zweifädige Räder
Schema einer Spule für zweifädig betreibbare Räder. Der kleine senkrechte Balken rechts neben der Spule symbolisiert jeweils den Wirtel. In der oberen Orientierung ist der Unterschied zwischen Wirtel und Spulenrille eher groß und der Einzug ist dementsprechend gut. Dreht man die Spule um (unten im Schema), unterscheiden sich die Wirtel- und Spulenrillen-Durchmesser kaum und der Einzug wird deutlich geringer. Man kann also mit dem Einzug ein bißchen herumspielen, indem man die Spule einfach umdreht (die große Rille wird üblicherweise für dein einfädigen Betrieb gebraucht). Umgekehrt gilt: Wenn der Einzug mal nicht so läuft wie erwartet, dann schau, ob Du die Spule richtigherum auf den Flügel montiert hast.

Natürlich kann man noch mit der Spannung des Antriebsfadens herumspielen, aber alles in allem ist die Stärke des Einzugs bei zweifädigen Rädern mehr oder weniger determiniert durch das Verhältnis von Flügelwirtel zu Spulenrille. Das bedeutet auch: Wenn sich die Durchmesser der beiden zu nahe kommen, ist und bleibt der Einzug auch fast null und so fein der Faden auch sein mag, man bekommt ihn nicht auf die Spule (es sei denn, man hält immer an und wickelt per Hand auf…aber das ist nicht im Sinne des Erfinders).

Ein wichtiger Begriff, der bei zweifädigen Rädern auch immer fällt, ist der Schlupf. Ich höre ihn immer beim Treten, der Antriebsfaden rutscht immer ein kleines bißchen durch. Durch die unterschiedliche Fläche in den Rillen der Spule bzw. der Flügelwirtel ergibt sich eine größere Reibungsfläche auf den größeren Wirteln. Aber hier wird es auch echt physikalisch und ich komme an die Grenzen meiner Vorstellungskraft. (Vielleicht braucht man den Schlupf ja auch, damit sich Spule und Flügel gleich schnell bewegen können, solange man den Faden festhält und sie eine Einheit bilden…?)

Auch das Berechnen der eigentlichen Übersetzung ist bei zweifädigen Rädern nicht mehr ganz so einfach: bei einfädigen Rädern ist es das Verhältnis der Durchmesser (bzw. Umfänge) von Antriebsrad und Wirtel. Aber beim zweifädigen hat man ja Flügelwirtel und Spulenrille und beides wird angetrieben. Der Umfang der Spulenrille bleibt immer gleich, aber das Verhältnis zum Flügelwirtel kann angepasst werden…

An dieser Stelle steige ich einfach mal aus und verweise auf das dicke “Alden Amos Book of Handspinning”. Der Autor stellt diverse Beispielrechnungen an, und wer sich dort hineindenken möchte, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herz.

Welche Garne lassen dich gut mit Zweifädigen Rädern spinnen?

Mit zweifädig betriebenen Rädern läßt sich entsprechend der gewählten Einstellungen ein breites Spektrum an Garnen spinnen. Aus meiner Sicht kann man besonders den selbstregulierenden Effekt gut ausnutzen, um große Mengen eines konsistenten Garnes zu spinnen. Zweifädige Räder werden auch sehr gerne für feine Garne verwendet.

Wenn ich an mein Flatiron denke, dann kommt mir Autopilot-Spinnen in den Sinn, ransetzen und losspinnen und nicht nach jedem Spulenwechsel mit den Bremseinstellungen spielen müssen. Spinnen für die Seele 🙂

Ein Rad – ein Antrieb?

Jetzt könnte man denken, dass jedes Rad mit einer Antriebsart ausgestattet ist, und das war es. Das stimmt aber nicht ganz: Manche Räder sind für mehr als eine Antriebsart ausgerüstet. Etliche zweifädige Räder können z.B. mit wenigen Handgriffen auf einfädig / spulengebremst (Scotch Tension) umgerüstet werden (z.B. das Ashford Traditional). Meines Wissens gibt es zwei Räder, die alle drei Möglichkeiten bieten – das Schacht Matchless und das Schacht Flatiron.

Mein erstes Rad war (und ist immer noch) das Lendrum DT. Das ist ein Scotch-Tension-Rad, und ich sitze immer noch sehr sehr gerne daran. Den Bremsgummi hab ich schon ein paar Mal getauscht, und auch die Bremsschnur war irgendwann durch, aber das Rad ist für mich einfach perfekt.

Etwas später habe ich mir noch das Schacht Flatiron gekauft, unter anderem genau deshalb, weil es eben alle drei Antriebsarten kann. Naturgemäß habe ich auch alle drei schon ausprobiert. Die meiste Zeit benutze ich es allerdings zweifädig. Zum Zwirnen baue ich manchmal auf Scotch Tension um, aber der Irish-Tension-Antrieb hat sich mir noch nicht so erschlossen. Wahrscheinlich ist das auch alles eine Frage der Präferenz – ich stricke eben doch lieber mit dünneren Garnen.

Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Und womit spinnst Du am liebsten? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.


Literatur

Mabel Ross “The Essentials of Handspinning” ISBN 0 9507292 0 5 (Reprinted 2017)

Alden Amos “The Alden Amos Big Book of Handspinning” Interweave 2001, ISBN 978-1-883010-88-1

Was ist eigentlich “Superwash”?

Das Thema “superwash” -Ausrüstung bei Handarbeitsgarnen ist in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus gerückt. Dass dahinter oft Chemie und damit verbunden teils beträchtliche Folgen für die Umwelt einhergehen, wissen mittlerweile viele. Und schon steht man vor einem Dilemma: Die Farben sind ja wirklich toll, aber das schlechte Gewissen der Umwelt gegenüber ist immer da. Nur: bedeutet “superwash” immer auch “umweltschädlich”? In letzter Zeit wurden deutlich umweltfreundlichere Verfahren entwickelt, die sogar Standards wie GOTS und OekoTex genügen.

Warum filzt Wolle eigentlich?

Wolle filzt, wenn sich nebeneinanderliegende Fasern unauflöslich miteinander verhaken. Verantwortlich für das Verhaken sind die Schuppen auf der Faseroberfläche. In diesem Artikel hier gehe ich auf den Aufbau von Wollfasern detaillierter ein, wenn Dich das interessiert.

Die Schuppen geben der Faser sozusagen eine Richtung, die man spüren kann, wenn man eine Locke zwischen die Finger nimmt und sie einmal von der Wurzel zur Spitze durch die aneinandergedrückten Finger zieht und einmal in umgekehrte Richtung. In Richtung der Spitze gleitet es deutlich leichter. Dieser Effekt nennt sich “direktionaler Reibungseffekt” (directional friction effect). Er sorgt auch dafür, dass z.B. Schmutz von der Wurzel zur Spitze transportiert und somit aus dem Vlies entfernt werden kann.

Schematische Darstellung des Filzens von Wollfasern
Ich kann nicht besonders gut zeichnen, schon gar nicht mit digitalen Programmen, aber ich denke, es ist erkennbar: Die Fasern haben durch die Schuppenstruktur eine Richtung, und wenn sich die Schuppen verhaken, geht es weder vor noch zurück – die Fasern sind verfilzt.

Der Prozess des Verfilzens wird zwar immer mit diesem direktionalen Reibungseffekt erklärt, aber bis ins allerletzte Detail ist er offenbar noch nicht verstanden (dabei ist Filzen eine der ältesten textilen Techniken überhaupt!). Für den genauen Mechanismus werden in der Literatur verschiedene Modelle beschrieben (Fu et al. 2015 erwähnt z.B. den Shorter’s Mechanismus), allerdings muss ich gestehen – so richtig gut vorstellen kann ich es mir nicht. Mein (etwas diffuses) Verständnis ist dieses: Wenn Fasern nicht parallel liegen, sondern in unterschiedlichen Richtungen aufeinandertreffen und sich bei Bewegung mit ihren Schuppen verhaken, dann kommen sie nur noch vor und nicht mehr zurück, und wenn sie dann weiter bewegt werden, kommen sie irgendwann weder vor noch zurück und sind verfilzt. Parallel und gleichartig orientiert liegende Fasern verfilzen weniger leicht.

Allgemein lässt sich als Faustregel sagen:

  • Feine Fasern filzen leichter als gröbere Fasern
  • Fasern mit ausgeprägterer Schuppenstruktur (also solche mit höheren Schuppen) filzen leichter

Interessanterweise gibt es in der Tat einige Schafrassen, die deutlich weniger zum Filzen geeignet sind bzw. den Ruf haben, gar nicht zu filzen (Down-Rassen z.B. wie Southdown). Es wäre spannend zu wissen, inwieweit sich die Faserstruktur der Down-Rassen z.B. von Merino unterscheidet und wie genau das dann das Filzverhalten beeinflusst. Wenn sich jemand mit mir dazu austauschen möchte…immer gerne! Es gibt jede Menge wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, nur leider habe ich keinen Zugang mehr zu einer Uni-Bibliothek.

Wenn Wolle nicht filzen soll, müssen demnach irgendwie die Schuppen auf der Oberfläche der einzelnen Fasern verändert werden.

Warum soll Wolle filzfrei sein?

Verbraucher*innen wünschen sich heute pflegeleichte Kleidungsstücke. Dementsprechend wird erwartet, dass auch Textilien aus Wolle oder mit Wollanteil maschinenwaschbar und trocknergeeignet sind. Den Wünschen und Vorstellungen der Verbraucher folgend hat die Textilindustrie daher Verfahren entwickelt, mit denen in großem Maßstab genau das erreicht wird.

Ob auf chemischen, physikalischem oder enzymatischem Wege, eines ist allen Verfahren gemeinsam: sie alle verändern die Schuppenstruktur an der Oberfläche der Wollfasern, um das Verhaken der einzelnen Fasern miteinander zu verhindern. Dabei müssen die Schuppen offenbar gar nicht komplett entfernt werden (Zahn et al. 2012).

Beachte: bei den im folgenden beschriebenen Verfahren berücksichtige ich nur die, die für Fasern oder Garne verwendet werden können. Es gibt weitere Verfahren, die z.B. nur auf gewebten Textilien angewendet werden können, auf diese gehe ich aber in diesem Artikel nicht ein.

Chemisch: Das Chlor-Hercosett-Verfahren

Das erste Verfahren, mit dem Wolle filzfrei ausgerüstet werden konnte, war das Chlor-Hercosett-Verfahren. Es wurde von der CSIRO (Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation) und The International Wool Secretariat in den 1970er Jahren entwickelt und wird mittlerweile in über 20 Fabriken weltweit eingesetzt (Rippon et al. 2016).

In diesem Verfahren wird die Wolle (die lose Wolle oder Kammzüge) mit Chlor behandelt. Dadurch wird die Grundsubstanz der Faser, das Keratin, an der Oberfläche chemisch verändert (für die chemisch Interessierten: es werden sämtliche zugänglichen Disulfidbrücken in den Fasern gespalten und auch ca. 60% der Oberflächenlipide der Epicuticula entfernt). Dadurch wird die Oberfläche hydrophiler (= wasserliebender) und erleichtert so z.B. auch das Eindringen der Farbstoffmoleküle über den interzellulären Raum in das Innere der Fasern. Dieser Zustand ist nicht besonders stabil, daher werden die Fasern in der Regel anschließend noch mit einem Polymer überzogen.

Das Verfahren läuft in folgenden Schritten ab:

  1. Chlorierung. Die Fasern werden dafür in eine Lösung gelegt, die entweder in Wasser eingeleitetes Chlorgas ist (Kroy-Hercosett-Prozess, siehe Zahn et al. 20212) oder aber mit Schwefelsäure angesäuertes Natriumhypochlorit (dieses Verfahren ist etwas milder). Dabei wird ein Großteil der kovalent an der Faseroberfläche gebundenen Lipide entfernt, Disulfidbrücken gespalten und die Faseroberfläche hydrophiler (d.h. wasserliebender) gemacht (s.o.).
  2. Neutralisation mit Sulfit-Lösung.
  3. Überzug mit einem reaktiven kationischen Polymer. Ursprünglich war das eine Polyamid/Epichlorohydrin-Verbindung namens Hercosett 57, mittlerweile werden auch andere Verbindungen benutzt (z.B. Hercosett 125).
  4. Zusatz weiterer Prozesshilfen (z.B. Benetzungsmittel, Weichspüler) und Trocknen, um das Polymer auf der Faseroberfläche zu vernetzen.

Der wichtigste Schritt (nämlich der, der das anschließende Filzen verhindert) ist die Chlorierung. Auch ohne den Polymerüberzug sind die Fasern dann filzfrei, allerdings können die chemisch veränderten Proteine auch ausgewaschen werden und somit ist die filzfrei-Ausrüstung noch nicht wasch- und trocknerfest. Verläßlich und dauerhaft filzfrei werden die Fasern erst durch das Aufbringen des Polymers. Die Chlorierung macht die Faseroberfläche auch hydrophiler und somit besser benetzbar für Wasser, Farbstoffe oder eben das Polymer.

Statt des Chlors wird mittlerweile auch PMS verwendet (…nein, nicht das PMS. Permonoschwefelsäure, HOOSO3H, wen es interessiert). Mit dieser Methode werden allerdings keine Oberflächen-Lipide entfernt.

Das große Problem der Hercosett-Verfahren ist, ihr ahnt es schon: die Abwässer. Sie enthalten große Mengen Organische Chlorverbindungen und sind hochgradig umweltschädlich. Seit Jahrzehnten wird daher nach Alternativen gesucht und geforscht, von denen aber nur wenige in industriellem Maßstab zufriedenstellende Ergebnisse liefern.

Neuere Entwicklungen z.B. der Firma Schoeller verwenden andere Oxidationsmittel und sogenannte Micropatches aus “ökologischen Polymeren”, d.h. sie ummanteln die Fasern nicht mehr komplett sondern nur noch netzartig. Dieses Verfahren erfüllt die Anforderungen verschiedener Standards, u.a. GOTS.

Enzymatisch: Das Proteolytische Verfahren

Umweltfreundlichere Verfahren verwenden Enzyme, um die Oberfläche der Fasern so zu verändern, dass sie filzfrei werden. Die Enzyme können in einer gepufferten wäßrigen Lösung arbeiten und es entstehen dabei keine toxischen Abfallprodukte. Die Enzyme selbst werden meist biotechnologisch hergestellt, d.h. aus Bakterienkulturen gewonnen. Die verwendeten Bakterien enthalten die Enzyme entweder von Natur aus oder könnten genetisch verändert worden sein, um die Enzyme herzustellen.

Was machen die Enzyme? Enzyme sind Proteine, die chemische Reaktionen beschleunigen können (man sagt, sie haben eine katalytische Funktion). In unserem Falle sind es Proteasen, das heißt, sie bauen Proteine ab. Die chemische Reaktion, die sie beschleunigen, ist also die “hydrolytische Spaltung von Peptidbindungen”, oder Proteolyse.

Wolle ist selbst auch ein Protein und kann daher von Proteasen abgebaut werden. Das ist übrigens auch ein Grund, warum man Wolle nicht unbedingt mit herkömmlichem Waschmittel waschen sollte – die in Waschmitteln enthaltenen Enzyme sind oft Proteasen, die die Wolle angreifen und abbauen können.

Die Schwierigkeit ist nun, die Fasern nicht komplett zu zerstören, sondern nur die Schuppenstruktur an der Oberfläche. Die Proteasen dürfen also nur ein bißchen knabbern, und sie dürfen auch nicht in das Innere der Wollfasern gelangen. Wenn sie da erst mal sitzen, knabbern sie womöglich fröhlich weiter, bis die gesamte Faser abgebaut ist. Technisch wird das oft so gelöst, dass die Proteasen an Polymere gekoppelt werden (zum Beispiel Polyethylenglycol). Dadurch werden sie so groß, dass sie nicht mehr zwischen den Schuppen in die Fasern gelangen können und somit nur noch die Faseroberfläche als Angriffspunkt haben (s. Abbildung).

Schematische Darstellung der Protease-Behandlung von Wollfasern
Auch hier gilt wieder: ich kann nicht gut zeichnen. Die PacMan-artigen Gebilde sollen die Proteasemoleküle sein. Sie sind so klein, dass sie sich ohne weiteres ins Innere der Fasern vorarbeiten können (oberes Bild). Wenn sie hingegen chemisch an Polymere gekoppelt werden, die um ein Vielfaches größer sind als sie selbst (blaue Kugeln), dann können sie nicht mehr in das Innere vordringen. Sie sind quasi an den Kugeln immobilisiert und können nur noch von außen die Fasern angreifen. Aber auch hier gilt: Wenn man sie lange genug gewähren lässt, können sie auch in dieser Form die Fasern nachhaltig schädigen und letzten Endes abbauen.

Es gibt mittlerweile mehrere Verfahren, eines davon ist in Deutschland entwickelt worden und kann auch in größerem Maßstab eingesetzt werden (das ProLana-Verfahren von Dr. Petry). Der Knackpunkt ist: die Wolle ist nicht ganz so filzfrei wie mit dem Hercosett-Verfahren behandelte. Es gibt Richtwerte, die man einhalten muss, um die Wolle “superwash” nennen zu können, und diese Richtwerte können mit den verfügbaren enzymatischen Verfahren offenbar (noch) nicht ganz eingehalten werden (hier wird ein wenig darauf eingegangen). Man darf aber gespannt sein, ob durch weitere Forschung hier nicht doch noch ein Durchbruch erzielt werden kann.

Enzymatische Verfahren benötigen immer noch Wasser (und natürlich Nährlösungen für die Bakterien), aber ich gehe davon aus, dass die Abwässer längst nicht so umweltschädlich sind wie beim Hercosett-Verfahren.

Physikalisch: Das Plasma-Verfahren

Das dritte mir bekannte Verfahren, um Wolle filzfrei zu machen, ist das sogenannte Plasma-Verfahren.

Was ist denn bitte ein Plasma? Ein Plasma ist in unserem Falle ein Gasgemisch, das durch elektrische Entladung einen bestimmten Anteil geladener (=”ionisierter”) Teilchen enthält. Diese geladenen Teilchen können dann die Faseroberfläche verändern.

Die zu behandelnden Fasern werden in eine Kammer eingebracht. In diese Kammer wird ein Gasgemisch eingeleitet, das aus einem inerten Trägergas (z.B. Helium, ein Edelgas.”inert” meint, dass es selbst nicht an der Reaktion beteiligt ist) und einem Plasma-generierenden Gas (z.B. Sauerstoff, Stickstoff oder Luft) besteht. Durch elektrische Entladungen wird in der Kammer das Plasma erzeugt. Das Plasma verändert dann die Faseroberfläche, indem es, mal ganz grob formuliert, Löcher und Mikrokrater bis zu einer Tiefe von 5nm in die Oberfläche schießt. Auch hierbei werden höchstwahrscheinlich die Oberflächenlipide entfernt, die Fasern so hydrophiler (=wasserliebender) gemacht sowie die Disulfid-Brücken gespalten.

Plasma-Verfahren sind deutlich umweltfreundlicher als das Hercosett-Verfahren, weil keine schädlichen Abfallprodukte entstehen und somit die Umwelt nicht dadurch belastet werden kann. Nicht einmal Wasser wird benötigt, lediglich die Energie, die zur Plasma-Erzeugung erforderlich ist, und die könnte z.B. aus Ökostrom kommen.

Allerdings ist der Durchsatz auch nicht besonders hoch, so dass diese Methode im industriellen Maßstab zwar angewendet wird, aber keine so große Rolle spielt. Und auch hier ist die Wolle anschließend offenbar nicht so zuverlässig filzfrei wie mit den chemischen Verfahren. Für das Bedrucken von Stoffen hingegen eignet sich diese Methode hervorragend.
Ein Beispiel für einen kommerziellen Plasmaprozess findet ihr bei Südwolle. Dieses Verfahren ist unter anderem für GOTS und Oeko-Tex zertifiziert.

Muss Wolle nun immer filzfrei sein?

Superwash oder nicht – bei diesem Thema scheiden sich die Geister. Während es für die einen nichts mehr mit der ursprünglichen Faser zu tun hat und eher abwertend als “Harzfaser mit Keratinkern” bezeichnet wird, begeistern sich andere für die leuchtenden Farben und das pflegeleichte handling (gerade für Dinge, die oft gewaschen werden, z.B. Babysachen). Die Wahrheit findest Du nur für Dich heraus, indem Du ausprobierst, was für Dich am besten funktioniert.

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass sich superwash-behandelte Fasern anders verhalten als unbehandelte. Durch eine Verwechslung habe ich einmal superwash-behandeltes statt unbehandeltes Cheviot geliefert bekommen. Während des Spinnens ist mir das zwar nicht so aufgefallen. Beim anschließenden Färben haben die superwash-Garne aber definitiv die Farben besser aufgenommen (wie ich in diesem Experiment selbst festgestellt habe).

Durch die veränderte Schuppenstruktur haben die Garne oft einen anderen Fall als unbehandelte Garne. Es kann auch sein, dass z.B. Pullover nach dem Waschen länger werden, weil eben die Schuppen nicht mehr so gut zusammenhalten, die Fasern mehr aneinander vorbeigleiten und die Strickstücke so ihre Form etwas verlieren. Möglicherweise lässt sich das aber beim Stricken auch durch ein festeres Maschenbild ausgleichen.

Eine sehr umfassende Übersicht zum Thema “filzfrei” findet sich übrigens auch bei Ulrike Bogdan in ihrem eBook “Von Fasern, Farben und Fäden. Eine Anstiftung zum selbstbestimmten Umgang mit Textilien” . Sie geht dabei auch auf Textilsiegel ein – sehr lesenswert! (Kann man HIER kaufen).

Wenn man sich heute für Superwash- oder filzfrei ausgerüstete Garne oder Fasern entscheidet, gibt es durchaus umweltfreundliche und nachhaltige Optionen. Allerdings steht selten auf dem Etikett, mit welchem Verfahren das Garn bearbeitet wurde – dafür braucht es Transparenz von Herstellern und Färbern. Und es braucht Kunden, denen diese Informationen wichtig sind und die sie einfordern.


Literatur

Ulrike Bogdan “Von Fasern, Farben und Fäden. Eine Anstiftung zum selbstbestimmten Umgang mit Textilien”, 2015

David M Lewis, John A. Rippon (Editors): “The Coloration of Wool and other Keratin Fibres” (2013, Wiley, ISBN 978-1-119-96260-1)

Jeffrey E. Plowman et al.: “Differences between ultrastructure and protein composition in straight hair fibres.” Zoology (Jena) 2019 Apr;133:40-53. doi: 10.1016/j.zool.2019.01.002. Epub 2019 Feb 1.

John A. Rippon et al. (2016) WOOL: STRUCTURE, PROPERTIES, AND PROCESSING ( Wiley online 15 May 2016 https://doi.org/10.1002/0471440264.pst402.pub2)

Jiajia Fu et al., “Enzymatic processing of protein-based fibers” Appl Microbiol Biotechnol (2015) 99:10387-10397

Zahn H. et al. “Wool” Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry (2012) Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

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