An Drall kommt man als Handspinner nicht vorbei. Aber was ist das eigentlich, und wofür brauch ich das? Wie Du den richtigen Dreh mit dem Drall rausbekommst, erfährst Du in diesem Artikel.

Drall ist, laut Wikipedia , ein „technisches Fachwort aus dem niederdeutschen drillen für „drehen“ bzw. „herumdrehen“ “. Drall erzeugt man also, indem man Fasern miteinander verdreht. Wenn die Fasern so miteinander verdreht sind, dass sie nicht mehr auseinanderdriften, wenn man an beiden Enden zieht, dann hat man einen stabilen Faden. Dieser Zustand bzw. diese Drallmenge nennt sich auf englisch „fiber lock“, wörtlich übersetzt „Faser-Schloß“. (Einen richtig guten deutschen Begriff kenne ich nicht. Wenn Du einen kennst, schreib mir doch gerne einen Kommentar 😊).

Beim Spinnen von Garnen wird in der Regel an zwei Stellen Drall erzeugt: Beim Spinnen des Einzelfadens und beim Verzwirnen der Einzelfäden miteinander. Für das Verdrehen gibt es zwei Möglichkeiten: links herum (gegen den Uhrzeigersinn, von oben betrachtet) und rechts herum (mit dem Uhrzeigersinn, von oben betrachtet) bzw. „S“ und „Z“. Ob etwas S- oder Z-verdreht ist, kann man direkt am jeweiligen Faden oder Garn sehen:

Quelle: Wikipedia

Man kann also den Einzelfaden in Z-Richtung spinnen und dann 2 oder mehr Z-Fäden in S-Richtung miteinander verzwirnen, oder man macht es genau umgekehrt. Garne zum Stricken werden oft in Z-Richtung gesponnen und in S-Richtung gezwirnt. Leinen hingegen wird traditionell in S-Richtung gesponnen und Z verzwirnt.

Als ich mit dem Spinnen anfing, habe ich mir Drall auch als eine Art Energie vorgestellt, die im Faden gespeichert wird. Ein bestimmter Energiebetrag wird in einer Richtung in den Einzelfaden eingebracht. Durch Zwirnung in die Gegenrichtung um genau den gleichen Betrag wird der Faden dann ausgeglichen. (Ganz so einfach ist das nicht, dazu schreibe ich auch nochmal einen Artikel). Erkennen kann man die Energie, wenn man den gerade gesponnenen Faden lockerläßt: er kringelt sich in sich selbst zurück. Ein ausgeglichener Faden hängt gerade durch und kringelt sich nicht oder nur sehr wenig.

Indem man zwei (oder mehr) gleichartig versponnene Einzelfäden miteinander in die Gegenrichtung verdreht, nimmt man sozusagen die Energie wieder heraus und erhält ein ausgeglichenes Garn.

Drall und die Garneigenschaften

Prinzipiell gilt: mit wenig Drall wird ein Garn tendenziell weicher aber wenig abriebfest, mit viel Drall tendenziell härter und robuster. Wenn zu wenig Drall im Faden ist, können die Fasern beim Ziehen aneinander vorbeirutschen und der Faden reißt. Bei zu viel Drall steht der Faden unter sehr viel Spannung, ist hart und reißt ebenfalls leichter. Die Kunst ist also, einen Faden zu erzeugen, der genug Drall hat, um zusammenzuhalten, aber nicht so viel, dass er wieder reißt.

Und nun erinnern wir uns, dass wir ja beim Spinnen an zwei Stellen Drall erzeugen, erst beim Spinnen und dann beim Verzwirnen. An beiden Stellen kann man Einfluss darauf nehmen, wie das Garn sich später anfühlen soll. Will sagen: wenn ich ein abriebfestes Sockengarn haben möchte, muss ich anders spinnen als für ein luftig-flauschiges Garn für eine Mütze.

Zusammenhang zwischen Drallmenge und Garneigenschaften.

Ein stärker verzwirntes Garn ist auch tendenziell auch etwas kürzer ist als ein weniger stark verzwirntes. Das habe ich selbst einmal feststellen müssen, als ich einem fertig gesponnenen Garn im Nachhinein noch mehr Drall zugegeben habe. Das nachbearbeitete Garn hatte leicht an Länge eingebüßt (zum Glück nicht dramatisch). Dennoch kann man das im Hinterkopf behalten, wenn man auf jeden Zentimeter gesponnenes Garn angewiesen ist oder z.B. aus der kleinen Menge Luxusfaser von letzten Fasertausch die maximale Meterzahl herausholen möchte.

Hier habe ich versucht zu verdeutlichen, dass das Garn kürzer wird, je mehr Drall hinzukommt. Auch wenn der Effekt nicht enorm ist, kann es helfen, das im Hinterkopf zu behalten. Probier es einfach mal aus!

Dicke Garne brauchen weniger Drall als dünne Garne (gemessen in Drehungen pro cm Garnlänge). Das kann man leicht nachprüfen, wenn man mal 5 Minuten mit ein paar Fäden (oder den Kordeln der Jacke) herumexperimentiert.

Drall und die verwendeten Fasern

Wie viel Drall man für einen bestimmten Faden verwendet, hängt auch davon ab, welche Fasern verwendet werden. Je kürzer die Faser und je stärker sie gekräuselt ist, desto mehr Drall kann ich dem Faden bzw. dem Garn geben.

Als Faustregel gilt: Kurze Fasern brauchen viel Drall, lange Fasern brauchen weniger Drall.

Das bedeutet also: Für das Spinnen von Merino (Faser relativ kurz und stark gekräuselt) brauche ich mehr Drall als z.B. für Leicester Longwool (lange glatte Fasern mit wenigen Kräuselungen). Ein Garn aus Leicester Longwool mit zu viel Drall wird eine wunderbar seidig glänzende…Paketschnur.

Wie kann ich den Drall beeinflussen?

Das ist eigentlich ganz einfach. Für weniger Drall am Spinnrad kannst Du

  • die Anzahl der Tritte pro Auszug verringern
  • einen größeren Wirtel (=kleinere Übersetzung, z.B. 5:1) nehmen, wenn Du einen hast
  • den Einzug etwas verringern, wenn das bei Deinem Rad geht
  • alle diese Dinge kombinieren – probiere aus, was am besten geht

Wenn Du Spindeln verwendest, kannst Du

  • eine Fallspindel mit einem ausladenden, breiten Wirtel nehmen, dessen Schwerpunkt im Rand liegt.

Für mehr Drall am Spinnrad kannst Du

  • die Anzahl der Tritte pro Auszug erhöhen
  • einen kleineren Wirtel (=größere Übersetzung, z.B. 12:1) nehmen, wenn Du einen hast
  • den Einzug etwas erhöhen, wenn das bei Deinem Rad geht
  • alle diese Dinge kombinieren – probiere aus, was am besten geht

Wenn Du Spindeln verwendest kannst Du

  • eine Fallspindel mit einem kleinen, kugeligen Wirtel nehmen, dessen Schwerpunkt nah am Schaft liegt
  • eine unterstützte Spindel mit kleinem Wirtelteil verwenden (z.B. Orenburg-Spindel, Phang-Spindel)

Wie bestimme ich die Drallmenge?

Die Drallmenge bestimmst Du, indem Du Dir den Zwirnwinkel anschaust (bei Einzelfäden ist das etwas schwieriger zu sehen). Ein ganz normaler Winkelmesser aus Schulzeiten ist dabei hilfreich. Als Null-Linie nehme ich eine Linie quer zum Garn. Je spitzer der Winkel ist, desto mehr Drall hat das Garn. Ist der Winkel 90°, liegen beide Einzelfäden parallel nebeneinander und sind nicht verdreht.

Bestimmung des Zwirnwinkels (blaue Linien)

Außerdem kann man die Drehungen pro cm auszählen (oder die englische Variante twists per inch). Dafür zählt man die kleinen „Berge“, die die Einzelfäden machen, und teilt durch die Anzahl der Einzelfäden.

Die Quick-and-dirty-Methode ist: einfach ein Stück frisch gesponnenen Faden von der Spule ziehen, in sich selbst falten und loslassen (das ist eine Zwirnprobe). Ich nehme immer mindestens 30cm Faden dafür, zu kurz sollte das Stück nicht sein. Was Du dann siehst, ist quasi das ausgeglichene Garn, das Du aus diesem Faden erhalten würdest. Daran kannst Du abschätzen, ob Du weniger oder mehr Drall im Faden brauchst. Mache mehrere solcher Proben, notiere Dir verwendete Wirtel und Anzahl Tritte und behalte sie als Referenz bei Deinem Projekt.

Beachte: nimm unbedingt einen frisch gesponnenen Faden für die Probe. Wenn er nicht frisch gesponnen ist, sondern schon länger auf der Spule liegt, ist der Drall mit Sicherheit „eingeschlafen“ und Deine Zwirnprobe zeigt scheinbar viel zu wenig Drall. Sobald das Garn ins Entspannungsbad geht, wacht der Drall wieder auf und Dein Garn sieht anders aus, als Du es wolltest. Schau mal bei Chanti vorbei, sie hat das in einem Video gezeigt.

Am sichersten ist es, wenn Du eine Garnprobe machst, so wie eine Maschenprobe beim Stricken. Ich weiß, ich weiß, das dauert zu lange, Du willst spinnen und nicht Proben machen. Aber meine ganz klare Empfehlung: Lieber 10g probespinnen und zwirnen, waschen (ganz wichtig!) und eine kleine Strickprobe machen (auch ganz wichtig, wirklich!), als die ganze Pullovermenge auf gut Glück spinnen und hinterher feststellen, dass da doch ein bißchen viel Drall im Faden war… (Frag mich, woher ich das weiß…).

Was ist nun die richtige Drallmenge?

Das ist eine wirklich gute Frage und nur Du kannst sie beantworten, denn es ist Dein Garn. Um das herauszufinden, kannst Du Dir ein paar Gedanken zum Verwendungszweck und den Garn- und Strickproben machen.

  • Wofür wirst Du das Garn verwenden? Soll es eher ein robustes Sockengarn oder ein flauschiges Tuchgarn werden? Ist das Garn in der Probe so flauschig bzw. robust wie Du es wolltest?
  • Wie verhält sich die Strickprobe? Ist sie Dir zu hart, um sie auf der Haut zu tragen? Oder ist sie gar verzogen nach dem Waschen (Hinweis auf nicht ausgeglichenes Garn)? Pillt das Garn?
Nahaufnahme eines grauen und eines hellen Garns mit unterschiedlichen Zwirnwinkeln.
Das graue Garn hat einen deutlich kleineren Zwirnwinkel (also mehr Drall) als das helle, sehr weich gesponnene und gezwirnte Garn.

Aus meiner Erfahrung sagt das gesponnene Garn allein noch nicht genug aus. Wirklich aussagekräftig wird die Probe erst, wenn Du auch damit gestrickt hast, denn erst dann siehst Du, ob sich das Garn so verhält, wie Du es möchtest.


Ich hoffe, ich konnte Dir einen ersten Eindruck zum Thema Drall geben. Drall ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Bei mir ist der Knoten erst nach einer ganzen Weile geplatzt – nachdem ich wunderschöne seidig glänzende Paketschnur erzeugt habe.

Wenn Du noch mehr zum Thema lernen möchtest, empfehle ich Dir wärmstens die Videos von Chantimanou, z.B. dieses hier, dieses oder das hier.

Ich habe auch ein kleines Experiment zu diesem Thema gemacht – dazu gibst bald mehr, so stay tuned!