Ein Blog über Handspinnen, Wolle und Schafe

Von Kammgarnen, Streichgarnen und anderen flauschigen Dingen

In meinen Blogartikeln verwende ich des Öfteren Fachbegriffe rund um das (Hand-) Spinnen. Natürlich versuche ich immer, sie kurz zu erklären. Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, eine Art Glossar – Artikel zu schreiben, in dem ich diese Begriffe gesammelt erkläre, damit Du immer etwas zum Nachschlagen hast.

Am anschaulichsten ist das aus meiner Sicht, wenn wir einfach mal den Weg vom Schaf zum Garn gehen. Dabei gehe ich hauptsächlich von der Handspinner-Perspektive aus, denn der industrielle Prozess der Wollverarbeitung ist zwar ähnlich, aber Maschinen arbeiten doch immer anders als Menschen.

Rohwolle und Vlies

Rohwolle ist das, was nach der Schur auf dem Boden liegt – die ungewaschene, abgeschorene Wolle. Sie kann noch sortiert werden, um nicht brauchbare Teile mit viel Kot oder Einstreu und Dreck sowie verfilzte Teile zu entfernen, sie ist aber immer ungewaschen. Mir ist der Begriff auch schon begegnet im Zusammenhang mit gewaschener (aber sonst nicht weiter verarbeiteter) Wolle. Vermutlich sollte dort der Ausgangszustand vor dem Verarbeiten als “Roh-” gekennzeichnet werden. Für mich ist Rohwolle aber immer das landwirtschaftliche, noch nicht gewaschene Produkt. Nach dem Waschen ist es für mich dann einfach Wolle.

weißes Skuddenvlies liegt auf einem Lattenrost, Schnittseite nach oben
Ein Vlies von einer Skudde liegt mit der Schnittseite nach oben auf dem Sortiertisch.

Ein Vlies ist die (abgeschorene) Wolle von einem Schaf. Das Vlies kann im Stück vorliegen, wenn der Scherer das so abgeschoren hat. Wolle vom Kopf, Po und Beinen wird manchmal separat abgeschoren und ist dann nicht mehr Teil des Vlieses. Manchmal wird es in mehreren Teilen abgeschoren oder hält nicht als Eins zusammen, dennoch würde ich dann von einem Vlies sprechen.
Ein Vlies kann theoretisch als Rohwolle oder im gewaschenen Zustand vorliegen. Das Vlies wird natürlich nur in den seltensten Fällen komplett am Stück gewaschen, meist geschieht das portionsweise. Dennoch würde ich, wenn ich die Wolle eines (speziellen) Tieres meine, immer von einem Vlies sprechen, auch wenn es nicht mehr zusammenhängt (z.B. Riekes Vlies).

Wenn ich mein Lehrbuch “Wollkunde” aus dem Jahr 1964 befrage, so zitieren die Autoren darin einen Herrn Fröhlich aus dem Jahr 1929 mit den Worten “Von einem Vlies im engeren Sinne spricht man dann, wenn das Haarkleid des betreffenden Tieres nach der Schur ein zusammenhängendes Ganzes bildet und nicht in die Einzelbestandteile zerfällt.” Der Autor Prof.Dr. H. Doehner berichtet weiter “Der Zusammenhalt der Haare ist um so größer, je feiner, gekräuselter und reicher an Fettschweiß sie sind (…)”

Stapel und Locke

Ein Vlies ist aus vielen mehr oder weniger separaten, aber in sich zusammenhängenden Wollbüschel aufgebaut. Das sind die sogenannten Stapel. Wenn man das Vlies ein bißchen auseinanderzieht, dann trennen sich die Stapel voneinander, bleiben aber noch durch sogenannte Binderhaare miteinander verbunden. Wenn man sich das Ganze vielleicht als Netz vorstellt, dann sind die Stapel die Knotenpunkte und die Binderhaare die Verbindungen zwischen den Knoten.

Nahaufnahme eines rohen weißen Schafsvlieses
In diesem Vlies sind die einzelnen Stapel ganz gut an ihren Spitzen zu erkennen.

Fasst man einen Stapel an der Spitze an, kann man ihn schön aus dem Vlies herausziehen, sich seine genaue Struktur ansehen und seine Länge bestimmen.

Ein Stapel eines weißen Skudde-Vlieses
Ein Stapel aus einem Skudde-Vlies. Er ist sehr lang (19 cm), hat eine dreieckige Form, und man erkennt lange Grannenhaare und kürzere (ca. 10 cm) Unterwolle.

Der Begriff Locke wird oft synonym zum Begriff Stapel verwendet. Aus meiner Sicht macht er aber hauptsächlich Sinn bei Vliesen, die kaum zusammenhängen und im wahrsten Sinne aus einzelnen “Locken” bestehen (z.B. bei Gotländischen Pelzschafen). Die synonyme Verwendung der Begriffe ist wahrscheinlich nicht ganz korrekt, aber ich bin auch nur ein Laie. Wenn Du dazu was weißt, lass es mich gerne wissen!

Flicken und Flickkarde

Eine Flickkarde ist Gerät zur Wollverarbeitung für Handspinner. Es sieht aus wie eine kleine Hundebürste und dient dazu, einzelne Locken (auch “Stapel” genannt) zu öffnen, das heißt zusammenklebende Haare voneinander zu trennen. Diesen Vorgang nennt man „flicken“.

Man kann sowohl die Spitzen als auch die Schnittkanten flicken. Das öffnet nicht nur die Fasern und erleichtert die Weiterverarbeitung, sondern es hilft auch, brüchige Spitzen und Nachschnitt (aus der Schnittkante) zu entfernen. Brüchige Spitzen und Nachschnitt sorgen oft für Knubbel im Garn (siehe dieser Artikel). Flicken ist eine gute (wenn auch zeitaufwändige) Möglichkeit, ein möglichst knubbelfreies Garn zu erhalten.

Kardieren

Beim Kardieren werden die noch eng aneinander liegenden Wollfasern gelockert, getrennt und in eine Form gebracht, aus der es sich gleichmäßig spinnen lässt. Die Fasern liegen in ganz unterschiedliche Richtungen und durchaus wild durcheinander. Dadurch ist zwischen ihnen viel Luft.

Diese Art der Vorbereitung eignet sich vor allem für kürzere Fasern (beispielsweise 4-10cm).
Die dafür verwendeten Geräte sind z.B. Handkarden oder Trommelkarden. Handkarden gibt es immer paarweise, sie sehen aus wie überdimensionale Hundebürsten. Sie sind entweder gerade oder gebogen und haben einen Kardierbelag aus Gummi, in den die gebogenen Nadeln (engl. teeth) eingelassen sind. Die Dichte der Nadeln pro Fläche (teeth per inch, tpi, eigentlich teeth per square inch, pro Quadratzoll) sollte entsprechend der zu kardierenden Fasern gewählt werden. Feine Fasern wie Alpaka oder Kaschmir werden üblicherweise mit einem dichteren Belag (z.B. 108 tpi) kardiert als gröbere Fasern (z.B. 48 oder 72 tpi).

Nahaufnahme von Handkarden, mit dunkler Wolle beladen
Ein Paar Handkarden mit 72er Benadelung, auf der oberen liegt noch ein Batt auf.

Eine Trommelkarde ist eine größere, mit einer Kurbel angetriebene Walze, die mit Kardierbelag versehen wurde. Außerdem ist davor eine kleine Walze positioniert, über die die Fasern auf die große Trommel gegeben werden. Die Nadeln der kleinen Walze sind gerade, die der großen Walze sind gebogen.

Trommelkarde beladen mit grünen Fasern, Aufsicht
Meine Trommelkarde, von oben betrachtet. Links ist die kleine Walze zu sehen, die die aufgenommenen Fasern an die große Walze rechts weitergibt (ganz gut zu erkennen in dem kleinen Spalt zwischen den beiden Walzen).

Das Ergebnis des Kardierens ist ein batt (engl.) , das auf deutsch verwirrenderweise ebenfalls Vlies heißt. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Fasermatte. Um Verwechslungen zu vermeiden, spreche ich meist lieber von batts, wenn ich von kardierter Wolle am Stück rede.


Alternativ kann man auch aus dem batt ein Kardenband ziehen (engl. roving). Das lohnt sich vor allem bei größeren batts, wie man sie von Trommelkarden abnehmen kann. Dafür zieht man die Fasern einfach z.B. durch eine Unterlegscheibe vor, bis man ein langes schmales Band erhält (das habe ich hier schon einmal gezeigt)

Batt aus weißer Wolle mit vielen sichtbaren Knötchen.
Ein Batt, das ich von einer Trommelkarde abgenommen habe. Dieses Batt habe ich anschließend entlang der Faserrichtung in 4 Streifen gerissen. Das Batt ist für mich recht groß und unhandlich zum Verspinnen.
Ein Viertel eines Batts aus weißer, texturierter Wolle liegt auf einem Tisch. Die Hälfte ist bereits durch eine Unterlegscheibe durchgezogen worden. Ein roter Pfeil zeit auf die Position der Unterlegscheibe.
Die 4 Streifen aus dem Batt habe ich anschließend nochmals durch eine Unterlegscheibe gezogen, um ein schmales Kardenband zu erhalten. Kardenband spinnt sich für mich einfacher als ein gesamtes Batt.

In den Fasern enthaltene Pflanzenreste werden beim Kardieren nur in geringem Maße entfernt (im Gegensatz zum Kämmen).

Kämmen

Das Kämmen der Wolle führt zu einer parallelen Ausrichtung der Fasern, die deutlich weniger Luft zwischen den einzelnen Fasern läßt.

Geeignet sind vor allem längere Fasern: Unter 7 cm wird es sehr mühsam, ab 10 cm Faserlänge macht Kämmen für mich Spaß.

Zum Kämmen per Hand verwendet man Wollkämme – auch diese kommen immer paarweise. Ein Kamm kann eine oder mehrere Reihen Zinken haben. Er wird mit wenigen Stapeln beladen, und anschließend werden die Fasern mit dem anderen Kamm “abgekämmt”. Die langen Fasern werden dabei zuerst abgekämmt, dann folgen die kürzeren. Sehr kurze Fasern bleiben im ersten Kamm hängen und bilden den sogenannten „Kämmling“. Der Kämmling wird entfernt, und mit dem nun leeren ersten Kamm kann man die Fasern in einem zweiten Durchgang vom zweiten Kamm abkämmen. Das Ganze wiederholt man so lange, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Die Fasern bauschen dabei gerne und laden sich oft statisch auf.

Wenn die Qualität der Fasern hoch genug ist, kann man Kämmlinge anschließend noch gut kardieren und anschließend verspinnen. Oft bleiben jedoch nur qualitativ minderwertige Fasern hängen, die kein gutes Garn ergeben.

Der Faserabfall beim Kämmen ist deutlich höher als beim Kardieren. Beim Kämmen können viele Verunreinigungen (Heureste etc.) noch aus den Fasern fallen (im Gegensatz zum Kardieren) und somit das Spinnen erleichtern.

Das industrielle / maschinelle Kämmen erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst werden die Fasern in einem ersten Kardierschritt aufgelockert und partiell ausrichtet. In einem zweiten Schritt, der auf englisch „gilling“ heißt, werden sie dann noch weiter parallelisiert. Dabei werden Prozesshilfen zugesetzt und die Fasern wie durch Fischkiemen gezogen (gills sind Fischkiemen). Anschließend werden die Fasern weiter gekämmt, um kurze Fasern und Pflanzenreste zu entfernen und die Fasern nochmals parallel auszurichten. Gilling und Kämmen werden oft mehrmals wiederholt, um ein gutes Top zu erhalten. Sehr gute Videos auf youtube gibt es dazu vom Woolmark learning center hier, hier zum worsted carding, hier zum gilling und hier zum combing.

Streichgarn – langer Auszug

Ein Streichgarn ist ein Garn, das aus einer kardierten Faservorbereitung im langen Auszug gesponnen wurde. Durch die vielen Lufteinschlüsse zwischen den Fasern und die zufällige Ausrichtung ist das Garn meist bauschig, leicht und wärmend, jedoch auch eher matt als glänzend. Der englische Begriff ist „woollen yarn“. Wenn das Garn aus kardierten Fasern, aber im kurzen Auszug gesponnen wurde, nennt man es im Englischen auch „semi-woollen“ (für die Mischformen sind mir im Deutschen keine Begriffe geläufig).

Im langen Auszug arbeitet man, wenn sich der Drall in der Auszugszone zwischen Faserhand und Drallhand befindet. Der Drall wird hier auch benutzt, um die Fasern auszuziehen. Die Faserhand wird dabei in einer langen Bewegung ca. 30 – 40 cm nach hinten geführt, während durch Treten (oder die Drehung der Spindel) weiter Drall zugeführt wird. Der gesponnene Faden wird erst auf die Spule gewickelt, wenn der Arm zu kurz ist, um weiter auszuziehen.

Kammgarn – kurzer Auszug

Ein Kammgarn ist ein Garn, das aus einer gekämmten Faservorbereitung (und beim Handspinnen) im kurzen Auszug gesponnen wurde. Durch die parallele Ausrichtung der Fasern ist wenig Luft in einem Kammgarn, d.h. es ist tendenziell schwerer und glatter und hat einen schönen Fall. Oft hat es einen leichten Glanz. Der englische Begriff ist „worsted yarn“ (nicht verwechseln mit der Gewichtsklasse „worsted“, die sich auf die Lauflänge bezieht und nichts mit der Spinnart zu tun hat).

Im kurzen Auszug befindet sich kein Drall zwischen Faserhand und Drallhand. Die Fasern werden nur ca. eine Stapellänge ausgezogen und glattgestrichen, erst danach gelangt der Drall in die Fasern.

KammgarnStreichgarn
längere Fasern erforderlichkürzere Fasern erforderlich
abriebfesterpillt leichter
eher glänzendeher matt
eher schwer und dichteher bauschig und leicht
wärmt wenigerwärmt gut
guter Fall („drape“)weniger Fall („drape“)
meist weniger Lauflänge aus gegebener Menge Fasernhöhere Lauflänge aus gegebener Menge Fasern möglich
Gegenüberstellung einiger Eigenschaften von Kammgarnen und Streichgarnen. Das Ganze ist nicht absolut zu sehen, sondern stellt eher dar, wo auf einer Skala sich ein Garn befinden würde.

Literatur und Quellen

Herbert Doehner, Horst Reumuth (Hrsg.) „Wollkunde“ (2. Auflage, Verlag Paul Parey, 1964)

Frölich – Spöttel – Tänzer „Wollkunde“ (Hrsg. Prof. Dr. R.O.Herzog, aus der Reihe Technologie der Textilfasern. ISBN 978-3-642-98661-1)

The Woolmark Learning Centre Fundamentals Program (Wool Appreciation Course) und Science & Technology Program

2 Kommentare

  1. Augentrost

    Was für eine tolle und informative Zusammenstellung! Was für eine Recherche – vielen Dank, da war auch Neues für mich dabei.
    Liebe Grüße
    Delia

    • faserexperimente

      Liebe Delia,

      schön, dass Du etwas mitnehmen konntest! So viel musste ich gar nicht recherchieren, die Kurse von Woolmark enthalten eigentlich schon alles, was man braucht. Es kommt bestimmt immer mal was Neues dazu, aber fürs erste reicht es.

      Liebe Grüße zurück 🙂
      Kathrin

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