Ein Blog über Schafe, Wolle und Handspinnen

Kategorie: Persönliches

Hier findest Du Ankündigungen, Rückblicke sowie eher persönliche Artikel, die meine Meinung wiedergeben.

Was ist Mulesing? Ein Versuch zur Einordnung einer umstrittenen Praxis

„Wolle ist Tierquälerei“. Dieses Statement habe ich früher nie verstanden. Scheren tut dem Schaf doch nicht weh, das ist doch wie Haareschneiden, oder? Und dann, es muss um 2009 gewesen sein, hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Mulesing“. Ich begann, mich zu diesem Thema zu informieren, und ich war erst einmal entsetzt. Aber je tiefer ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch viele Schattierungen dazwischen. In diesem Artikel versuche ich, das Thema von mehreren Seiten zu beleuchten und den aktuellen Stand der Dinge wiederzugeben.

Mulesing – eine brutale Praxis

Mulesing ist – stark verkürzt – eine Methode, bei der Schafen ohne Betäubung bewollte Hautfalten am Hinterteil chirurgisch entfernt werden, um einen parasitären Befall mit Fliegenlarven zu verhindern. Das sich bildende Narbengewebe ist nicht mehr bewollt und bietet den Fliegenlarven keine Nahrungsgrundlage mehr. Mittlerweile haben schon viele Menschen von dieser tierquälerischen Praxis gehört und wer sicher sein will, Wolle ohne Tierleid zu kaufen (ob als Garn oder fertiges Textil), achtet dabei auf den Zusatz „mulesingfrei“.

Aber was steckt eigentlich genau dahinter? Warum gibt es diese Praxis, welchen Zweck erfüllt sie, und wie ist der heutige Stand der Entwicklung? Seit ich mich das letzte Mal tiefer mit dem Thema beschäftigt habe, ist viel passiert. Wenn ich aber den Begriff „Mulesing“ oder „mulesingfreie Wolle“ in die Suchmaschine eingebe, bekomme ich eine Reihe von Beiträgen angezeigt, die meist in verkürzter und teilweise polarisierender Art und Weise zu diesem Thema informieren. Wirkliche Zusammenhänge konnte ich nur in wissenschaftlichen Fachartikeln finden. Das Thema ist nämlich ist nicht so schwarz-weiß, wie es oft dargestellt wird, und das möchte ich hier beleuchten.

In diesem Artikel werde ich keine Bilder zeigen. Dadurch leidet zwar wahrscheinlich die Lesbarkeit, aber mir reichen ehrlich gesagt die Bilder in meinem Kopf, um mich um den Schlaf zu bringen …

Das Problem: Myiasis, der gefürchtete „Flystrike“

Bevor wir uns das Mulesing aber genauer anschauen, werfen wir einen Blick auf die Krankheit, gegen die es schützen soll: Myiasis, den Fliegenbefall (auf Englisch: Flystrike).

Fliegen (v.a. Schmeißfliegen) werden von übelriechenden, feuchten und warmen Teilen eines Schafvlieses angezogen. Oft sind das Teile des Körpers, die regelmäßig verkotet und nass werden. Das sind z. B. bei Durchfall die Schwanz- und die Urogenitalregion (sog. tail bzw. breech strike) oder aber Stellen auf dem Körper, die bei nassem Wetter nicht richtig trocknen können, wie z. B. Achselregionen (sog. body strike). Die Fliegen legen dort ihre Eier ab, so sind sie vor dem Austrocknen geschützt und haben es warm. Irgendwann schlüpfen dann kleine Larven, die auf der Suche nach Nahrung zwar erst den im Vlies enthaltenen Dung fressen, die aber auch vor dem lebenden Fleisch ihres Wirtes nicht haltmachen – das Schaf wird quasi bei lebendigem Leib aufgefressen. Die Schafe zeigen erst recht spät Anzeichen von Unwohlsein, sie werden unruhig, können nicht mehr stillstehen und versuchen, betroffene Stellen zu schubbern und zu beißen.

Wie sieht Flystrike bei einem Schaf aus?

In dem Buch „Counting Sheep“ beschreibt der britische Schäfer Philip Walling sehr plastisch, was passiert, wenn ein Schaf (in diesem Falle ein Lincoln-Schaf mit sehr dichter schwerer Wolle) von Fliegenmaden befallen ist und der Befall nicht rechtzeitig entdeckt wird. (Ich habe das Buch auf Englisch, dies ist meine eigene freie Übersetzung).

„Einmal begegnete ich einem jungen Schaf, das von Schwärmen von Schmeißfliegen bedrängt wurde. Es hatte nicht die Kraft wegzulaufen, und ich sah auch sofort warum: Das Vlies, das an einem langen Streifen verfaulter Haut an seinem Hinterteil und den Flanken hing, löste sich in meinen Händen und brachte eine brodelnde Masse Maden zum Vorschein, die sich an seinem Fleisch vollfrass. Sie krabbelten rein und raus aus Anus und Vulva, die sie teilweise weggefressen hatten.(…) Ich würgte, als ich das verlorene Tier zum nächsten Baum zog, um es festzubinden und als ich nach Hause rannte, um mein Gewehr zu holen. (…)“

Phillip Walling in “Counting Sheep”

Ich lasse das jetzt mal kurz so stehen.

Flystrike ist eine sehr langsame und brutale Art zu sterben. Das Schaf kann sich nicht dagegen wehren. Wenn der Befall nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird, hat das Schaf keine Chance.

Wo kommt Flystrike vor?

Flystrike kommt hauptsächlich in Australien vor, denn hier kommen vier folgenschwere Faktoren zusammen, die diese Krankheit zu einem großen Problem werden lassen:

  1. Besonders faltige und damit für Flystrike anfällige Schafe (die Vermont-Variante des Merinoschafs, dazu gleich mehr),
  2. Sehr große Herden, die nur extensiv betreut werden können. Eine tägliche Kontrolle aller Tiere, wie sie hier in Deutschland vorgeschrieben ist, ist dort nicht möglich.
  3. Die Einschleppung einer neuen Fliegenart (Lucilia cuprina), die Flystrike verursachen konnte,
  4. Ein warmes Klima.

Flystrike an sich ist dabei nichts Neues, denn wo Schafe sind, sind oft auch Fliegen. Auch in Großbritannien und Neuseeland gibt es Fälle (siehe obiges Zitat), aber das Problem ist weniger gravierend, weil dort nicht die genannten vier Faktoren zusammentreffen.

Bis Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts war Flystrike auch in Australien kein besonders großes Problem, da die Schafe keine Falten und keine Wolle an ihrem Hinterteil hatten. Das änderte sich mit der Einführung des stark faltigen Vermont-Merinoschafs (auch bei Wikipedia nachzulesen), das in den 1880er Jahren nach Australien gebracht und weitergezüchtet wurde. Man war der Meinung, mit den Falten die Hautoberfläche und somit den Wollertrag pro Tier vergrößern zu können.

Unglücklicherweise stellte sich aber heraus, dass die Vliesqualität der Vermont-Schafe schlechter war als bei den bis dato in Australien gezüchteten Merinos. Sie hatten zwar ein höheres Rohvliesgewicht, aber aufgrund des hohen Wollfettgehaltes brachten sie weniger Reinwolle (Gewicht der Wolle nach dem Waschen). Der höhere Wollfettgehalt und die Falten machten die Tiere deutlich anfälliger für flystrike. Die Wolle war weniger homogen, weniger fein, und die Ablammungsrate war geringer. Warum sie trotzdem weitergezüchtet wurden, ist mir nicht ganz klar geworden.

Die faltigen Schafe waren nun da. Aber wie kam die Fliege nach Australien? Man weiß es nicht genau. Als sie aber da war, fühlte sie sich auf den Schafen sofort heimisch und sorgte für sehr viel Tierleid und hohe Verluste. Diese Verluste waren durchaus ökonomischer Natur, denn die Wolle war damals noch viel mehr wert. Starb ein Tier, so ging nicht nur der Fleischertrag verloren, sondern auch der Wollertrag.

Die „Lösung“: Mulesing, das Entfernen der Hautfalten

Wie konnte man nun in Australien die vielen Schafe vor den Fliegen schützen und somit gleichzeitig die Verluste für den Farmer verringern? Ein gewisser Herr Mules, seines Zeichens Schafzüchter, hatte da 1929 (oder 1931, ich habe verschiedene Angaben gefunden) eine Idee. Er entwickelte die nach ihm benannte Methode, bei der dem Schaf Hautfalten in After- und Genitalbereich chirurgisch entfernt werden. Ziel der Operation ist eine Vernarbung des Gewebes, damit dort keine Wolle mehr wächst. Dadurch bieten die behandelten Tiere den Fliegen keine attraktive Brutstätte mehr und werden dementsprechend nicht von Flystrike heimgesucht.

Das Problem ist: Es wurden keine Betäubungs- und Schmerzmittel während und nach dieser Prozedur eingesetzt. Auch heute noch setzen nicht alle Farmer Schmerzmittel ein.

Auswirkungen des Mulesing auf die Tiere

Die Tiere zeigen nach dem Mulesing für 24- 48h eine eindeutige Stress-Antwort und auffälliges Verhalten: sie stehen anders, legen sich kaum hin, fressen wenig, spielen nicht und zeigen wenig soziale Interaktion. Außerdem zeigen sie starke Furcht vor der Person, die das Mulesing an ihnen durchgeführt hat, und zwar noch Wochen später. Auch die Gewichtszunahme (ein wirtschaftlich wichtiger Indikator für das Wohlbefinden des Schafs) kann bis zu 14 Tage niedriger ausfallen als üblich.

Wenn Wissenschaftler Stresslevel messen wollen, messen sie meist Cortisol-Level im Blut (Cortisol ist ein Stress-Hormon). Aber kann man so das Ausmaß des Leids eines Tieres in Zahlen ausdrücken? Das ist sicherlich wissenschaftlich fundiert – aber ich persönlich kann nicht sagen, ob ein Tier mit einem geringfügig niedrigeren Cortisol-Wert nun auch weniger gelitten hat. Angst oder Schmerzen in Zahlen auszudrücken ist für mich (und das ist meine persönliche Auffassung) immer ein Graubereich.

Aufgrund der Grausamkeit der Prozedur waren viele Schafhalter auch nicht bereit, sie selber durchzuführen, und so wurden Mulesing-Dienstleister etabliert. Auf diese Weise blieben die Schafe zutraulich zu ihren Haltern, waren aber dennoch durch das Mulesing vor Flystrike geschützt. Einige Beiträge, die ich im Netz gefunden habe, berichten davon, dass Mulesing eigentlich von Fachleuten durchgeführt werden muss. Das würde aber oft nicht gemacht, oft würde auch nicht mit den richtigen Werkzeugen gearbeitet, sodass die Tiere auf diese Weise noch einmal extra leiden. Woher diese Information kommt, kann ich nicht sagen, aus den Fachartikeln ist eine solche Praxis nicht ersichtlich.

„Behandelt“ werden mittlerweile Lämmer von 8 bis 12 Wochen, mit der Begründung, der zu entfernende Hautbereich sei kleiner als bei einem erwachsenen Tier. Die Verwendung von Schmerzmitteln ist in den Australischen Standards zum Tierwohl für Schafe nur für Tiere im Alter zwischen 6 und 12 Monaten vorgeschrieben (der link führt zu der Seite, auf der der Standard heruntergeladen werden kann). Übrigens beschränkt sich die Anwendung des Mulesing nicht nur auf Merinoschafe: auch Corriedales und Kreuzungen daraus wurden bzw. werden der Prozedur unterzogen.

Ist Mulesing denn wirksam?

Ja, Mulesing ist ein wirksamer Schutz vor Flystrike. Die Angaben in der Literatur liegendurchaus weit auseinander, je nachdem, wie die Untersuchung designt war und was womit verglichen wurde (gemulesed / nicht gemulesed und faltig oder gemulesed / nicht gemulesed und unbewollt, Frühling vs. Herbst etc.). Wer gerne Zahlen mag, schaut in den Artikel von Rothwell et al.

Aber: Mulesing senkt nur die Wahrscheinlichkeit für tail strike, also den Befall der Urogenitalregion. Body strike (d. h. Achselregionen o. ä.) ist bei entsprechenden klimatischen Bedingungen weiterhin möglich. Der größte Vorteil liegt offenbar darin, dass man es nur ein Mal durchführen muss und das Schaf dann sein ganzes Leben vor tail strike geschützt ist.

Argumente für den Einsatz von Mulesing

Beim Mulesing zeigen die Tiere für 24 – 48 h eine messbare Stress-Antwort (Lee und Fisher 2007). Die Stress-Antwort bei Flystrike ist offenbar vergleichbar hoch – und sie hält so lange an, bis der Flystrike behandelt wird oder das Schaf stirbt. Das kann durchaus länger dauern als die 24 – 48 h beim Mulesing.

Schafe, die einen Flystrike überlebt haben, haben meist minderwertige Wolle und sind weniger fruchtbar. Nach Berechnungen einer Kosten-Nutzen-Analyse, die im Jahr 2001 an der Universität Melbourne durchgeführt wurde, beträgt der wirtschaftliche Nutzen des Mulesing pro Schaf im Jahr durchschnittlich $1.84 bei einer Herdengröße zwischen 3700 und 7500 Schafen. Der Nutzen von Mulesing, so wird dort auch argumentiert, erhöht sich über die Lebenszeit eines Schafes – wohingegen bei alternativen Methoden zur Verhinderung des Flystrike jedes Jahr aufs Neue investiert werden muss.

Aus der Sicht eines Schafhalters hat Mulesing vor allem vor dem Hintergrund der sehr großen Herden eine Reihe von Vorteilen (nach James 2006)

  1. Schutz vor Flystrike (tail strike) mit geringstmöglichem Aufwand für den Schafhalter.
  2. Weniger verfärbte (durch Urin etc.) und verkotete Wolle und damit höherer Reinertrag
  3. Weniger crutching erforderlich (das ist das Ausscheren der Wolle im Afterbereich außerhalb der regulären Schur zur Wollernte)
  4. Leichteres Scheren
  5. Weniger Arbeitsaufwand für die Inspektion der Herden und das Behandeln befallener Tiere
  6. Weniger (giftige) chemische Rückstände in der Wolle (weil weniger Ektoparasitenmittel verabreicht werden müssen)
  7. Abstimmen des Scherzeitpunktes mit der Wollqualität (und nicht nur zur Schadensbegrenzung wegen der Fliegen)

Die National Farmers Federation in Australien argumentiert, dass mulesing der effektivste und praktischste Weg ist, um Flystrike zu verhindern. Ihren Berechnungen zufolge würden sonst 3 Mio. Schafe jedes Jahr daran kläglich verenden.

Wer hier noch ein kleines bißchen tiefer gehen möchte, kann sich auf dem Blog „Mulesing & Welfare“ umschauen. Dort wird das Thema sehr sachlich, ebenfalls ohne Bilder und leicht verständlich (auf Englisch) aufbereitet. Über den Autor steht dort allerdings nur, dass er ein französischer Master-Student im Animal Welfare Program der Uni in Vancouver (Kanada) ist. Ein Impressum ist nicht zu finden, ich kann also die Vertrauenswürdigkeit nicht einschätzen. Die Art der Darstellung des Themas erscheint mir jedoch fundiert und vertrauenswürdig.

Mulesing war seit seiner Einführung umstritten

Seit das Verfahren in Australien eingeführt wurde, wurde es auch von vielen Farmern als grausam abgelehnt. Alternative Verfahren wurden gesucht und gefunden, aber keines schien so erfolgreich Flystrike zu verhindern wie das Mulesing (dazu weiter unten mehr).

Am Ende setzte sich Mulesing aber trotz der Grausamkeit durch. Das lag zum einen wohl an der Effizienz, mit der Flystrike verhindert werden kann, zum anderen wohl aber auch an einer ordentlichen Portion Lobbyarbeit.

Mein persönlicher Eindruck ist hier (und ich kann mich hier durchaus irren): Durch das Etablieren der Dienstleister hatten die Schafhalter einen Schritt mehr Abstand zur Grausamkeit, und die Einführung fiel ihnen vielleicht einen Tacken leichter. Wenn ich meinen Tieren nicht selbst wehtun muss, sondern es andere für mich tun, ist mir das Leid nicht ganz so nah. Zudem: wenn ich nicht 100 oder 500 Tiere versorgen muss, sondern 6000, dann bewegen sich auch handling und Logistik in einem ganz anderen Rahmen und bilden eine ganz andere Entscheidungsgrundlage.

Alternativen: Pest oder Cholera oder ganz viel Arbeit

Was sind denn nun die Alternativen? Die Schafe nicht dem Mulesing unterziehen, dafür aber riskieren, dass sie elendiglich an Flystrike zugrunde gehen? Es erscheint mir wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Praxis ist entsetzlich, das steht außer Frage. Aber kein Mulesing durchführen und die Schafe verenden zu lassen erscheint mir auch nicht die richtige Lösung.

Über die Jahre, ich sagte es schon, gab es viele Ansätze für alternative Verfahren. Nicht alle davon waren weniger schmerzhaft, und keines war so überzeugend, dass es wirklich Fuß fassen konnte. Im Folgenden gebe ich eine Übersicht dazu, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Man kann die Verfahren grob in zwei Kategorien unterteilen: Verfahren, die Haut entfernen und Verfahren, die keine Haut entfernen.

Entfernung der Haut durch andere Verfahren

Verwendung von Clips

Ähnlich wie bei der Gummiring-Methode, mit der hierzulande die Schwänze kupiert (gekürzt) werden, setzt man spezielle Clips ein, die die Hautfalten abklemmen. Dadurch wird die Durchblutung verhindert, die Haut stirbt ab und vernarbt. Auch diese Methode ist wohl schmerzhaft. Zieh Dir mal einen Gummi oder eine Schnur eng um einen Finger für ein paar Minuten und probier es aus.

Chemisches Mulesing

Im Jahre 1938 meldete ein Tierarzt namens Lewis Manchester eine Methode zur Prävention von Flystrike bei Schafen zum Patent an (Manchester Verfahren). Dabei wird derselbe Hautbereich wie beim Mulesing mit einer stark ätzenden Flüssigkeit (z. B. Kalilauge) betupft, und zwar so lange, bis die Wolle anfängt sich aufzulösen. Wer schon einmal die Warnhinweise auf einer Flasche Kalilauge gesehen hat, wird ahnen können, dass diese gezielte Verätzung höllisch weh tun muss. Der Heilungsprozess kann sich bis zu 11 Wochen hinziehen – das sind fast 3 Monate. Zum Vergleich: Die Wunde nach dem Mulesing ist meist nach ca. 5 Wochen abgeheilt.

Durch die verlängerte Wundheilung waren die Schafe auch noch länger anfällig für Flystrike. In der Literatur wird berichtet, dass die Personen, die die Tiere so behandelten, diese Methode grausam fanden.

Neben Kalilauge wurde auch mit Quaternären Ammoniumverbindungen sowie Phenol und anderen Proteine denaturierenden Substanzen experimentiert. Diese Substanzen mussten allerdings in Dosen verwendet werden, die teilweise für die Tiere tödlich und auch für die Operatoren nicht ungefährlich waren (Aufnahme über die Haut in den Körper). Es wurden zwar Applikatoren für diese Methode entwickelt und patentiert, aber so richtig fassten auch all diese Varianten nicht Fuß. Offenbar waren sie arbeitsintensiver und auch weniger effektiv als das Mulesing.

Kältebehandlung

Das Entfernen von Hautbereichen durch Erfrierungen wurde ebenfalls erprobt. Dafür wurden zum Beispiel Brandeisen verwendet, die in einer Mischung aus Trockeneis und Methanol gekühlt waren (bis -70 °C). Alternativ wurde die Haut mit Flüssigstickstoff (-196 °C) oder cryogenen Gasen behandelt, allerdings führte das nicht zu einer dauerhaften Verhinderung des Wollwachstums. Alles, was oberhalb von -20 °C blieb, führt zu unvollständiger Nekrose des Gewebes. Die Haut konnte sich somit wieder regenerieren (was an sich schon ein kleines Wunder ist) und somit irgendwann auch wieder Wolle produzieren. Eine solche Behandlung hätte also in regelmäßigen Abständen wiederholt werden müssen (während bei Mulesing nur ein Eingriff erforderlich ist). Und da sind wir wieder bei den enormen Herdengrößen und den damit verbundenen logistischen Schwierigkeiten.

Ionisierende Strahlung

Zwischen 1987 und 1991 wurden über 5 Mio. Dollar ausgegeben für Versuche mit ionisierender Strahlung an über 1000 Schafen. Durch die Strahlung konnte zwar das Wollwachstum zunächst unterbrochen werden, allerdings konnte sich die Haut auch hier nach einer Weile wieder erholen und es kam erneut zu Wollwachstum (und somit der Gefahr des Flystrike). Wenn die Strahlungsdosis erhöht wurde, um die Regenerationsfähigkeit der Haut komplett zu zerstören, kam es zu verstärkter Vernarbung. Die Narben und der Heilungsprozess waren offenbar auch schmerzhaft für die Tiere, und während der Heilung waren sie aufgrund der gebildeten nässenden Wunde wiederum anfälliger für Flystrike.

Photodynamische Therapie

Beim Menschen wird photodynamische Therapie beispielsweise bei der Behandlung von Hautkrebs eingesetzt. Betreffende Hautpartien werden mit einer speziellen Creme bestrichen, deren Wirkstoff in die Haut eindringt. Wird die Haut anschließend mit Licht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt, kommt es zur Freisetzung von aggressivem Sauerstoff (Sauerstoff-Radikale, sog. photodynamischer Effekt), der wiederum die behandelten Hautzellen zum Absterben bringt.

Bei den Schafen wird das ähnlich gemacht. Die gewünschte Region (d. h. der Po) wird geschoren, mit einer Substanz bestrichen (5-Amino-Levulinsäure, wen es interessiert) und nach 3- 10 Stunden mit sehr hellem rot-gelbem Licht (600 – 700 nm, d. h. im sichtbaren Spektrum) bestrahlt. Hierbei wird gezielt die Haarwurzel zerstört. In einem Feldversuch 1999 – 2001 konnte gezeigt werden, dass diese Methode fast genauso gut vor Flystrike geschützt hat wie das Mulesing. Ob dieses Verfahren für die Tiere schmerzhaft war, ging leider nicht aus dem Artikel hervor. Trotz dieser verheißungsvollen Ergebnisse hat diese Methode bis heute nicht Fuß gefasst.

Enzymatische Behandlung der Haut

Ein sehr interessanter Ansatz ist die Behandlung der Haut mit natürlich vorkommenden Enzymen*. Forscher hatten herausgefunden, dass sie mit bestimmten Enzymen (Collagenase, ein Collagen-abbauendes Enzym, und sog. Matrixmetalloproteinasen) ganze Follikel aus der Haut isolieren konnten. Die so isolierten Follikel waren nicht mehr lebensfähig – also perfekt, wenn man das Wollwachstum verhindern will.

Was hat man nun gemacht? Man hat in den betroffenen Bereich eine Collagenase-haltige Lösung in die Haut injiziert. Die daraufhin eintretende Reaktion war anscheinend vergleichbar mit dem, was auch nach dem Mulesing-Eingriff mit der Haut passiert – aber ohne die Schmerzen. Offenbar setzte aber einige Wochen nach der Behanldung wieder etwas Wollwachstum ein, sodass man von dieser Methode auch nichts wieder gehört hat.

*natürlich vorkommend meint in diesem Fall vermutlich: Collagenasen und Matrixmetalloproteinasen kommen natürlicherweise in den Geweben vor. Für die Injektionen wurden aber sicher biotechnologisch hergestellte Enzyme verwendet. Wenn man die natürlichen Enzyme verwenden will, muss man sie aus irgendwas isolieren (so wie früher Insulin aus Schweinepankreas). Dafür bräuchte man dann wieder ganz schön viel Schafhaut und hätte eine Menge Arbeit. Biotechnologisch ist verlässlicher und skalierbarer.

Alternativen ohne Entfernung oder Behandlung der Haut

Scheren und Beobachten

Durch häufigeres Scheren des Hinterbereiches der Schafe wird verkotete und urin-verfärbte Wolle vom Schaf entfernt und so die Attraktivität für die Fliegen herabgesetzt.
Die praktische Umsetzung dürfte allerdings viel Arbeit bedeuten (und wieder: Stichwort Herdengröße), und häufigeres Scheren alleine reicht nicht aus, um Flystrike in den Griff zu bekommen. Zusätzlich müsste der Schafhalter das Wetter im Auge haben (wegen der Feuchtigkeit) sowie den Jahreszyklus und das Vorkommen der Fliegen in seinem Weidegebiet. Bei verstärktem Fliegenaufkommen muss er seine Tiere häufiger überprüfen, um einen Befall rechtzeitig erkennen und versorgen zu können. Die Verwendung von speziellen Fliegenfallen kann die Anzahl der Fliegen im Weidegebiet drastisch reduzieren.

Verwendung von Insektiziden

Insektizide werden häufig eingesetzt, um Schafe vor Ektoparasitenbefall zu schützen. Dafür werden die Schafe einer Tauchprozedur unterzogen (engl dipping), bei der das komplette Schaf für eine Weile untergetaucht wird (auch der Kopf). Es gab bei Nordwolle vor einer Weile mal ein Video dazu (Achtung, die Bilder sind echt nicht schön! Marco reagiert auf Sheep Dipping).

Das Ding ist folgendes: Insektizide sind halt giftig. Es sind z. B. Organophosphate oder organische Fluorverbindungen, die, wenn sie aus dem Vlies ausgewaschen sind, zu weiteren giftigen Verbindungen abgebaut werden können und in den Boden gespült werden.

Züchterische Selektion

Die Züchtung von Schafen, die keine Falten haben und idealerweise am Hinterteil auch nicht bewollt sind, wäre natürlich die beste Lösung. Es gibt einige Schafrassen, die diese Ausstattung schon haben (z. B. Wiltshire Horn, Border Leicester). Allerdings können prinzipiell auch andere Körperteile als die After-Region von Flystrike betroffen sein, sodass selbst faltenfreie Schafe ohne Bewollung am Hinterteil immer noch nicht komplett vor Flystrike geschützt wären.

Neueste Forschungen untersuchen, wie man durch genetische Selektion von Schafen mit bestimmten immunologischen Eigenschaften die Anfälligkeit für Flystrike reduzieren kann. Diese Anfälligkeit kann sich nämlich auch im Immunsystem zeigen – manche Schafe haben bei Madenbefall eine Immunreaktion, die den Befall eindämmen kann, und manche eben nicht. Die züchterische Selektion robusterer Tiere ist allerdings ein längerer Prozess.

Impfung

Eine Impfung mit Larven-Antigenen kann offenbar den Fliegenbefall sowie die Größe der entstehenden Wunden reduzieren. Wie der Mechanismus genau funktioniert, weiß man noch nicht. In die Entwicklung von Impfstoffen hatte man große Hoffnungen gesetzt, aber offenbar ist der große Durchbruch bis heute nicht gelungen.

Der heutige Stand der Dinge

Fakt ist: Mulesing ist in Australien Regeln unterworfen, die sowohl Anforderungen an die Qualifikation der durchführenden Personen stellen als auch die Anwendung von Schmerzmitteln vorschreiben – wenn auch nur in einem bestimmten Altersfenster (wie oben schon einmal beschrieben).

Auf öffentlichen Druck sollte das Verfahren in Australien ab 2010 verboten werden. Jedoch wurde diese Entscheidung Ende 2009 wieder zurückgenommen, weil die heilbringende Alternative (nämlich ein Impfstoff, auf den man gesetzt hatte), sich nicht materialisierte. 

In Neuseeland ist die Praxis hingegen seit dem 01. Oktober 2018 verboten. Dort hat man durch eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen (hauptsächlich Züchtung) geschafft, den Flystrike anderweitig in Schach zu halten.

In Australien hofft man heute immer noch auf das Flystrike-Vakzin und überlegt eine neue Deadline zur Abschaffung des Mulesing in 2030. Ob diese Deadline wirklich offiziell wird, weiß man nicht, denn es ist längst nicht sicher, ob bis dahin ein verlässlich wirksames Vakzin verfügbar sein wird.

Nun liegt es an den Schafhaltern, sich nach Alternativen umzusehen und sie einzusetzen, um ihre riesigen Herden vor Flystrike zu schützen und gleichzeitig kostendeckend zu arbeiten.

Die Tierschutzvereinigung Vier Pfoten zitiert einen von ihnen beauftragten Bericht, der die Umfragedaten von 97 Schafhaltern aus Australien auswertet, die z. B. mit genetischer Selektion eine Abkehr vom Mulesing geschafft haben
(der Bericht „Towards a non-mulesed future“ und aufbereitet als Blogartikel).

Diesen Artikel habe ich nur unter Vorbehalt gelesen, und ich zitiere ihn hier nur um zu zeigen, dass es durchaus züchterische Bemühungen gibt, in Zukunft mulesingfrei zu arbeiten. Meine Bedenken sind folgende:

  • Punkt 1: Er ist von Vier Pfoten in Auftrag gegeben worden. Wie unabhängig die mit der Umfrage und dem Bericht beauftragte Organisation ist, kann ich nicht beurteilen. Der Bericht zeigt nur Ergebnisse, die mit den Werten und Zielen von Vier Pfoten übereinstimmen und keine Kritikpunkte.
  • Punkt 2: Der Bericht enthält keine Rohdaten, und auch in das Fragendesign oder die Rücklaufquote erhält man keinen Einblick. Wie aussagekräftig oder repräsentativ er ist, geht aus dem Bericht nicht hervor. Schlecht designte Fragen und eine nicht repräsentative Rücklaufquote verfälschen das Bild.
  • Punkt 3: Mich macht etwas stutzig, dass innerhalb von 5 Jahren Zuchterfolge erzielt worden sein sollen. Normalerweise ist Zuchtarbeit eine Lebensaufgabe für einen Schäfer. In 5 Jahren sind gerade einmal 5 Generationen Schafe umfasst, das ist züchterisch sehr wenig. Bei der Zucht gibt es keine schnellen Lösungen und auch keine Abkürzungen.

Entscheidet selbst, ob ihr diesem Bericht Vertrauen schenkt oder nicht. Ich bin skeptisch. Wenn das so einfach und auch noch profitabel wäre, warum machen es dann nicht längst alle?

Mulesing – geht das auch in Deutschland?

Zuallererst: In Deutschland verbietet das Tierschutzgesetz, mit Schmerzen verbundene Eingriffe an Wirbeltieren ohne Betäubung durchzuführen (§ 5). Nach der Nutztierhaltungsverordnung muss jedes Tier jeden Tag in Augenschein genommen werden, und es darf ihm kein Leid zugefügt werden. Mulesing ist also nicht explizit verboten, aber die geltenden Vorschriften machen es de facto aus meiner Sicht unmöglich. (Ein explizites Verbot von Mulesing, so wie es in verschiedenen Blogartikeln behauptet wird, habe ich nicht gefunden.)

Bei in Deutschland gehaltenen Merinoschafen handelt es sich zudem meistens um Merinolandschafe oder Merinofleischschafe. Diese Merinoschafe unterscheiden sich genetisch (und auch äußerlich, also phänotypisch) von den Australischen Merinos. Deutsche Merinos haben weniger Falten und sind dementsprechend weniger anfällig für Flystrike, sodass Mulesing bei ihnen auch nicht erforderlich ist.

Mulesingfreie Wolle – gibt es eine Zertifizierung?

Nach diesem Artikel von Vier Pfoten sind schon über 3000 Australische Schafhalter als Mulesing-frei zertifiziert. Wer dieses Zertifikat allerdings ausstellt und was die Zertifizierung beinhaltet, konnte ich leider nicht herausfinden. Möglicherweise war auch einfach nur die Meldung an das National Wool Declaration-System damit gemeint (offenbar wird hier erfasst, welchen Mulesing-Status eine Wolle hat).

Bei der Recherche für Zertifizierungen ist mir der Responsible Wool Standard begegnet, der hohe Standards für die gesamte Lieferkette festlegt (und hier noch ein Artikel auf Deutsch).

Mein Fazit: Es ist nicht schwarz-weiß. Und ich habe noch Fragen.

Schafhaltung in Australien funktioniert anders als hier in Deutschland. Während in Deutschland die durchschnittliche Herde ca. 160 Tiere umfasst (Stand 2017) und der Tierschutz vorsieht, dass die Tiere täglich überprüft werden müssen, ist das in Australien bei den dortigen Herdengrößen (zwischen 2000 und 6000 Tieren, je nach Region) teilweise gar nicht möglich. Oft sind die Tiere sich selbst überlassen und werden nur 1x im Jahr zur Schur mit Hubschraubern und Pferden zusammengetrieben (so wurde es mir berichtet von einer Spinn-Kollegin, die mal einige Jahre in Australien gewohnt hat). Das Schlüsselwort ist hier Massentierhaltung, und zwar in Kombination mit Zucht auf maximalen Wollertrag pro Tier. Der Begriff „Überzüchtung“ springt mir auch in den Kopf.

Woher kommen diese riesigen Herdengrößen? Ich vermute: Es ist ein Zusammenspiel zwischen riesigem Wollbedarf und der Entfernung des Menschen vom Schaf als Lebewesen. Wie auch Tiere in der Massentierhaltung für die Lebensmittelproduktion werden Schafe als eine Art Commodity behandelt. Etwas, was man optimieren kann. Maximaler Ertrag bei minimaler Weidefläche. Wissenschaftlich in Zahlen gepresst. Wenn ich den Wollertrag pro Tier um X Gramm erhöhen kann, dann kann das Endprodukt um Y Dollar günstiger verkauft werden.

Wenn ich eine Herde mit 6000 Tieren habe und 3 Mitarbeiter, dann ist einfach mal klar, dass ich nicht jedes Schaf jeden Tag ansehen kann. Dann bleibt mir als Schafhalter, wenn ich mit den Tieren, die ich nun mal habe, wirtschaftlich arbeiten will, vielleicht nichts anderes übrig als „Augen zu und durch“. Einmal Mulesing und das Schaf ist ein Leben lang geschützt – zumindest vor tail strike. Das ist doch wirtschaftlicher und weniger aufwändig, als ständig Popos zu scheren und Schafe zu dippen. Zumal sie ja definitiv auch leiden, wenn sie befallen werden.

Die Triebkraft dahinter, der Maximierungsdruck, kommt vielleicht noch nicht mal von den Farmern und Schafhaltern selbst. Ich möchte nicht jedem Farmer Gier unterstellen, denn ich glaube nicht, dass er (oder sie) mit Wolle so richtig reich werden kann. Vielleicht entspringt dieser Druck eher aus der in der Verarbeitungskette dahinterliegenden Industrie. Er entspringt vielleicht aus der Tatsache, dass die Menschen heute weit entfernt sind von den Prozessen, die ihnen Kleidung und Essen bringen. Dass fast niemand mehr den gesamten Herstellungsprozess von vorn bis hinten selbst durchführt, sondern alles zerstückelt und über den Globus verteilt ist.

Wäre Mulesing denn akzeptabel, wenn es nicht nach dem Gießkannenprinzip bei jedem Schaf prophylaktisch durchgeführt würde, sondern unter Verwendung von ausreichenden (!) Mengen Schmerzmitteln und nur dann, wenn die Inzidenz für Flystrike andernfalls nachweislich sehr hoch ist? Wo ist die Grenze?

Selbst jetzt, obwohl ich mich lange und intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe, kann ich immer noch nicht einschätzen, ob das durch Flystrike verursachte Tierleid nicht doch größer wird, wenn Mulesing sofort gestoppt wird. Das Stoppen des Mulesing alleine reicht vielleicht gar nicht aus, wenn die Herden gleich groß bleiben.

Mulesing hängt offenbar auch eng mit der Herdengröße zusammen. Müsste man dann nicht die Herdengrößen verringern? Geht das überhaupt? Sind nur so große Herden wirklich wirtschaftlich? Muss man sich vielleicht einfach mal von der beliebigen Skalierbarkeit landwirtschaftlicher Produkte verabschieden und akzeptieren, dass nicht immer alles jederzeit in unbegrenzer Menge verfügbar ist? Weil Wolle mehr wert ist? Auf der anderen Seite: sehr große Herden gab es auch schon, als Australien noch gar keine Kolonie war… Es ist einfach nicht schwarz weiß.

Für mich ist klar: Ich will das nicht. Ich will nichts aus Wolle anziehen und auch nicht verarbeiten, wenn ein Schaf so behandelt wurde. Wie ein Stück leblose Materie. Es erinnert mich an meinen Geschichtsunterricht, im Abitur, als wir Descartes durchgenommen haben. Erinnert ihr euch? Der Typ, der meinte, Tiere sind eher so Automaten und haben keine Seele? Und wenn man sie ohne Narkose seziert, dann sind das keine Schmerzensschreie, sondern einfach nur automatisch ablaufende Reflexe? Das hat mich schon damals gegruselt. Es nannte sich „Aufklärung“.

Und klar, ich kann mich darauf zurückziehen, dass ich sowieso keine Wolle aus Australien trage und verarbeite, sondern in letzter Zeit nur noch regionale Wolle, wo ich sogar die Schafe selbst kenne. Aber reicht das?


Quellenangaben

Hier findet ihr zum Nachlesen und Selbststudium einige Literaturangaben. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, auch nach der Veröffentlichung habe ich viele weitere Quellen gefunden. Eine gute Hilfe sind auch Google Scholar und Research Gate.

Philip Walling “Counting Sheep. A Celebration of the Pastoral Heritage of Britain” ; ISBN 978-1846685057

J Rothwell, P Hynd, A Brownlee, M Dolling, S Williams. Research into alternatives to mulesing. Australian Veterinary Journal Volume 85, No 1, January 2007

CJC Phillips. A review of mulesing and other methods to control flystrike (cutaneous myiasis) in sheep. Animal Welfare 2009, 18:113 – 121. ISSN 0962-7286

AC Kotze and PJ James. Control of sheep flystrike: what’s been tried in the past and where to from here. Australian Veterinary Journal Volume 100 No 1-2, January-February 2022

J Sneddon, B Rollin. Mulesing and Animal Ethics. J Agric Environ Ethics (2010) 23:371-386

P James. Genetic alternatives to Mulesing and tail docking in sheep: a review. Australian Journal of Experimental Agriculture 2006 (46) 1-18.

THE STRUCTURE AND DYNAMICS OF AUSTRALIA’S SHEEP POPULATION. https://www.agriculture.gov.au/sites/default/files/sitecollectiondocuments/animal-plant/animal-health/livestock-movement/sheep-movement-ead.pdf

The Western Australian Sheep Industry
https://www.agric.wa.gov.au/sites/gateway/files/WA%20Sheep%20Industry%20booklet%202017.pdf

Industry projections 2021 (Meat & Livestock Australia)
https://www.mla.com.au/globalassets/mla-corporate/prices–markets/documents/trends–analysis/sheep-projections/mla-june-update-sheep-industry-projections-2021.pdf?utm_campaign=197809_Sheep%20flock%20to%20increase%20to%20over%2068%20million&utm_medium=email&utm_source=Meat%20%26%20Livestock%20Australia&dm_i=4PKB,48MP,8YMQ6,ET3H,1

Changes in the demographics of the NSW sheep flock
https://www.dpi.nsw.gov.au/__data/assets/pdf_file/0011/543548/Paper-2-demographics-with-ageing-appendix.pdf

Edwards L. “Lamb mulesing: Impact on welfare and alternatives” February 2012CAB Reviews Perspectives in Agriculture Veterinary Science Nutrition and Natural Resources 7(061) DOI:10.1079/PAVSNNR20127061

C Lee, AD Fisher Welfare consequences of mulesing of sheep (Abstract) First published: 13 March 2007

Ist Wolle nachhaltig? Ein Fragegewitter.

Wolle ist nachhaltig. Das kann man in jeder Werbebroschüre zum Thema lesen. Mir gehen in letzter Zeit dennoch ziemlich viele Fragen dazu durch den Kopf. In diesem Artikel gebe ich keine Antworten. Nur Anregungen zum Weiterdenken und miteinander diskutieren.

Ist Wolle nachhaltig?

Ist Wolle nachhaltig, weil sie ein nachwachsender Rohstoff ist?

Ist Wolle immer nachhaltig?

Wann ist Wolle nachhaltig?

Ist Wolle noch nachhaltig, …

  • … wenn sie einmal um den Globus geschifft wurde?
  • … wenn sie mit umweltschädlichen Chemikalien behandelt wurde, um maschinenwaschbar zu sein?
  • … wenn sie mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Stoffen gefärbt wurde?
  • … wenn sie als Wegwerfprodukt eingesetzt wird?
  • … wenn sie mit Chemiefasern gemischt wird?
  • … wenn sie regional erzeugt wurde, dann aber entsorgt werden muss, weil ihre Qualität nicht der von australischer Merino entspricht?
  • … wenn sie von riesigen Herden stammt (Stichwort Massentierhaltung), die aber frei und artgerecht leben können?
  • … wenn die Tiere dafür so auf maximalen Wollertrag gezüchtet wurden, dass ihnen Hautlappen entfernt werden müssen, um Parasitenbefall zu verhindern?
  • … wenn das Tier als Gebrauchsgut betrachtet wird, in das man einen Betrag x als Futter und Pflege investiert und dann einen Betrag y für Fleisch und Wolle bekommt? (Damit meine ich nicht die reine Wirtschaftlichkeit. Landwirtschaft funktioniert sonst nicht.)

Muss man für wirkliche Nachhaltigkeit nicht das gesamte System betrachten? Tier, Landschaft und Mensch?

Was ist nachhaltig?


Jahresrückblick 2021: Wolle. Bloggen. Eigene Website.

Was für ein verrücktes Jahr! Es war kein schnelles, kein hektisches, aber eines mit Unwägbarkeiten. Mit Unsicherheiten. Mit Neuanfängen. Und mit viel Wolle 🙂 . Einen großen Anteil an den Unwägbarkeiten hatte natürlich Corona. Aber darum soll es in meinem Jahresrückblick 2021 gar nicht gehen, sondern vielmehr darum: Was habe ich draus gemacht? Und ich finde: Ich habe einen tollen Anfang gemacht. Was das für ein Anfang ist, weiß ich noch nicht so genau. Aber der Samen ist gelegt, die Erde ein bißchen festgeklopft, und jetzt heißt es : Gießen, abwarten, Tee trinken und ab und an mal nachsehen. Unkraut ziehen und Schnecken absammeln.

Ich bin ja kein Fan von Neuahrsvorsätzen und Mottos, aber wenn ich mir ein Motto gegeben hätte, dann wäre es wahrscheinlich dieses gewesen: Einfach mal machen. Könnte ja gut werden… Manche Samen werden aufgehen, andere vielleicht nicht. Das wird sich zeigen.

Wenn ich mein 2021 also in wenigen Worten zusammenfassen sollte, dann wären es diese:

Wolle. Bloggen. Eigene Website.

Mein 2021 in vier Worten

Meine Pläne für 2021 – es gab sie nicht wirklich

Feste Ziele hatte ich für 2021 nicht vor Augen – vor dem Hintergrund des Großen C erschien mir das nicht wirklich sinnvoll. Die Dinge zu nehmen, wie sie kommen und einfach den Kopf über Wasser halten zu können, das war mir Ziel genug. Und wie sich herausstellte, war das auch eine gesunde Einstellung. Nichts war wirklich planbar und die meisten Dinge habe ich frei fliegend gehandhabt.

Auf einer Seite in meinem Bullet Journal standen im Januar so Dinge wie

  • “Wollprojekt – Recherche”,
  • “Japanischen Färberknöterich anbauen und vielleicht damit färben”,
  • “vom Schaf zum Pullover”,
  • “Zeitreihe färben”,
  • “Wollvorrat abbauen “ und
  • “bei einer Schafschur mitmachen”.

Einiges davon konnte ich in Angriff nehmen, anderes wartet auch im nächsten Jahr noch auf mich. Und wieder anderes war Anfang des Jahres noch gar nicht absehbar – wie zum Beispiel dieser Blog hier 🙂

Wolle – es ist alles nicht so einfach

Regionales Garn herstellen mit Elke von Tulliver Yarn

Das wohl größte Abenteuer dieses Jahr war die Weiterführung des Projekts #regionalewolle, in das ich mit Elke von Tulliver Yarns aufgebrochen bin. Wir hatten auf Elkes Blog schon darüber berichtet: In 2020 hatten wir bereits mehrere Schafschuren besucht, Wollproben verschiedener Schafrassen gesucht und gefunden, aus denen ich Spinnproben anfertigte. Mit den vielversprechendsten Kandidaten fuhren wir dann zur Kleinen Spinnerei, um ein erstes Gefühl für mögliche Garne zu bekommen (wir berichteten hier).

31 kleine Stränge verschiedenfarbiger Garne, alle handgesponnen, liegen auf einem Lattentisch.
Die 31 Spinnproben, die ich für unser Projekt angefertigt habe.

Anfang des Jahres 2021 hatte ich dann eine große Kiste voller selbst gesponnener Garnproben von Schafen aus der Umgebung, erste sehr schöne Garne aus der Kleinen Spinnerei und einen Sack voll vielversprechender Wolle, von der ich Ende 2020 einen Teil zum Test-Waschen geschickt hatte – schließlich mussten wir erst mal in Erfahrung bringen, ob das Waschverfahren des vorgesehenen Dienstleisters die Fasern so sauber bekommt, dass sie von einer Spinnerei verarbeitbar sind.

Nach über 2 Monaten kam sie dann Ende Januar zurück – und wir mussten leider feststellen, dass sie zwar gewaschen war, aber sauber war sie nicht. Die Wolle war grau statt weiß, und aus den verklebten Spitzen rieselte immer noch Dreck. So konnte sie nicht zur Spinnerei, und wir waren froh, erst mal nur eine kleine Menge beauftragt zu haben, so waren die finanziellen Verluste verschmerzbar. Der Plan ist also nicht aufgegangen und wir mussten alles nochmal auf Anfang setzen.

Unsere ersten Pilot-Garne aus der Kleinen Spinnerei – das war definitiv ein Highlight!

Wir sprachen also weiter mit Wollverarbeitern, halfen wieder bei Schafschuren mit und recherchierten die Logistik, die erforderlich ist, Wolle eines Schäfers von A nach B zu schaffen. Besuche bei Spinnereien mussten wir aufgrund des Lockdowns auf unbestimmte Zeit verschieben. Aber wir haben weiter Kontakte geknüpft, unter anderem mit der Elbwolle, und daraus entsprang schließlich die erste Charge Tulliver Sheep Brandenburger Merino, parallel zu Lockdown und Co. Das Garn war im Juli fertig gesponnen und ein Teil musste dann noch einen Umweg über die Färberei nehmen. Anfang September war es endlich (auf Konen gewickelt) bei Elke in der Werkstatt (hier ist ihr Instagram Post dazu).

Für Elke begann damit die Arbeit erst so richtig: Probefärbungen, Logo und Etiketten machen, Garne von den Konen abhaspeln und nochmal waschen, fotografieren, in den Shop stellen…parallel zu allem, was halt sonst noch so anfiel in dieser verrückten Zeit. Es war schon echt eine Menge Arbeit. Unglücklicherweise war ich zu dieser Zeit familiär sehr stark eingebunden und musste etwas kürzer treten, so dass die große Release-Party einfach mal nicht drin war. Aber auch das fällt für mich unter Nachhaltigkeit: achtsam mit den eigenen Ressourcen umgehen.

Schafschuren und was ich über Wolle und Wollverarbeitung gelernt habe

Parallel zum Garnprojekt haben Elke und ich über den Sommer verteilt wieder bei mehreren Schafschuren mitgeholfen, zum Beispiel bei Sigis Schafen und bei Carina. Ich habe Wolle sortiert, mein erstes Vlies auf den Sortiertisch geworfen (yay!) und mein Auge und meine Finger geschult, was gute Wolle ist und was nicht (o Mann, die Shropshires aus 2020…das war im Vergleich zu Carinas Coburger Füchsen die reinste Fakir-Wolle, die wohnen in einer Tannenbaumplantage!). Durch Sigis Bunte Skudden habe ich sogar mal einen Abstecher in Vererbung und Genetik gemacht (und dazu einen Blogartikel geschrieben 🙂 )

Kathrin steht vor einer Wiese, auf der im Hintergrund kleine weiße Skudden stehen und grasen. Es liegt gelbes Laub auf dem Boden.
Zu Besuch auf dem Skuddenhof Weseram – Herr Behling wusste zu berichten, dass die Skudden in der Pandemiezeit tatsächlich scheuer geworden sind, weil eindeutig weniger Besucher auf dem Hof waren als in den Jahren davor.

Ich bekam ein besseres Gefühl für die Dimensionen von Wolle. Ein Big Bag voll wiegt 50 kg, den kann ich nicht mehr bewegen, geschweige denn ihn in ein Auto hieven. Das Wissen, was gute Wolle ist, kann man sich nicht anlesen, man muss es praktisch lernen (wie gut, dass ich einen Weiterbildungskurs zum Thema „Schafhaltung und Verarbeitung der Produkte in der heutigen Zeit“ belege und sogar praktische Anleitung bekomme). Kaum jemand macht sich noch die Mühe, seine Wolle bei der Schur zu sortieren. Das ist aber zwingend notwendig, wenn man ein gutes Produkt bekommen will.


Was habe ich gelernt?

  • In Deutschland fehlt ein zentrales Wool Marketing Board, so wie es in Großbritannien gemacht wird. Die Schäfer dort können auch kleinere Mengen hinbringen, es wird rund ums Jahr in riesigen Hallen sortiert. In Deutschland gibt es einzelne Initiativen (man denke nur an die Sammelstellen von Nordwolle), aber keine zentrale Einrichtung.
  • Das Wissen um gute Wollqualität (und wie man sie erreicht) verschwindet. Woll-Sortierer gibt es in Deutschland meines Wissens nicht mehr, in Großbritannien (und ich glaube auch Norwegen) ist es hingegen ein Ausbildungsberuf, der viel Erfahrung und eine lange Ausbildung erfordert.
  • Es gibt regulatorische Auflagen, die beachtet werden müssen. Sobald Wolle von mehr als einem Schäfer an einem Ort lagert, sind regulatorische Auflagen der EU im Spiel, die für Einzelpersonen kaum zu händeln sind, erst recht nicht für die Schäfer und Schafhalter, die ohnehin schon sehr viele Auflagen haben.

Bloggen und meine eigene Website – steile Lernkurven inklusive

Damit ich von meinem Projekt und all meinen Spinnereien auch erzählen kann, hatte ich im Mai die Idee, dass ich das doch auch in einem Blog tun könnte. Kann ja nicht so schwer sein (gnihihi…seufz). Also hab ich mir im Juni diese schöne Domain besorgt und mich auf die Suche nach einem hoster gemacht. Klingt immer so einfach und schnell, isses aber nicht, vor allem, wenn man wie ich nur ein rudimentäres Verständnis davon hat, wie das Internet funktioniert. Bis ich eine ungefähre Vorstellung hatte, was ein authorization header ist und was der macht…ach, nicht fragen. Ich hab es schon wieder vergessen.

Kathrin sitzt am Rechner, mit einer Kaffeetasse in der Hand, und lächelt in die Kamera. im Hintergrund ist auf dem Bildschirm Judith Peters von der Content Society zu sehen sowie ein Bücherregal.
Hier bin ich gerade der Content Society beigetreten – ein Glück hab ich das in einem Bild festgehalten! Beim Bilder machen muss ich echt noch üben…

Im Hintergrund läuft eine Menge, bis so ein Blogartikel mal auf der Website ist. Die Lernkurve für mich war steil, aber mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden, auch wenn ich erkennen musste, dass ein Blog ein work in progress und niemals wirklich fertig ist.

Und weil das Bloggen in einer Community einfach leichter ist, habe ich bei einigen Blog-Challenges mitgemacht und bin letztlich in The Content Society gelandet. Hier finde ich viel Inspiration und habe eine Blog Buddy, mit der ich mich regelmäßig austausche und Ideen-Ping-Pong spiele. Ohne sie wäre z.B. mein Artikel über Fairy Lights nie erschienen 🙂

Screenshot des Blogbeitrages "Wohin nur mit der ganzen Wolle? Was man mit Schafwolle alles machen kann" auf der Seite des Brandenburger Wolle Netzwerkes. Auf dem Beitragsbild sind bunte Skudden vor der Schur zu sehen.
Einer meiner Gastbeiträge auf dem Blog des Brandenburger Wolle Netzwerkes.

Gebloggt habe ich nicht nur auf meinem eigenen Blog, sondern auch beim Brandenburger Wolle Netzwerk, wo es für Interessierte immer wieder Infos rund um Brandenburger Wolle gibt.

All meine anderen Spinnereien

Spinnen

Auf meinem eigenen Blog konnte 2021 endlich ich mein allererstes Faser-Experiment, das stark gekürzt in der Zeitschrift der Handspinngilde veröffentlicht wurde, in aller epischen Ausführlichkeit veröffentlichen. Ich hatte ich beschrieben, dass es leichte Unterschiede zwischen den Fasern verschiedener Schafrassen gibt, was die Farbstoffaufnahme angeht. Sofort schwebte mir auch #dasexperimentnr2 vor Augen: Es soll eine Weiterführung von #dasexperimentnr1 werden, nämlich eine Zeitreihe, die zeigen soll, wie schnell verschiedene Fasern die Farben über die Zeit aufnehmen.

Also habe ich Anfang 2021 flugs ein paar Überlegungen angestellt, benötigte Fasermengen überschlagen und beim Händler des Vertrauens ein Paket Wolle bestellt. Frohen Mutes begann ich also im 1. Quartal zu spinnen. Das Garn wurde auch schnell fertig, aber dann blieb es doch erst mal liegen (da kam irgendwie der Blog dazwischen…). Zwar habe ich jetzt einen Färbetopf, aber um den Versuch durchzuführen, müsste ich dann doch die Familie mal für zwei Tage aus der Küche verbannen und vielleicht die Nummer vom Pizzadienst raussuchen…Nun ja, wir werden sehen. Das ist eines der Projekte, das ich definitiv mit nach 2022 nehme.

leuchtende ummantelte Lichterkette vor einem Tannenzweig
Mit Fasern umsponnene Lichterketten (engl. Fairy Lights) – machen riesig Spaß und sind ein klasse Geschenk!

Wenn ich für das Spinnen eine bucket list hätte, dann wären da Fairy Lights drauf. Also, sie wären drauf gewesen, denn mittlerweile könnte ich das streichen. Beim Aufräumen bin ich nämlich Anfang Dezember über die Micro-LED-Lichterketten gestolpert, die ich in 2020 explizit dafür gekauft und dann geschmeidig vergessen hatte…also, youtube geschaut, den großen Flügel ans Spinnrad angebaut, und Schwuppdiwupp – Fairy Lights. Ich konnte gar nicht mehr aufhören und jetzt hab ich erstklassige Weihnachtsgeschenke 🙂 und einen schönen Blogartikel dazu 😉

Färbereien

Anfang des Jahres hatte ich Samen vom Japanischen Färberknöterich geschenkt bekommen. Die Aussaat auf der Fensterbank hat geklappt, die Pflanzen sind super gewachsen und so konnte ich endlich mal eine Methode zum Blaufärben ausprobieren. Das Ganze hat so wunderbar funktioniert, dass ich das im nächsten Jahr unbedingt nochmal probieren will, vielleicht gönn ich den Pflanzen dann sogar etwas mehr Platz und größere Töpfe.

Japanische Färberknöterichpflanzen vor einer grauen Wand im Hintergrund
Der Blütenansatz des Japanischen Färberknöterichs zeigt sich – genau der richtige Zeitpunkt, um die Blätter zu ernten, da jetzt der Farbstoffgehalt am höchsten ist.

Und ganz spontan wanderte im Sommer ein großer Färbetopf zu mir, so dass ich die gerade erblühende Goldrute zum Färben nutzen konnte. Es gab so herrliche Farben, dass ich auch die Goldrute nächstes Jahr nochmal auf meine Färbeliste nehme – vielleicht sogar in Kombination mit dem Färberknöterich, wer weiß. Das gibt bestimmt tolle grün-türkis-Töne…hachz, ich freu mich jetzt schon drauf!

Vier Stränge Garn in verschiedenen Gelb-, Gold- und Grüntönen liegen auf einem Lattentisch.
Mit Goldrute gefärbte Garne – viele verschiedene Gelb-, Gold- und Grüntöne sind möglich.

Und im Herbst gab es noch ein weiteres Experiment, das noch darauf wartet, verbloggt zu werden – Färben mit Lac Dye! Stay tuned 🙂

Ein Topf mit rotem Färbesud, aus dem 3 Stränge Garn in unterschiedlichen Rottönen herausgehoben werden.
Färbung mit Lac Dye – je nach Vorbehandlung sind sehr unterschiedliche Farbtöne möglich.

Meine Highlights – und auch die Lowlights

Zu den Highlights aus 2021 zählt definitiv das Vernetzen: ich habe trotz (oder vielleicht sogar gerade wegen) der Einschränkungen viele neue interessante Menschen kennengelernt. Viele Veranstaltungen, die eigentlich analog vorgesehen waren, wurden auf einmal digital verfügbar und damit auch mir zugänglich. Manche Begegnungen setzten sich sogar im „echten Leben“ fort, und so habe ich z.B. gelernt, wie man Vliese auf den Sortiertisch wirft (leider gibt es da kein Foto von mir, ich muss das nochmal nachstellen…)

Hier ist ein Profi an der Arbeit und wirft mir gerade ein Vlies auf den Sortiertisch. Das lief wie am Schnürchen und machte -trotz der Anstrengung – riesigen Spaß.

Noch ein Highlight, ganz klar: Ich habe alleine meine eigene Website und meinen eigenen Blog aufgezogen. Mit Unterstützung durch die Community und Tipps und Tricks, aber ohne jemanden damit zu beauftragen. Und die Rückmeldungen, die ich bislang bekommen habe, sind durchweg positiv, ich bin also ganz beflügelt, weiterzumachen, und die Ideen sprudeln auch schon für weitere Artikel.

Ich will aber auch nicht verhehlen, dass es durchaus ausgeprägte Lowlights gab. Momente, in denen ich dachte, das kann alles nichts werden. Zum Beispiel, als klar wurde, dass wir eine größere Menge Wolle sowohl finanziell als auch logistisch nicht würden stemmen können und ich dem Schäfer absagen musste. Oder auch als mir dämmerte, wie viel allein 150 kg Rohwolle sind (also weit weniger als die 500kg, ab der die Wäscherei überhaupt Aufträge annimmt) und wie lange eine Person da mit Sortieren beschäftigt ist, wenn das nicht schon bei der Schur beachtet und gemacht wird. Und als ich lernte, dass ein Schäfer nicht einfach so die Schur eines anderen Schäfers auf dem Hof haben kann – dafür braucht er eine Genehmigung, er ist dann nämlich eine Sammelstelle. De facto können sich Schäfer also nur zusammentun, wenn sich einer von ihnen einem behördlichen Genehmigungsverfahren unterzieht.

2 Kleine Big Bags und ein Biertisch mit 16 auferollten, gestapelten Vliesen stehen auf einer Wiese.
Hier ist die Schur einer kleinen Herde von kleinen Schafen. Es hat einen guten Vormittag gedauert, sie zu scheren.
Drei Big Bags voll frischer Schafvliese sowie 8 Müllsäcke, ebenfalls mit Wolle, stehen auf einer Wiese.
Das Ergebnis der Schur von ca. 50 Mutterschafen. 3 Big Bags voll Vliese, sowie einige Plastiksäcke mit farblich sortierten Vliesen und Bauch-Beine-Po-Wolle. Dafür braucht man schon einen kleinen Transporter.

Es ist noch ein weiter Weg, bis Wolle wieder was wert ist, so viel ist sicher.


Mein 2021 in Zahlen

  • 2 – von 12 vor-Ort-Spinntreffen meiner Spinngruppe konnten stattfinden. Der Rest fiel ersatzlos aus.
  • 5 – Anzahl der Schuren, bei denen ich in 2021 dabei war
  • 12 – Anzahl Blogartikel, die ich veröffentlicht habe (2 beim Brandenburger Wolle Netzwerk, 10 hier bei faserexperimente)
  • 14 – Anzahl gesponnene Schafrassen aus der Umgebung (Ostfriesisches Milchschaf in weiß, braun und gescheckt, Merinofleischschaf, Merinolandschaf weiß und braun, Rhönschaf, Suffolk, Ouessant in braun und weiß, Shropshire, Rouge de l’Ouest, Gotländisches Pelzschaf, Ostpreussische Skudde, Shetland, Charollais, Kreuzung Gotländ. Pelzschaf und Rauhwolliges Pommersches Landschaf, Ryeland)
  • 31 – Anzahl Garnproben gesponnen für das Wollprojekt mit Elke
  • 53,55 – Kilo durchsortierte Wolle (leider hab ich mir nur die Mengen von Oktober bis Dezember notiert, aber davor habe ich natürlich auch sortiert!)
Ein neugieriges hellbeiges Schaf schaut hinter den Beinen der Schafhalterin in die Kamera. Beide stehen auf einer grünen Wiese.
Ist das Mähdel nicht flauschig? Eine Kreuzung aus Skudde und Coburger Fuchs, wenn ich mich recht erinnere, und durchaus neugierig 🙂

Und sonst noch? – Gedanken zum Thema „gemeinschaftsgetragen“

Anfang des Jahres kam ich das erste Mal mit dem Thema Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften in Berührung. Klar, von so Gemüseboxen hatte ich schon mal gehört, und dass das so eine Art Abo ist, aber mit dem Konzept dahinter hatte ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Was mich wirklich beschäftigt, ist die Frage, ob man für Schafwolle nicht auch ein gemeinschaftsgetragenes Konzept entwickeln kann. Damit meine ich nicht crowdfunding, das ist zwar hilfreich, aber als Dauerlösung erscheint es mir zu aufwändig. (Ich glaub, dazu schreib ich nochmal einen Blogartikel :-)).
Falls Du Dich auch mal damit beschäftigen möchtest, kann ich Dir diese Bücher ans Herz legen:

drei Bücher zum Thema gemeinschaftsgetragen liegen auf einem Klavier.
Diese Bücher haben mich 2021 inspiriert, mich damit zu beschäftigen, wie Wolle als gemeinschaftsgetragenes Projekt funktionieren kann.
  • Veikko Heintz „Solidarische Landwirtschaft. Betriebsgründung, Rechtsformen und Organisationsstrukturen.“ ISBN: 978-3-930413-65-2
  • Christian Felber „Gemeinwohlökonomie“ ISBN: 978-3-492-31236-3
  • Tim Jackson „Prosperity without Growth. Foundations for the economy of tomorrow.“ ISBN: 978-1-138-93541-9

Ausblick auf 2022

Auch in 2022 werde ich die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wenn ich eines in den letzten Jahren (nicht nur 2021) gelernt habe, dann die Wahrheit hinter dem Spruch „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“

Ich habe das Gefühl, dass gerade beim Thema Wolle viel in Bewegung kommt, dass Menschen, die etwas verändern wollen, zusammenfinden. Was dabei rauskommt und wohin das geht – keine Ahnung. Aber wenn wir den nächsten Schritt gehen und dann den nächsten und dann den nächsten, dann sind wir losgelaufen und können besser die Richtung bestimmen.

Das Thema „gemeinschaftsgetragen“ dreht sich weiter in meinem Kopf, das werde ich auf jeden Fall weiterdenken und mich dazu austauschen.

Und es wird natürlich Blogartikel rund um Schafe und Handspinnen geben. Ich habe mich so viel mit Wolle-Themen beschäftigt, dass ich mein Wissen ein wenig aufbereiten und mit Euch teilen möchte. Und vielleicht ergeben sich so ja neue Vernetzungen und Verknüpfungen, die am Ende dazu führen, dass Wolle wieder mehr Wertschätzung erfährt.

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