Wer Schafwolle direkt vom Schaf ab verarbeiten möchte, kommt in der Regel am Schritt “Wolle waschen” nicht vorbei. Die Wollwäsche gilt dabei (nicht ganz zu unrecht) als aufwändiges Verfahren. Je nach zu waschender Menge kommen da schon mal ein paar Stunden Arbeit und einige zu wuchtende Kilo zusammen, und wer das nicht an einen Dienstleister abgeben möchte oder kann, sucht oft nach Wegen, sich die Arbeit zu erleichtern. Das Fermentieren von Wolle erscheint als eine einfache und natürliche Alternative zum Waschen “mit Chemie”. Aber was bedeutet “Fermentieren” eigentlich und ist das wirklich so gut? Ich hab es für euch ausprobiert. Im Nachhinein entpuppte sich das Ganze als ziemliches rabbit hole, daher ist dieser Artikel etwas länger und vermutlich auch nur der erste zu dem Thema.
Wolle fermentieren: Wie geht das?
Das Fermentieren von Wolle begegnete mir schon recht früh in meinem Spinnerleben. In Blogposts und Forums kam dieser Begriff immer mal wieder vor, meistens wurde die Methode hochgelobt, wenn auch mit dem caveat, es sei sehr … intensiv, auf olfaktorischer Ebene. Das Verfahren an sich ist simpel und mit scheinbar wenig Aufwand verbunden:
- Dreckige Wolle in Wasser (am besten Regenwasser) einlegen,
- ein paar Tage oder Wochen warten,
- Wolle rausnehmen, spülen,
- voila: saubere Wolle.
Meist erschöpften sich die Beschreibungen aber in etwas wie “zum Fermentieren lege ich meine Wolle in Regenwasser, bis sie fertig ist” oder “Wir fermentieren unsere Wolle auf natürliche Weise”. Angaben zu Schafrasse, Fettgehalt, Wasserart (ist es mit Leitungswasser komplett unmöglich oder nur weniger gut?), -menge und -temperatur, Dauer der Inkubation etc. sind, sagen wir mal vorsichtig: breit gestreut.
Der Tenor war: Rasse egal, Wasser drauf, drin liegen lassen, bis es stinkt (1 – 3 Wochen), und dann könne man die Brühe direkt fürs nächste Vlies nehmen, dann würde es noch besser. Angeblich spart man somit Energie (fürs Wasser erhitzen) und Wasser, weil man nicht so viel spülen muss. Funktionieren soll das Ganze über die Mikroorganismen, die in der Schafwolle natürlicherweise vorkommen, die würden Pflanzen- und Kotreste sowie sogar ein wenig Lanolin (aber nicht alles!) abbauen, so dass am Ende nur ein schönes sauberes und nach Schaf duftendes Vlies übrig bliebe.
(Dir fällt auf, dass ich im Konjunktiv spreche, gell? Aber ich will nicht vorgreifen…)
Schauen wir uns das doch mal im Detail an.
Beworbene Vorteile der Fermentation
Zu den oft genannten Vorteilen der Fermentation gegenüber der regulären Wäsche mit Spüli, Soda etc. gehören also:
- Wasserersparnis (man kann offenbar die Brühe wiederverwenden und sie soll von Mal zu Mal potenter und besser werden),
- Zeitersparnis
- Energieersparnis
- Natürlichkeit
- Pflanzen- und Kotreste sollen wie gesagt abgebaut werden und auch nur wenig Lanolin am Ende übrig bleiben, gerade so viel, dass sich die Wolle noch schön geschmeidig anfühlt.
Eine relative Zeitersparnis kann ich mir ganz gut vorstellen, wenn man kein heißes Wasser schleppen muss und die Wolle nicht von Waschbad zu Spülbad hieven muss, sondern einfach nur wartet, bis es fertig ist. Auch die Energieersparnis klingt logisch, weil ja kein Wasser erhitzt werden muss.
Beim Wasserverbrauch habe ich keine Quelle gefunden, die das einmal quantifiziert hätte, vor allem im Vergleich zu anderen Waschverfahren. Meistens waren die genauen Parameter eher vage gehalten, eben “nach Gefühl”.
Beim Thema Natürlich hatte ich dann so meine Bedenken. „Natürlich“ wird ja oft mit „ungefährlich“, „heilsam“ und anderen positiv besetzten Eigenschaften gleichgesetzt. „Natürlich“ heißt oft: keine bösen Chemikalien zugesetzt (wobei man natürlich trefflich drüber diskutieren kann, dass auch unsere Körper und die Natur selber „Chemie“ sind…anderes Thema). Nun. Natürlich im Sinne von „in der Natur vorkommend“ ist das Wolle-Fermentieren allemal, nur hinsichtlich „ungefährlich“ und „heilsam“… da mach ich schon mal ein Fragezeichen dran. Aber damit beschäftigen wir uns später. Und auch mit der Frage, ob Pflanzenreste, Kot und Lanolin abgebaut werden.
Meine Experiment : eine olfaktorische Herausforderung
Ich nahm mir also ein Vlies Ostfriesisches Milchschaf, sortierte es schön und legte es in ein großes Fass mit Deckel, füllte es mit gutem Berliner Brunnenwasser (Regenwasser hatten wir nicht) und wartete ab.
Ich muss vielleicht dazusagen, dass ich damals noch nicht so genaue Notizen gemacht habe, nur ein paar Fotos. Die Beschreibung hier ist also nicht ganz so detailliert wie ich es gerne hätte.

Wie erwartet, begann die Brühe ordentlich zu stinken. Der Geruch erinnert an Brennesseljauche (die Gärtner unter euch werden es kennen) oder einen Heuaufguss aus dem Biounterricht. Du erinnerst Dich vielleicht: man gießt Heu mit Wasser auf und lässt es stehen, bis sich oben ein Biofilm bildet (die Kahmhaut). Man findet dann unter dem Mikroskop Pantoffeltierchen etc. , die anfangen, das Pflanzenmaterial abzubauen. Und es…riecht.


Nur um das olfaktorisch mal einzuordnen: Der Heuaufguss riecht schon nicht lecker, aber er ist nur der kleine Bruder des Wolle-Fermentierens.
Und das Ergebnis? Ziemlich ernüchternd, wie ich fand.
- Der üble Geruch ging aus meiner Wolle nicht raus, entgegen den Versprechungen im Internet. Auch nicht nach dem Trocknen und in der Sonne liegen. Auch nicht mit 5x Spülen (Brunnenwasser ausm Gartenschlauch). Auch nicht mit Lavendelöl im Spülwasser. Es roch nach Gülle, nicht nach Schaf.
- Der Wasserverbrauch war durch das exzessive Spülen mindestens genauso groß wie bei meiner herkömmlichen Waschmethode.
- Das Lanolin und auch Heu- und Kotreste waren am Ende noch drin (auch wenn manche Erfahrungsberichte behaupten, das würde von den Mikroorganismen abgebaut).
- Immerhin: etwas sauberer war die Wolle. Ungefähr so sauber, wie Wolle eben wird, wenn man sie mit kaltem Wasser spült.

Das war im Jahr 2020, und damals hab ich mir wie gesagt noch nicht so genaue Notizen gemacht zu Wassermenge, Temperatur etc. Für eine erste Einordnung hat es mir allerdings gereicht… das Thema war damit für mich erst mal abgeschlossen und ich wusch meine Wolle wieder mit meiner bevorzugten Methode.


Dem Geruch nach zu urteilen waren bei meiner “Fermentation” auch eher Fäulnisprozesse im Gange. Bei Fäulnis entstehen manchmal durchaus gesundheitsschädliche, oft schwefelhaltige Verbindungen (daher der Geruch). Vielleicht sollten wir uns nochmal kurz dem Begriff “Fermentation” als solchem widmen, bevor wir ihn einordnen.
Was ist eigentlich “Fermentation”?
Der Begriff “Fermentation” ist bei Lebensmitteln in aller Munde und hat in den letzten Jahren ein Revival erfahren, ob Sauerteigbrot, Bierbrauen oder Kimchi. Das zu fermentierende Lebensmittel wird dafür irgendwie mit Wasser und ggf. anderen Zutaten wie Salz oder Zucker angesetzt, und dann eine Weile im Warmen stehen gelassen. Irgendwann fängt es an zu blubbern und ist dann gesund – so oder so ähnlich könnte man das ganze vielleicht kurz zusammenfassen.
Manchmal wird Fermentation als “Gärung” bezeichnet, die aus dem Schulunterricht bekannten Gärungen sind vielleicht die alkoholische Gärung (Bier, Wein) oder die Milchsäuregärung (Joghurt, Käse). Der englische Begriff “fermentation” umfasst beides, warum es im Deutschen dafür zwei Begriffe gibt, weiß ich grad nicht.
Verantwortlich für die Fermentation bzw. Gärung sind Mikroorganismen, das können Bakterien sein oder Hefen. Warum machen die das nun? Kurz gesagt: zur Energiegewinnung. Zucker (oder andere Substrate) werden verstoffwechselt und abgebaut, um daraus Energie zum Leben zu gewinnen. Für die Mikroorganismen kann der Sinn einer Fermentation manchmal die Nutzung alternativer Nahrungsquellen oder auch eine Art zeitlich begrenztes Notfallprogramm sein. Sie haben dann mehrere Optionen der Energiegewinnung. Wenn eine Nahrungsquelle fehlt oder eine Notsituation eintritt (Sauerstoffmangel z.B.), wird einfach das Programm auf die jeweils verfügbare Nahrungsquelle / Umgebung geswitcht. Ganz nebenbei haben sie dadurch auch einen Selektionsvorteil gegenüber der Konkurrenz, die das vielleicht nicht kann.
Gärung, die in Abwesenheit von Sauerstoff und unter Bildung eines unangenehmen Geruchs abläuft, wird klassisch als Fäulnis bezeichnet.
Substratabbau am Beispiel Alkoholische Gärung
Für die, die es ganz genau wissen wollen: Glucose ist z.B. für Hefen die bevorzugte Nahrungsquelle in Anwesenheit von Sauerstoff. Glucose (6 Kohlenstoffatome im Molekül) wird in Anwesenheit von Sauerstoff über mehrere Zwischenstufen vollständig zu CO2 und Wasser abgebaut. Aus 1 Glucosemolekül mit 6 C-Atomen entstehen am Ende 6 CO2-Moleküle. Fehlt Sauerstoff, dann kann Glucose nur unvollständig abgebaut werden, denn für den letzten Schritt in dem Abbauprozess braucht es Sauerstoff (bis dahin geht es auch ohne). Ohne Sauerstoff bleibt der Abbau auf der vorletzten Stufe stehen, das ist dann Ethanol (das hat 2 C-Atome im Molekül). Da das für die Hefe intrazellulär eher problematisch ist, transportiert sie das Ethanol nach draußen in das sie umgebende Medium. Et voila, Bier oder Wein. Die Ethanolkonzentration im Medium steigt, bis sie irgendwann toxisch wird und die Hefe abstirbt (das ist der Grund für die natürliche Obergrenze des Alkoholgehaltes in Wein). Bei anderen Gärungen (z.B. Milchsäuregärung) wird z.B. in Abwesenheit von Glucose ein alternativer Zucker (in diesem Fall Lactose) abgebaut, und zwar ohne energetische Einbußen für die Mikroorganismen.
Die “guten” Fermentationen sind die, die sich der Mensch über die Jahrtausende zunutze gemacht hat. Joghurtherstellung, Sauerteigbrot, Bier brauen, Weinherstellung, Sauerkraut, Kimchi… all das endet in einem genießbaren Lebensmittel. Fermentation kann aber auch Stoffwechselprodukte entstehen lassen, die für den Menschen sehr ungesund sind. Bei solchen Fermentationen werden andere Abbauwege beschritten, wie z.B. der Fäulnis. Auch hier wird am Ende ein Substrat durch die Mikroorganismen abgebaut, um Energie daraus zu gewinnen. Nur sind die Substrate andere als Glucose, und es entstehen hierbei manchmal schwefelhaltige Verbindungen, die einen sehr, ähm, eigenen Geruch haben und eben überhaupt nicht gesund sind.
Ich möchte an dieser Stelle nochmal das Stichwort“Kontrollierte” oder “geführte” Fermentation ins Spiel bringen. Beim Wein oder der Käseherstellung beimpfen wir mit einer gewünschten Kultur. Wenn wir das nicht tun (z.B. beim Sauerteig neu aufsetzen), stellen wir zumindest für die gewünschten Kulturen optimale Bedingungen her, um ihnen so gegenüber konkurrierenden (schädlichen) Mikroorganismen einen Vorsprung zu sichern, damit diese verdrängt und nur das gewünschte Ergebnis produziert wird. Genau deshalb ist es z.B. bei der Käseherstellung so wichtig, auf ein hohes Maß an Sauberkeit zu achten: Milch finden auch andere Bakterien lecker, die daraus aber leider keine genießbaren Produkte herstellen. Mit Coli-Bakterien vergorene Milch ist nicht genießbar. Lebensmittel-Fermentieren ist keine “Quick and Dirty”-Methode. Es braucht gute Hygiene und einiges an Erfahrung, um nur mit den Sinnen eine gute von einer schiefgelaufenen und nicht mehr genießbaren Fermentation zu unterscheiden – das ist die hohe Kunst.
Ahnst Du schon, worauf ich beim Wolle-Fermentieren hinaus will?
Aber bevor ich da tiefer einsteige, lass uns doch nochmal kurz in die Literatur schauen.
Was sagt die Literatur?
Netz-Recherche – woher kommt die Fermentations-Methode?
Beim Recherchieren im Netz zum Thema “Wolle fermentieren” oder auch “Suint Fermentation Method” bekam ich eine ganze Reihe Treffer von Blogs, die ihre Erfahrungen zu dem Thema geteilt haben. Beim näheren Hinschauen stellte sich aber schnell heraus: besonders groß ist die Detailtiefe dort nicht, meist werden dieselben Buzzwords wiederholt, und Quellen hab ich so gut wie keine gefunden. Im Englischsprachigen Raum (besonders in UK und den USA) wird auf einen Artikel des Magazins “Spin Off” vom Herbst 2008 verwiesen. Autorin ist die in der Handspinnwelt sehr bekannte und bewunderte Judith MacKenzie McCuin, die ihre Methode zum Fermentieren vorstellt und darauf verweist, dass sie ursprünglich in Neuseeland entwickelt worden ist. Sie verwendet die Methode, um vor allem Vliese primitiver Schafrassen zu reinigen. Sehr fetthaltige und feinwollige Vliese unterzieht sie im Anschluß noch einer regulären heißen Wäsche mit Detergentien (MacKenzie McCuin 2008).
Auf diesen Blogs (auf englisch) kannst Du mehr zum Fermentieren lesen:
https://bluebarnfiber.blogspot.com/2017/07/suint-fermentation.html
https://spinninglizzy.wordpress.com/tag/fermented-suint-method/
„Schafwolle verarbeiten“
Meine erste Literatur-Referenz ist ja immer das Buch “Schafwolle verarbeiten” (Röhm u. a. 2024). Im Kapitel zum Waschen der Wolle gibt es auch einen Abschnitt zum Thema “Reinigen durch Faulenlassen” (S. 219 f.). Dort steht im Grunde das, was ich oben schon erwähnt und in meinen ersten eigenen Erfahrungen auch festgestellt habe: es stinkt (was eben auf die Fäulnis hinweist) und das Wollfett bleibt erhalten. Der Autorin zufolge soll diese Methode aus Neuseeland stammen (ich vermute, das bezieht sich auf dieselbe Methode wie die von Judith MacKenzie genannte) und entwickelt worden sein, um große Mengen leicht verschmutzter und leicht fettiger Wolle zu reinigen. Und hier liegt glaub ich auch des Pudels Kern: leicht verschmutzt und leicht fettig. Nicht jede Schafrasse und nicht jedes Vlies ist offenbar gleichermaßen dafür geeignet.
„Scouring Wool“ und die Experimente von Jennifer Hunter (Fernhill Farm)
Die einzige weitere und etwas detailliertere Quelle, die ich finden konnte, war eine Referenz in der Tagungsveröffentlichung “Scouring Wool” aus 2015. Auf dieser Tagung, auf der es ausschließlich ums Wolle-Waschen in all seinen Dimensionen ging, hatte Jennifer Hunter aus Großbritannien ihre Arbeit zur Fermentation von Wolle vorgestellt, die Teil eines größeren Projektes rund um Wollverarbeitung und -vermarktung war. Auf ihrer Farm (Fernhill Farm) erprobte sie das Fermentieren kleinerer Mengen Vliese. Die Ergebnisse ihrer Arbeit hat sie in einem Forschungsbericht zusammengefasst (Hunter 2014). Sie nennt es “Microbial Wool Washing” (Kapitel 11.0) und stellt ihre Vorgehensweise und Erkenntnisse sehr detailliert dar (die sich in vielem mit dem decken, was man auch woanders über das Wolle-Fermentieren lesen kann). Unter anderem hat sie den Fermentationsansatz nach 3x Benutzung zum Düngen von Pflanzen eingesetzt und auch hier ihre Ergebnisse dokumentiert. Sehr lesenswert!
Mein Fazit: Ich habe Fragen. Und es ist nicht meins.
Eins wurde bei meiner Recherche schnell klar: das Fermentieren ist umstritten. Die einen schwören drauf, die anderen lehnen dankend ab. Zudem musste ich schnell feststellen: die Detailtiefe in den Blogs oder Posts, die ich gefunden habe, war nicht besonders groß – es wurde eher gesagt, dass Wolle fermentiert wird, aber nur selten wie oder welche Rasse verwendet wurde, wie fettig die Wolle war, Wasserhärte, Temperatur, pH usw. Am ausführlichsten wurde noch die reine Durchführung erklärt, die verwendeten Behältnisse etc.
Danach wurde es schon dünn – Angaben zu Inkubationsdauer, Temperatur, Wassermenge, Schafrasse, Fett- und Schmutzgehalt des Vlieses wurden nur teilweise mitgeliefert. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Ergebnisse sich je nach Schafrasse, Verschmutzungsgrad und Temperatur durchaus unterscheiden. Möglicherweise sind je nach Standort und Rasse sogar unterschiedliche Mikroorganismen auf den Vliesen angesiedelt, so dass die Fermentation sowieso nie identisch sein kann, weil unterschiedliche Organismen unterschiedliche Stoffwechselwege beschreiten. Und so kann ich mir vorstellen, dass es zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt.
Mir stellt sich zudem die Frage: Was wird da eigentlich „fermentiert“? Also was genau ist das Substrat für die Mikroorganismen? Die Reaktionsprodukte kann man riechen, etwas schwefelhaltiges, tierisches, ist also mit im Spiel. Aber mehr Informationen habe ich nirgends dazu gefunden.
Nach meinem Empfinden ist die Wolle nach dem Fermentieren genauso sauber, als wenn man sie z.B. nur über Nacht einweicht und am nächsten Tag spült. Das Spülwasser ist genauso guter Dünger, das Ganze dauert nicht so lange und die Wolle duftet noch nach Wolle. Bei diesem über-Nacht-Vorweichen wird der leicht lösliche Wollschweiß ausgewaschen, der selbst schon eine gute Reinigungswirkung hat (wird oft als „schaf-eigene Seife“ bezeichnet) und die allermeisten leichtlöslichen Verunreinigungen entfernen kann. Stark verklebte Spitzen, Farbreste und das Wollfett werden dadurch natürlich nicht entfernt. (Und auch Judith MacKenzie sagte ja, dass die Fermentation eher für primitive Rassen mit weniger Wollfettgehalt geeignet sei und sie im Anschluß an die Fermentation bei fettigen Wollen noch ein richtiges „Scouring“ mit Detergentien anschließt).
Schaf-eigene Seife
Vielleicht hast Du auch schon mal von „Schaf-eigener Seife“ gehört. Das ist nichts anderes als der leichtlösliche Wollschweiß.
Das Lehrbuch „Wollkunde“ (Doehner und Reumuth 1964) sagt dazu folgendes (S.299f, ich fasse zusammen).: Wollschweiß setzt sich aus anorganischen Salzen, insbesondere Kaliumcarbonat, und einem geringen Teil aus organischen Sbstanzen zusammen.
S.305: Wollschweiß hat eine hohe Oberflächenaktivität und einen hohen Kaliumgehalt. Die Wollschweißlösung hat eine gute Reinigungswirkung, die auf den Gehalt an Kaliseifen und Peptid zurückzuführen ist (das sind vermutlich die organischen Reste) Zitat: “In vielen Wollwäschereien wurden daher im ersten Waschtrog keine Detergentien zugesetzt, um die Waschwirkung des Schweißes zur teilweisen Beseitigung von Fett und Schmutz auszunutzen.” Es wird das Duhamel-Verfahren erwähnt, das in der industriellen Wollwäsche diese Reinigungswirkung des Wollschweißes als Vorstufe zum Waschen mit Detergentien ausnutzte, sich aber nicht durchsetzen konnte (Wood u.a. 2009).
S. 306: Aus dem Schweiß wird/ wurde Pottasche gewonnen (Ausbeute ca 3% des Rohwollgewichtes bei deutschen Wollen, die besonders viel Wollschweiß haben).
Was stört mich am Wolle-Fermentieren als Wasch-Methode?
- Der Geruch – da sind nicht nur friedliebende Bakterien dabei und man weiß gar nicht, was man da züchtet. Plus: Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass alle dabei entstehenden ungesunden Substanzen wirklich leicht flüchtig sind und somit irgendwann auch aus dem Vlies rausgehen. Man weiß es einfach nicht.
- Das Ergebnis – nur Spülen macht es in meiner (zugegeben begrenzten) Erfahrung genauso sauber.
- Die Fermentationsbrühe würde ich weniger als “Dünger” sondern eher als “Klärabfall” bezeichnen und nicht in meinen Garten kippen – immerhin geht das alles ins Grundwasser… ich kann mir nicht vorstellen, dass es das gleiche ist wie normale Gülle. Ohne es belegen zu können, ziehe ich hier mal eine Parallele zur Wasserröste von Flachs (dabei wird Flachs in Wasser eingelegt und angerottet, um die Fasern zugänglich zu machen, ähnlich wie beim Wolle fermentieren). Die Wasserröste ist in Europa aus Umweltschutzgründen in der Regel verboten, weil es Gewässer stark belastet.
- Faulen / Fermentieren kann die Faserstruktur angreifen und die Wolle verrotten lassen. Dazu habe ich aber keine Erfahrungsberichte gefunden.
Wenn Du schon mal eine mikrobiologische und toxikologische Analyse dazu gefunden oder selbst gemacht hast, würde ich mich freuen, wenn Du sie mit mir teilst! Es interessiert mich wirklich, und auch Jennifer Hunter scheint gute Erfahrungen mit dem Fermentationssud als Dünger gemacht zu haben. Ich hab erst mal nur meine Zweifel.
Nicht direkt ein Störfaktor, aber zu berücksichtigen, wenn Du Vliese zum Kardieren an einen Dienstleister schicken möchtest: der Rest-Fettgehalt fermentierter Vliese ist möglicherweise zu hoch, um maschinell weiterverarbeitet zu werden. Frage auf jeden Fall bei Deinem Dienstleister nach, wie fettfrei die Wolle sein muss.
Wolle Fermentieren zu anderen Zwecken?
Also, als Waschmethode ist das Fermentieren durchaus umstritten, wie wir gesehen haben. Meist hat sowas aber doch irgendwo seinen Ursprung in einer Tradition und wird dann irgendwie angepasst, weitergegeben, und dabei verschwindet oft ein Teil des Wissens um das Große Ganze. Und siehe da: In meiner Recherche stieß ich noch auf einen anderen interessanten Fakt. Früher wurde offenbar Wolle beim Färben mit Naturfarbstoffen fermentiert, um die Farben brillanter und länger haltbar zu machen. Mega spannend! Ich machte mich gleich ans Quellenstudium.
Studien an archäologischen Fundstücken
Im zitierten Artikel von Späth et al 2021 “X-ray microscopy reveals the outstanding craftsmanshop of Siberian Iron Age textile dyers” (Späth u. a. 2021) haben die Autoren mittels Röntgen-Mikroskopie (eine Methode, die ich selber nicht kenne) Wollfasern aus einem sehr alten Teppich analysiert, der im Altai-Gebirge gefunden wurde. Der Teppich (“Pazyryk Teppich”) stammt aus dem 4. Jh. v.Chr. und wurde aus der Wolle anatolischer Schafe hergestellt. Seine Farben leuchten offenbar noch immer intensiv. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass die Wolle der anatolischen Schafe, aus der der Teppich besteht, vor dem Färben fermentiert wurde. Die Fermentation greift die Cuticula-Schicht der Fasern an, so dass die Schuppen der Wollfaser abstehen und im anschließenden Färbeprozess (auf den ich hier nicht näher eingehen möchte) die Farbstoffe besser in das Innere der Faser eindringen und sich dort anreichern können.
Die Autoren schreiben, dass sich der Fermentationsprozess über drei Wochen hinzieht und durchaus fehleranfällig ist – wenn er nicht richtig durchgeführt wird, kommt es offenbar zu Fäulnis (“putrefaction”). Die Kunst dabei ist, die erwünschte Hefe Geotrichum candidum anzureichern. Dieser Mikroorganismus baut die lipidhaltige Schicht zwischen den Cuticula-Zellen ab und stellt durch sein Wachstum auch einen pH von ca. 4,4 ein, der wiederum das Wachstum unerwünschter Fäulnisbakterien verhindert.
Heureka: Das ist es! Eine geführte Fermentation mit dem Ziel, die Farbaufnahme zu verbessern!! (Du erinnerst Dich an den Anfang dieses Artikels?)
Im Methodenteil kann man dann nachlesen: für die Fermentation wird mit Sauerteig und Weizenkleie gearbeitet. Aha! AaaaHAAA!
Und hier ist noch ein Pudelkern: Der Prozess der Fermentation von Wolle wird mit erwünschten Kulturen (dem Sauerteig) beimpft und dann mit Weizenkleie gefüttert, damit sich die erwünschten Prozesse der Fermentation auch wirklich gegen die unerwünschten Prozesse der Fäulnis durchsetzen!
Im Methodenteil des Artikels wird eine weitere Studie zitiert (Meyer u. a. 2017). Die Autoren haben mit ähnlichen Methoden gearbeitet und ebenfalls alte mit Naturfarben gefärbte Fasern untersucht. Hier findet sich auch eine etwas genauere Beschreibung für die Durchführung der Fermentation (mit anschließendem Färben, das ich hier heute mal außen vor lasse).
Diese Art der Fermentation zum Färben hat auch schon mal jemand ausprobiert und darüber gebloggt. Schau gerne dort vorbei, wenn es Dich interessiert, Du findest auch interessante links dort.
Fermentieren zum Färben – so könnte da doch noch ein Schuh draus werden!
Na, das klang doch schon eher nach Reproduzierbarkeit und Intention! Dieses rabbit hole habe ich mir als nächstes vorgenommen, damit dieser Artikel hier nicht allzu lang wird.
Stay tuned für die Fortsetzung zum Thema “Wolle Fermentieren zum Färben”!
Quellen
Hunter, Jennifer. 2014. Growing and marketing fine wool in native colours. Research Report. Nuffield Farming Scholarships Trust.
MacKenzie McCuin, Judith. 2008. „On Washing Fleece“. In Wool Washing. spinning daily presents. F+W Media Inc.
Meyer, Markus, Camelia N. Borca, Thomas Huthwelker, u. a. 2017. „Μ -XRF Studies on the Colour Brilliance in Ancient Wool Carpets“. Scanning 2017: 1–7. https://doi.org/10.1155/2017/6346212.
Röhm, Margit, Katrin Sonnemann, und Ulrike Claßen-Büttner. 2024. Schafwolle verarbeiten: Schafrassen, Wollkunde, Filzen, Spinnen. Von der Rohwolle zum fertigen Werkstück. Verlag Eugen Ulmer.
Späth, Andreas, Markus Meyer, Thomas Huthwelker, u. a. 2021. „X-Ray Microscopy Reveals the Outstanding Craftsmanship of Siberian Iron Age Textile Dyers“. Scientific Reports 11 (1): 5141. https://doi.org/10.1038/s41598-021-84747-z.
Wood, Errol. 2009. „7. Wool scouring systems“. Australian Wool Education Trust licensee for educational activities University of New England.
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