Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Kategorie: Unterwegs

Hier gibt es Reiseberichte, Berichte von Kursen, Urlauben…eventuell auch vom Patenschaf

Alle Jahre wieder – Schafschur 2022

Sonntag früh, kurz nach 6, der Wecker klingelt. An jedem anderen Sonntag hätte ich entnervt das Kissen über den Kopf gezogen und einen Latschen nach dem lärmenden Ding geworfen, aber heute nicht. Heute ist wieder Schafschur!

Das Universum spielt mit, es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt und vor allem: Es regnet nicht. Nasse Schafe kann man nämlich nicht scheren. Letzte Woche waren brütende 30 °C, gestern noch zogen stürmische Schauer übers Land, heute ist die Welt wieder in Ordnung.

Den Sortiertisch hab ich gestern schon ins Auto gepackt, jetzt fehlen nur noch Sonnencreme, genug Wasser, etwas zu essen und mein Morgenelixier – Kaffee – und dann gehts schon los Richtung Eberswalde.

Coburger Fuchs Kopf Nahaufnahme
Eine Coburger-Fuchs-Dame vor der Schur.

Morgens um acht in Eberswalde

Als ich um acht ankomme, ist Carina, die Schafhalterin von der Schäferei Schöne Schafe Biesenthal, schon eine ganze Weile auf den Beinen. Die Vorbereitungen gingen gestern schon los – Schafe einfangen und einpferchen, Zäune umstecken, damit alles bereit ist für den Scherer. Jetzt wird noch mal alles kontrolliert, der Ablaufplan für heute präzisiert, Helfer eingewiesen und alles aufgebaut. Heute wird nicht nur geschoren, die Mütter bekommen auch Klauenpflege (die macht der Scherer vor dem Scheren), eine Wurmkur, die Lämmer müssen entwurmt und geimpft werden, und eine Ektoparasitenbehandlung steht auch an. Außerdem wird bei jeder Mutter das Euter, Wolle und Klauen begutachtet und notiert. Und zu guter Letzt werden heute die Lämmer von den Müttern entwöhnt, denn sie sind mittlerweile groß genug. Die Bocklämmchen üben schon mal für die nächste Decksaison, und bevor sie da erfolgreich werden, müssen sie von den Mädels getrennt werden. Volles Programm also.

Lämmer und Mütter während der Schur
Mütter und Lämmer noch vereint vor der Schur. Kurz danach kamen Kinder und Damen in unterschiedliche Abteile.

Ich such mir ein Eckchen und baue meinen Tisch auf. Nach und nach kommen auch weitere Helfer dazu. Zwei Wollbegeisterte aus dem nahegelegenen Spinnkreis werden zum Schafe-Zuführen eingeteilt. Da die Schafe sich nicht von alleine brav in einer Reihe aufstellen, müssen sie mit einem Halfter eingefangen werden, damit der Scherer nahtlos weiterarbeiten kann. Er arbeitet heute in einem deutlich gemütlicheren Tempo als üblich, weil sonst die Drum-Herum-Arbeiten nicht hinterherkommen würden. Die Tierärztin ist jetzt auch da, sie hat die Medikamente zum Impfen mitgebracht und impft die Lämmer. Insgesamt sind wir sicher 12-14 Leute, und jeder hat zu tun.

graue, braune und weiße Lämmer während der Schur
Lämmergewusel – die Lämmer werden noch nicht geschoren und sind in einem separaten Pferch-Abteil untergebracht. Dort können sie ihre Mütter sehen und hören, und können gleichzeitig ihre Behandlung bekommen.

Der beste Job von allen: Wolle sortieren

Ich finde, ich hab den besten Job von allen: Wolle sortieren. Ich nehme dem Scherer das Vlies ab, bringe es zu meinem Sortiertisch und dann wird in Windeseile vorsortiert. So gut es geht, Bauch-Beine-Po rausnehmen, nach Kletten suchen und auch die entfernen, verfilzte Stellen um den Nacken herum. Noch kurz Nachschnitt rausschütteln, dann sind die 2 Minuten schon rum und das nächste Vlies steht an. Zum Glück sind wir zu dritt, alleine würde ich es wohl grade so schaffen, Kotreste zu entfernen und das jeweilige Vlies ins Big Back zu werfen. Wenn ich ein Vlies zum Handspinnen sortiere, nehme ich mir mehr Zeit und gehe wirklich handbreit für handbreit durch, aber das ist hier gar nicht möglich.

schmutzige Hand auf frisch geschorenem Coburger Fuchs Vlies
Wolle sortieren ist ein dreckiger Job. Und auch ein sehr schöner.

Wolle Sortieren ist für mich ein Fest für die Sinne. Die Vliese sind alle unterschiedlich: Rhönschafvliese sind mittelweich und einfach nur riesig, und ich frag mich immer, wie so viel Wolle auf ein einzelnes Schaf draufpasst. Mein Tisch ist für ein Rhönschafvlies definitiv zu klein. Die Vliese der Coburger Füchse hingegen sind weich, leicht und bauschig und ein regelrechter Traum. Wenn die ganzen Kletten raus sind, versteht sich. Und dann sind noch die Vliese der Wensleydales und Gotländischen Pelzschafe. Die sind klein und dafür recht schwer, und sie hängen nicht wirklich gut zusammen, ich muss gut aufpassen, dass sie auf dem Tisch nicht zu sehr zerfallen. Manche sind direkt auf dem Schaf zu wunderschönen Sitzunterlagen gefilzt … Ouessant-Vliese sind ganz klein, aber super schön, und ein dunkles mit ausgebleichten Spitzen hat mich ganz lieb angeflauscht und durfte mit mir nach Hause kommen. Ganz neu dieses Jahr sind Shetland-Vliese mit herrlichem Crimp.

Die Schafe riechen auch alle ein bisschen unterschiedlich, wie mir die anderen beiden Team-Kolleginnen beim Sortieren bestätigten. Ein bestimmtes Rauhwolliges Pommersches Landschaf hatte sogar einen speziellen mandelartigen Geruch. Abgefahren, echt abgefahren.

Und die ganze Zeit über hat man den Schaf-Soundtrack auf den Ohren. Die Schafe lassen dieses Großereignis schließlich nicht unkommentiert vorübergehen. Lämmer rufen nach ihren Müttern, die Mütter rufen zurück oder unterhalten sich über ihre neuen Frisuren – so genau kenn ich mich da noch nicht aus. Aber es ist definitiv ganz schön laut!

Nicht jedes Schaf mag das Scheren. Manche sind Profis – sie wissen, was kommt, halten still und lassen es über sich ergehen. Und manche wissen, was kommt – und fangen an zu zappeln. Da gibt es sehr unterschiedliche Temperamente, und bei manchen muss der Scherer die Schur unterbrechen und das Tier erst beruhigen und wieder richtig hinlegen, bevor es weitergehen kann. Wenn alles gut läuft, wirkt es fast wie ein Tanz mit dem Schaf, wie der Scherer es hält und dreht und mit den Beinen dirigiert.

Scherer beim Scheren eines Coburger Fuchs
Ein Coburger Fuchs wird vom Vlies befreit.

Schafscherer sein, vor allem hauptberuflich, ist ein Knochenjob. In seinem besten Jahr, erzählt er, hat er mal über 26 000 Schafe geschoren. Huiuiui. Das sind eine Menge Schafe. Aber es gibt bei den Scherern, wie auch bei den Schäfern, Nachwuchsprobleme, vor allem bei den Hauptberuflichen. Letztes Jahr haben wieder drei Scherer aufgehört. Wenn man mal annimmt, dass jeder im Jahr so ca. 10 000 bis 15 000 Schafe geschoren hat, dann haben dieses Jahr 30 000 bis 45 000 Schafe ein Problem. Geschoren werden müssen sie, das verlangt der Tierschutz. Aber was macht man als Schafhalter, wenn man keinen Schertermin bekommt? Den Scherer mit höheren Preisen anlocken? Mit Geld, was man über die Schafhaltung gar nicht mehr reinbekommt? Kann man sich Schafhaltung jetzt nur noch leisten, wenn man reich ist? Ich komme ganz schön ins Grübeln.

Immer wieder Neues lernen

Von einem Schafscherer, besonders von einem, der selber mal Schäfer war, kann man eine ganze Menge lernen. So wusste ich zwar, dass es Schafe mit einem (teilweisen) Wollwechsel gibt. Bei Shetlandschafen z. B. hat man zu einer bestimmten Zeit im Jahr einen sogenannten „rise“. An dieser Stelle werden die einzelnen Haare deutlich dünner, sodass sie eine Art Sollbruchstelle bekommen und man sie dort „raufen“ kann, d. h. man kann die Wolle direkt mit den Händen abziehen. Das tut den Schafen nicht weh. Was ich nicht wusste: Ein kleines bisschen ist das auch bei anderen Schafrassen so. Das ist das, was man bei Wolle als „schön abgewachsen“ bezeichnet. Zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr (der offenbar von Rasse zu Rasse variiert), ist die Wolle abgewachsen, d. h. sie wird über der Haut etwas dünner, sodass sie auch dort leicht zu scheren ist. Wenn man vor diesem Zeitpunkt schert, ist sie noch nicht abgewachsen und der Scherer hat wirklich große Mühe, sich durch die Wolle zu kämpfen. Manchmal kann der Scherer auch nicht unterscheiden, ob er jetzt eine dicke Stelle Wolle schert oder ob da eine Hautfalte im Weg ist. Die Verletzungsgefahr für das Schaf ist also deutlich höher, wenn die Wolle noch nicht richtig abgewachsen ist. Dementsprechend kann man sich den Schurtermin nicht einfach so legen, wie man es gerne hätte, sondern ist auch da an den Haarzyklus gebunden. Wieder was gelernt.

Scherer beim Scheren eines Coburger Fuchs
Nochmal etwas näher bei der Schur des Coburger Fuchs: Die hellere Schicht Wolle, die unterhalb der Hand des Scherers auf dem Vlies liegt, war sehr dicht und ließ sich nur sehr schwer scheren. Ich konnte richtig sehen, wie er Kraft dafür aufwenden musste.

Interessanterweise hatte ich gerade zu diesem Thema einen Blogartikel von Irina von driftwool gelesen. Sie hatte mal die Literatur nach Untersuchungen zum Haarwachstum durchforstet und einen Übersichtsartikel geschrieben. Sehr interessant!

Bei der Schur einer etwas älteren Wensleydale-Dame kamen wir auch auf Wollqualität zu sprechen. Offensichtlich ist es auch so, dass vor allem bei Schafrassen, die wegen ihrer Wolle gezüchtet werden (viele englische Rassen), die Wollqualität mit zunehmendem Alter des Schafes stark abnimmt. Bis zu einem Alter von 4 Jahren ist die Wolle wohl noch in Ordnung, danach wird sie zunehmend schlechter.

Mutterschafe nach der Schur
Nach der Schur geht es unter lautem Geblöke wieder zurück auf die Weide.

Schafhaltung braucht community

Um 15 Uhr ist es dann geschafft. Das letzte Schaf geschoren und behandelt, jetzt geht es ans Aufräumen. Sieben Stunden gearbeitet, 14 Leute. Schafe halten ist definitiv etwas, was man nicht alleine als Einzelperson macht. Viele Dinge und Dienste kann man auch gar nicht mit Geld bezahlen oder in Geld ausdrücken. Was hätte es gekostet, 14 Menschen für 7h einen Mindestlohn zu bezahlen? So funktioniert Schafhaltung (und auch Landwirtschaft) irgendwie nicht.Man braucht eine community, Leute, die sich gegenseitig unterstützen und unter die Arme greifen, ohne nach Geld zu fragen. Die Enthusiasmus oder wenigstens Hilfsbereitschaft mitbringen, die sich einbringen wollen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die eine Verbindung aufbauen oder erhalten wollen. Die einen Unterschied machen wollen. Und es macht definitiv einen Unterschied, ob man mit dem Scherer alleine auf der Weide steht oder Menschen hat, die einen unterstützen.

Ich weiß jedenfalls, wo mein Ouessant-Schaf gestanden hat, und ich hab auch noch seine Wolle vom letzten Jahr, und wenn ich noch ein kleines bisschen sammele, reicht es vielleicht auch noch für einen Pullover.

Kathrin glücklich und geschafft nach der Schur
Glücklich und geschafft nach der Schur. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Brandenburger Schafe – Besuch auf der Lämmerkoppel

Es ist Sonntag, Ende März 2022. Die Schäferei Schöne Schafe hat zur Offenen Lämmerkoppel eingeladen und ich nutzte diese schöne Gelegenheit, mein Patenschaf Rieke zu besuchen. So ging es nach dem Mittagessen mit Kind und Kegel auf nach Biesenthal, nicht ganz eine Stunde nordöstlich von Berlin. Das ist regionale Wolle pur!

Die Schäferei Schöne Schafe in Biesenthal

Die Schäferei Schöne Schafe ist eine kleine Naturschutzschäferei. Die Schafhalterin Carina Vogel züchtet Coburger Fuchsschafe und Gotländische Pelzschafe im Herdbuch, in der Herde finden sich aber auch Kreuzungen aus u.a. Rhönschaf und Gotländischem Pelzschaf, Ouessants und eine Wensleydale-Dame.

Mit ihren Tieren möchte Carina einige der letzten verbliebenen extensiven Grünlandflächen erhalten und schützen. Seit ihre Schafe, Ziegen (Kaschmir!) und Esel hier weiden, haben sich viele Insekten- und Reptilienarten wieder angesiedelt. Ihre Tiere sorgen dafür, dass die Flächen offen bleiben und nicht verbuschen, und so können wertvolle Biotope wie Trockenrasen und aufgelassenes Grünland erhalten werden.

Schafstimmung

Der Himmel ist strahlend blau, das Wetter könnte nicht besser sein, aber der Wind ist noch recht frisch. Als wir um 14 Uhr ankommen, ist schon ziemlich viel Betrieb: Auf einem abgesperrten Teil der Weide parken bereits 10, 15 PKW, und mehrere Besuchergrüppchen stromern über die Schafweide. So viele Besucher hatte ich gar nicht erwartet, letztes Jahr waren es keine zwei Handvoll. Lämmchen mit roten Halsbändern hüpfen herum und kommentieren in den niedlichsten Tönen das ungewohnt lebhafte Treiben.

Rhönschaf-Lamm am Wassereimer
Ein Rhönschaf-Lämmchen!

Kaum aus dem Auto ausgestiegen, geh ich schon in die Knie: ein Rhönschaf-Lämmchen! Es ist so niedlich mit seinem schwarzen Kopf und dem weißen Körper. So richtig sicher steht es allerdings noch nicht, es wackelt hin und her auf seinen Beinen, lässt sich dadurch allerdings auch nicht von der Erkundung des Wassereimers abhalten.

Nach 5 Minuten kann ich mich von dem Kerlchen losreißen, wir gehen weiter auf die Weide. Es gibt ja noch mehr Schafe! Dabei fällt mir deutlich auf, wie trocken und braun die Weide ist. Stimmt, wenn ich so darüber nachdenke, hat es lange nicht mehr geregnet. Das schöne Wetter ist auf einmal gar nicht so schön, wenn ich als Maßstab „verfügbare Futtermengen für die Schafe“ anlege. Nichts wächst, es muss Heu zugefüttert werden, damit die Mutterschafe genug zu fressen haben, um Milch für ihre Lämmer zu haben.

Wir machen Stopp beim Verkaufsstand, den Carina aufgebaut hat. Sie verkauft auch Produkte von ihren Schafen: handgesponnene Wolle (ja, sie spinnt auch!), kardierte Wolle, Schaffelle, Einlegesohlen, Westen, Bettwaren. Fleischprodukte verkauft sie auch, aber die sind heute natürlich nicht dabei (Kühlung auf der Weide ist ein schwieriges Unterfangen).

ruhende Schafe, Rieke mit Lämmern
Schaf-Siesta. Im Vordergrund liegt mein Patenschaf mit ihren drei Lämmern. Dahiner liegen Coburger-Fuchs-Damen, die ganz dunklen Schafe sind Gotländische Pelzschafe.

Dann sind wir endlich im hintersten Winkel der Weide angekommen. Hierher haben sich die Schafe zurückgezogen, sie halten gerade Siesta, liegen in einer großen, lockeren Gruppe und käuen wieder. Einige Lämmchen sind auch direkt eingeschlafen. Carina steht am Heuballen und erzählt den wissbegierigen Besuchern von den Schafen und beantwortet geduldig viele Fragen.

Nach der Siesta steht die Herde auf und sucht sich ein neues Plätzchen. Jetzt können wir auch näher herangehen und die Tiere streicheln, wenn sie das zulassen. Einige Lämmchen sind neugierig und kommen ganz nah, schnuppern an ausgestreckten Händen und versuchen zu knabbern. Ich merke gar nicht, wie die Zeit vergeht, nur wie ich immer ruhiger werde. Schafe haben diesen Beruhigungseffekt, besonders, wenn ich in die Hocke gehe (wenn man optisch kleiner ist, trauen sich die Schafe dichter heran).

Rieke mit Tick, Trick und Track
Rieke mit Tick, Trick und Track.

Rieke, mein Patenschaf, ist eine Kreuzung aus Rhönschaf (Papa) und Gotländischem Pelzschaf (Mama). Sie hat in diesem Jahr das erste Mal Lämmer bekommen, und dann gleich Drillinge! Das ist eher ungewöhnlich, aber sie schlägt sich ganz hervorragend und kümmert sich prima um ihre drei Jungs. Tick, Trick und Track hat Carina sie getauft – sie sind wohl eine ganz schöne Rasselbande.

Frühlingszeit ist Lämmerzeit

Viele Schafe können das ganze Jahr über trächtig werden. Wenn man als Schafhalter:in also nicht ständig Lämmer haben möchte, muss man die Empfängnis steuern – Mädels und Jungs leben also bis auf eine kurze Zeit im Jahr in getrennten Gruppen (der Begriff „Boy-Group“ drängt sich hier auf…).

Wenn es dann so weit ist, bricht eine sehr arbeitsreiche Zeit heran. Es ist wie bei menschlichen Geburten auch: Man weiß nie so genau, wann es losgeht. Man muss oft nachsehen, wie es läuft, um gegebenenfalls eingreifen und helfen zu können. Nicht jede Geburt läuft problemlos ab. Lammen die Tiere das erste Mal oder haben sie schon Erfahrung? Wenn viele Erstgebärende dabei sind, ist mehr Hilfe nötig.

Die Schattenseiten

Nicht immer läuft alles glatt. Manche Tiere werden tot geboren. Manche sterben nach kurzer Zeit. Manche Geburtsverläufe sind schwer und man muß Geburtshilfe leisten. Dafür gibt es leider keine Vorbereitungskurse…
Das Ganze ist so anstrengend und mit Schlafmangel verbunden, wie es sich anhört. Auch emotional ist es sehr belastend, wenn man morgens auf die Weide kommt und schon wieder ein totes Lamm da liegt, das zu schwach war, oder ein Mutterschaf verendet ist.

Die Bilanz dieses Jahr war traurig: Es gab 16 tote Lämmer (tot geboren oder kurz nach der Geburt verstorben), und auch mehrere Mutterschafe haben es nicht geschafft. In jeder Lammzeit muss man damit rechnen, dass 10 – 15 % der Tiere sterben – weil das Mutterschaf schon alt war, durch Infektionen, Unfälle oder einfach Schwäche.

Flaschenlämmer – was sich so niedlich und süß anhört, ist ein ganz schöner Haufen Arbeit. Es ist ein bisschen wie bei Menschen auch: Die Babys brauchen alle zwei Stunden Nahrung. Wenn die Mutter gestorben ist, nicht genug Milch produziert oder das Lamm verstoßen hat, dann muss Carina oder einer der Helfer ran. Alle zwei Stunden. Bis das Lamm groß genug ist, auch Heu zu fressen und nur noch zugefüttert werden muss.

Das Highlight: Das Füttern der Flaschenlämmer

Schwarzes Flaschenlamm
Flaschenlämmer haben ein rotes Halsband bekommen, um sie leichter aus der Herde heraussuchen zu können. Leider hab ich kein Bild vom Füttern selbst – zu viele Beine im Weg für ein Bild…

Natürlich kann ich mich dem Niedlichkeits-Faktor nicht entziehen: Als die Flaschen zubereitet werden und die Lämmchen ganz aufgeregt angetrabt kommen, bin ich natürlich hin und weg. Die Besucherkinder scharen sich um die Helfer, die Carina zur Hand gehen, und alle juchzen und zücken die Handys zum Filmen und Fotografieren. Die sind aber auch zu süß! Und schon in wenigen Wochen sind sie groß, fressen Heu und die Mütter sind froh, wenn es wieder ein bisschen ruhiger wird auf der Koppel. Bis zum nächsten Jahr…

Wolle sortieren – ein Schafkurs

Wolle Sortieren – wenn aus der Schafwolle am Tier am Ende ein Pullover werden soll, kommt man um diesen Schritt der Wollverarbeitung nicht herum. Die Landwirtschaftsschule Luisenhof bietet hierzu einen tollen Weiterbildungskurs an, in dem Schafhalter und andere Interessierte genau solche Themen besprechen und auch praktische Erfahrungen machen können. Heute nehme ich euch mit auf den Skuddenhof Weseram, wo Kursleiter Christopher Behling aus seiner langjährigen Erfahrung in diesem Bereich recht kurzweilig plauderte und demonstrierte.

Üblicherweise findet der Kurs in dem traditionsreichen Gebäude der Schule in Oranienburg statt. Er umfasst theoretische und praktische Einheiten rund um Schafhaltung, -pflege und -krankheiten, aber auch Themen wie die geschichtliche Entwicklung der Wollverwertung in Brandenburg und Deutschland sowie praktisches Wissen zu Wollqualität und Wollverarbeitung werden besprochen. An diesem regnerischen und windigen Herbsttag ging es aber nach Weseram zum Skuddenhof von Katja und Christoph Behling. Hier gab es praktische Demonstrationen zum Thema Wolle sortieren – was unerlässlich ist, wenn ein Schafhalter die Wolle seiner Tiere verarbeiten lassen möchte.

Die Skudden der Behlings waren recht scheu und nur schwer zu fotografieren.

Der Skuddenhof in Weseram

Christoph Behling ist gelernter Schäfer. Er war lange Jahre Zuchtleiter in verschiedenen Betrieben und hat in seiner aktiven Zeit als Schäfer eine Menge Wolle sortiert und zur Verarbeitung gebracht. Wollqualität und Wollertrag waren damals in der DDR erklärte Zuchtziele, um vom Weltmarkt möglichst unabhängig zu werden. Mittlerweile arbeitet er am Schreibtisch, und zusammen mit seiner Frau Katja züchtet er weiße Skudden auf einem ausgebauten Hof in Weseram , eine gute Autostunde von Berlin entfernt. In der großen Scheune hießen die Behlings alle Kursteilnehmer willkommen und dann ging es einen Tag lang nur um Wolle, Vliese und Wollqualität.

Gute Wollqualität liegt den Behlings sehr am Herzen. Ihre ca. 50 Tiere scheren er und seine Frau selbst mit der Handschere. Skudden sind sehr kleine, robuste Schafe, und ihr Vlies ist mischwollig (hier habe ich schon einmal etwas zu Skudden geschrieben) . Oft wird die Wolle nicht weiter verwendet, aber Christoph berichtet mit leuchtenden Augen von einem archäologischen Projekt, für das mit seiner Wolle eine jahrtausendealte Hose nachgearbeitet wurde (schaut mal hier). Damals (also als die Hose hergestellt wurde) gab es noch keine Merinoschafe, die Schafwolle war deutlich gröber und ähnelte mehr der heutigen Skuddenwolle. Auch Textilkünstler und FilzerInnen wissen die gute Qualität seiner Vliese zu schätzen und nehmen sie ihm immer wieder gerne ab. Wie macht er das also?

Bevor es losging…im Vordergrund ist der Sortiertisch zu erkennen.

Gute Wollqualität

Gute Wollqualität, sagt er, fängt beim Futter an. Die Wolle zeigt genau an, ob es einem Schaf übers Jahr gut ging, oder ob es vielleicht krank war und Fieber hatte. An solchen Stellen wird die Wolle leicht dünner und brüchig, die Fasern reißen leichter. Auch die Art und Weise, wie das Futter (v.a. Heu) dargeboten wird, hat Einfluss auf die Wollqualität. Hängt die Raufe zu hoch und über den Köpfen der Tiere, dann fällt ihnen das Heu auf den Rücken, wird quasi in die Wolle „eingearbeitet“ und macht die Vliese kaum verwertbar. Sehr staubige Weideflächen sind auch nicht gut – der Sand und Staub setzen sich auf das Vlies, dringen in die Wolle ein und machen sie mit der Zeit brüchig und spröde. Der Schurzeitpunkt hat ebenfalls einen Einfluss – werden z.B. die Schafe vor der Aufstallung geschoren, enthalten sie weniger Einstreu.

Der Sortiertisch

Sortiert wird ein Vlies auf einem Sortiertisch. Christoph Behling benutzt eine Eigenkonstruktion aus Holzlatten, die er in angenehmer Arbeitshöhe auf Böcke legt. Es tut aber auch ein alter Lattenrost. Für Vliese, die nicht so gut zusammenhalten (oder für feinere Teile) ist manchmal ein Gitter besser, wie z.B. ein Kompostgitter. Egal, was man verwendet, es ist wirklich hilfreich, eine ergonomische Arbeitshöhe einzustellen – der Rücken und die Schultern danken es nach ein paar Stunden 😊

Der Sortiertisch. Die Latten müssen gar nicht so eng zusammenliegen.

Das Sortieren

Nicht jedes Teil des Vlieses ist gleichermaßen verwertbar, verschiedene Teile müssen entsprechend ihrer Verwertbarkeit getrennt (also sortiert) werden. Eine gute Übersicht zu den verschiedenen Vliesteilen und ihrer Verwertbarkeit habe ich hier gefunden.

Das geschorene Vlies wird zunächst als Ganzes mit der Schnittkante nach oben auf einen Lattenrost gelegt und ausgebreitet (Bild 1). Meist läßt sich relativ leicht bestimmen, wo der Kopf und wo der Popo gewesen sein muss 😉. Das Vlies wird geschüttelt, damit Schmutz und eventuell vorhandene Strohteile von der Oberfläche ab- und durch die Latten fallen. An der Schnittkante kann man schauen, ob der Scherer oft nachziehen musste. Dieser Nachschnitt ist deutlich kürzer als die restlichen Wollfasern und muss entfernt werden, entweder durch Absammeln oder Ausschütteln. Deutlich sichtbare kotverschmutzte Stellen kann man jetzt auch entfernen, indem man die betreffenden Vliesteile einfach abzieht.

Dann wird das Vlies gewendet und mit der Schnittkante nach unten hingelegt. Nochmal kräftig schütteln (Bild 2), und weiterer Nachschnitt und Schmutz fällt heraus, man hört es deutlich rieseln. Jetzt kann man die Fasern beurteilen (Bild 3). Wie lang sind die Stapel? Sind die Fasern brüchig, haben sie Schwachstellen? Sind sie verfilzt? Mit Heukrümeln durchzogen? All diese Faktoren mindern die Wollqualität. Verfilzte Stellen, die sich mit der Hand nicht mehr gut auseinanderziehen lassen, werden entfernt. Auch Pflanzenteile wie Kletten, Stroh oder Heureste sollte man erfühlen und durch Absammeln entfernen. Wenn zu viel davon in einem Vlies ist, lohnt es sich kaum, in stundenlanger Kleinarbeit Fitzelchen für Fitzelchen herauszusammeln. Manchmal ist das auch gar nicht möglich, weil das im Vlies enthaltene Wollfett alles an die Locken klebt. Solche Vliese sind dann eher was zum Düngen – wir nannten sie liebevoll „Tomatenvliese“.

Die besten Vliesteile sind an den Flanken und manchmal – wenn es nicht zu stark gefilzt ist – am Hals. An den Hinterbeinen wird die Wolle meist länger und gröber. Man kann also auch gröbere von feineren Vliesteilen trennen und separat verarbeiten, wenn man das möchte.

Die Spinnradausstellung

Nachdem die Wolle sortiert war, ging es weiter mit einer Führung durch die Spinnradausstellung. Die ist gerade neu gemacht und definitiv einen Abstecher wert für alle, die sich für Faserverarbeitung interessieren. Eine beträchtliche Sammlung von Spinngeräten und Werkzeugen ist in einem Nebengelass zusammengetragen worden und mit viel Enthusiasmus erzählt Christoph von der Geschichte der Räder. Es gibt Flachs-Räder, Hochzeitsräder, große Räder, kleine Räder, Spindelräder, Spindeln, und sogar einen eSpinner. Einige der neueren Modelle werden regelmäßig in den Spinnkursen eingesetzt, zu denen Katja ein Mal im Monat einlädt.

Das Filzen

Nach einer leckeren und wärmenden Suppe ging es im zweiten Teil um eine weitere, sehr alte Wollverarbeitungsart: Das Filzen. Die Kursleiterin Susanne Schächter-Heil hatte Material mitgebracht, und so konnte sich jeder Teilnehmer sein eigenes Andenken herstellen, den meditativen Charakter des Nassfilzens genießen und mit eigenen Händen erfahren, dass Wolle nicht gleich Wolle ist.

Neugierig geworden? Dann schau doch mal bei den Behlings vorbei 🙂

© 2022 Faserexperimente

Theme von Anders NorénHoch ↑

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner