Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Raus aus der Komfortzone – ich spinne ein texturiertes Garn

Ich mag ja schöne, glatte, ordentliche Garne. Im langen Auszug fällt es mir schwer, Unregelmäßigkeiten nicht glattzustreichen. Enter stage left: Flockenwolle. Diese Vorbereitungsart von Fasern hatte ich bislang noch nicht probiert und neugierig, wie ich nun mal bin, wollte ich wissen, was das ist und wie das funktioniert. Nunja, was soll ich sagen: es war eine Herausforderung. Schon mal Knötchen in den Fasern gehabt? Verfilzte Stellen? In diesem Experiment habe ich gelernt, was passiert, wenn ich Knubbel und zu kurze Fasern vor dem Kardieren NICHT entferne…

Was ist Flockenwolle?

Flockenwolle ist Wolle, die (industriell) gewaschen und anschließend maschinell aufgelockert wurde (andere Begriffe sind “gepickert” oder “gewolft”). Sie ist also noch nicht kardiert, sondern quasi das, was nach der Schur in die Säcke gekommen ist, nur eben gewaschen und ein bißchen aufgeflufft.

Kiste mit weißen Wollflocken und einem Begleitzettel von Paula und Konsorten.
So sah meine Flockenwolle aus. Schön fluffig und schön weiß.

Meine Flockenwolle kam aus der Crowdfunding – Kampagne von Sven de Vries. Das war eine phantastische Aktion, und ich habe mich riesig gefreut, dass das Ganze so erfolgreich war und einschlug wie eine Bombe. (Die Kampagne zeigte übrigens auch, dass es nicht mal eben so einfach ist, ein Garn herstellen zu lassen. Es gab einige Verzögerungen, die hauptsächlich mit dem Färben zu tun hatten – aber das ist ein komplett anderes Thema…)

Erstes Kennenlernen

Die Flockenwolle war schön weich und sauber gewaschen. Was mir allerdings sofort auffiel: maschinell aufgelockert ist nicht das gleiche wie manuell aufgelockert. Die Wolle enthielt auch viele kleine Knubbel und Knötchen (Nachschnitt, gerissene Fasern) und angefilzte sowie komplett gefilzte Locken. Wirklich “locker” war sie auch nicht, aber sie war auch eine Weile in eine Kiste gestopft, vielleicht wurde sie dadurch wieder komprimiert.

Wenn ich ein Vlies zum Handspinnen vorbereite, entferne ich schon vor dem Waschen Nachschnitt und gefilzte Teile. Nach dem Waschen ist es fast unmöglich, das noch einigermaßen gescheit zu trennen, die Fasern arbeiten sich ineinander ein. Und so war es hier auch – es waren so viele und so kleine Knubbel, dass es eine ziemliche Sisyphusarbeit wäre, sie alle zu entfernen.

Übrigens: in diesem youtube-Video erklärt Chanti, warum man für das Handspinnen die Knubbel besser VOR dem Waschen entfernt…

Probespinnen – was wollen mir die Fasern sagen?

Zuerst habe ich eine kleine Menge Fasern mit meinen Handkarden (72 tpi) kardiert. Die Fasern waren elastisch und kürzer als erwartet. Die enthaltenen Knubbel und Knötchen ließen sich erwartungsgemäß nur mühsam von den Karden picken und das Kardieren ging dementsprechend langsam voran. Da ich ein ganzes Kilo von den Flocken hatte, war ich ein kleines bißchen entmutigt.

Kardierte Fasern in weiß, deutlich sichtbare Knötchen
Von der Handkarde abgenommene Fasern sind deutlich mit Knötchen durchsetzt.
Holzschale mit weißen Knötchen auf schwarzem Untergrund, Darunter liegt ein Strang gesponnene Wolle, aus der die Knötchen entfernt wurden.
Für eine kleine Spinnprobe habe ich mir die Mühe gemacht und die Knötchen herausgesammelt. Es waren ganz schön viele…

Das aus den handkardierten Fasern gesponnene Garn war dann auch nicht so glatt, wie ich mir das gewünscht hatte. Es war fluffig, weich und ließ sich einigermaßen dünn ausziehen. Aber der Aufwand, der nötig wäre, um ein gleichmäßiges Garn zu bekommen, erschien mir unverhältnismäßig hoch.

Mein nächster Gedanke war: Kämmen. Beim Kämmen hat man deutlich mehr Abfall (der bleibt als Kämmling in den Kämmen hängen), aber vielleicht würde ich ja so die Knubbel elegant loswerden? Auf der anderen Seite ist Kämmen auch deutlich aufwändiger. Die Fasern laden sich oft statisch auf und es sind mehr Arbeitsschritte erforderlich als beim Kardieren.

Nun, nur Versuch macht kluch, also hab ich die Kämme geschwungen. Das Ergebnis: ja, das Garn war ein kleines bißchen glatter, und wenn man direkt vom Kamm spinnt und nicht erst Kammzüge zieht, spart man auch einen Arbeitsschritt, aber … unfassbarerweise waren immer noch Knübbelchen drin. Sie waren einfach nicht richtig rauszubekommen, egal, wie ich es angestellt habe.

Spinnproben weißer Garne auf einem braunen Hintergrund. Das linke und mittlere Garn ist sehr texturiert, das rechte etwas glatter.
Alle drei Spinnproben mit abnehmender Knubbelmenge von links nach rechts . Links: kardiert, Knötchen dringelassen. Mitte: kardiert, Knötchen so gut es ging entfernt. Rechts: gekämmt. Selbst hier waren noch einige ungleichmäßige Stellen enthalten (ganz rechts zu sehen).

Wie ich es auch drehen und wenden mochte, die Knubbel würde ich wohl nicht wirklich loswerden. Da stand ich nun, vor einer großen Kiste suboptimal präparierter Wolle. Der Aufwand, da ein gescheites (d.h. schönes, glattes ) Garn draus zu machen, erschien mir exorbitant.

Und dann hatte ich eine Idee… Was, wenn ich einfach mal ein total unordentliches Garn spinne? So eins mit dicken und dünnen Stellen, mal besser und mal schlechter gesponnen und gezwirnt? Würde die kleine Perfektionistin in mir komplett am Rad drehen? Oder wäre es am Ende vielleicht gar nicht so schlimm, oder – wer weiß – sogar brauchbar und etwas ganz Besonderes?

Das war mal die Gelegenheit, ein Garn zu produzieren, das ich sonst so nicht machen würde. Eins mit jeder Menge Textur. Also hab ich die Trommelkarde abgestaubt, zwei Nachmittage Batts gekurbelt und die Spulen für einen Versuch freigemacht.

Batt aus weißer Wolle mit vielen sichtbaren Knötchen.
So sah ein zwei mal kardiertes Batt aus. Sicherlich hätte ich es noch ein drittes Mal über die Trommelkarde geben können, aber es hat keinen Spaß gemacht, daher hab ich es gelassen.

Was sind eigentlich „texturierte Garne“?

Texturierte Garne sind ungleichmäßig und unregelmäßig in ihrer Beschaffenheit. Wenn man ein Strick- oder Webstück daraus fertigt, dann ist die Oberfläche nicht glatt, sondern eher unregelmäßig. Viele handgesponnene Garne sind texturiert.

Der springende Punkt ist für mich immer der: Ist das beabsichtigt (wie z.B. bei einem Boucle-Garn oder einem Dick-Dünn-Garn) oder eher zufällig? Mir persönlich sind beabsichtigte Texturen immer lieber als zufällig entstandene, aber ich hatte ja beschlossen, mich überraschen zu lassen.

Nahaufnahme eines Bouclegarns in Lila und rosa
Auch ein texturiertes Garn, aber mit Absicht: ein handgesponnenes Bouclè-Garn. Ich liebe es!

Wie hat es sich gearbeitet?

Ich gebe es zu: das Kardieren war mühsam und hat wirklich keinen Spaß gemacht. Etliche Locken waren angefilzt, die Knubbel waren teilweise in die Fasern eingefilzt und ließen sich nur schlecht entfernen. Irgendwann hab ich sie einfach dringelassen und nur die an der Oberfläche sitzenden entfernt. Selbst das waren noch ganz schön viele.

Braune Papiertüte liegt vor schwarzem Hintergrund, aus ihr quellen Reste weißer Wolle und Knötchen sowie kleine Pflanzenreste, die beim Spinnen entfernt wurden
Eine Riesen-Tüte voller Knötchen und nicht verspinnbarer Bestandteile hab ich aus den Fasern beim Spinnen rausholen müssen. Jedes einzelne Knötchen bedeutete: Trommelkarde bzw. Rad anhalten, rauspulen, Rad / Karde wieder starten. Müüüüüüühsaaaaaam… Und: Es sind immer noch genügend Knötchen im Garn für die Textur …

Die Batts waren elastisch, fühlten sich aber auch sehr trocken an. Möglicherweise wurde die Wolle sehr intensiv gewaschen, um sie gut sauber zu bekommen. In der industriellen Verarbeitung werden nach zum Kardieren und Spinnen ja auch immer Substanzen eingesetzt, die die Fasern “gefügiger” machen, d.h. sie werden geschmeidiger und laden sich weniger statisch auf. Solche Spinnhilfen habe ich nicht verwendet (hab ich nicht dran gedacht).

Die Batts habe ich zum Spinnen längs in jeweils 4 Streifen geteilt und die Streifen dann durch eine Unterlegscheibe leicht vorgezogen (gedizzt).

Streifen eines Batts aus weißer Wolle mit deutlich sichtbaren weißen Knötchen
Ein Batt habe ich in vier Streifen geteilt, zwei davon sieht man hier. Die vielen Knötchen sind deutlich zu sehen.
Ein Viertel eines Batts aus weißer, texturierter Wolle liegt auf einem Tisch. Die Hälfte ist bereits durch eine Unterlegscheibe durchgezogen worden. Ein roter Pfeil zeit auf die Position der Unterlegscheibe.
Für eine bessere Spinnbarkeit habe ich die Fasern durch eine Unterlegscheibe vorgezogen (gedizzt). Der Pfeil zeigt auf die Scheibe, darüber ist der dicke Streifen, darunter die dünneren vorgezogenen Fasern zu sehen – mit Knötchen…

Beim Spinnen störten mich immer die vielen Knubbel und verfilzten Stellen. Wenn sie mich zu sehr gestört haben oder sich an der Garnoberfläche absetzten, habe ich sie per Hand entfernt. Dadurch kam ich beim Spinnen nie in einen richtigen Rhythmus und musste ständig anhalten. Meditativ war das nicht. Wenn ich manchmal versucht habe auszuziehen, ging das nicht, weil die Fasern angefilzt waren, oder ich war gerade an einer Stelle mit sehr sehr kurzen Fasern und hatte auf einmal den entstehenden Faden vom Faservorrat getrennt und musste neu ansetzen. Auch das war sehr mühsam.

Nahaufnahme eines ungleichmäßig gesponnenen weißen Fadens vor einem dunkelblauen Tuch.
Manche Knötchen ließen sich einfach nicht entfernen, die habe ich dann im Faden gelassen, um die Textur zu erhalten.
Pyramide aus texturierten Einzelfäden, aufgewickelt auf Papprollen, gestapelt auf einem Holztisch
Alle Einzelfäden habe ich auf Papprollen aufgewickelt, um sie zum Zwirnen vorzubereiten. Auch hier sieht man gut die unregelmäßige Struktur der Fäden.

Wie sieht das Ergebnis aus?

Das fertige Texturgarn sieht…nunja, knubbelig aus. Es ist deutlich dicker geworden als die Spinnproben, aber das ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass ich schneller fertigwerden wollte. Und wenn ich schon außerhalb der Komfortzone spinne, dann richtig 🙂

Nahaufnahme texturiertes Garn auf einem braunen Lattentisch
Das fertige Texturgarn. Sehr unregelmäßig und deutlich dicker ausgesponnen als die Probesträngchen.

Die Frage war nun: welchen Einfluß hat die mehr oder weniger stark ausgeprägte Textur nachher auf die textile Fläche? Das Stricken mit solchen Garnen macht mir keinen Spaß, das weiß ich jetzt schon, aber weben müsste eigentlich gut gehen. Also habe ich von jedem Garn eine kleine Webprobe angefertigt.

drei Webproben aus weißem unregelmäßigem Garn liegen auf braunem Lattentisch.
Die Webproben. Oben links: Garn mit vielen Knubbeln, oben rechts: Garn mit weniger Knubbeln. Unten: das fertige Texturgarn. Ich finde, in der Oberfläche unterscheiden sich die Webproben nicht dramatisch.

Und was soll ich sagen – das “Knubbelgarn” sieht als Webprobe gar nicht so viel unruhiger aus als das mühsam halb-glatt gesponnene Garn! Damit hätte ich ja nun nicht gerechnet. Und gewebt gefällt mir das Garn sogar außerordentlich gut. Die Webprobe ist deutlich zu dicht, aber das läßt sich auf dem Rahmen ja anders gestalten.

Meine innere kleine Perfektionistin hat nun zwar nicht laut gejubelt, aber sie musste doch zugeben, dass das Ergebnis auf eine eher ungleichmäßige Art hübsch ist. Außerdem habe ich nun ein knappes Kilo Garn, das ich im Sommer für meine Färbeexperimente hernehmen kann. Ich freu mich jetzt schon drauf!

Was habe ich gelernt?

  1. Es lohnt sich, ab und an mal aus der Komfortzone herauszutreten – man weiß nie, was für Überraschungen da warten!
  2. Flockenwolle, die in großem Maßstab für die industrielle Verarbeitung bzw. das industrielle Spinnen vorbereitet wurde, ist (aus meiner Sicht) nicht gut geeignet für die Verarbeitung durch Handspinner. Es ist nicht unmöglich, sie zu verarbeiten, aber der Prozess war mühsam und hat mir keine Freude bereitet – weder beim Kardieren, noch beim Spinnen. Ich war froh, als ich damit fertig war.
  3. Die industriell vorbereitete Flockenwolle hat im industriellen Spinnprozess ein tadelloses Garn ergeben – wer auch einen Strang Strickwolle von Sven ergattern konnte, wird das bestätigen können: keine Knubbel weit und breit, das ist ein 1a Garn.

Während des Verarbeitens und Spinnens drängten sich mir dann aber Fragen auf:

  1. Wie ist das mit Kammzügen oder Kardenbändern für Handspinner, die sind ja auch industriell hergestellt worden? Wie sortieren die Maschinen die zu kurzen oder verfilzten Fasern aus? Entsteht da einfach mal nur eine Menge Abfall? Was passiert eigentlich mit dem Abfall? Sowas würde ich mir ja mal total gerne live ansehen.
  2. Kann oder sollte man Vliese anders sortieren, je nachdem, ob man sie zum Handspinnen oder für die industrielle Verarbeitung verwendet? Gibt es vielleicht gemeinsame Mindestanforderungen für Handspinn-Vliese und industrielle Verarbeitung? Gibt es auch bei der maschinellen Verarbeitung Unterschiede?

Diesen Fragen möchte ich in nächster Zeit unbedingt weiter nachgehen. Für das Handspinnen gilt in der Regel: je besser es vorbereitet ist, desto besser spinnt es sich. Sorgfalt in jedem Schritt der Vorbereitung zahlt sich am Ende aus – das Spinnen ist dann einfach mal mühelos. Wie das bei der maschinellen Verarbeitung ist, weiß ich nicht – wenn also jemand dazu berichten kann, meldet euch gerne bei mir!


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2 Kommentare

  1. Jessica I Seife sieden leicht gemacht

    Wow, was eine langwierige Arbeit. Mir persönlich gefällt das entstandene Garn extrem gut! Ich kann es mit total gut zu einem schlichten (Rollkragen?)Pullover vorstellen, auf dem die Struktur zur Geltung kommen darf. Aber ich bin keine Expertin 😀
    Sehr schöner Artikel und tolle Bilder, Danke!

    • faserexperimente

      Vielen Dank liebe Jessica, freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefallen hat!

      Die Struktur gefällt mir schon auch, ich werde nur das Stricken nicht genießen, es geht zu sehr auf die Hände mit so dickem Garn. Aber einen schönen Schal…oder zwei … das kann ich mir gut vorstellen!

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