Ein Blog rund um Handspinnen, Wolle, Schafe, Naturfarben und Flachs

Kategorie: Flachs, Baumwolle und Co

In welche Richtung spinnt man Flachs?

Mein Jahr mit 1qm Lein hat mir die Bastfasern (und natürlich speziell Flachs) um einiges näher gebracht. Ich habe nicht nur die Pflanzen angebaut und die Fasern gewonnen, sondern auch noch Spinnen geübt. Und dabei kam natürlich Die Eine Frage auf: In welche Richtung spinnt man Flachs? Besser gesagt: In welche Richtung will ICH meinen Flachs spinnen?

Nun, diese Frage hat verschiedene Antworten, je nachdem, wen man fragt. Ich habe dazu recherchiert, mir ein paar Gedanken gemacht und dann experimentiert, um für mich eine Antwort zu finden.

Grundlegendes zur Faser

Flachs ist, chemisch betrachtet, eine Cellulosefaser, wie auch Baumwolle und Hanf. Von der Pflanze aus betrachtet ist es eine Bastfaser, d. h. sie durchzieht den gesamten Stängel der Flachspflanze. Sie ist daher viel länger als z. B. Baumwolle, die zwar auch aus Cellulose besteht, aber eine Samenfaser und daher viel kürzer als Flachs ist. Flachsfasern liegen in Bastfaserbündeln zwischen den holzigen inneren Teilen des Stängels und der äußeren Rinde.

Schematische Darstellung des Querschnitts eines Flachsstängels.

(In diesem Artikel findest Du noch mehr Gedanken dazu.)

Die Faser selbst hat drei Organisationsebenen. Sie besteht in der ersten Ebene aus den Elementarfasern. Das sind recht kurze (2-5 cm lange) Fasern, die im Grunde einzelne, an den Enden spitz zulaufenden Pflanzenzellen sind (Faserzellen, könnte man vielleicht sagen). In der zweiten Ebene werden viele Elementarfasern der Länge nach und überlappend miteinander verbunden, um eine Technische Faser zu bilden. Die technischen Fasern werden in der dritten Ebene dann zu Faserbündeln zusammengelegt. 

Schematische Darstellung einer Flachsfaser.
Diese Abbildung ist etwas verwirrend, weil es so aussieht, als seien die Elementarfasern genauso lang wie die Technischen Fasern und als wären sie um einen Hohlraum herum organisiert. Ich bin mir nicht sicher, wie zutreffend das ist. Wenn Du eine bessere Abbildung findest, schreib mir gerne!

Der Klebstoff, der diese verschiedenen Organisationsebenen der Fasern zusammenhält, sind Pektine und Lignine.

Das heißt: Das, was wir als eine Flachsfaser sehen, ist also eigentlich eine Art zusammengesetzte Faser. Sie besteht zu 70% aus Cellulose und zu 30 % aus Pektinen und Ligninen. Die Länge des Flachsstängels bestimmt die Länge der Fasern, die wir spinnen können.

Die „intrinsische Drehung“

Manche Pflanzen zeigen während des Wachstums eine “Drehrichtung” . Das sieht man besonders deutlich bei Winde-Pflanzen, die sich um andere Objekte und Pflanzen herumwinden können. Es gibt Pflanzen, die sich im Uhrzeigersinn drehen und andere, die sich gegen den Uhrzeigersinn drehen. Es gibt sogar welche, die die Windung wechseln können (Windepflanzen – Universität Ulm).

Eine solche Intrinsische Drehung scheint es aber auch bei Pflanzen zu geben, die gar keine Winden sind. So sollen Flachsfasern eine S-Drehung haben, Hanffasern und Baumwolle hingegen eine Z-Drehung (E. Barber, „Prehistoric Textiles“). Beobachten kann man das bei Flachsfasern, wenn man ein paar davon in der Hand zwischen Daumen und Zeigefinger hält und dann mit etwas Wasser besprüht. Wenn man genau hinschaut, drehen sich die so angefeuchteten Fasern anschließend einige Umdrehungen langsam in S-Richtung.

Das verrückte ist: Sowohl Hanf als auch Flachs sind beides Bastfasern, d. h. sie bestehen beide aus Zellulose, drehen sich aber in unterschiedliche Richtungen.  Cellulose als Molekül wiederum ist eher geradkettig, sie hat keine schraubenartige Molekülstruktur, wie man es manchmal bei Proteinen findet. Die Ursache für die Drehung der gesamten Cellulose-Faser vermute ich also weniger in der Molekülstruktur der Cellulose selbst sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sich die Elementarfasern (diese “Faserzellen”) während der Entwicklung der Pflanze bilden und miteinander zu den komplexeren Technischen Fasern und Faserbündeln verbinden. 

(Interessante Nebenüberlegung: Ist die Drehung nur an den langen Fasern, also Technischen Fasern oder Faserbündeln, sichtbar, oder auch an Elementarfasern? Ich vermute, nur an Faserbündeln, eventuell an Technischen Fasern.)

Historische Funde, Literatur und Expertenauskünfte

Nun wissen wir, wie die Fasern prinzipiell aufgebaut sind und dass sie eine intrinsische Drehrichtung haben. Aber wie herum soll man sie nun spinnen? In dieselbe Richtung wie die intrinsische Drehung, also S? In die entgegengesetzte Richtung? Und was macht das mit dem Garn?

Frag die Expertin!

Die erste Person, der ich die Frage nach der Spinnrichtung stellte, war Christiane Seufferlein. Ich saß Anfang 2024 in ihrem Flachs-Workshop und stellte die Frage, weil mir dieses Mantra im Kopf hängen geblieben war: „Flachs wird andersrum gesponnnen„. Christiane hat den Verein Bertas Flachs gegründet, kennt sich unglaublich gut mit Flachs aus und recherchiert viel in historischen Quellen zu allem, was mit Flachs zusammenhängt. Ihrer Auskunft nach gibt es in archäologischen Funde beides: sowohl in S- als auch in Z-Richtung verdrehte Flachsfasern. Eine historische Argumentation, warum das Spinnen in S-Richtung zu bevorzugen sei, hatte sie noch nicht gefunden, und sie empfahl, in die Richtung zu spinnen, die mir am besten lag. Das war die Z-Richtung, also spann ich meine ersten Leinengarne in Z-Richtung und fuhr damit sehr gut.

Das sagt die Literatur

Nun, knapp zwei Jahre später, bin ich dieser Frage erneut begegnet. Dieses Mal bin ich Teil der 1qm Lein-Community, und von dort gab es wertvolle Hinweise zu Literaturquellen. Zunächst ist da Alden Amos vom “Alden Amos Big Book of Handspinning” . Er sagt (S. 119 / 120), dass die Faserstruktur von Flachs eine inhärente S-Windung hat (siehe oben) und traditionell Flachs entsprechend in die gleiche Richtung (also in S) gesponnen wurde. Genauer geht er leider nicht darauf ein. 

Die nächste Quelle, die in der Community genannt wurde, ist das Buch “Prehistoric Textiles” von Elizabeth W. Barber (Du kennst sie vielleicht von ihrem Buch “Women’s Work”, das ich Dir ebenfalls wärmstens ans Herz lege). Sie sagt auf S. 65ff sinngemäß, dass es historisch gesehen zwei verschiedene Traditionen gibt. In Textilien aus dem alten Ägypten waren die Fäden üblicherweise in S-Richtung verdreht, solche aus Europa und Indien hingegen in Z-Richtung (egal ob Wolle oder Flachs).  Der Grund dafür war offenbar zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches noch umstritten. 

Sie beschreibt weiter, dass Flachsfasern, wenn sie angefeuchtet werden, sich von selbst in S-Richtung verdrehen, wohingegen beispielsweise Hanf und Baumwolle sich beim Anfeuchten nach Z verdrehen (siehe oben bei „intrinsische Drehung“). Zudem, so schreibt sie weiter, hat die Historikerin Louisa Bellinger eine interessante Beobachtung gemacht, als sie versuchte, historische Leinen-Textilien zu waschen: Solche Textilien, deren Fasern in S-Richtung verdreht waren, hingen beim Waschen zusammen, wohingegen solche, die in Z-Richtung verdreht waren, dazu tendierten, beim Waschen zu zerfallen. Sie zog daraus den Schluß, dass den Ägyptern das auch aufgefallen sein musste und sie entsprechend dazu übergegangen waren, ihren Flachs in S-Richtung zu verspinnen.

Das klingt erstmal logisch. Wenn man sich jedoch Wolle anschaut, wird schnell klar: bei Wolle gibt es so eine natürliche Drehung nicht. Demzufolge könnte man erwarten, dass Wolle in verschiedenen historischen Textilien mal in die eine, mal in die andere Richtung gesponnen wurde. Dem ist aber nicht so: Wolle wurde in Europa in Z-Richtung versponnen.

Liegt es am verwendeten Spindeltyp?

Frau Barber kommt nun zu dem Schluss, dass  es an den Spindeltypen gelegen haben muss, in welche Richtung gesponnen wurde. In Ägypten wurden ausschließlich Hochwirtelspindeln verwendet, während in Europa mit Tiefwirtelspindeln gearbeitet wurde, die teilweise auch in der Hand gehalten wurden (so wie diese hier z. B.). Sie argumentiert, dass Hochwirtelspindeln durch Drehen am Oberschenkel von der Hüfte weg zum Knie angedreht wurden, denn aus dieser Bewegung kann nichts anderes als S-Twist entstehen. Tiefwirtelspindeln werden mit den Fingern angeschnippt, und da vermutlich damals wie heute ca. 90% der Menschen Rechtshänder waren, führt diese Bewegung automatisch zu einer Z-Drehung. Mit der rechten Hand eine S-Drehung bei einer Tiefwirtelspindel zu erzeugen, ist deutlich anstrengender für den Daumen (das ist wie “Rückwärts schnipsen”).

Ich habe noch Fragen und spekuliere

Klingt auch erstmal logisch, aber dennoch bin ich nicht ganz überzeugt: Eine Hochwirtelspindel kann man mit derselben Leichtigkeit andersherum, d.h. vom Knie zur Hüfte, andrehen und hat dann ebenfalls eine Z-Drehung (so drehe ich meine Hochwirtelspindeln immer an). Am ehesten plausibel scheint mir für die S-Drehung in Ägypten eine Kombination aus der Erkenntnis aus dem Waschversuch von Frau Bellinger zusammen mit der Tatsache, dass dort zum Spinnen die Fasern nicht ausgezogen werden mussten (das wird im Buch von Frau Barber näher beschrieben).  In Europa könnte ich mir vorstellen, dass die Händigkeit eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat. Spindelstäbe, vor allem wenn sie in der Hand gehalten wurden, drehen sich für Rechtshänder am leichtesten und ergonomischsten in Z-Richtung. Ich hab das mal in einem Spiralspindelkurs beobachtet: Wer die Spindel ohne nachzudenken intuitiv in die linke Hand nahm, drehte sie in S, wer sie rechts hielt, drehte sie in Z. Hinzu kommt: offenbar wurden in Europa (Schweiz, heutiges Spanien) und der heutigen Türkei (“Tiefwirtel-Gebiet”) neben Textilien aus den Z/S- Garnen durchaus auch solche aus S/Z–Garne gefunden. Ob die nun auch dort hergestellt wurden oder ob diese auch importiert (oder anderweitig durch Handel eingeführt)  wurden – man weiß es einfach nicht.

Frau Barber beschreibt in ihrem Buch, dass in Ägypten Flachs nicht ausgezogen wurde, Ägypter kannten z.B. keinen Rocken. Stattdessen wurden die Fasern der Länge nach aneinandergelegt und dann die überlappenden Enden gespleißt. Im fertigen Garn waren die Spleißstellen der Einzelfäden immer versetzt, so dass nie zwei Spleißstellen übereinanderlagen. Man kann sich das vielleicht vorstellen wie Zeitungspapierstreifen, die man aneinanderklebt. Das Ganze wurde dann zu einem Knäul gewickelt und anschließend dann nur noch verdreht.

Nun hatte ich also eine Menge Theorien, aber eins wusste ich immer noch nicht: Welche Spinnrichtung ist denn nun FÜR MICH besser?

Mein Experiment zur Spinnrichtung

Wie sagte schon mein alter Professor: Nur Versuch macht kluch. Also setzte ich mich ans Rad und spann. Einen Faden in Z, einen in S. Einen Teil ließ ich unverzwirnt, einen Teil verzwirnte ich. Von allem machte ich kleine Webproben. (Weil mein Faden relativ dünn war und der Webrahmen aber relativ grob, war die eine Webprobe sehr locker. Ich denke, sie ist trotzdem aussagekräftig.)

Nahaufnahme Langflachsgarne. Links Z/S gesponnen, rechts S/Z gesponnen. Hintergrund schwarz.
Das sind die Garne, die ich gesponnen habe. Links das Z/S-Garn, rechts das S/Z-Garn. Vom Bild her sind die beiden sehr ähnlich.
Webproben (Single) aus Langflachs vor schwarzem Hintergrund. Links Z, rechts S.
Webproben mit den Singles. Die Bilder selbst sind nicht so aussagekräftig ohne das dazugehörige Gefühl in der Hand. Beide Proben sind von der Haptik sehr ähnlich (steif und dennoch biegsam), wenngleich mir die Z-Probe weicher vorkommt. Sie verhalten sich auch beim Kochen vergleichbar (mein persönlicher Eindruck).
Webproben 2ply aus Langflachs vor schwarzem Hintergrund. Links Z/S, rechts S/Z.
Webproben mit gezwirnten Garnen, diesmal auf dem Zoom Loom. Die Z/S-Probe fühlt sich für mich ein klein wenig gefälliger an. Diese Proben sind nicht ganz so steif wie die aus den Singles (warum auch immer…).

Die ungewohnte Spinnrichtung beeinflusst mein Garn

Das erste, was ich feststellen kann: In S-Richtung spinnen ist für mich ungewohnt und sorgt dafür, dass mein Faden etwas dicker wird als der in Z-Richtung gesponnene. Es sind die kleinen Mikro-Bewegungen, die dafür verantwortlich sind: Das kurze Aufdrehen der Faser vor dem Ausziehen, die Handhaltung, die für das Z-Spinnen eingeübt wurde, die ich  für das S-Spinnen umlernen müsste.

Das sind meine Lauflängen:

  • Z/S-Garn: 3927 m/kg
  • S/Z-Garn: 3812 m/kg

Mein Garn ist in beiden Spinnrichtungen stabil

Die Zweite Beobachtung: Bei mir hat sich das Zerfallen Z-gesponnener Fäden beim Waschen definitiv nicht bestätigt (erst recht nicht nach dem Zwirnen). Sowohl die Z- und Z/S- als auch die S- und S/Z- Webproben waren stabil und überstanden den Kochvorgang ohne Probleme.

Qualitative Unterschiede sind marginal

Die Dritte Beobachtung: Qualitativ kann ich nur ganz geringe Unterschiede feststellen zwischen den Proben. Die Webprobe der Z-Singles erscheint mir etwas weicher und gefälliger als die der S-Singles. Das gleiche gilt für die gezwirnten Garne: Die Webprobe aus Z/S erscheint mir etwas gefälliger als die aus S/Z-Garn.

Ich habe die Proben meinen Kursteilnehmerinnen blind zur Begutachtung vorgelegt, und die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. Während im einen Kurs eine leichte Präferenz des Z-gesponnenen Garnes befunden wurde (“das ist feiner und glänzt mehr”), befanden die Teilnehmerinnen eines anderen Kurses das genaue Gegenteil. Daraus schließe ich messerscharf: was besser ist, liegt wohl doch im Auge des Betrachters.

Mein Fazit: Ich bleib bei meiner Spinnrichtung

Und was mache ich nun mit diesen Erkenntnissen?

Nun, ich mache weiter wie bisher. In Z-Richtung spinnen geht für meine Finger  leichter, das Ergebnis ist minimal gefälliger, so dass ich für mich keinen Vorteil darin sehe, in S zu spinnen. Aber das kann für Dich ganz anders aussehen. Vielleicht hast Du Erfahrungen, die das genaue Gegenteil zeigen? Kommentiere gerne und teile Deine Erkenntnisse!

Literatur

Alden Amos “The Alden Amos Big Book of Handspinning” ISBN 978-1-883010-88-1

Elizabeth J. W. Barber „Prehistoric Textiles. The Development of Cloth in the Neolithic and Bronze Ages“ ISBN 978-0-691-00224-8


Das war interessant? Hier findest Du noch mehr Artikel zum Thema Flachs:

Flachs aus dem Hochbeet Teil 2: Vom Raufen bis zum Garn [2/2]

Im ersten Artikel zu meinem Jahresprojekt „Flachs im Hochbeet anbauen“ ging es um den landwirtschaftlichen Teil, also vom Samen bis zur Ernte der Flachspflanzen. In diesem Artikel zeige ich Dir, wie ich meinen Flachs bis zum Garn weiterverarbeitet habe. So schließt sich der Kreis der Flachsverarbeitung vom Samenkorn zum Textil.

Das Riffeln

Mein geraufter Flachs hatte zwei Wochen schön Zeit, an einem luftigen Ort zu trocknen, bevor ich mich ans Riffeln gemacht habe. Mit einer kleinen Probe hab ich mich ein bisschen warmgeriffelt und schon mal geübt, bevor ich mir die dicken Bündel vorgenommen habe.

eine selbstgebaute Riffelstation aus einer weißen Plastik-Aufbewahrungsbox, an der mit Klemmen ein Lockenkamm befestigt ist. Im Hintergrund ein Bündel Flachsstroh, im Vordergrund geriffelte Samenkapseln.
Meine Riffelstation – mit Lockekamm und Box vom Möbelschweden.

Es ging recht schnell, für mein gutes Kilo Flachsstroh habe ich (inkl. Aufbau und Fluchen) etwas über eine Stunde gebraucht. Riffeln ist nett, aber was mich absolut FUCHSIG gemacht hat: Die Stängel haben sich an den Samenkapseln ständig verhakt, wenn man die dickeren Büschel aufteilen wollte. Und das Zeug fliegt ÜBERALL hin, wenn man es nicht vorsichtig macht. Nächstes Jahr überleg ich mir eine Konstruktion mit Deckel, glaub ich.

Ausbeute: Vor dem Riffeln 1230 g (inkl. Erde), Nach dem Riffeln: 990g (ohne Erde).

Die Samenkapseln kann man dann noch weiter trocknen, mit einem Nudelholz öffnen und einem Goldgräber gleich in einer flachen Schale die Spelzen vorsichtig von den Samen pusten. Das ist eine sehr befriedigende Arbeit, finde ich.

Nahaufnahme goldgelber Flachs-Samenkapseln in einer Schüssel
Samenkapseln vom Flachs.
Nahaufnahme Leinsamen Flachssamen in eiiner Schüssel
Meine ersten eigenen Leinsamen!

Die Röste

Beim Rösten hat man die Wahl zwischen Wasserröste und Tauröste. Beides dient dazu, den „Kleber“ aufzulösen, der in den Stängeln die holzigen mit den faserigen Bestandteilen fest verbindet. Mikroorganismen und Feuchtigkeit sorgen dafür, dass dieser Kleber abgebaut wird. Wenn man sie läßt, machen die Mikroorganismen das so lange weiter, bis auch von den Fasern nicht mehr viel übrig ist. Man sollte die Röste daher zum besten Zeitpunkt abbrechen, nämlich dann, wenn man die Fasern mühelos vom Holz trennen kann. Die Röste ist einer der kritischen Schritte der Flachsverarbeitung. Zu wenig geröstet und man hat schäbigen Flachs, zu viel geröstet und man hat brüchige Fasern.

Für die Wasserröste legt man die Flachsbündel in ein ausreichend großes Gefäß und bedeckt sie vollständig mit Wasser. Alternativ könnte man die Bündel auch in ein fließendes Gewässer (z.B. einen Bach) legen, ganz früher hatte man manchmal spezielle Gruben außerhalb des Dorfes dafür. Die Wasserröste geht mitunter recht schnell vonstatten, ist aber olfaktorisch nicht ganz neutral und man hat hinterher eine Wanne voll mit stinkender Brühe. Wer schon mal eine Brennesseljauche angesetzt hat, weiß vielleicht, was ich meine… Im großen Stil ist Wasserröste in Deutschland daher auch aus umweltrelevanten Gesichtspunkten verboten.

Die Tauröste hingegen dauert etwas länger, meist zwischen 7 und 14 Tagen. Man legt dafür die Stängel dünn auf einer Wiese oder einem Stück Rasen aus, sodass der Morgentau die Stängel befeuchten kann. Das Chlorophyll im Gras spielt wohl auch eine Rolle bei der Röste, reiner Sand geht nicht, hab ich gehört. Alle paar Tage wendet man den Flachs, damit die Stängel von allen Seiten gleichmäßig geröstet sind.

Ich habe mich dieses Mal für eine Tauröste entschieden, meinen Flachs auf unserem Rasen ausgelegt und ihn alle paar Tage gewendet. Das Wetter war ziemlich feucht.

Ein kleines Bündel Stängel hatte ich noch vor dem eigentlichen Raufen immer mal aus dem Beet gesammelt, weil mir die Pflanzen bereits dort angerottet zu sein schienen. Dieses Mini-Bündel hatte ich auch ausgelegt, nach 5 Tagen Röste aber schon mal den Brecheltest gemacht. Das ging schon ziemlich gut (und hat ziemlich gekrümelt…) und *tadaaa* : Ich hab mein erstes Bündel(chen) Fasern. Brechen und Schwingen hab ich in einem Schritt mit diesem Holztool gemacht. Das ging super gut! Ein einfaches Holzbrettchen hätte es aber bestimmt auch getan.

Ein Büschel grob gebrochener und gehechelter Flachsfasern liegt neben einem Holztool mit der Gravur "1qmlein.de" auf einem Holztisch.
Mein erstes Büschelchen gebrochener und geschwungener Flachsfasern aus meinem eigenen Beet! Die Transformation vom Stroh zur Faser ist wirklich beeindruckend.

Nach 7 Tagen wurde ich für die Hauptmenge Flachsstroh dann doch etwas nervös: Die Stängelspitzen auf dem Rasen wurden schwarz und überall zeigten sich Flecken auf den Stängeln, manche wurden silbergrau. Daher habe ich voller Schwung auch den nach 100d geernteten Flachs dem Brecheltest unterzogen und der zeigte: nä, diese Stängel brauchen noch ein bissel. Brechen kann man ihn schon, aber das Holz sitzt noch zu fest.

Brecheltest

Für den Brecheltest wickelt man einen getrockneten Stängel um einen Finger, so dass die Holzbestandteile brechen, und wickelt ihn dann wieder ab. Wenn die Holzbestandteile sich nun ganz leicht von den Fasern trennen lassen, ist die Röste erfolgreich. Kleben Holz und Fasern noch zu sehr aneinander, kann man die Röste noch etwas verlängern.
Hilfreich ist auch ein Testbündel, das man einen Tag vor den restlichen Bündeln auslegt. Dieses Bündel ist dann immer 24h weiter als der Hauptteil und selbst, wenn man das Testbündel etwas überröstet hat, kann man die anderen Bündel dann noch retten.

Nach 12 Tagen war es soweit: Das Holz ließ sich recht einfach von den Fasern trennen und ich beschloss, die Röste abzubrechen. Die Stängel wurden nun wieder locker gebündelt und unter einem Dach an frischer Luft getrocknet.

Nahaufnahme taugerösteter Flachsstängel. Überall siind silbrig-schwarze Flecken auf den Stängeln zu erkennen.
So sahen meine taugerösteten Stängel nach der Tauröste aus. Silbrig-schwarze Flecken überall.

Brechen, Schwingen, Hecheln – Flachsfest auf dem Tempelhofer Feld

Der nächste Verarbeitungsschritt ist das Brechen. Das war früher ein gemeinschaftlich durchgeführter Arbeitsschritt, zu dem das ganze Dorf zusammenkam und jeder seine Aufgabe hatte. Es braucht dafür auch spezielle Geräte, die Brecheln, die findet man heutzutage höchstens in Museen oder auf Dachböden. Manchmal wurde der Flachs auch kurz vor dem Brecheln noch über einem Feuer gedarrt.

Eine Brechel habe ich nicht, und so hatte ich für meinen Brecheltest das kleine Holztool verwendet (s. Bild oben). Für alle meine Bündel wäre das aber eine ganz schön mühsame Angelegenheit geworden. Was für ein Glück, dass die Schönfärberinnen auf dem Tempelhofer Feld ein Flachsfest ausgerichtet haben! Sie hatten verschiedene Werkzeuge bereitgestellt, unter anderem zwei kleine Brecheln, und so konnte ich bei stimmungsvollem Wetter in netter Gesellschaft meinen Flachs brechen und die Hälfte sogar noch schwingen bzw. ribben. (Leider hab ich da keine schönen Fotos gemacht, wenn Du wissen willst, wie es war, schau mal bei den Schönfärberinnen auf Instagram.)

Das Brechen dient dazu, die Holzteile kleinzukriegen, damit sie sich gut von den Faserteilen abtrennen lassen. Das anschließende Schwingen bzw. Ribben und Hecheln entfernt dann nach und nach alle Holzteile (die sogenannten Schäben), um am Ende einen wunderschönen Zopf Langflachs (oder mehrere) in der Hand zu haben. Beim Brechen passiert die Magie: Man geht mit einem Bündel Stroh rein und kommt mit einem (noch etwas zauseligen) Zopf heraus.

Zöpfe aus geschwungenen Flachsfasern liegen auf dunkel marmoriertem Tisch. Oben im Bild 115 Tage gewachsener Flachs, unten 100 Tage gewachsener Flachs.
Das sind alle meine Flachszöpfe aus gebrochenen und geschwungenen Fasern. Die 115d-Fasern wirken etwas dunkler.

Vor allem beim Hecheln fallen auch etliche kurze Fasern an, die ebenfalls gesammelt und zu gröberem Leinen versponnen werden können. Aber was am Ende beim Hecheln rauskommt, ist wirklich faszinierend: saubere, glänzende ordentliche Fasern, zu Zöpfchen gedreht und wunderschön anzuschauen.

Und wie war nun die Ausbeute? Aus dem knappen Kilo Flachsstroh nach dem Riffeln blieben ganze 79 Gramm Zöpfchen übrig. Über den Dicken Daumen sind das nicht ganz 8 % Ausbeute, und da ist noch kein Garn gesponnen (da geht bestimmt auch noch etwas verloren). Ist das eine gute Ausbeute? Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist es wenig.

Nahaufnahme Hechelwerg
Was vom Hecheln übrig blieb: Werg.
Zöpfe aus gehechelten Flachsfasern vor grünem Blätterhintergrund.
Und so sahen die Fasern nach dem Hecheln aus – schon viel feiner und glänzender! Ganz rechts im Bild sieht man auch, dass sich eine „Faser“ noch in viele Fasern aufspalten kann – ganz anders als bei Wolle.

Und endlich: Spinnen!

Endlich, endlich hatte ich Fasern in der Hand, die ich spinnen konnte. Ich wollte immer schön der Reihe nach vorgehen und nahm mir zuerst das Schwing-Werg. Und hab es nach ein paar Metern direkt wieder gelassen. Mei, war das stachelig! Ständig riss der Faden, weil er so ungleichmäßig wurde wegen der Holzteilchen, und die Fasern waren selbst auch nicht die stabilsten. Meine Erkenntnis: Schwing-Werg ist prima zum Stopfen von Sitzkissen oder als Feueranzünder.

Nahaufnahme von Leinengarn aus Schwing-Werg gesponnen. Sehr viele Schäben sind sichtbar.
Zweifädiges garn aus Schwingabfall. Das war kein Spaß…

Als nächstes nahm ich mir das Hechel-Werg vor, das ging schon viel besser. Immer noch etwas struppig, aber deutlich besser verarbeitbar.

Nahaufnahme von Leinengarn aus Hechel-Werg gesponnen. Einige Schäben sind sichtbar.
Zweifädiges Garn aus Hechel-Werg. Das ging schon viel besser!

Zum Schluss kamen die Sahnestücke auf die Spule – mittellange und lange Fasern. Von beiden Varianten hatte ich welche von der Ernte nach 100 Tagen und nach 115 Tagen. Die mittellangen Fasern von 100 und 115 Tagen habe ich zusammen zu Garn verarbeitet, es war einfach zu wenig, um da nochmal zu unterteilen.

Insgesamt waren es am Ende von den 900 g geriffeltem Stroh insgesamt 127,9 g Garne (aus Werg, mittellangen und langen Fasern) mit insgesamt  224,46 m Lauflänge.

Das Werg habe ich aus Rolags am Rad gesponnen, die mittellangen Fasern aus dem Handtuch und die langen Fasern ohne Rocken mit der Schürzentechnik (derzeit meine allerliebste Technik).

Die Fasern “115d” fühlten sich etwas (aber nicht viel) grober an als die mittellangen und „100d“-Fasern, und das entstandene Garn war auch dicker. Das kann nun verschiedene Ursachen haben: 

  1. die Fasern waren von Natur aus dicker, 
  2. die Fasern waren dicker, weil ich sie weniger gut gehechelt habe, 
  3. die Spinntechnik hat die Garndicke beeinflusst (die 115d-Fasern habe ich S/Z gesponnen, die 100d-Fasern Z/S). 

Die Fasern selbst erschienen mir deutlich grober als die alten Flachszöpfe, die man z. B. bei Bertas Flachs bestellen kann. Jetzt könnte man natürlich hergehen und Fasern für einen Langzeitversuch beiseitelegen (These: sie werden mit der Zeit feiner). Aber dafür haben die Fasern einfach nicht gereicht.

Im nächsten Versuch werde ich wohl Proben und Bändchen aus den Garnen weben. Wenn ich mal Zeit habe.

Alle Garne von 1qm Lein 2025 als Stränge in einer Holzschale, sie fallen aus der Schüssel heraus. Hintergrund hellblau.
Meine Garne aus meinem Quadratmeter in 2025. Es ist nicht viel, und sie sind relativ grob im Vergleich zu anderen Garnen.
Nahaufnahme zwei Stränge Leinengarn aus Fasern geerntet nach 100d (links) und 115d (rechts). Hintergrund schwarz
Langflachsgarne, links aus den nach 100 Tagen geernteten Stängeln, rechts aus den nach 115 Tagen geernteten Stängeln. Ich habe die beiden auch in unterschiedliche Richtungen gesponnen (links: Z/S, rechts: S/Z).
Nahaufnahme Leinengarn 1qm Lein 2025 mittellange Fasern
Garn aus Mittellangen Fasern. Davon gab es nur ganz wenig.
Nahaufnahme Leinengarne 1qm Lein 2025 aus Werg. Links Schwing-Werg, rechts Hechel-Werg.
Fasern aus Werg. Links: Schwing-Werg, rechts: Hechel-Werg. Das Schwing-Werg ließ sich so schlecht verspinnen, dass ich nach wenigen Metern abgebrochen habe, daher ist der Strang nur sehr klein geworden.

Die Ausbeute

Wenn ich mal alles übersichtlich zusammenfasse, dann sieht das in etwa so aus:

Stadium100 Tage115 Tage
Flachsstroh vor dem Riffeln615 g525 g
Flachsstroh nach dem Riffeln500 g400 g
Samen (enthält auch unreife Samen)57 g
Fasern Werg vom Schwingen78 g73 g
Fasern Werg vom Hecheln36 g60 g
Garn Werg50,2 g / 63 m
Fasern mittellang4 g5 g
Fasern lang37 g33 g
Garn ( Gewicht und Laufmeter)38,5 g / 88,56 m30,4 g / 54,2 m
Übersicht über meine Ausbeuten aus 1 qm Lein. Wo ich 100d und 115 d zusammengefasst habe, stehen die Ergebnisse bei 115 d.

Was ich mir fürs nächste Mal merke:

  • Ich muss gründlicher brecheln, ggf. mit einem Fleischklopfer oder Hammer. Die sehr harten Wurzelbereiche sollten komplett entfernt sein, bevor es ans Schwingen geht.
  • Schwingen ist langweilig aber wichtig. Nächstes Mal probiere ich es auch mal mit einem Fleischklopfer.
  • Die Stängel müssen beim Brechen absolut trocken sein.
  • Es ist hilfreich, die Bündel übers Knie zu brechen, bevor sie in die Brechel kommen.
  • Beim Brechen und Hecheln: möglichst wenig Kraft anwenden, viele kleine sanfte Bewegungen ausführen, um die Fasern zu schonen.

Mein Fazit

Flachs ist eine unglaublich tolle Pflanze. Sie zu verarbeiten ist ein riesiger Aufwand, der in Gemeinschaft einfach besser geht.

In Anbetracht meiner Ausbeute wird mir wirlich deutlich vor Augen geführt, was es bedeutet, ein ganzes Kleid aus Leinen zu haben. Mit einem Quadratmeter kommt man da nicht weit…

Für nächstes Jahr habe ich mich schon wieder angemeldet – es gibt noch so viel zu lernen!


Das war spannend? Dann lies hier gerne weiter zum Thema Flachs:

Flachs im Hochbeet anbauen Teil 1 – Mein Großes Faserexperiment 2025 [1/2]

Meine Faserexperimente sind ja immer sehr unterschiedlich – mal sind es verschiedene Schafrassen, dann wieder Spinntechniken oder verschiedene Arten der Faservorbereitung. Für dieses Jahr hat sich nun still und leise ein Langzeitprojekt angeschlichen: #1qmlein. In dem Hochbeet, in dem letztes Jahr noch der Japanische Färberknöterich gewohnt hat, habe ich Ende April 1 qm Leinsamen ausgesät. Wenn alles gutgeht, habe ich im Herbst ein kleines Bündel selbst angebauter Fasern in der Hand – vom Saatkorn zum Garn im eigenen Hochbeet! In diesem Artikel erfährst Du alles zu Anbau und Ernte.

Das Projekt „1 qm Lein“

Das Projekt „1qm Lein“ wurde von Mona Knorr und Christiane Seufferlein in Deutschland und Österreich initiiert. Es ist ein Mitmach- und Communityprojekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Wissen über die Pflanze und ihre Verarbeitung wiederzuholen und die Pflanze in Gärten, Schaubeeten und Schulen wieder sichtbar zu machen.

Seinen Ursprung hat das Ganze in Skandinavien, wo man offenbar in öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken Saatgut bekam und bei sich zu Hause anbauen konnte. Christiane (die manche vielleicht vom Verein Berthas Flachs kennen) hat die Idee während eines Flachsworkshops in Dresden mit Mona besprochen und dann zusammen mit ihr in Absprache mit den skandinavischen Organisatoren nach Österreich (1qmlein.at) und Deutschland (1qmlein.de) gebracht. Ende 2024 gab es für das Projekt „1qm Lein“ ein Crowdfunding, in dem ich mir mein Saatgut sichern konnte. Mittlerweile ist das Saatgut überall angekommen. Es gibt erste Anleitungs-Newsletter mit Tipps und Tricks sowie eine Community-Plattform für alle, die mitmachen. Das sind neben Privatpersonen auch viele Institutionen, Schulen, Freiluftmuseen etc., die oft sogar noch die Geräte zur Flachsverarbeitung haben und Veranstaltungen zur gemeinsamen Verarbeitung im Herbst organisieren.

1 qm Lein in Berlin

Hier in Berlin gibt es im Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld ein Beet und Aktionen. Außerdem (aber ich glaube nicht am Projekt selbst beteiligt) gibt es ein Faserpflanzenbeet im Berliner Botanischen Garten, das ich mir unbedingt mal ansehen will!

Warum jetzt ausgerechnet Flachs? Meine Motivation und bisherigen Erfahrungen

In einem früheren Anfall akuter Neugier hatte ich mich vor ein paar Jahren schon einmal mit dem Spinnen von Flachs beschäftigt. Flachszöpfe konnte ich damals nirgends auftreiben, aber es gab Flachs als Kardenband zu kaufen. Das hatte ich noch nie gesehen und wollte es mal ausprobieren. Solches Kardenband enthält ja eher kürzere Fasern und zählt eigentlich zu den eher niedrigen Qualitäten (es ist ähnlich wie Werg). Es verarbeitete sich ganz anders als Kardenband aus Wolle, war stachelig und sperrig und ich fand es überhaupt nicht angenehm. Wie man solches Zeug zu feinen Leinentüchern verarbeiten können sollte, war mir ein Rätsel. (Heute weiß ich: gar nicht. Da lag mein Gefühl schon richtig. Flachs ist nicht gleich Flachs, hab ich gelernt).

Kathrin sitzt im Garten auf einem Stuhl, vor ihr steht eine Hechel. In der linken Hand hält sie ein Bündel Leinenfasern und hechelt. Photo Credit: Ulrike Kohn
Hier hechele ich zum ersten Mal im Leben Flachs bei einem Workshop im Wandelgrund. Es war der Beginn meiner zweiten Flachs-Erkundungsphase.

Ich legte das Ganze also als „nä, nichts für mich“ ad acta. Bis ich dann Anfang 2024 an diesem Flachs-Workshop im Wandelgrund teilnahm… Durch den Workshop und die tolle (und sehr fachkundige) Anleitung von Christiane war ich dann doch durchaus angetan und wollte dem Flachs nochmal eine Chance geben. Ich besorgte mir Zöpfe und einen Standrocken über ein beliebtes online-Auktionshaus und hechelte und spann. Was soll ich sagen: auf einmal machte es deutlich mehr Spaß als früher und ich war neugierig, was es bedeutet, den Flachs auch selbst anzubauen.

Und nun hab ich nicht nur schon selbst Flachs verarbeitet und einen Kurs dazu gegeben, sondern sogar ein eigenes Beet dafür angelegt… Tja, so kann’s kommen.

Regionale Sorten: Flachs ist nicht gleich Flachs

Flachs ist ja nicht gleich Flachs, es gibt unterschiedliche Sorten mit leicht unterschiedlichen Eigenschaften. Früher war es offenbar so, dass es regional unterschiedliche Sorten gab, die an die Boden- und Klimabedingungen der jeweiligen Region bestens angepasst waren. Im Workshop im Wandelgrund erfuhr ich z. B. von der Sorte „Löbauer Blau“, die rund um Dresden beheimatet war. Mit der Industrialisierung der Flachsproduktion wurden jedoch (so wie ich es verstanden habe) vermehrt nur die wenigen Sorten angebaut und weitergezüchtet, die den höchsten Ertrag mit den längsten, feinsten Fasern versprachen. Hier bin ich aber nicht so tief in die Recherche eingestiegen.

Ältere Flachs-Sorten haben oft schön klingende Frauennamen. Meine Sorte heißt „Felice“. Das ist wohl eine durchaus krankheitsresistente Sorte, die zwar zuerst langsamer wächst als andere Sorten, aber auch eine hohe Stroh- und Faserausbeute haben soll. Nur Wind und Starkregen verträgt sie nicht so gut und knickt dann um. (Randnotiz: unbedingt noch Schnüre spannen als Windschutz!)
Es gab im Crowdfunding auch eine andere Sorte, nämlich „Christine“, und es wird sicher spannend zu sehen, was die anderen in der Community über ihre Sorten, Anbaubedingungen und Ausbeuten berichten.

Beet vorbereiten und Aussaat

Flachs wird traditionell am 100. Tag des Jahres ausgesät und dann ca. 100 Tage später geerntet. Rein rechnerisch fiele die Aussaat also auf den 10. April, man kann aber schon Ende März oder aber erst im Mai aussäen. Für mich war der 22. April 2025 ein guter Zeitpunkt.

Der einzige geeignete Platz bei uns ist das Hochbeet. Letztes Jahr wuchs hier Japanischer Färberknöterich. Die Erde war übers Jahr ganz schön abgesackt, also habe ich flugs einfach die über den Winter stehengebliebenen Pflanzenreste ausgerupft und in die Erde eingearbeitet. Weil das noch nicht ausreichte, kamen noch ein paar Säcke Blumenerde obendrauf. In die Mitte meines Beetes habe ich zwei Ollas platziert, das sind praktische kleine Wasserspeicher aus porösem Ton. Das Wasser wird nach und nach nach aussen abgegeben und das Beet trocknet nicht so schnell aus.

Kurz vor der Aussaat habe ich in die oberste Schicht Erde noch etwas Sand eingearbeitet und eine Tüte Aussaaterde verteilt – bloß gut, dass ich nochmal den Begleit-Newsletter gelesen habe! Flachs mag es offenbar nicht so nährstoffreich. Das Beet blieb dann noch zwei Wochen liegen, um zu sehen, ob da noch Unkraut hochkommt, das am besten vor der Aussaat entfernt werden sollte. Kam aber nicht.
Mit einem Kinderharken-Stiel habe ich dann Saatrinnen in die Erde gedrückt, die Samen mit ein bissel Sand vermischt und in den Rinnen verteilt. Der Sand hilft ein bisschen, die Samen zu „verdünnen“, damit sie nicht zu dicht ausgesät werden. Trotzdem sind mir die Samen vermutlich an einigen Stellen viel zu dicht geraten … aber wenigstens konnte ich durch den Sand gut sehen, wo ich schon war. (Das mit dem Sand war ein Tipp aus der Community, da wäre ich selber nie drauf gekommen!)

Aufsicht auf ein metallenes Hochbeet mit 5 Saatreihen. Die Saatreihen sind heller als die sie umgebende Blumenerde, weil sie mit Sand gefüllt sind. Im Hochbeet sind in der Mitte 2 Ollas als Wasserspeicher eingelassen.
Das ist mein Hochbeet mit den Ollas und den Saatrinnen. Die Saatreihe ganz rechts liegt morgens länger im Schatten der Hochbeetwand.
Nahaufnahme einer Saatreihe für Faserlein. Die Dichte der Saatkörner ist sehr hoch.
Stellenweise waren meine Samen vermutlich doch ein bissel dicht geraten… Normalerweise sollen so 6-10 Samen pro Daumenabdruckfläche ausgebracht werden, da liege ich wohl doch etwas drüber. Leider ist das Bild ein bissel unscharf…ich übe das noch.

Die Saatrinnen habe ich dann zugedrückt, angegossen, und dann hieß es: Warten auf die ersten grünen Blättchen (im Fachjargon heißt das „auflaufen“, den Begriff kannte ich bislang nur von Fußballspielen). Eine der Saatrinnen bekam durch den Hochbeetrand etwas mehr Schatten als die anderen 3 Reihen – hier bin ich gespannt, ob sich das auf die Pflanzen auswirkt.

Eine Woche später (genauer gesagt an Tag 6) schoben sich die ersten Blättchen aus den Sonnen-Reihen vorsichtig aus der Erde – juhuuu, der erste Teil hat schon mal geklappt! Und siehe da: die Schattenreihe brauchte 4 Tage länger zum Keimen. Bleibt abzuwarten, wie sich der Schatten auf die weitere Entwicklung auswirkt – spätestens ab 20 cm Wuchshöhe bekommen alle die gleiche Menge Sonne.

Frisch gekeimte Faserlein-Pflänzchen im Hochbeet 6 Tage nach der Aussaat.
Nach 6 Tagen kommen die ersten Blättchen durch die Erde. Juhuu!
Flachskeimlinge, 8 Tage nach Aussaat. Nahaufnahme.
Nach 8 Tagen sind die Stielchen schon etwas länger. Das Wetter war diesen Mai erst relativ trocken, dann zwar feuchter, aber immer recht kühl.

Jetzt heißt es erst mal warten und gegebenenfalls jäten.

Tag 11

Flachskeimlinge, 11 Tage nach dem Keimen. Nahaufnahme.
Tag 11: Die nächsten Blättchen schieben sich raus!

Tag 20

Flachspflanzen 20 Tage nach der Aussaat. Mehrere Blattpaare sind sichtbar.
Nach 20 Tagen sind schon mehrere Blattpaare sichtbar.

Tag 30

Mein Flachs wächst und gedeiht, das ist richtig schön anzusehen! 30 Tage nach der Aussaat schauen die ersten Spitzen schon über den Rand des Hochbeetes und ich muss langsam mal die Stützfäden spannen…

Was ich bislang beobachtet habe:

  • Die Seite des Beetes, die mehr Sonne und Wasser bekommt (links im Bild), ist ca. 3 Tage früher gekeimt als die Schattenseite (rechts im Bild).
  • Über der Querstrebe in der Mitte des Beetes wachsen die Pflänzchen deutlich schlechter. (Die Querstrebe stabilisiert die Konstruktion, damit das Beet nicht durch das Gewicht der Erde ausbeult.) Ob da nur nicht genug Erde drüber ist oder die Wurzeln sich sonstwie gestört fühlen, weiß ich gar nicht so genau.
Flachsbeet (Hochbeet) 30 Tage nach der Aussaat. Die Pflanzen am rechten Beetrand sind kleiner als am linken Beetrand.
Links die Sonnenseite, rechts die Schattenseite. Der Größenunterschied ist etwas verfälscht durch die Tatsache, dass der Boden nicht eben ist – links ist die Erde höher als rechts. Aber die Schattenpflanzen sind etwas kleiner als die Sonnenpflanzen. Mal sehen, ob sich das verstetigt, wenn alle die gleiche Menge Sonne sehen, sobald sie über den Beetrand schauen.
Flachspflanzen im Hochbeet 30 Tage nach Aussaat. In der Mitte wachsen die Pflanzen spärlicher und ein Schriftfeld erklärt "Querstrebe".

Ich bin schon so gespannt, wie sich die Pflanzen entwickeln! Im Augenblick kann ich mich an dem Grün noch nicht sattsehen und streichle immer über die leuchtenden Köpfchen, wenn ich am Beet vorbeikomme.

Tag 40

Nach knapp 40 Tagen war es dann doch mal Zeit, eine Stütze für den Flachs zu installieren. So richtig gespannt sind die Fäden nicht (die Stäbe sitzen zu locker in der Erde), aber vielleicht hilfts trotzdem.

Flachspflanzen in einem Hochbeet, von oben fotografiert. Darüber ist ein Stütznetz aus Schnüren angebracht, das die Pflanzen noch nicht erreichen.

Komischerweise waren eines Morgens ein paar Pflanzen umgefallen, und zwar ausgerechnet dort, wo am meisten Wasser und Sonne hingelangt. Ob das diese “Lagerneigung” ist, von der ich schon mal gelesen habe? Habt ihr sowas auch beobachtet?

Flachspflanzen in einem Hochbeet, von oben fotografiert. Darüber ist ein Stütznetz aus Schnüren angebracht, das die Pflanzen noch nicht erreichen. Die Pflanzen in der Mitte wachsen über einer Querstrebe und sind viel kleiner.

Der Kümmerwuchs der Pflanzen über der Querstrebe des Hochbeets hat sich verstetigt, dort ist jetzt eine richtige „Delle“, die man aber gar nicht mehr so sieht, weil die anderen Pflanzen sie mittlerweile überwuchern.

Und ich stelle fest: nächstes Mal muss ich vielleicht doch nicht ganz so dicht säen…

Tag 50

Halbzeit beim #1qmlein !

In den letzten Tagen ist alles nochmal kräftig geschossen – ein Glück hatte ich noch die Schnüre gezogen. Über der Querstrebe des Bettes in der Mitte sind die Pflanzen immer noch nicht weiter. Vermutlich ist der Wurzelraum einfach zu klein. Nächstes Jahr kommt mehr Erde drauf!

Flachspflanzen in einem grauen Hochbeet, dahinter eine Ligusterhecke. Die Flachspflanzen werden mit Stützschnüren gestützt, die an Tomaten- und Bambusstäben befestigt sind.

Jetzt warte ich sehnsüchtig auf die ersten Blüten…

Tag 58 – Blüten!

…und siehe da, spät am Abend von Tag 57 blitzte es blau von den Knospen, und am Morgen von Tag 58 gab es die ersten Blüten. Herrlich!!

Nahaufnahme einer Flachsblüte vor unscharfem grünem Hintergrund. Tag 58 nach Aussaat.

Tag 60

Nach und nach öffnen sich die Blüten – morgens wirken sie irgendwie noch schläfrig und öffnen sich erst nach 7 Uhr. Ob das daran liegt, dass ein Teil des Beetes morgens noch im Schatten liegt? Spätestens mittags sind alle wieder geschlossen. Ein paar Bienen versuchen sich am Bestäuben, aber sie sind scheinbar zu schwer und können nicht so richtig landen. Kleine leichte Fliegen haben es da einfacher…

Nahaufnahme einer Flachsblüte, hell lila, vor unscharfem grünem Hintergrund.

Das Wetter war bislang eher trocken und kühl, erst in den letzten Tagen ist es richtig heiß geworden. Starkregen hatten wir bislang zum Glück noch nicht, aber die Pflanzen sehen auch recht stabil aus in ihrem Stütznetz.

Flachspflanzen im Hochbeet 60 Tage nach der Aussaat. Kleine blaue Blüten sind zu erkennen. Im Hintergrund ist eine Strebe eines Klettergerüstet zu sehem sowie eine Ligusterhecke.

Tag 90

Der 100. Tag kommt mit großen Schritten, aber mein Flachs lässt sich davon nicht wirklich beeindrucken. Während anderswo schon längst gerauft wurde, blüht mein Flachs auch an Tag 90 noch fleißig weiter vor sich hin. Ein paar Samenkapseln sind schon gelblich braun, einige Halme sind irgendwie im Dickicht auch offenbar schon quasi geröstet und sehr spröde, aber: Blüten.

Flachsblüten und -samenkapseln am Tag 90 nach der Aussaat. Einige Kapseln sind schon braun, andere noch grün.
Reife Samenkapseln neben frisch ausgeschobenen Blüten. Keine Ahnung, wann da der beste Ernezeitpunkt ist?

Ich bin am Überlegen, wie ich es jetzt wohl mache. Es ist noch nicht absehbar, dass mein Flachs das Blühen in Kürze einstellen wird…Erntet man, obwohl er noch blüht?

Ich könnte ja die Ernte quasi halbieren: Die eine Hälfte ernte ich am 100. Tag, Blüte hin oder her, und die andere Hälfte erst dann, wenn wirklich Gelbreife erkennbar ist. Das könnte funktionieren…

Zusätzlich habe ich noch eine weitere Beobachtung gemacht: Einige Pflanzen (nämlich die, die weniger Wasser abbekommen haben) sind deutlich kürzer als andere (nämlich die, die näher am Sprenger standen). Da bietet es sich quasi an, die kurzen und die längeren Halme beim Raufen gleich zu sortieren.

Das macht dann insgesamt vermutlich 4 Büschelchen: Tag 100 (kurze Halme), Tag 100 (längere Halme), Tag 100+x (kurze Halme), Tag 100 + x (lange Halme).

Das Gute ist: der Flachs gibt mir genug Zeit zum Überlegen. Keine hektischen und überstürzten Entscheidungen erforderlich, ich kann mir die Ruhe nehmen, drüber nachzudenken.

Tag 100

Pünktlich am 100. Tag nach der Aussaat habe ich eine Hälfte meines Flachses gerauft. Die Pflanzen waren sehr unterschiedlich weit, zumindest hatte ich diesen Eindruck. Während manche immer noch blühten, raschelten andere schon recht trocken vor sich hin, und wieder andere waren nicht nur gelb sondern schon grau, als wären sie schon geröstet.

Das Raufen war gar nicht so anstrengend, schwieriger war es, die Erde aus den Wurzelresten zu schütteln, ohne die Samenkapseln zu arg zu stören. Vermutlich ist es am besetn, immer nur ein paar Hälmchen auszuziehen und zu schütteln, und diese kleinen Portionen dann zu sogenannten „Handvollen“ zusammenzufassen.

Ich habe die Pflanzen pi mal Daumen nach Größe sortiert. Die Pflanzen, die mehr Wasser abbekommen hatten, waren deutlich größer als die, die trockener standen. Die Bündel habe ich dann mit einem Halm gebunden und zum Trocknen unter ein Vordach gelegt (hängen ging bei mir nicht).

Die andere Hälfte des Beetes steht noch und soll maximale Reife erreichen, mal sehen, ob die Pflanzen das genauso sehen oder weiterhin einfach unermüdlich eine Blüte nach der anderen rausschieben. Und dann wirds langsam ernst: Trocknen, Riffeln, Rösten.

Zwischen den Reihen wird es immer deutlicher: durch die doch sehr dichte Aussaat habe ich ganz schöne Verluste, etliche Pflanzen liegen als Stroh zwischen denen, die es bis zum Ende geschafft haben. Nächstes Jahr: nicht ganz so dicht säen…

Flachspflanzen am Tag 100 nach der Aussaat, das Foto zeigt den unteren Teil der Pflanzen und viele bereits grau gerotteten Pflanzen am Boden.
Am Boden zwischen den noch stehenden Pflanzen sieht man relativ viel „Stroh“ darniederliegen. Diese Pflanzen haben es an irgendeiner Stelle nicht geschafft und mindern dadurch natürlich die Ernte. Nächstes Jahr werde ich definitiv schauen, dass ich nicht so dicht säe.

Den zweiten Teil des Beetes habe ich am Tag 115 gerauft. Die Stängel waren etwas gelber, haben genauso trocken geraschelt wie die am Tag 100, und es waren immer noch ein paar Blüten dazwischen, und auch nicht alle Samenkapseln waren schon reif.

Nahaufnahme von Samenkapseln und Blüten von Flachspflanzen im Beet , 115 Tage nach Aussaat. Es sind Samenkapseln unterschiedlichen Reifegrades und Blüten zu sehen.

Und nun: die Verarbeitung

Da steht er nun, der geraufte Flachs, und trocknet.

geraufte Flachsbündel vor grauem Hintergrund. Hinten im Bild sind getrocknete gelbliche Flachsbüschel nach 100 Tagen, im Vordergrund noch grüne Flachsbüschel, die nach 115 Tagen geerntet wurden
Da steht er nun, mein erster Flachs. Hinten sind die am Tag 100 gerauften Stängel, davor die frisch an Tag 115 gerauften. Jetzt müssen alle erst mal schön trocknen, bevor ich mich an die weitere Verarbeitung machen kann.

Die nächsten Verarbeitungsschritte sind:

  • Riffeln (das Entfernen der Samenkapseln)
  • Rösten (dadurch werden die Holzbestandteile des Stängels von den Fasern gelöst)
  • Brechen (das Aufbrechen der Holzbestandteile im Stängel und Trennen der Holzbestandteile von den Fasern)
  • Schwingen (Entfernen weiterer kleiner holziger Bestandteile, die nach dem Brechen noch enthalten sind)
  • Hecheln (feineres Aufbereiten der Fasern, entfernen letzter Holzbestandteile und kurzer Fasern)

Jetzt gönne ich mir aber erst mal eine Pause. Und weil dieser Blogartikel schon so lang ist, werde ich die Verarbeitung in einem eigenen Artikel beschreiben. Wenn Du wissen willst, wie es mit der Verarbeitung weitergeht, dann bitte hier entlang zur Fortsetzung.


Das merke ich mir für das nächste Jahr

  • Hochbeeterde nivellieren und evtl. mit der Wasserwaage ausrichten.
  • evtl. Protokoll-Parameter erheben: Tageshöchsttemperatur und Wetter (Regen) notieren, Pflanzhöhe messen und notieren (vll alle 10 Tage)
  • Aussaatdichte herabsetzen. Die Reihen können dichter zusammen (<10 cm Abstand), aber die einzelnen Pflanzen müssen weiter auseinander stehen können. Vielleicht ist breit aussäen auch eine bessere Option fürs Hochbeet.
  • Auch am 100. Tag kommen noch Blüten, man kann trotzdem schon raufen.

Zu guter letzt…

Nach dem Raufen habe ich Stecklinge von Japanischem Färberknöterich in das Hochbeet gesetzt, um noch etwas Indigo zu gewinnen. Eines Tages zeigten sich neben den Stecklingen aber noch andere kleine Pflänzchen… da hatte sich der Flachs beim Ernten doch gleich mal wieder selbst ausgesät!

Mittlerweile war es jedoch September, und es war absehbar, dass dieser Flachs nicht mehr zur Blüte kommt. Ich hab ihn dennoch stehen lassen um zu sehen, wie weit er wohl noch kommt. Nun, Mitte November, sind die Pflanzen sehr unterschiedlich hoch, von ca 30 cm bis 10 cm ist alles dabei. Sie haben auch schon den ersten Frost erlebt. Eine Blüte hat sich wie erwartet nicht gezeigt, aber vielleicht lasse ich die Pflanzen über den Winter stehen und schaue im Frühjahr mal, ob da auch Fasern drin sind.

Der selbstausgesäte Flachs hat ganz unterschiedlche Wuchshöhen erreicht.


Du willst jetzt auch mehr Flachs? Schau mal hier:

Flachs spinnen (und was es vom Wolle spinnen unterscheidet)

Flachs spinnen ist ja eine Sache für sich, vor allem, wenn man wie ich bislang fast ausschließlich tierische Fasern versponnen hat. Letztes Jahr bin ich über einen Workshop aber auf den Geschmack für Pflanzenfasern gekommen ( hier ein Blogartikel dazu), und dieses Jahr will ich mich nun intensiver mit der Verarbeitung von Flachs beschäftigen. Dazu mache ich ein langfristiges Experiment: Ich mache mit bei 1 qm Lein und baue mir einen Quadratmeter Flachs an, den ich dann (hoffentlich!) bis zum Garn verarbeiten werde.

Zur Einstimmung auf mein Flachsjahr schreibe ich hier über die Besonderheiten beim Spinnen von Flachs und was man im Hinterkopf behalten kann, wenn man diese Faser verarbeiten möchte.

Die Flachsfaser – Aufbau und Eigenschaften

Eine Faser ist eine Faser ist eine Faser. Das dachte ich immer, weil ich ja überwiegend Wolle versponnen habe, und ein Schaf-„Haar“ ist da ja eine Faser. Bei Seide ist das ähnlich, selbst bei Baumwolle ist ein Samenhaar eine Faser (soweit ich weiß). Für Bastfasern wie Flachs habe ich das nie infrage gestellt, aber hier liegt die Sache etwas anders.

Aufbau

Flachsfasern bestehen genau wie z. B. wie Baumwollfasern aus Cellulose. Hier enden die Ähnlichkeiten aber auch schon, denn im Gegensatz zu Baumwolle sind Flachsfasern Bestandteile des Stängels. Sie liegen nicht einzeln vor, sondern sind in den Stängel eingebettet und von vielen anderen Stängelbestandteilen umgeben. Von diesen Bestandteilen (z. B. Lignin – das Holz) müssen die Flachsfasern erst mühsam getrennt werden, bevor man sie spinnen kann.

Schematische Darstellung des Querschnitts eines Flachsstängels.
Schematischer Aufbau eines Flachsstängels. Ein Klick aufs Bild bringt Dich zur Wiki-Seite für dieses Bild. Merkwürdigerweise verschwindet beim Herunterladen immer das „l“ aus „Bastfaserbündel“. Keine Ahnung wieso…

Aber auch innerhalb des Stängels liegen die Fasern nicht einzeln vor, sondern als Faserbündel. Das, was wir üblicherweise als “Flachsfaser” bezeichnen, ist eigentlich ein Bündel von Fasern. Wie dick das Bündel ist, hängt davon ab, wie viele individuelle Fasern das Bündel noch enthält. Diese individuellen Fasern werden beim Flachs “Technische Fasern” genannt (keine Ahnung warum). Eine Technische Faser ist quasi eine lange Faser, die aus sich überlappenden und irgendwie miteinander verbundenen Einzelfasern (Elementarfasern) besteht. Die Abbildung unten stellt das dar, allerdings ist mir da der Übergang von Technischer Faser zu Elementarfaser nicht so ganz klar.

Ich fasse zusammen: Eine Flachsfaser kann also in dreierlei Form auftreten, nämlich Faserbündel – Technische Faser – Elementarfaser.

Bei der Aufarbeitung der Flachsstängel werden nun die Faserbündel von unerwünschten Bestandteilen getrennt. Die einzelnen Technischen Fasern werden in einem Faserbündel durch einen “Kleber” zusammengehalten (das sind u.a. Pektine). Dieser Kleber kann mit der Zeit abgebaut werden, so dass sich die Faserbündel in sich aufspalten. Das Aufspalten kann sich über die Jahre fortsetzen und so feinere Fasern ergeben (deshalb ist älterer Flachs oft feiner als ganz frischer).

Schematische Darstellung einer Flachsfaser.
Schematischer Aufbau einer Flachsfaser. Ein Klick aufs Bild bringt Dich zur Wiki-Seite. So ganz 100% klar ist mir das mit der Elementarfaser auch noch nicht, sie kommt da irgendwie aus dem Nichts in der Abbildung.

Eigenschaften

Da ich bislang fast ausschließlich Schafwolle versponnen habe, musste ich mich an einige Eigenschaften der Flachsfaser besonders gewöhnen: sie ist nicht elastisch (wobei es auch relativ unelastische Wollen gibt …), relativ steif und auch hart. Das habe ich ganz besonders im Daumen gemerkt: Durch die Steifigkeit und Härte überträgt sich Drall relativ schnell entlang der Faser. Wenn der Drall nicht in den Faservorrat gelangen soll (wo er ja nicht hingehört), muss er deutlich härter und mit mehr Kraft abgeklemmt werden, als das bei Wolle der Fall ist. Daher kommt dann wohl auch der dicke Daumen im Märchen…

Flachsfasern haben zwar keine Schuppen wie Wolle oder Haare, aber eine Richtung ist ihnen naturgemäß vorgegeben: an einer Seite waren die Wurzeln, an der anderen die Blüten. Während der Aufarbeitung werden die Stängel immer in eine Richtung geordnet, nie wild durcheinander. Ob das eine Auswirkung aufs Spinnen hat (so wie die Schuppen bei den Tierhaaren), hab ich noch nicht ausprobiert.

Die Fasergewinnung

Während man Wolle quasi spinnfertig vom Schaf ernten kann, sind die Fasern des Flachs noch nicht wirklich zugänglich. In einem aufwändigen Prozess müssen sie vom Rest der Pflanze separiert und aufbereitet werden. Dieser Prozess umfasst die folgenden Schritte:

Raufen (+ Trocknen)

Die Pflanzen werden zum Erntezeitpunkt samt Wurzeln aus der Erde gerupft und zum Trocknen in Garben aufgestellt oder aufgehängt.

Riffeln

Die rascheltrockenen Blütenstände bzw. Samenkapseln werden entfernt, indem ein Pflanzenbündel durch eine Art grobzinkigen Kamm gezogen wird.

Rösten (+ Trocknen)

Die Halme werden entweder auf dem Feld ausgelegt (Tauröste) oder in ein (stehendes oder fließendes) Gewässer eingelegt (Teichröste). Boden- oder Wasserbakterien wirken auf die Halme ein, und dadurch wird ein Großteil der nicht faserigen Bestandteile teilweise zersetzt. (Vielleicht erinnerst Du Dich an eine Heuaufguss-Experiment im Biologieunterricht? So etwa kannst Du Dir die Teichröste vorstellen.) Die Röste ist ausreichend, wenn man die Faserbestandteile mit der Hand gut vom Rest der Stängelbestandteile trennen kann. Die Garben müssen anschließend getrocknet werden, da der Röstprozess in Anwesenheit von Feuchtigkeit weiter abläuft und dann auch die Fasern selbst angreift.

Nahaufnahme verschieden gerösteter Flachshalme auf einem Holztisch, die aufgebrochen wurden. Man kann die Faserbündel erkennen.
Verschieden geröstete Flachshalme, die durch Biegen aufgebrochen wurden. Man kann schön die Faserbündel erkennen. Die holzigen Bestandteile lassen sich gut entfernen, die Röste ist ausreichend.

Brechen

Die holzigen Bestandteile der Stängel werden buchstäblich zerbrochen. Historisch gesehen passierte das in Gesellschaft mit speziellen Geräten, heutzutage kann es auch ein Fleischklopfer oder ein Brett sein.

Schwingen

Die gröbsten der zerkleinerten holzigen Bestandteile werden entfernt. Hierbei fällt als Abfall der grobe Schwingflachs an.

Hecheln

Die Flachsfaserbündel werden durch Nagelbretter verschiedener Dichten gezogen und somit weitere unerwünschte holzige Bestandteile entfernt. Als Abfall fällt hier das Werg an.

Zopfen (Langflachs)

Das fertig gehechelte Faserbündel wird in der Mitte gefasst und zur besseren Lagerung zu einem Zopf gedreht. Man hat also am Ende mehrere Faserqualitäten, vom ganz groben Schwingflachs bis zum Langflachs.

ein grosser ungehechelter und fünf kleine gehechelte Flachszöpfe liegen auf einem schwarzen marmorierten Tisch. Aufsicht.
Links ein Zopf, wie man ihn kaufen kann. Er wurde früher mal gehechelt, aber enthält durchaus noch Schäben. Rechts daneben frisch gehechelte kleinere Zöpfchen. Sie glänzen schön und enthalten deutlich weniger Schäben.

Flachsverarbeitung übers Jahr

Das sind eine Menge Herstellschritte, die von der Aussaat am 100. Tag über die Ernte des Flachses (Raufen, um den 200. Tag herum) bis nach Weihnachten andauerten. Im Januar des Folgejahres, nach den Rauhnächten, wenn die Spinnräder wieder laufen durften, wurde dann der Flachs versponnen und verwebt. Flachsverarbeitung brauchte definitiv eine Gemeinschaft.

Gesundheitliche und umwelttechnische Aspekte

Die Arbeit ist nicht nur langwierig und mühsam, sie ist auch nicht immer gesundheitsfördernd und umweltverträglich. Zum einen spielt der Staub eine große Rolle, der sich auf alles legt und die Lungen in Mitleidenschaft zieht. Flachs spinne ich daher am liebsten draußen.

Zum anderen ist v.a. die Teichröste in natürlichen Gewässern heute weitenteils verboten, weil die entstehende Brühe nicht nur unangenehm riecht (denk an den Heuaufguss…) sondern auch gesundheitsbedenklich ist.

In einem Video zum Thema Teichröste wurde erwähnt (bei Minute 12:40), dass gleichzeitig mit den Flachsbündeln auch frisch geschlagene Baumstämme mit in den Teich gelegt wurden (zum Beschweren der Bündel). Nach Abschluss der Röste waren sie dann holzwurmresistent und konnten zum Hausbau verwendet werden… Mit dieser Information im Hintergrund kann ich nur davon abraten, Flachs beim Spinnen mit Speichel benetzen zu wollen. Irks.

Flachsfasern kurz, mittellang und lang auf einem Holzlattentisch. Die kurzen Fasern sind auf einer Handkarde, die mittellangen ca 20 cm liegen direkt auf dem Tisch neben den langen Fasern, die zu Zöpfen gedreht sind.
Verschiedene Faserqualitäten des Flachs. Hier habe ich einen Zopf mithilfe einer Handkarde gehechelt. In der Karde verbleiben die kurzen Fasern, darunter liegen die mittellangen Fasern, und die ganz langen habe ich zu Zöpfchen gedreht.

Flachsfasern spinnen – Techniken und Herausforderungen

Jetzt könnte man meinen, das Spinnen von Flachs kann rein technisch ja so anders nicht sein als das Spinnen von Wolle. Am Ende heißt es : Ziehen und Drehen. Und irgendwie ist das sicher auch so. Dennoch ist es auch anders, nicht zuletzt aufgrund der Fasereigenschaften. Die mangelnde Elastizität und die Steifigkeit der Fasern hatte ich oben schon genannt. Aber auch die schiere Faserlänge von Langflachs macht beim genaueren Hinsehen auch ein anderes Faserhandling erforderlich, als man es von Wolle kennt.

Techniken – der längste Kurze Auszug der Welt

Werg und Schwingabfall sind relativ kurzfaserig und man muss diese Faserqualitäten nicht weiter vorbereiten. Diese Faserqualität ist dem Verspinnen von Wolle noch am ähnlichsten. Früher wurde das Werg in einen korbartigen Rocken gelegt (sah ein bissel aus wie eine kleine Heuraufe) und direkt dort herausgesponnen. Die resultierenden Fäden waren eher grob, dick und stachelig und wurden zum Herstellen von grobem Sackleinen verwendet. Die aus diesen kurzen Fasern gesponnenen Fäden waren nicht ganz so reißfest wie die aus Langflachs gesponnenen, daher wurde Werg oft verzwirnt, Garn aus Langflachs eher nicht.

Mittellange Fasern und Langflachs werden aufgrund ihrer Länge im kurzen Auszug gesponnen. Allerdings ist “kurz” relativ – ein Auszug kann aufgrund der Faserlänge schon mal 20 cm lang sein. Ich nenne das dann den “ längsten kurzen Auszug der Welt”. Eine Hand zieht die Fasern aus dem Rocken / Faservorrat, die andere klemmt den Drall ab.

Beim kurzen Auszug ist idealerweise kein Drall in der Auszugszone. Das bedeutet: die Drallhand hat bei Flachs ordentlich zu tun, denn durch die Steifigkeit der Faser schmuggelt sich der Drall sehr leicht an der Drallsperre vorbei und ist dann schnell im Faservorrat. Schon wenige Umdrehungen im Faservorrat können dazu führen, dass man nicht mehr gescheit ausziehen kann.

Am Kontaktpunkt (an der Spitze des Faserdreiecks) kann man auch die Fasern mit einem Finger befeuchten und so den entstehenden Faden etwas glatter machen. Die Feuchtigkeit aktiviert vorhandene Kleberreste und und sorgt auch dafür, dass die einzelnen Fasern stärker aneinander kleben. Dafür muss man sehr auf die Drallsperre achten.

Herausforderungen: Faserlänge und Ausziehen

Faserlänge

Während das kurzfaserige Werg und auch der Schwingabfall sich noch recht einfach verspinnen lassen und fast keine weitere Vorbereitung erfordern, wird die Handhabung der Fasern mit zunehmender Faserlänge etwas mühsamer.

Mittellange und lange Fasern kann man zum Ausziehen nicht mehr bequem in einer Hand halten. Hier braucht man Hilfsmittel und Techniken, um die Fasern in einem einigermaßen geordneten Zustand erhalten zu können. In den meisten Fällen bedient man sich eines Rockens, aber auch die Handtuchtechnik verwende ich sehr gerne. Das Präparieren des Rockens wird mal akribisch zelebriert und mal ganz pragmatisch vorgenommen – manchmal reicht auch ein Nagel in der Wand zum Aufhängen.

Je länger die Faser, desto weiter müssen die Hände beim Spinnen auseinander sein, um ausziehen zu können. Der Rocken, der die Fasern hält, braucht zusätzlichen Platz am Spinnrad (wenn er nicht direkt daran befestigt ist). Auch wenn man beim Spinnen von Langflachs die Fasern nicht in der Hand hält, muss man trotzdem ungefähr eine Faserlänge ausziehen können, und das können schon mal um die 30 cm sein. Flachs spinnen braucht definitiv mehr Platz als Wolle spinnen.

Ausziehen

Am gewöhnungsbedürftigsten beim Verspinnen von Flachs ist für mich, dass die Faserhand deutlich aktiver am Ausziehen beteiligt ist als beim Wolle spinnen. Meine Faserhand muss einige Fasern aus dem Rocken ziehen, während die Drallhand ausschließlich auf den Drall aufpasst. Beim Wolle spinnen hingegen hält meine Faserhand nur ganz leicht die Fasern und dirigiert etwas den Faserzufluss, während die Drallhand gleichzeitig auszieht und den Drall kontrolliert. Für Wolle funktioniert das gut, aber bei Flachs klappt das dann mit der Drallsperre nicht mehr so richtig. Naja. Ich übe noch.

Anders als beim Wolle spinnen ist meine Drallhand auch nicht UNTER dem Faden (wie bei Wolle), sondern greift VON OBEN um den Faden. Der Rest der Handfläche unterstützt meinen Daumen bei der Drallsperre.

Ich sitze auch etwas anders vor dem Rad, wenn ich z.B. von einem Standrocken spinne. Das Rad steht dann nicht mehr direkt vor mir, sondern eher seitlich – rechts von mir das Spinnrad, links der Rocken und ich dazwischen.

Und irgendwann tut mir vom Drall abklemmen immer der Daumen weh…

Nachbereitung

Während gesponnenes (und ggf gezwirntes) Wollgarn mit einem einfachen Entspannungsbad zufrieden ist, braucht es beim Flachs, Verzeihung: Leinengarn, etwas mehr Arbeit.

Der gehaspelte Strang Leinengarn wird durch mehrfaches Abbinden gesichert und anschließend in einen Topf mit ausreichend Wasser gelegt. Dem Wasser wird ein Teelöffel Waschsoda zugegeben und das Ganze wird dann zum Kochen gebracht und ca 30min gekocht. Im ersten Durchgang erinnert die Farbe der Waschflotte  noch stark an schwarzen Kaffee oder Tee, und man wiederholt diesen Schritt so oft, bis die Waschflotte nahezu farblos ist. Das Waschsoda spült man anschließend mit klarem Wasser aus.

Hängt man den Strang nun zum Trocknen auf, so stellt man schnell fest, dass er dabei steinhart wird: man könnte ihn auch ohne Probleme in die Ecke stellen. Um das zu verhindern, kann man den noch feuchten Strang biegen, d.h. man umfasst einen Bereich mit beiden Händen, biegt ihn zwischen den Händen hin und her und wandert dann mit den Händen eine Handbreit weiter. Das wiederholt man, bis man einmal um den Strang herumgewandert ist.

Ein Wort Zur Spinnrichtung

An verschiedenen Stellen ist mir die Aussage begegnet, Flachs würde im Gegensatz zur Wolle immer in S-Richtung (also gegen den Uhrzeigersinn) versponnen. Nun.

Im Workshop von Christiane Seufferlein von Bertas Flachs habe ich gelernt, dass es historische Funde gibt, die beide Spinnrichtungen belegen. Es wurde also historisch keineswegs IMMER gegen den Uhrzeigersinn gesponnen. (Da ich keine Historikerin bin und mir das auch nicht so wichtig ist, habe ich keine Quellenstudien dazu betrieben, sondern ich verlasse mich an dieser Stelle auf das Wort von Leuten, die sich damit auskennen. So wie Christiane.)

Ich bin persönlich ja auch immer sehr dafür, den Weg zu finden, der zu mir passt. Daher habe ich zu diesem Thema nochmal ausgiebig recherchiert, experimentiert und dann meine Ergebnisse dazu hier zusammengefasst.

Tipps zum Flachs spinnen

Flachs spinnen ist also ein kleines bißchen gewöhnungsbedürftig. Hier sind ein paar Gedanken und Erkenntnisse, die mir beim Flachsspinnen gekommen sind. Vielleicht helfen sie Dir auch weiter – wenn nicht, dann findest Du Deinen eigenen Weg.

  • Flachsfasern reißen fast nicht, besonders Langflachs. Meine Versuche, einen Flachsfaden zu zerreißen, sind fast immer gescheitert. Es tut in den Fingern weh, lange bevor der Faden reißt. Wenn er denn reißt. Ich hab immer eine Schere in Reichweite.
  • Ich bereite nur so viele Fasern vor, wie ich in einem Rutsch verspinnen kann.
  • Wenn Du nass spinnen möchtest, sollte die Feuchtigkeit die Fasern erreichten, kurz bevor sie zum Faden verdreht werden. Den fertigen Faden zu benetzen, bringt nicht den gewünschten Erfolg. Geh mit der Feuchtigkeit nicht zu dicht an den Faservorrat. (Soweit der Plan. Es gelingt mir auch nicht immer.)

Wo bekommt man Flachs?

Na, Lust bekommen, Flachs zu verarbeiten? Hier bekommst Du welchen:

  • Bertas Flachs (von Hand gefertigte Zöpfe). Aus vereinstechnischen Gründen verkauft Bertas Flachs aber nur an Mitglieder, d.h. um einkaufen zu können, musst Du Mitglied werden. Die Mitgliedschaft ist aber nicht sehr teuer.
  • Diverse online-Shops für Fasern verkaufen Werg als Kardenband (z. B. Das Wollschaf).
  • Zöpfe bekommt man manchmal über Haushaltsauflösungen bei Kleinanzeigen oder online-Auktionshäusern.
  • Oder: Selber anbauen zusammen mit vielen anderen über das Projekt 1qm Lein.

Viel Spaß beim Ausprobieren!


Willst Du wissen, wie ich selber 1 qm Lein im Hochbeet angebaut habe? Dann schau mal hier rein:

Ein Flachs-Workshop im Wandelgrund (und warum Kurse mir manchmal mehr bringen als youtube-Videos)

An einem sonnigen Februarwochenende war ich in Dresden, wo der Verein Werk & Wandel e.V. auf dem Wandelgrund einen Workshop zum Thema Flachsanbau und -verarbeitung organisiert hat. Gehalten wurde er von Christiane Seufferlein vom Verein Bertas Flachs.

Was soll ich sagen?

Es. War. Großartig.

Wieder einmal habe ich gemerkt, wie himmelweit der Unterschied ist zwischen „Ich habe etwas mit dem Kopf verstanden“ und „Ich habe es mit eigenen Händen und am eigenen Körper erfahren“. Zwischen „Ich hab mir ein paar Videos angeschaut und es nachgemacht. War gar nicht so schwer.“ und „Ich habe einen richtig guten Kurs besucht und einen Aha-Moment nach dem anderen gehabt“.

Kathrin sitzt im Garten auf einem Stuhl, vor ihr steht eine Hechel. In der linken Hand hält sie ein Bündel Leinenfasern und hechelt. Photo Credit: Ulrike Kohn
Hier hechele ich gerade ein Bündel Fasern. Das Foto wurde mir freundlicherweise von Ulrike Kohn zur Verfügung gestellt.

Obwohl ich letztes Jahr ja schon mal den sprichwörtlichen Zeh in die Flachsverarbeitung gehalten habe (ich berichtete hier und dort auf Instagram), hat sich mir erst am Wochenende die Flachs-Welt so richtig offenbart. 

Flachs ist nicht nur Faserpflanze. Flachs verbindet Menschen, auch über hundertfünfzig Jahre nach seinem Anbau. Er war Lebensversicherung für Frauen, wenn sie in Notlage kamen, konnten sie den Flachs verkaufen. Wolle kann man zur Not noch alleine verarbeiten, aber beim Flachs (insbesondere bei mehr als einer Handvoll) braucht es eine Gemeinschaft.

  • Raufen.
  • Trocknen.
  • Rösten,
  • Trocknen.
  • Brechen.
  • Schwingen.
  • Hecheln.
  • Ribben.
  • Spinnen.
  • Weben.

Für das Brechen, Schwingen, Hecheln und Ribben braucht es spezielle Werkzeuge und manchmal sogar eine spezielle Feuerstelle. Das kann kein Mensch ganz alleine machen. Vielmehr hat man sich zusammengetan und reihum den Flachs von jedem Hof des Dorfes verarbeitet. Für meine Handvoll Fasern habe ich einen ganzen Nachmittag gebraucht.

Flachsverareitungswerkzeuge und kleine Zöpfe liegen auf einem Gartentisch (Aufsicht).
Diverse Flachsverarbeitungswerkzeuge, die wir verwendet haben. Handkarden zum feinhecheln von Zöpfen (oben rechts), ein Werkzeug zum Schwingen (unten links), eines zum Weichklopfen (Mitte rechts). Und die Zöpfe glänzen richtig in der Frühlingssonne.
Ein kleiner Flachszopf liegt auf einer ausgestreckten Hand. Im Hintergrund: Rasen und ein Obstbaum.
Mein erster frisch gebrochener, geschwungener und gehechelter Flachs. Was für eine Arbeit. Und was für ein schönes Gefühl, diesen Zopf in der Hand zu halten!

Was mir gar nicht so klar war: Flachs wird über die Jahre immer feiner, weil das, was man für eine „Faser“ hält, oftmals ein Bündel Fasern ist, das durch Pektine und Gummis zusammengehalten wird. Erst über die Jahre wird dieser „Kitt“ abgebaut und legt die Fasern frei. Wer also Unterwäsche machen wollte, legte den Flachs erst mal 20 Jahre auf die Seite. Bei Wolle ist das ja anders: Da liegen die einzelnen Fasern von Anfang an vor.

Zwei alte  Flachszöpfe in einer Hand, ein größerer, noch ungehechelt, ein kleinerer, frisch gehechelt und glänzend.
Ein alter Flachszopf, frisch aufbereitet. Unten: vor dem Aufbereiten, der kleine Zopf oben ist frisch gehechelt.

Der heute bei Handspinner*innen so beliebte Langflachs wurde von den Frauen damals allerdings nur ein paar Mal im Leben überhaupt versponnen – er kam ja in die Brautkisten der Mädchen und war ihre Lebensversicherung. Wenn es hart auf hart kam, konnte die Frau den Flachs verkaufen und musste so nicht hungern. Die allermeiste Zeit wurde überwiegend Werg versponnen – für Säcke, Scheuertücher, Heutücher … Arbeitstextilien eben.

Die krasseste Erkenntnis: Alles, was man als Handspinner*in heute an Flachszöpfen kaufen kann, ist alt – und es werden keine neuen Zöpfe mehr für den Verkauf an Handspinner*innen produziert. Flachsanbau für Handspinner*innen passiert im Grunde nur noch für den Eigenbedarf. Und damit verschwindet auch das Wissen um den Anbau und die Verarbeitung. Auch viele regionale Flachs-Varianten sind dem Saatgut für industriell gut verarbeitbaren Flachs gewichen.

In diesem Workshop haben wir nicht nur unglaublich viele Inhalte und spannende Geschichten von Christiane bekommen, sondern wir haben auch besprochen, wie man den Flachsanbau und die -verarbeitung wieder bekannter machen kann. Dazu wird demnächst auf dem Wandelgrund Flachs angebaut, und es sind Mitmach-Aktionen geplant, die den Flachs und Leinen erfahrbar machen sollen. Denn: Flachs ist ein Community-Projekt. Ich freu mich drauf!

Mona und Ulrike vom Projektteam haben einen schönen Blogartikel dazu geschrieben, schau gerne dort vorbei.

Farbig gewachsene Baumwolle (Teil 2) – Meine Erfahrungen beim Spinnen

Farbig gewachsene Baumwolle ist noch nicht sehr bekannt. Die meisten Menschen haben eine weiße Faser im Kopf, wenn sie an Baumwolle denken. Dabei war Baumwolle nicht immer nur weiß. In Teil 1 meiner kleinen Mini-Serie zu farbig gewachsener Baumwolle habe ich über die Pflanze als solche gesprochen, ihre Geschichte und Kultivierung sowie allgemeine Fasereigenschaften. Ich habe die farbig gewachsenen Varianten vorgestellt, die Anfang des 20. Jhd. noch durchaus verbreitet waren und dann in Vergessenheit gerieten, bevor sie später „wiederentdeckt“ und z. B. im Pakucho-Projekt in Peru angebaut werden. Über den Shop der Handspinngilde hatte ich vier verschiedene Farben zu bekommen können und machte mich sofort daran, Spinnproben herzustellen. Ich war sehr neugierig: unterscheiden sich die Faserlängen? Fühlen sich die Fasern unterschiedlich an? Nur ein knappes Jahr später (räusper, hust) bin ich bei der letzten Probe angekommen und kann nun in aller Vollständigkeit von meinen Erfahrungen berichten.

Die Fasereigenschaften: Baumwolle ist keine Wolle

Baumwolle trägt zwar den Begriff „Wolle“ im Namen, hat aber grundlegend andere Eigenschaften als beispielsweise Schafwolle. Wir erinnern uns: während Schafwolle eine mehr oder weniger elastische Proteinfaser ist, bestehen Baumwollfasern aus Zellulose (im Grunde ein langkettiger Zucker), sie sind nicht elastisch und sie haben auch kein Lanolin, wie wir es von Wolle kennen. Mit ca. 2- 4 cm Länge sind Baumwollfasern auch vergleichsweise kurz. Dadurch ergibt sich für das Spinnen von Baumwolle zweierlei:

  1. es empfiehlt sich der lange Auszug und
  2. es braucht viiiiel Drall.

Der lange Auszug kann als double draft (auch „english long draw“) durchgeführt werden, aber es geht mit etwas Fingerspitzengefühl auch ohne. Double drafting ist für mich eine hohe Kunst, die ich noch nicht zufriedenstellend beherrsche – wenn jemand von euch weiß, wo es dazu Kurse gibt, der kann sich gerne bei mir melden. Josefin Waltin zeigt Double Drafting in einem ihrer Videos mit Rolags aus Schafwolle. Es sieht so einfach aus…

Faserlängen farbig gewachsener Baumwolle neben einem Lineal
Faserlänge der verschiedenen Baumwollen. Alle liegen so im Bereich um 2 – 4 cm.

Die Spinngeräte: Charkha, Tahkli, Spinnrad, Spindel

Die bekanntesten Geräte zum Spinnen von Baumwolle sind die Charkha und die Tahkli. Beide Geräte zeichnen sich dadurch aus, dass man mit ihnen in kurzer Zeit sehr viel Drall erzeugen kann.

Die Tahkli ist eine kleine unterstützte Spindel aus Metall, die traditionell für das Spinnen von Baumwolle verwendet wurde. Heutzutage wird oft eine Münze als Wirtel eingesetzt. Sie ist vergleichsweise schwer und dreht unglaublich schnell. Manchmal hat sie an ihrer Spitze einen Haken (obwohl sie eine unterstützte Spindel ist), es gibt aber auch Modelle ohne Haken.

Collage aus zwei Bildern, die eine grüne Tahkli-Spindel zeigen mit Laufschale und Punis aus macchiato-farbener Baumwolle
Meine Tahkli ist eher eine moderne Ausführung mit viel Bling. Mit ihr zu spinnen macht einfach nur Spaß.
Nahaufnahme Tahkli mit senfgrüner Baumwolle in einer Holzschale.
Meine Tahkli von unten und ganz nah.

Eine Charka ist eine Art Spindelrad in Buchformat – man kann sie neben sich auf den Boden oder den Tisch stellen, mit einer Hand das Antriebsrad betätigen und mit der anderen Hand die Fasern ausziehen. Das erfordert einiges an Übung, weil man nur die eine Hand hat, um den Drall zu verteilen. Auch die Charkha wurde speziell für das Spinnen von Baumwolle entwickelt. (Zu diesem Thema könnte ich noch sehr viel tiefer gehen – das verschiebe ich aber auf einen anderen Blogartikel.)

(Bei Holzwolly gibt es Charkhas zu kaufen, die regional hergestellt werden.)

Wer weder Tahkli noch Charkha hat, kann natürlich trotzdem Baumwolle spinnen. Man braucht im Grunde nur etwas, was schnell genug dreht und somit ausreichend Drall produzieren kann. Das kann eine schnell drehende unterstützte Spindel sein (z. B. mit einem kugelartigen Wirtel), oder aber ein ganz normales Spinnrad. Ich habe 2019 beim Treffen der Handspinngilde einen Kurs zum Baumwolle Spinnen belegt, und wenn ich mich recht erinnere, so hat die Kursleiterin all ihre Baumwoll-Garne auf ihrem Spinnrad bei 18:1 gesponnen, das war die höchste Übersetzung für ihr Rad. Sie musste eben nur öfter treten, bis genug Drall auf den Fäden war. Wichtig ist nur, den Einzug so weit wie möglich zu reduzieren, damit der Faden dabei nicht reißt.

Für manche Räder gibt es auch spezielle Spinnköpfe, sogenannte Spinn-Dorne oder Spindel-Köpfe. Sie haben meist eine sehr hohe Übersetzung (der für mein Lendrum hat 6:1, 25:1 und 37:1) und können entsprechend viel Drall erzeugen. Man spinnt darüber im Grunde wie mit einer unterstützten Spindel. Das bedeutet: man muss zum einen selber aufwickeln (es ist ja kein Flügelmechanismus vorhanden, der das erledigt), zum anderen muss man, genau wie bei einer Spindel, vor dem Aufwickeln des Fadens kurz die Drehrichtung ändern. Da man hier jedoch die „Spindel“ mit den Füßen antreibt, muss man sein Rad mit den Füßen gut unter Kontrolle haben, um immer in die gewünschte Richtung drehen zu können. Dafür hat man (im Gegensatz zur Charkha) beide Hände frei zum Ausziehen des Fadens.

Macchiato-farbene Baumwolle auf dem SPinndorn eines Lendrum Spinnrades.
Blick von oben auf den Spinndorn meines Lendrum DT. Im Hintergrund sind die Tritte und das Rad zu sehen – der Dorn zeigt also direkt auf mich beim Spinnen. Anfangs war das ein kleines bisschen scary.

Am liebsten spinne ich mit meiner Tahkli – meine ist einfach total schön und ich komme in einen schönen Rhythmus mit ihr. Die Laufschale klingt in einem schönen Ton, wenn ich mit der Spindel dagegenkomme, das mag ich sehr. Das Spinnen am Spinndorn war am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Ich kam damit nicht sehr gut zurecht und fühlte mich immer regelrecht aufgespießt, weil der Dorn ja direkt auf mich zeigt. In Vorbereitung für diesen Artikel hab ich ihn nochmal hervorgeholt und probiert, und siehe da – nach einiger Übung ist das mittlerweile auch nett. Das Dranbleiben hat sich also gelohnt!

Die Faservorbereitung: Kapsel, Flocke oder Kardenband?

Baumwolle kommt üblicherweise in drei Formen in den Handel: direkt als „Blüte“ (eigentlich ist es ja die aufgeplatzte Samenkapsel, es sieht aber aus wie eine Blüte), in einer Art Flocke (entkernte Fasern), und als Kardenband. Das Spinngefühl ist bei allen dreien etwas unterschiedlich (dazu weiter unten mehr).

Spinnen aus dem Kardenband

Meine ersten Versuche, Baumwolle zu spinnen, machte ich mit (gefärbtem) Kardenband. Das Ergebnis waren allerdings eher so Dick-Dünn-Garne. Durch die kurzen Fasern hatte ich schnell zu viel Drall, der auch in den Faservorrat gelangte. Dadurch blockierten die Fasern sehr schnell und der Faden wurde sehr ungleichmäßig. Baumwollfasern verhalten sich eben wirklich komplett anders als Wollfasern.

Ich ging relativ schnell dazu über, das Kardenband zusätzlich aufzubereiten, um mir das Spinnen zu erleichtern – ich stellte Punis her. Punis sind mit Handkarden gedrehte Röllchen, ähnlich wie Rolags, aber kleiner und fester. Der zusätzliche Verarbeitungsschritt kostete zwar Zeit, aber ich erhielt ein deutlich gleichmäßigeres Garn.

weiße Baumwollpunis in einer Holzschale mit Tahkli auf Terrassensteinen mit Ahornblatt als Dekoration.
Eine Schale voller Punis, eine leere Tahkli.

Nach einem guten Jahr habe ich noch einmal versucht, aus Kardenband zu spinnen – und siehe da: Es ging viel besser! Entweder war dieses Kardenband besser aufbereitet als das, was ich zuerst verwendet habe, oder aber meine Spinnfertigkeit hat sich deutlich verbessert. Oder beides 🙂 . Wie bei eigentlich allen Dingen lohnt sich beim Baumwolle-Spinnen also das Dranbleiben (oder das Weglegen-und-später-wieder-Rausholen).

Eine Möglichkeit habe ich mit Kardenband noch nicht ausprobiert: das Um-die-Ecke-Spinnen. Das ist eine Technik, die man manchmal bei unterstützten Spindeln oft automatisch macht. Der beim Spinnen entstehende Faden wird dabei nahe der Spindel oder nahe am Rad so um einen Finger geführt, dass der Finger eine Art Mini-Drall-Sperre darstellt. So hat man die Möglichkeit hat, noch besser zu kontrollieren, wie viel Drall Richtung Faserhand gelangt.

Es wird auch immer wieder gesagt, dass es eine bevorzugte Faserrichtung im Kardenband von Baumwolle gibt. Wenn Du also am einen Ende des Kardenbands Probleme hast, nimm einfach mal das andere Ende, vielleicht läuft es dann besser. Ich selbst habe da noch keinen Unterschied verspürt, aber vielleicht hilft Dir dieser Kniff weiter.

Vom Samen abspinnen

Das Abspinnen vom Samen ist (für mich) die ursprünglichste Art, Baumwolle zu spinnen. Sie erfordert keine Faservorbereitung und man kann direkt loslegen. Wenn man eine Blüte vor sich hat, erfühlt man mit den Fingern der Faserhand den Kern und hält ihn sehr fest zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann streicht man mit der anderen Hand die Fasern vom Kern nach außen und flufft sie etwas auf. Anschließend kann man die Spindel an die Fasern anlegen und sie einfach abspinnen, bis der Kern komplett freigelegt ist.

In einem Baumwoll-Spinnkurs beim Handspinngildetreffen 2019 habe ich mal Baumwolle auf diese Weise gesponnen. Zwar musste ich etwas probieren, bis ich den Dreh raus hatte, aber dann funktionierte diese Variante für mich am allerbesten. Der Faden wurde mit dieser Methode am gleichmäßigsten und auch am dünnsten.

Spinnen aus entkernten Flocken

Neben Kardenband und den Samenkapseln gibt es auch entkernte Flocken zu kaufen. Das war auch die Form, in der meine natürlich pigmentierten Varianten von der Handspinngilde kamen. In den Flocken liegen die Fasern sehr klumpig und komprimiert vor, sodass ich solche Fasern immer noch einmal aufbereite zum Spinnen. Die beste Vorbereitungsart für mich ist das Kardieren und die anschließende Herstellung von Punis.

Vier Häufchen farbige Baumwollfasern in senfgrün, macchiato, weiß und chocolate auf schwarzem Untergrund.
So sahen meine Baumwollfasern aus. Von links oben im Uhrzeigersinn: Macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.

Kardieren und Herstellen von Punis

Für das Kardieren von Baumwolle werden spezielle Karden angeboten. Diese sind breiter als „normale“ Handkarden, dafür aber nicht ganz so tief. Da die Fasern recht fein sind, ist auch der Kardenbelag sehr fein und dicht mit ca. 200 tpi. Ich verwende auch gerne die kleinen Karden von Louet (die mit 110 tpi). Die Punis werden zwar kleiner, aber meine Handgelenke werden nicht so belastet.

Beim Kardieren musste ich feststellen, dass ich etwas andere Bewegungen machen muss als beim Kardieren von Wolle. Meine Karden sind leicht gebogen, und wenn ich Schafwolle kardiere, führe ich schaukel-artige Bewegungen aus, um die Fasern von der einen auf die andere Karde zu übertragen. Weil die Baumwollfasern aber ganz anders und vor allem viel kürzer sind, funktioniert diese Schaukelbewegung nicht wirklich. Stattdessen muss ich eher eine gerade, horizontale Streichbewegung machen (wie man sie vielleicht von geraden Karden kennt) und die Fasern oft von einer auf die andere Karde abstreichen.

Auf youtube gibt es dazu einige Videos, mit hat dieses hier sehr geholfen. (Am Ende des Artikels findest Du weitere Links zu hilfreichen Videos).

Während Rolags einfach nur mit einer Karde von der anderen abgerollt werden, benutze ich für die Herstellung von Punis zwei lange Metallstricknadeln Gr. 3 mm, zwischen denen ich die Fasern einklemme, um sie dann abzudrehen. Je nachdem, wie fest ich drehe, werden auch die Punis fester oder weniger fest. Hierbei ist Übung und Fingerspitzengefühl erforderlich, denn wenn die Punis zu fest werden, kann ich sie nicht gut spinnen und es ergeben sich Klumpen. Baumwolle ist nicht elastisch und springt nicht zurück. Der Faden wird nur so fluffig, wie die Punis gedreht sind.

Ein Rolag aus Coburger Fuchs Wolle und ein weißes Puni liegen auf einem Lattentisch. Das Puni ist deutlich kleiner als das Rolag.
Größenvergleich von Puni und Rolag. Den (das?) Rolag habe ich aus Coburger Fuchs gemacht. Ein Puni ist im Vergleich dazu echt winzig.

Das Spinngefühl: Trocken und raschelnd

Baumwollfasern sind trocken und rascheln leicht beim Ausziehen, das war am Anfang für mich gewöhnungsbedürftig – es hörte sich einfach merkwürdig an.

Baumwolle enthält auch kein Fett wie Wolle, dadurch ist das Spinngefühl ein ganz anderes. Die Balance zu halten zwischen zu viel und zu wenig Drall ist viel schwieriger (für mich jedenfalls), da die Fasern auf eine andere Art und Weise aneinander vorbeigleiten. Tierische Fasern vergleichbarer Länge (z. B. Yak oder Kaschmir) konnte ich anfangs viel besser verspinnen, da sie der Wolle ähnlicher sind.

Die feinen Fasern lassen sich sehr dünn ausziehen und brauchen wirklich viel Drall, um zusammenzuhalten. Wenn zu wenig Drall auf dem Faden war, dann ist es mir oft passiert, dass der gesponnene Faden schon reißt bzw. sich auflöst, wenn ich ihn einfach nur von der Spule umgespult habe (in Vorbereitung auf das Zwirnen). Einen gerissenen Baumwollfaden wieder mit sich selbst zu vereinen ist leider nicht so leicht wie bei Wolle (zumindest für mich nicht). Also lautet mein Motto beim Baumwolle spinnen: im Zweifel noch ein bissel Drall drauf!

Im Zweifel immer noch ein bissel Drall drauf.

Mein Motto beim Baumwolle Spinnen

So spinnen sich die einzelnen Farbvarianten

Und nun war ich ja wirklich gespannt: unterscheiden sich die farbig gewachsenen Baumwollen von der weißen beim Spinnen? Und welche Garnstruktur wäre die beste? Ändert sich die Farbe beim Finish?

Ich hatte vier verschiedene Varianten zur Verfügung: Macchiato, Chocolate, Senfgrün und Weiß. Jede von ihnen fühlte sich etwas anders an und ließ sich etwas anders spinnen. Die Stapellänge war bei allen aber sehr ähnlich ( wie gesagt um die 2 – 4 cm).

Punis aus farbig gewachsener Baumwolle in chocolate, macchiato, senfgrün und weiß.
Punis von jeder Farbe. V.l.n.r. chocolate, macchiato, senfgrün, weiss.

Die Macchiato-farbene Baumwolle war recht fest und trocken, die Fasern hielten ganz gut zusammen und ich konnte mit ihnen schöne feste Punis herstellen. Es waren nur wenige Pflanzenreste enthalten. Nach den ersten 20 g habe ich irgendwann auch einen einigermaßen dünnen und gleichmäßigen Faden hinbekommen.

Die senfgrüne Baumwolle hingegen fühlte sich glatt, fast schon flutschig, und sehr seidig an. Die Fasern flogen sehr leicht weg beim Kardieren und die Karden waren sehr schnell überladen. Für einen Kardierdurchgang brauchte ich deutlich weniger Fasern als für die Macciato-farbene. Zwei kleine Punis wogen zusammen 0,7 g (und dabei war eines der Punis schon etwas übergewichtig). Die senfgrünen Fasern enthielten sehr viel Pflanzenreste und Krümel. Das erschwerte das Spinnen, weil ich immer wieder anhalten musste, um die Krümel zu entfernen, und der Faden wurde dadurch auch eher unregelmäßig. Insgesamt war dies die am schwierigsten zu spinnende Variante, aber auch die, die mir am besten gefällt.

Punis und gesponnener Faden aus senfgrüner farbig gewachsener Baumwolle neben einer Tahkli.
Klumpige Punis aus senfgrüner Baumwolle. Auf der Tahkli ist gut erkennbar, dass der Faden auch recht unregelmäßig ist.
Pflanzenteilreste, die beim Spinnen der Baumwolle herausgepickt wurden.
Pflanzenteil-Reste, die ich beim Spinnen aus der Baumwolle herausgepickt habe. Es fühlte sich etwas an wie wenn man im Stau steht – ständig stop and go…

Chocolate-Baumwolle war ähnlich sauber wie die macchiato-farbene. Allerdings waren die Punis in meinen Händen sehr weich, ich habe sie nicht wirklich fest hinbekommen, und sie waren auch irgendwie klumpig. Dadurch wurde der Faden eher unregelmäßig und riss dadurch öfter mal, sowohl beim Spinnen als auch beim Zwirnen.

Zuletzt habe ich die Weiße Baumwolle versponnen. Mit ihr konnte ich die gleichmäßigsten und dünnsten Fäden spinnen. Ob das an der Faser oder meinen mittlerweile verfeinerten Spinnfertigkeiten lag, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich glaub, ich spinn zum Vergleich einfach nochmal etwas farbige Baumwolle hinterher… 🙂

Garndesign – 2ply oder cabled?

Da das Spinnen eine ganze Weile dauerte, hatte ich ausreichend Zeit, um mir Gedanken zum Garndesign zu machen. Die Einzelfäden wurden alle relativ dünn, sodass ein klassisches 2fach gezwirntes Garn sehr dünn sein würde. Vermutlich würde ich dafür nur wenige Einsatzmöglichkeiten finden. Aber vielleicht ist es ja stabil genug zum Sticken?

Daneben wollte ich ein stabileres Garn herstellen. Mir sprang sofort sogenanntes cabled Garn in den Kopf (mir ist kein deutscher Begriff dafür bekannt, cablè ist es jedenfalls nicht, das ist was anderes). Cabled Garne sind quasi 4fach gezwirnt (damit wäre mein Garn nicht ganz so dünn) und sehr stabil. Man spinnt zunächst ganz normal Singles in Z-Richtung. Anschließend verzwirnt man diese Singles mit deutlichem Überdrall in Zwirnrichtung (S). Danach führt man mit diesen überzwirnten 2fach-Garnen einen zweiten Zwirnschritt mit sich selbst in Z-Richtung durch.

Cabled Garne sind oft nicht besonders elastisch. Bei Wolle möchte ich die natürliche Elastizität der Faser gerne erhalten, und da ist ein cabled Garn eher weniger geeignet. Baumwolle hingegen ist von Natur aus nicht elastisch. In diesem Fall würde eine cabled-Struktur sich nicht nachteilig auswirken, sondern vielleicht im Gegenteil eher noch den Charakter der Faser unterstreichen (so meine Überlegung). Das wollte ich auf jeden Fall mal ausprobieren.

Also stand fest: aus den Singles stellte ich einen Strang klassisch zweifach gezwirntes Garn und einen Strang cabled-Garn her.

Das Finish – anders als bei Wollgarnen

Baumwollgarne kann man anders nachbehandeln als Wollgarne, man kann sie nämlich kochen. Als überwiegende Woll-Spinnerin kostete mich das allerdings ganz schön Überwindung…

Nach dem Zwirnen habe ich daher alle Garne erstmal nur in heißes Wasser gelegt zum Entspannen. Interessanterweise sind schon dabei die braunen Garne etwas ausgeblutet, das Waschwasser war nach einer Weile braun (zugegeben: Ich hatte die Garne im Waschwasser vergessen …). Heller geworden sind die Garne dadurch aber nicht.

Dann fiel mir wieder ein, dass die Garne ja durch Kochen manchmal ihre Farbe verändern. Also nahm ich die cabled-Garne und kochte sie einzeln ca. 30min in Wasser (ohne Zusätze). Das Kochwasser war bei allen drei farbigen Garnen deutlich gefärbt. Die größte farbliche Veränderung konnte ich beim senfgrünen Garn beobachten, es wurde dadurch viel dunkler. Die beiden braunen Garne veränderten sich hingegen nur wenig.

Und so sahen die Garne aus:

Handgesponnene Garne aus farbig gewachsener Baumwolle in weiß, senfgrün, macchiato und chocolate.
Die fertigen Garne. Die unten liegenden sind die cabled-Garne, gekocht. Darüber liegen die nicht gekochten 2ply-Garne.
Obere Reihe: Collage Garne von farbig gewachsener Baumwolle, ungekocht und gekocht, in macchiato, chocolate und senfgrün. Untere Reihe: entsprechendes Kochwasser.
Die farbigen Baumwoll-Varianten als Garne (oben, gekochter Strang liegt unten) und das zugehörige Wasser nach dem Kochen (unten). V.l.n.r. macchiato, chocolate, senfgrün.

Mein Fazit – ich bin begeistert!

Ich bin absolut begeistert von diesen Farben! Da braucht es gar keine extra Farbe, die Baumwolle bringt alles schon mit. Was man da alles machen kann – macchiato mit chocolate verzwirnen, Gradienten machen, Stoffe weben, Bänder weben mit Mustern …die Möglichkeiten sind schier endlos! Nur stricken, stricken möchte ich mit Baumwolle irgendwie nicht …

Die cabled-Struktur der Garne gefällt mir ganz gut, aber vielleicht würde ich mir nächstes Mal doch die Mühe machen, echte 4fach-Garne herzustellen. Ich mag die glatten Garne doch irgendwie mehr. Um das wirklich beurteilen zu können, muss ich sie aber noch irgendwo einsetzen. Beim Bändchenweben vielleicht?

Baumwolle spinne ich nicht nebenbei. Ich muss mich auf den Drall und auf den Faden konzentrieren, die Faservorbereitung braucht eine gewisse Zeit. Ich werde also nie große Mengen davon herstellen. Aber: meine Hände mussten neue Bewegungen lernen, und dadurch habe ich ein Stück weit besser verstanden, worin der Unterschied zwischen Wolle und Baumwolle besteht. Dieser Versuch hat mir einmal mehr klargemacht, dass es das eine ist, etwas im Kopf zu verstehen – aber es „mit den Händen verstehen“ passiert unabhängig davon, und auf einer Ebene, auf die der Verstand alleine keinen Zugriff hat. An dem Erfahren und Erfühlen eines Themas kommt man beim Spinnen einfach nicht vorbei. Das braucht seine Zeit, und das kann man auch nicht erzwingen.

Ich habe also nochmal etwas von dieser tollen Baumwolle nachbestellt, um weiter damit zu experimentieren. Zum Glück gab es noch etwas, denn ich wüsste sonst gar nicht, wie man in Europa an diese Baumwollvarianten herankommt.

Wie schade auch, dass generell so wenig davon angebaut wird und Eingang in die Industrie findet. Es gibt zwar mittlerweile Stoffe und auch fertige Textilien aus natürlich pigmentierter Baumwolle, aber der Anbau und die Ernte ist offenbar deutlich aufwändiger und somit weniger kompatibel mit etablierten Prozessen in der Industrie. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, der folge @vreseis auf Instagram!


Weiterführende Links

Chantis Video zum Baumwolle Spinnen

Chantis Video zum Zwirnen und Fertigstellen von Baumwolle

Chantis Video zum Herstellen von Punis

Katie von Hilltop Cloud Fibres spinnt Baumwolle aus Kardenband (englisch)

noch ein Video von Katie


Du möchtest Dir den Artikel pinnen? Du kannst gerne diese Bilder verwenden:

Die (Wieder-) Entdeckung farbig gewachsener Baumwolle (Teil1)

Farbig gewachsene Baumwolle ist etwas ganz Besonderes. Obwohl es vor der industriellen Revolution viele Farbtöne gab, gerieten diese meist weniger ertragreichen Arten in Vergessenheit und wurden erst Ende des letzten Jahrhunderts in einem archäologischen Projekt wiederentdeckt. Dass heute wieder natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut und zu Produkten verarbeitet und verkauft wird, ist der Verdienst weniger sehr engagierter Menschen. Bevor ich im nächsten Artikel dieser Mini-Serie auf das Spinnen eingehe, gebe ich Dir hier schon mal einen Überblick vorneweg.

Neulich gab es was Schönes im Shop der Handspinngilde – farbig gewachsene Baumwolle! Da musste ich natürlich zugreifen und meine…sagen wir mal…rudimentären Kenntnisse im Baumwolle spinnen trainieren. Und da ich ja jetzt diesen wunderbaren Blog habe, kann ich euch auch gleich mal mitnehmen auf meinen kleinen Abstecher in die Welt der Zellulosefasern…Ich werde Euch berichten, wie sich die einzelnen Farben und Fasern verhalten und wie ich sie verspinne. Das Spinnen selbst wird sich wohl noch etwas hinziehen, daher werde ich euch hier schon mal ein paar Fakten und interessante links zusammenstellen (obwohl man da wohl ganze Bücher zu schreiben könnte!).

Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.
Vier Farbvarianten ungesponnener Baumwolle. v.o.l. im Uhrzeigersinn: macchiato, weiß, chocolate, senfgrün.

Baumwolle – Pflanzenmerkmale und Kultivierung

Die Baumwollpflanze gehört zur Familie der Malvengewächse (zu der auch der Hibiskus gehört). Sie wächst buschig und wird zwischen 25cm und 2m hoch. Unter geeigneten Bedingungen kann sie bis zu 15 Jahre alt werden, allerdings wird sie oft nur einjährig angebaut. Die zur Textilherstellung genutzten Baumwollfasern sind die Samenhaare, die aus der Epidermis der Samen gebildet werden und die Samen der Pflanze umgeben. Sie befinden sich in den Baumwollkapseln, die im reifen Stadium aufspringen und dann geerntet werden können. Die Fasern haben je nach Art eine Länge von 10 – 55mm.

Die Pflanzen haben einen sehr hohen Wasserbedarf, so dass eine landwirtschaftliche Nutzung vor allem an ein ausgefeiltes Bewässerungssystem gekoppelt sein muss. So ist z.B. die Austrocknung des Aralsees zurückzuführen auf Fehlplanung der Bewässerung für die umliegenden Baumwollfelder.

Interessanterweise wurde die Baumwolle unabhängig voneinander von vier verschiedenen Völkern domestiziert, zwei Mal in der Neuen Welt (vor allem Südamerika) und zwei Mal in der Alten Welt (hauptsächlich Asien und Afrika).

Von den ca. 300 heute existierenden Baumwollpflanzenarten werden nur 4 landwirtschaftlich genutzt, sie sind alle weiß. Die heute unter Mako- oder Pima-Baumwolle aus Ägypten bekannte Baumwolle ist das Ergebnis von Züchtungen, die mit der Industriellen Verarbeitung von Baumwolle angestrengt wurden, um den Ertrag und die Fasereigenschaften auf die maschinelle Verarbeitung zu optimieren.

Eine getrocknete geöffnete weiße Baumwollkapsel auf schwarzem Hintergrund, darüber liegen von Faserresten umgebene Samen.
Eine Baumwollkapsel, die ich in einem Kurs erhalten habe. Darüber liegen von Faserresten umgebene Samen, von denen ich sozusagen die Fasern „abgesponnen“ habe, bis nur noch die Samen übrig blieben.

Farbig gewachsene Baumwolle

Daneben gibt es aber auch farbig gewachsene Baumwollarten in verschiedenen Braun- und Grüntönen. Sie wurden in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vom amerikanischen Anthropologen James M Vreeland auf einer Forschungsreise in Südamerika „wiederentdeckt“ (hier hat er einen sehr interessanten Artikel geschrieben, den Spektrum der Wissenschaft übersetzt hat). Seitdem hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und einen reichen Wissensschatz zu den historischen Zusammenhängen zusammengetragen, den ich hier gar nicht wiedergeben kann.

Erstaunt hat mich aber, dass die industrielle Verwendung farbig gewachsener Baumwolle gar nicht so lange zurückliegt: Offenbar kam sie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges das letzte Mal in größerem Maßstab industriell zum Einsatz- weil aufgrund des Krieges die synthetischen Farbstoffe knapp waren. Auch in den USA wurde in den 1930er Jahren noch natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut (Acadian Brown Cotton). Seitdem ist es jedoch (ähnlich wie bei Schafwolle) einfach günstiger, weiße Baumwolle anzubauen und diese dann mit billigen synthetisch hergestellten Farbstoffen bunt zu färben.

Warum wird so wenig natürlich pigmentierte Baumwolle angebaut?

Warum kann man die farbigen Baumwollen nicht einfach wieder anbauen, fragte ich mich? Nun, offenbar haben die farbigen Varianten oft kürzere, gröbere Fasern. Dadurch sind sie für die industrielle Verarbeitung weniger geeignet als die 4 speziell dafür gezüchteten Hochleistungs-Varianten. Außerdem ist ihre Vegetationsperiode nicht so gut an die Anforderungen der Industrie angepasst. Die Samen werden über einen längeren Zeitraum reif, so dass beim Ernten mit Maschinen sowohl unreife als auch reife Kapseln geerntet werden, was sowohl die Qualität als auch die Ausbeute an Fasern senkt. Alternativ kann per Hand gepflückt werden (was auch gemacht wird), dies führt allerdings zu erhöhten Preisen und geht auch nicht so schnell wie mit Maschinen.

Kleine Mengen natürlich pigmentierter Baumwolle liegen auf schwarzem Untergrund. Ein weißes Lineal am linken Bildrand ermöglicht die EInschätzung der Faserlänge, sie bewegt sich um die 2cm.
Faserlängen natürlich pigmentierter Baumwolle. V.l.n.r. macchiato, senfgrün, weiß, chocolate.

James Vreeland gründete 1982 das “Native Cotton Project”, das sich der Wiederbelebung des Anbaus und der Verwendung farbiger Baumwollvarianten widmet. Dadurch wird den Bauern dort die Möglichkeit gegeben, aus dem (illegalen) Koka-Anbau auszusteigen und trotzdem ihre Familien ernähren zu können. Unter dem Markennamen „Pakucho“ (braune Baumwolle) wird diese Baumwolle von einer Textilfirma weltweit vertrieben.

Mittlerweile gibt es weitere Initiativen, die den Erhalt der pigmentierten Baumwolle im Fokus haben , so die 1991 gegründete Kooperative “Pakucho Pax” , oder auch die US-amerikanische Fibershed-Bewegung und hier insbesondere Sally Fox, die pigmentierte Baumwolle 1989 in den Staaten auf den Markt gebracht hat.

Industrielle Verarbeitung

Die Schwierigkeit in der industriellen Verarbeitung besteht darin, die Samenhaare sauber von den Samen und den Kapsel- und anderen Pflanzenresten zu trennen. Bei der maschinellen Ernte müssen die Pflanzen laubfrei sein – entweder durch Frost oder durch Entlaubungsmittel. Die Erntemaschinen können zudem unreife oder überreife Kapseln nicht von reifen unterscheiden und ernten einfach alles. Das spiegelt sich in einer Qualität wieder, die eben auch minderwertige unreife und überreife Fasern enthält. Bei der Handpflückung hingegen erhält man qualitativ sehr viel hochwertigere Fasern, da nur die reifen Kapseln gepflückt werden und so weniger Schmutz und Pflanzenreste in den Fasern enthalten sind.

In der Textilindustrie unterscheidet man Baumwollqualitäten hauptsächlich nach der Faserlänge und teilt sie in 3 Kategorien ein

  • Fasern über 32mm Länge (z.B. Ägyptische Mako-Baumwolle, Peruanische Pima-Baumwolle) werden als besonders hochwertig eingestuft, machen aber nur einen ca. 2% der Weltproduktion aus.
  • Fasern mit 25 – 30mm wie z.B. die weiße Upland-Baumwolle Gossypium hirsutum sind von mittlerer Qualität und stellen ca. 90% der Weltproduktion. Diese Baumwolle stammt zwar ursprünglich aus Amerika, wird aber auf der ganzen Welt angebaut.
  • Fasern unter 25mm Länge spielt nur eine untergeordnete Rolle (z.B. Zellstoffherstellung).

Neben dem oben schon angedeuteten sehr hohen Wasserbedarf sind auch Schädlinge ein großes Problem im industriellen Baumwoll-Anbau. Daher werden im konventionellen Anbau viele Pestizide eingesetzt. Außerdem wurden genmodifizierte Baumwolle-Varianten entwickelt (sogenannte Bt-Baumwolle). Diese Pflanzen wurden so verändert, dass sie ein für bestimmte Insekten tödliches Protein, das Bt-Toxin, herstellen. Das zusätzliche Gen, das diese genmodifizierten Baumwollpflanzen tragen, stammt aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (daher der Name Bt-Baumwolle). Dieses Protein ist nur für bestimmte Insekten tödlich, so daß Schädlinge gezielt bekämpft werden können. Dadurch ist es möglich, den breiten Einsatz von Insektiziden zu verringern. Das wiederum zieht weniger Gesundheitsschädigungen durch Kontakt mit diesen Substanzen und auch weniger Eintrag von Insektiziden in das Grundwasser nach sich. Dennoch ist der Einsatz genmodifizierter Baumwolle hochumstritten.

Nun aber zum praktischen Teil: Die Fasern

Die Baumwollfaser ist eine Zellulosefaser, also ein Kohlenhydratpolymer. In der unreifen (d.h. nicht geöffneten) Kapsel weist sie einen kreisrunden Querschnitt auf. Dieser Querschnitt wird nierenförmig, sobald sich die Kapsel öffnet und die Fasern trocknen. Dabei verdreht sich die Faser dann auch korkenzieherartig um ihre Längsachse. (Ich finde, ein bißchen sieht das aus wie ein länglicher Luftballon, den man aufgeblasen und danach die Luft wieder abgelassen hat…).

Elektronenmikroslopische Aufnahme von Baumwollfasern.
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Baumwollfasern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwollfaser

Durch den inneren Hohlraum kann sie sehr gut Feuchtigkeit aufnehmen. Baumwolle hat keine Schuppen, wie wir sie von der Wolle kennen, daher filzt sie auch nicht wirklich. Stattdessen hat sie sogenannte Tageslamellen. Eine ganz wunderbare Einführung zum Thema Baumwolle bietet die kostenlose Lernplattform textil trainer an, die mir freundlicherweise auch die Abbildung zur Baumwollfaser zur Verfügung gestellt hat.

3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von Textiltrainer, erstellt von chemmedia AG.
3D Rendering einer Baumwollfaser. Deutlich erkennbar sind die Tageslamellen und der Hohlraum in der Mitte der Faser. Mit freundlicher Genehmigung von textil trainer, erstellt von chemmedia AG.

Das Spinnen der Fasern…

Baumwolle mit der Hand zu spinnen ist gar nicht so schwer, aber wenn man bislang nur Wolle in der Hand hatte, muss man sich etwas umgewöhnen. Die sehr kurze Faserlänge erfordert viel Drall, damit der Faden einigermaßen gut hält. Im nächsten Teil der Serie zeige ich Dir, wie ich die Fasern aufbereitet und gesponnen habe, und welche Gerätschaften ich dafür benutzt habe.

Weiterführende Links

zu pigmentierter Baumwolle:
https://schrotundkorn.de/umwelt/farbige-baumwolle
https://nichtnurmama.de/naturfasern/farbig-gewachsene-baumwolle/
https://nichtnurmama.de/naturfasern/herkunft-von-baumwolle/
http://www.eberhardprinz.de/blog/?p=6346
https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle
https://www.spektrum.de/magazin/von-natur-aus-farbige-baumwolleeine-vergessene-textiltradition-wieder-im-trend/825639
pdf von cotton.org (Marktübersicht, inkl. Kontaktadressen)

...zur Firma von James M Vreeland jr.:
https://perunaturtex.com/about-us/ (Dieser link funktioniert leider nicht mehr, ich geh dem mal nach.)

… zu klassischem Baumwollanbau

(https://fibershed.org/2015/08/23/classical-cotton-breeding/)

Bilder zum Pinnen:

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